Fragebogenkonstruktion

Bei der Konstruktion eines Fragebogens sollte stets bedacht werden, dass die Bearbeitung den Befragten einiges abverlangt: Sie müssen die Fragen verstehen, das zur Beantwortung notwendige Wissen abrufen und ein Urteil zur Sache bilden. Sie müssen ihr Urteil an das vorgegebene Antwortformat anpassen, vielleicht noch einmal überdenken und/oder korrigieren. ProbandInnen sind in der Regel gewillt, die abgefragten Informationen wahrheitsgemäß anzugeben. Dennoch kann eine unausgewogene oder zu hohe kognitive und/oder emotionale Belastung dazu führen, dass Befragte Aufgaben überspringen, lediglich unvollständig antworten oder sich auf andere Weise den Anstrengungen der Befragung entziehen.

Je weniger Schwierigkeiten die Befragten bei der Bearbeitung des Fragebogens haben, umso besser wird die Qualität ihrer Antworten sein. Es ist daher im Interesse aller Beteiligten, es den Teilnehmenden so leicht wie möglich zu machen, anstrengende Teile gut zu portionieren und sinnvoll zu platzieren:

  • Orientierung durch Struktur
    Werden Fragen zu verschiedenen Themen oder Teilaspekten eines Themas vorgelegt, sollten die Fragen gebündelt und in thematischen Blöcken präsentiert sein, damit die Befragten nicht zu oft gedanklich springen müssen und sich gut in die Thematik hineindenken können. Überschriften für die Frageblöcke geben Struktur und erleichtern die Orientierung.
  • Reihenfolge der Fragen
    Idealerweise beginnt der Fragebogen mit leicht zu beantwortenden, gern auch weniger relevanten Eisbrecher-Fragen. Im Verlauf der Befragung erhöht sich der Schwierigkeitsgrad, sofern nötig. Jedoch sollten die schwierigsten oder anstrengendsten Fragen nicht erst zum Ende der Befragung gestellt werden.
  • Filterführung
    Fragen, die für Teile der Befragten irrelevant sind, sollten mittels Filterführung umgangen werden. Wenn jemand z.B. nicht studiert hat, sollte im weiteren Verlauf keine Frage mehr dazu kommen. Eine fehlende Filterführung kann die Abbruchquote erhöhen.
Formulierungen der Fragen und Antwortvorgaben
Für alle Fragen und Antwortvorgaben gilt:

  • möglichst kurz
  • für alle Beteiligten eindeutig
  • leicht verständlich formuliert
  • nicht rhetorisch
  • nicht hypothetisch
  • nicht suggestiv

Möglichst vermeiden:

  • Fachbegriffe
  • Abkürzungen
  • doppelte Verneinungen
  • heikle oder vorbelastete Formulierungen
  • Mehrdeutigkeiten
  • mehrere Sachverhalte in einer Frage oder Antwortvorgabe

Die Antwortvorgaben sollten:

  • alle potentiell relevanten Antwortmöglichkeiten abdecken
  • auch in ihrer Formulierung zur Frage passen

Überleitungen, die von einem Themenblock zu einem anderen leiten können, sollten:

  • nicht beeinflussen
  • nicht zu lang sein
  • nicht von allen Befragten tatsächlich gelesen werden müssen

Der Fragebogen muss (typo-)grafisch gut gestaltet sein:

  • gut lesbare Schriftart in angemessener Größe
  • ausreichender Zeilenabstand
  • sinnvolle Zeilen- und Seitenumbrüche
Konzeption der Antwortvorgaben
Wie die Antwortvorgaben genau konzeptioniert sein sollten, ist an das Forschungsdesign der Arbeit gekoppelt.
 
Zahl der Antwortvorgaben: Im Sinne der Standardisierung sollten alle potentiell relevanten Antwortmöglichkeiten in den Antwortvorgaben enthalten sein. Dennoch gilt es, hier eine gute Balance zwischen zu viel und zu wenig zu finden – zu viele Antwortvorgaben können überfordern, zu wenige die Ergebnisse verzerren, weil relevante Teile fehlen und nicht abgebildet werden.

Aufteilung der Antwortvorgaben: Ob eine gerade oder ungerade Zahl an Antwortvorgaben zur Auswahl steht, ist nicht nur, aber besonders für Skalen relevant. Eine gerade Zahl zwingt zur Entscheidung, eine ungerade Zahl kann auch Unentschlossenheiten abbilden („neutral“ oder „weder noch“ als mittlere Antwortoption).

Sprache oder Zahlen: Um eine Vergleichbarkeit der Ergebnisse zu gewährleisten, müssen alle Befragten die Antwortvorgaben gleich verstehen und beurteilen. Insofern gilt es, insbesondere für Skalen zu prüfen, wann eine Ausformulierung der Antwortkategorien sinnvoll ist und wann besser mit Zahlen gearbeitet wird.

Einsatz von Hilfsmitteln: Hilfsmittel zur Erfassung der Antworten (z.B. ein Schieberegler bei Online-Untersuchungen) müssen für alle Befragten handhabbar sein. Außerdem müssen sie immer gleich aussehen und funktionieren. So ist es z.B. möglich, dass grafische Elemente nur verzerrt dargestellt werden oder Farben anders aussehen, weil Browser oder Drucker andere Einstellungen verwenden.

Einheitlichkeit: Unterschiedliche Fragen und Themenblöcke können unterschiedliche Antworttypen nahelegen. Die Bearbeitung verschiedener Antworttypen kann die Befragung für die ProbandInnen allerdings anstrengender machen. Hier gilt es, gut abzuwägen.

Reihenfolge: Mitunter kann die Reihenfolge der Fragen und Antwortvorgaben das Antwortverhalten der Befragten beeinflussen. Dies betrifft die Anordnung der Themen oder Themenblöcke, die den Befragten bereits Einblick in die Konzeptionalisierung des Untersuchungsgegenstandes geben kann. Ob zuerst die zustimmenden oder zuerst die ablehnenden Antworten vorgegeben sind, kann ebenfalls das Antwortverhalten verändern. Je nach Relevanz sollten solche Effekte ausgeschlossen werden, etwa mit einem Pretest.

Pretest
Bevor ein Fragebogen zum Einsatz kommt, sollte geprüft werden, ob er für die Untersuchung geeignet ist. Bei einem Testlauf (Pretest) geht es weniger um die Antworten, als vielmehr um das Erhebungsinstrument selbst. Getestet werden verschiedene Aspekte, um Fehler zu vermeiden:

  • Sind Fragen und Antwortvorgaben verständlich formuliert, eindeutig und widerspruchsfrei?
  • Ist die geschätzte Dauer für die Bearbeitung des Fragebogens realistisch?
  • Sind einzelne Teile des Fragebogens möglicherweise ermüdend, belastend oder redundant?
  • Beeinflusst die Reihenfolge der Fragen und Antwortvorgaben das Antwortverhalten?
  • Funktioniert der Fragebogen technisch einwandfrei?

Generell lassen sich zwei Arten von Pretests unterscheiden:

  • Standardbeobachtungspretest
    Der Fragebogen wird unter möglichst realen Bedingungen eingesetzt und geprüft.
  • Kognitiver Pretest
    Die ProbandInnen werden nach Bearbeitung des Fragebogens aktiv zu Frageverständnis und Zustandekommen ihrer Antworten befragt.

Welcher Pretest für die eigene Erhebung sinnvoll ist, lässt sich nicht pauschal beantworten, sondern hängt von Forschungsdesign und Rahmenbedingungen der Untersuchung ab. Beide Varianten können gemeinsam verwendet werden, sie schließen sich also nicht aus, sondern ergänzen sich.