Qualitativ vs. quantitativ

Die Unterscheidung in qualitative und quantitative Untersuchungen ist nicht so trennscharf wie häufig angenommen. Sinnvoller wäre vermutlich eine Abgrenzung zwischen standardisierten und rekonstruktiven Verfahren oder zwischen hypothesenprüfenden und theoriebildenden Untersuchungen. Ganz allgemein gilt, dass auch quantitative Verfahren – also alle Methoden, die mit nötigen Mindestmengen, mit Messen, Zählen und Berechnen zu tun haben, auf qualitativen Füßen stehen und umgekehrt. Wer quantitativ arbeitet, bedient sich vieler Annahmen oder theoretischer Setzungen, die (zumeist) nicht mehr infrage gestellt, sondern „nur“ genutzt werden. Was etwa ein Mittelwert oder eine Korrelation aussagen, muss vorab theoretisch bestimmt worden sein. Qualitative Methoden wiederum arbeiten nie ohne Empirie (selbst reine wissenschaftliche Theorie kommt in Form des Signifikanten, also in Form der Sprache, nicht wirklich ohne Empirie aus), ohne die Deutung und den Vergleich vorgefundener Materialien.

Dennoch gibt es einige Dinge, die quantitative von qualitativen Methoden unterscheiden. Die Art und Weise, wie mit Untersuchungsmaterialien kommuniziert wird, ist in der quantitativen Forschung standardisiert (zum Beispiel über Fragebögen oder fixierte Messmethoden). Und nach der Datenerhebung muss genau definiert werden, welche Erfahrungs- oder Beobachtungskriterien überhaupt zugelassen sind. Bei qualitativen Zugängen ist es wichtig, dass die unterschiedlichen Relevanzsysteme von Forschenden und Erforschten systematisch und kontrolliert beachtet werden. Die Kommunikation ist nicht im eigentlichen Sinn „offen“, das ist missverständlich. Das heißt, in qualitativen Studien wird darauf geachtet, wie (auch unterschwellig) kommuniziert wird, was zwischen den Zeilen geschrieben steht oder gesagt wird und so weiter.

Standardisierte (quantitative) Verfahren untersuchen immer die statistische Verteilung bestimmter Merkmalskombinationen und deuten diese. Das wiederum können rekonstruktive (qualitative) Verfahren nicht leisten. Stattdessen erfassen diese Methoden Strukturen und liefern Interpretationen. Etwas salopp zugespitzt: Während quantitative Verfahren (vor dem Hintergrund bestimmter wissenschaftstheoretischer Annahmen) beschreiben, wie etwas ist, aber das Warum streng genommen nicht untersuchen können, nähern sich qualitative Perspektiven vorsichtig tastend solchen Fragen nach den Gründen an. Während also die einen Hypothesen (auch methodischer Art) empirisch prüfen, versuchen die anderen – ebenfalls empirisch – solche Hypothesen oder Theorien zu bilden.

Das (eigentlich nötige) Wechselspiel beider Perspektiven (Triangulation) funktioniert in der wissenschaftlichen Praxis leider oft nicht so gut wie nötig. Eine theoretische Kritik und Neuformulierung quantitativer Methoden ist schwierig, genauso wie eine empirische Sättigung theoretischer oder qualitativer Analysen. Aber das nur am Rande.

Hier die wichtigsten Unterschiede zwischen qualitativer und quantitativer Forschung.

Quantitative Forschungsansätze
  • Vorrangiges Ziel: soziale Phänomene messbar machen und statistisch auswerten; Überprüfung von
    Hypothesen und Theorien
  • Voraussetzungen: Vorliegen von Hypothesen und Theorien, die überprüft werden können; Wissen
    über statistische Verfahren und Methoden zur Datenerhebung, -auswertung und -interpretation
  • Merkmale: Standardisierung
  • Typische Fragestellungen: Liegen bei einer Gruppe von Personen bestimmte Einstellungen vor? Trifft
    auf Personen, die x haben, auch y zu? Sind die SchülerInnen im Sinne von PISA lese-/schreib-
    /rechenkompetent?
  • Typische Verfahren der Datenerhebung: standardisierter Fragebogen; Experiment
Qualitative Forschungsansätze
  • Vorrangiges Ziel: soziale Phänomene rekonstruieren; Hypothesen und Theorien generieren
  • Voraussetzungen: offener, explorativer Zugriff auf das soziale Phänomen; Wissen über qualitative
    Verfahren und Methoden zur Datenerhebung, -auswertung und -interpretation
  • Merkmale: keine Standardisierung
  • Typische Fragestellungen: Welche Einstellungen liegen bei einer Gruppe von Personen vor? Gibt
    es weitere gemeinsame Merkmale von Personen, die x haben, und wenn ja, welche? Was heißt
    es, lese-/schreib-/rechenkompetent zu sein?
  • Typische Verfahren der Datenerhebung: narratives Interview; Gruppendiskussion; Beobachtung

 

Wer tiefer einsteigen will, bekommt hier weitere Details zu  beiden Blickrichtungen:
Allgemein
Quantitativ (standardisierte Verfahren) Qualitativ (rekonstruktive Verfahren)
Sie versuchen, Daten zu generieren, die nicht aus unmittelbarem Handeln entspringen. Sie fragen nicht nach der Praxis, sondern provozieren Handeln (etwa das Ausfüllen von Fragebögen), um es auswerten zu können. Sie forschen allgemein nach dem (konstruierten) Sinn in Handlungen von Menschen über die Kommunikation und über Befragungen. Das ist jedoch nicht zu verwechseln mit einem schlichten Abfragen („Warum machst du in Situation X immer Y?“). So kommt man den eigentlichen Handlungsmotiven und den Strukturen nicht auf den Grund, da die Befragten ihr Handeln bereits reflektiert haben müssten.
Zugang zu Daten und Kommunikationsverhältnis
Quantitativ (standardisierte Verfahren) Qualitativ (rekonstruktive Verfahren)
Die Kommunikation ist standardisiert und daher systematisch vergleichbar. Es geht nicht einfach um eine „offene Kommunikation mit ProbandInnen“, wie es oft heißt, sondern um systematische Befragungen oder Auswertungen, die ebenfalls nach Strukturen und Systematiken suchen.
Zulässige Beobachtungs- oder Erfahrungskriterien (also eine Theorie) müssen vor der Datenerhebung definiert werden. Relevanzsysteme von Forschenden und Beforschten werden systematisch und kontrolliert berücksichtigt, können sich aber während der Forschung weiterentwickeln (theoriebildend).
Konstrukte und Rekonstruktion
Quantitativ (standardisierte Verfahren) Qualitativ (rekonstruktive Verfahren)
Vor Erhebung im Feld werden Theorien oder erkenntnisleitende Konstrukte gebildet (in Pretests oder explorativen Vorstudien). Sie strukturieren die Konstruktion von Messinstrumenten (konkrete Tests), die als valide gelten, wenn sie mit einem Kriterium korrelieren, das mit dem Phänomen zusammenhängt, aber von außen kommt (Beispiel: Die Ergebnisse von Intelligenztests korrelieren mit Schulleistungen). Phänomene werden direkt betrachtet (teilnehmende Beobachtung, Analyse von Bildern) oder es wird untersucht, wie die Befragten das Phänomen konstruieren (Narrationsanalyse). Solche Methoden sind also nahe an der Praxis und dann gültig, wenn sie den Common Sense treffend rekonstruieren.
Die Fragestellung kann sich nicht mehr im Laufe der Erhebung ändern. Sollten neue Erkenntnisse die Forschungsfrage widerlegen, muss komplett neu begonnen werden, bereits erhobene Daten haben keinen Wert mehr. Die Fragestellung kann sich durch neue Erkenntnisse während der Erhebung durchaus ändern und muss angepasst werden. Das Material hat dennoch weiterhin seine Gültigkeit. Die Änderungen müssen nur deutlich im Text nachvollziehbar sein.
Statistische Berechnung von einzelnen Items Kontrollierte Interpretation von Narrativen
Reliabilität/Zuverlässigkeit
Quantitativ (standardisierte Verfahren) Qualitativ (rekonstruktive Verfahren)
Messungen/Erhebungen müssen wiederholbar sein. Erhebungen müssen nicht wiederholbar sein, aber Ergebnisse und Untersuchungen müssen prinzipiell replizierbar sein. Wurde also ein zwar valider, aber singulärer Fall untersucht oder kann man allgemeinere Schlüsse ziehen?
Vergleichbarkeit
Quantitativ (standardisierte Verfahren) Qualitativ (rekonstruktive Verfahren)
Standardisierung und Operationalisierung sind leitend für die Untersuchung. Alltägliche Standards der Verständigung und Interaktion werden rekonstruiert. Die Reproduktionsgesetzlichkeit der Fallstruktur muss nachgewiesen sein.
Objektivität – intersubjektive Überprüfbarkeit von Ergebnissen muss gewährleistet sein
Quantitativ (standardisierte Verfahren) Qualitativ (rekonstruktive Verfahren)
Das Maß der Standardisierung von Verfahren bestimmt, ob eine Untersuchung überprüfbar, kontrollierbar und praktisch replizierbar ist.
Hypothesenprüfende Verfahren auf der Grundlage von Theorien strukturieren den Kommunikationsprozess zwischen ForscherIn und Beforschtem. Die Kommunikation wird also vor der eigentlichen Interpretation standardisiert (nur die Gesprächselemente, die vorher kategorisiert wurden, fließen ein).
Die Gesprächselemente (Bedeutungsträger) sollen komplett erfasst werden, Antwortkategorien sind nicht vorgegeben.
Die Reaktionen (von ForscherIn und Beforschtem) werden mit aufgenommen,
alltägliche Strukturen der Kommunikation dienen (für Verstehen und Nichtverstehen) als Stütze (ähnlich wie die Standardisierung bei quantitativen Methoden); Standards der Kommunikation sind wichtig (diese werden im Forschungsprozess expliziert und nicht einfach nur intuitiv befolgt wie im Alltag).
Beide Verfahren haben einen theoretischen Vorlauf, der sich jedoch unterscheidet
Quantitativ (standardisierte Verfahren) Qualitativ (rekonstruktive Verfahren)
(1) Das Erkenntnisinteresse wird im Kontext einer gegenstandsbezogenen Theorie entwickelt (Was will soll untersucht werden? Welche Forschungslücke soll geschlossen werden? Welche Theorie wird gestützt oder widerlegt?)
(2) Die Formulierung von Hypothesen steht am Beginn, also diegenaue Form der zu prüfenden Theorie.
(3) Die Operationalisierung der Hypothesen folgt, aus der präzisierten Theorie entwickle enstehen konkrete Messinstrumente (wichtig sind hier die Güterkriterien Validität, Objektivität, Reliabilität).
(4) Die Interpretation der Ergebnissen ist der nächste Schritt.
(5) Die Hypothesen werden gestärkt oder falsifiziert (nicht verifiziert).
(1) Das Erkenntnisinteresse oder die empirische Annäherung fußt auf einer formalen Theorie oder Metatheorie. Hat mit dem Gegenstand nur mittelbar etwas zu tun, es geht eher um allgemeine Konzept etwa von Idetntität oder Kollektiv.
(2) Die Wahl der Methoden folgt, Art der Erhebung und Auswertung erfolgt auf Grundlage der Metatheorie.
(3) Die Ergebnis sind gegenstandsbezogene Theorien oder die Weiterentwicklung metatheoretischer Grundlagen.
vorrangig: Prüfung von Theorien vorrangig: Generierung von Theorien
Systematischer Vergleich, Unterschied: Was wird verglichen?
Quantitativ (standardisierte Verfahren) Qualitativ (rekonstruktive Verfahren)
Auf mathematischer Grundlage werden Werte (Mittelwert, Standardabweichung, Median etc.), also Durchschnittstypen rechnerisch verglichen. (a) Idealtypen werden miteinander verglichen („ein begrifflich konstruierter reiner Typus“ (Weber), sozialer Sinn in abstrahierter Form.
(b) Typologien mit mehreren Dimensionen (Typiken) werden miteinander verglichen
Generalisierbarkeit
Da es vor allem darum geht, Theorien zu generieren, kann man nicht von einer Beobachtung auf alle (induktiv) schließen. Aber man kann in Teilen über Zufallsstichproben oder Quotenstichproben allgemeinere Aussagen treffen (in den Medien wird oft von „repräsentativen Untersuchungen“ geredet, was aber kein Begriff der Statistik ist).

Quantitativ (standardisierte Verfahren) Qualitativ (rekonstruktive Verfahren)
Über das theoretische Schlussfolgern werden auf der Grundlage von Experimenten umfassende Aussagen getroffen. Fallstrukturen werden untersucht, anhand derer Typen gebildet werden können (entweder Idealtypen oder eine Typologie mit mehreren Dimensionen (Typiken). Das ist die Basis für die Theoriegenerierung und damit für die Generalisierbarkeit.
systematischer Vergleich systematischer Vergleich

 


Literatur
  • Przyborski, Aglaja; Wohlrab-Sahr, Monika (2014): Qualitative Sozialforschung. Ein Arbeitsbuch. München: Oldenbourg, Kapitel 2: Methodologie und Standards qualitativer Sozialforschung.
Allgemeines
Was sind Methoden, wozu sind sie da? Welche Probleme macht die Empirie, was unterscheidet deduktiv von induktiv und qualitativ von quantitativ?