Autoritätsargument

Wissenschaftliche Texte arbeiten gern und häufig mit Autoritäten, also mit Verweisen auf andere, die dies und das bereits gesagt oder geschrieben haben. Die Kultur des Zitierens ist ein Ausdruck dessen. Wann und wie sinnvoll auf Autoritäten verwiesen werden kann, gehört zum klassischen Streit der Fakultäten. Im Sinne logischer Argumentationen sind Autoritätsbezüge schwierig. Vor allem dann, wenn die Argumentationsstruktur solche Bezüge nicht explizit ausweist und es nicht ermöglicht, den Rahmen der Argumentation mitzudenken. Im Wissenschaftsbetrieb sind gerade Verweise auf Experten oder ein Expertentum üblich. Solange es allerdings keinen Bezug zur inhaltlichen Qualität der vermeintlichen Experten gibt, bleiben diese Verweise Fehlschlüsse. Ein Beispiel:

Die Integration von Flüchtlingen kostet den Steuerzahler Milliarden, wie Hans-Werner Sinn vom IFO-Institut für Wirtschaftsforschung klarstellt.

Wenn die folgenden Sätze diese Passage nicht infrage stellen und diskutieren, dann handelt es sich um einen logischen Fehlschluss. (Im Textfluss wäre eine solche Diskussion möglich, obwohl dann ein Konjunktiv angebracht wäre, also “die Integration koste“.) Zur Begründung des Arguments wird eine Quelle, eine Autorität präsentiert, die de facto nicht mehr als eine Meinung darstellt, garniert mit einer Institution, die der Aussage ihre Kraft verleihen soll. So wird eine fragwürdige Einzelmeinung zur Grundlage eines Arguments – es sei denn, das erwähnte Institut könnte saubere Zahlen für seine Behauptung liefern.

Noch ein Beispiel:

Alle Wörter der Welt verweisen auf dahinterliegende, stabile Ideen, wie Platon vorführt.

Auch hier wäre es möglich, eine längere erkenntnistheoretische Debatte folgen zu lassen. Ohne eine Diskussion aber haben wir es mit einer Autoritätsbegründung für eine streitbare Ansicht zu tun.

Zum Schluss noch zwei plakative Beispiele:

Wir leben in der Tat in einem Unrechtsstaat, weil Horst Seehofer (CSU) das gesagt hat. Und der muss es ja als Regierungsmitglied wissen.
Pyrotechnik ist bei Fußballturnieren zu Recht verboten, weil es der DFB nicht ohne Grund verbieten würde.

Der autoritäre Fehlschluss ist augenscheinlich. Bleibt noch zu erwähnen, dass Rang und Namen niemanden davor schützen, aus logischer Sicht Unsinn zu erzählen. Gute wissenschaftliche Arbeit zeichnet sich dadurch aus, ein Argument nicht einfach zu übernehmen. Oft ist es allerdings nicht vermeidbar, ein solches Argument ganz offen als unbegründete Hypothese voranzustellen. Das muss aber klar erkennbar sein.