Transkription

Aufzeichnungen von Interviews, Gruppendiskussionen etc. werden transkribiert, also verschriftlicht. So können die erhobenen Daten besser analysiert werden. Es geht viel schneller, einen Text zu lesen, als ein Gespräch nachzuhören. Außerdem können nur Aussagen aus Transkripten in der wissenschaftlichen Arbeit zitiert werden.

Je nach Forschungskontext und Methode sind Transkripte sinngemäß oder detailgenau. Handelt es sich um Gespräche, bei denen es vor allem um den Inhalt geht, ist es oft ausreichend, das Gesagte wörtlich zu transkribieren (bei Experteninterviews ist z.B. der Relevanzrahmen des oder der Befragten weniger interessant, sondern nur der Sinn des Gesagten ist für die Forschungsfrage wichtig). Bei einer linguistischen Analyse, in der phonetische, also lautliche Unterschiede erfasst werden sollen, muss die Transkription sehr eng sein und diese Differenzen abbilden. In einer Gruppendiskussion hingegen kann relevant sein, wann sich die Beteiligten gegenseitig unterbrechen, was wiederum im Transkript vermerkt werden muss.

Transkriptstruktur

Um aus dem Dokument korrekt zitieren zu können, sollte es schon beim Transkribieren entsprechend angelegt sein:

  • Einheitliche, eindeutige und anonymisierte Markierung für alle SprecherInnen (nicht „Mario“ und „Nadine“, sondern „A“ und „B“; ist das Geschlecht relevant, zusätzlich „m/f/d“ für maskulin, feminin, divers, also „Am“, „Bf“, „Cd“)
  • Zeitmarken mindestens pro Gesprächsblock (Stunde, Minute, Sekunde: #01:15:10#)
  • Nummerierte Zeilen
  • Kopfzeile: Wer hat das Interview oder die Diskussion geführt, wer wurde interviewt oder diskutierte und wann?
  • Falls wichtig: Alter, Geschlecht, Profession etc.

Es gibt verschiedene Transkriptionssysteme, nach denen Sprachaufnahmen verschriftlicht werden. Die einfachsten markieren die SprecherInnen und geben die Zeitmarken der Aufnahme an, damit man jederzeit nachhören kann, ob etwas wirklich so gesagt wurde, wie es zitiert wird. Andere Systeme haben außerdem spezielle Zeichen für Sprechpausen, Unterbrechungen, markieren Husten, Lachen, Versprecher, Ähs oder Wiederholungen. Man kann auch Betonungen und zusätzliche Bewegungen aufnehmen, etwa wenn jemand mit der Hand auf den Tisch haut, um der Aussage Nachdruck zu verleihen.

Beispiele für Transkriptionssysteme
Einfaches Transkriptionssystem
  • Regionale Aussprache wird ins Standarddeutsch übertragen: „I hoab koa Schimma“ wird zu „Ich habe keinen Schimmer“.
  • Umgangssprachliche Verschmelzungen werden aufgelöst: „Da hamma noch so’n Ding gekauft“ wird zu „Da haben wir noch so ein Ding gekauft“.
  • Stottern, Wort- oder Satzabbrüche werden ignoriert, die Sprache wird geglättet, damit das Gesagte gut zu lesen ist.
  • Wortwiederholungen werden nur transkribiert, wenn sie bewusst als Stilmittel eingesetzt wurden.
  • Interpunktionszeichen werden gemäß dem allgemeinen Sprachgebrauch ergänzt, um grammatische Strukturen anzuzeigen (z.B. Satzschlusspunkt bei gesenkter Stimme). So entsteht ein gut lesbarer Text.
  • Pausen werden mit (…) markiert.
  • Bestätigungen von gerade nicht sprechenden Personen („mhm, ja, aha“) werden nicht transkribiert, es sei denn, es handelt sich um eine direkte Antwort. Das wird dann so notiert: „mhm (bejahend)“ oder „mhm (verneinend)“.
  • Stark betonte Wörter werden in Großbuchstaben geschrieben: „Wir waren noch NIE dort!“
  • Emotionale nonverbale Äußerungen stehen in Klammern: „Naja, das war wohl nicht so sinnvoll (lacht)“ oder „Naja, das war wohl nicht so sinnvoll (seufzt)“.
  • Versteht man etwas akustisch nicht, steht ein (unv.) für „unverständlich“ an dieser Stelle: „Ich wollte eigentlich (unv.) nach Spanien“. Gibt es einen benennbaren Grund für die unverständliche Passage, wird dieser ebenfalls vermerkt: „Ich wollte eigentlich (unv., Mikrofon rauscht) nach Spanien“.
  • Vermutet man ein Wort, ist sich aber nicht sicher, ob das wirklich gesagt wurde, steht es in Klammern mit einem Fragezeichen: „Die Kinder haben zum Schluss alle (Torte?) gegessen“.
  • Pro SprecherIn beginnt ein neuer Absatz, auch bei kurzen Einwürfen. Am Ende steht die Zeitmarke, an der ein Sprecherwechsel stattfindet. (Zeitmarken können bei langen Monologen auch mitten im Absatz stehen, zum Beispiel in ein- oder zweiminütigem Abstand, so dass man die Stelle später schnell wiederfindet.)
  • Die interviewende Person wird mit I markiert, die befragte Person mit B. Sind es mehrere Befragte, verwendet man B1, B2 und so weiter.

Ein Tranksript nach diesem System könnte so aussehen:

Die Regeln sind angelehnt an Dresing, T. & Pehl, T. (2016): Praxisbuch Interview, Transkription & Analyse: Anleitungen und Regelsysteme für qualitativ Forschende. 6. Aufl. Marburg.

Erweitertes Transkriptionssystem (TiQ)
  • Alles wird so abgetippt, wie es gesagt wurde, auch Verständnisäußerungen, Füllwörter und Ähnliches: „ja, äh, hm, also, da muss ich nachdenken“.
  • Auch regionale Aussprache bleibt erhalten: „dit hab ich nich jesagt“.
  • Wortverschmelzungen (oh=nee) und Wortabbrüche (möglichk-) werden beibehalten.
  • Interpunktion wird nicht gesetzt, um die grammatische Struktur anzuzeigen, sondern um die Intonation darzustellen (etwa ein Punkt für stark sinkende Intonation oder ein Fragezeichen für stark steigende Intonation).
  • Nur Namen und Substantive werden großgeschrieben, nicht aber Satzanfänge.
  • Setzt einE SprecherIn neu an, wird groß weitergeschrieben.
  • Sprechereinsätze und Überlappungen markiert man mit Häkchen: └ und ┘.
  • Lautstärke („hab ich nich“), Dehnungen (nei::n), Lachen (@(.)@), Pausen (.) und so weiter werden mit bestimmten Symbolen transkribiert.
  • Auch wie etwas gesagt wurde, wird festgehalten (jammernd, belustigt).

Die Regeln nach TiQ, Talk in Qualitative Social Research:

Ein Beispiel nach diesem Transkriptionssystem:

Gesprächsanalytisches Transkriptionssystem (GAT)

Ein Beispiel für ein System, das leichter zu lesen ist, aber Wortwechsel und Unterbrechungen visualisiert, ist das Gesprächsanalytische Transkriptionssystem (GAT).

Zeitlicher Aufwand

Transkribieren kostet Zeit – und zwar eine Menge. Weil das so ist, sollte man sich im Vorfeld gut überlegen, welche Anforderungen das Transkript erfüllen muss. Diese hängen wesentlich vom Forschungsdesign der Arbeit ab. Bei studentischen Qualifikationsarbeiten ist es zudem ratsam, Fragen der Transkription mit der/dem BetreuerIn abzusprechen.

Wer schnell und geübt ist, schafft – je nach Qualität der Aufzeichnung und Tempo der SprecherInnen – 10 bis 12 Bandminuten in einer Stunde nach einem einfachen Transkriptionssystem. Wenn die Aufnahme schlecht ist, viele Personen durcheinander- oder undeutlich reden, kann es schnell doppelt so lange dauern. Soll ein erweitertes System wie TiQ zum Einsatz kommen, kann es mitunter sogar ratsam sein, die Transkription in professionelle Hände zu geben.

Für eine Bachelor- oder Masterarbeit lohnt die Anschaffung von Transkriptionssoftware und Fußschalter üblicherweise nicht, auch weil damit ein gewisser Einarbeitungsaufwand verbunden ist. Eine sinngemäße Transkription lässt sich erstellen mit einem üblichen Schreibprogramm und einer einfachen Software zum Abspielen der Aufnahmen, mit der man per Tastenkombination in kleinen Schritten zurückspringen kann (z.B. VLC-Player).

Auswahl der zu transkribierenden Stellen

Grundsätzlich muss nicht jedes eineinhalbstündige Interview von Anfang bis Ende verschriftlicht vorliegen. Während des Gesprächs notiert man am besten kurz, wann ungefähr wichtige Dinge gesagt wurden (vielleicht in den letzten 10 Minuten oder im Eingangsstatement). Danach wird das Material zunächst gesichtet, also noch einmal grob durchgehört, um entscheiden zu können, was tatsächlich transkribiert werden sollte. Manchmal wird am Ende eines Gesprächs nur wiederholt, was bereits gesagt wurde. Oft reicht es, den besser formulierten Teil zu transkribieren.

Transkriptstellen zitieren

Alles, was man aus dem Material herleitet, sollte auch mit einem Zitat aus dem Transkript belegt werden. Im Idealfall ist die zitierte Stelle dafür aussagekräftig und kurz, das heißt, der Leser oder die Leserin kann mit dem Zitat etwas anfangen, ohne das ganze Transkript zu kennen. Wichtige Aspekte sollten im Sinne wissenschaftlicher Güte am besten mit zwei oder mehr Zitaten belegt werden.

 


Literatur
  • Bohnsack, Ralf (2014): Rekonstruktive Sozialforschung. Einführung in qualitative Methoden, 9. Aufl. Opladen: VS Springer.
  • Dresing, Thorsten; Pehl, Thorsten (2016): Praxisbuch Interview, Transkription & Analyse: Anleitungen und Regelsysteme für qualitativ Forschende. 6. Aufl. Marburg: Eigenverlag.
  • Selting, Margret et al. (1998): Gesprächsanalytisches Transkriptionssystem (GAT). In: Linguistische Berichte 173, S. 91–122.