Versionen und Verfahren

Unterschiedliche Disziplinen haben sich Diskursanalyse auf verschiedene Weise angeeignet, etwa die Literaturwissenschaft, die Linguistik oder die Kulturwissenschaft. Welche Variante für die Bearbeitung der eigenen Forschungsfrage möglich ist, muss eine Recherche im Fachbereich zeigen. Einige Herangehensweisen finden häufiger Anwendung und sind an keine konkrete Disziplin gebunden.

Kritische Diskursanalyse
Kritische Diskursanalyse ist eine Sammelbegriff für unterschiedliche Forschungsprogramme, deren Untersuchungsgegenstand soziale und politische Probleme sind. Sie alle verstehen sich als kritisch. In Deutschland ist vor allem das Duisburger Institut für Sprach- und Sozialforschung (DISS) in diesem Bereich aktiv. Dort wird kritische Diskursanalyse vor allem in Hinblick auf Rassismus und Rechtsextremismus betrieben. Das DISS legt ein besonderes Augenmerk auf Bildanalysen und liefert praktische Operationalisierungen.
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  • Medienanalysen im politischen und sozialen Feld
  • alle Sozialwissenschaften
Dekonstruktive Diskursanalyse
Diese Version ist eigentlich keine Methode im herkömmlichen Sinn. Jacques Derridas Dekonstruktion unterläuft erkenntnistheoretisch die vermeintliche Stabilität von Methoden. Daher sind dekonstruktive Diskursanalysen eher kritische Interventionen. Sie setzen an der Beobachtung an, dass die diskursive Konstruktion von Wirklichkeit letztlich immer scheitert, weil „das Reale“ niemals restlos eingefangen werden kann.
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  • kritische Interventionen
  • explorative Versuche
Wissenssoziologische Diskursanalyse

Die wissenssoziologische Diskursanalyse verschränkt die Wissenssoziologie mit Diskursen. Sie untersucht die Verbindung von Wissen und Macht, also zwischen Wissen und den unterschiedlichen Vorstellungen von Individuum, Sozialem und Gesellschaft. Da die Wissenssoziologie nur einzelne Akteure beobachten kann, wird sie in der wissenssoziologischen Diskursanalyse um Diskurse erweitert. So können diese Diskurse unabhängig von der subjektiven Sprecherposition analysiert werden. Diese Herangehensweise ist im Bereich der rekonstruktiven oder theoriebildenden (qualitativen) Sozialforschung verankert. Das Forschungsprogramm ist im Vergleich zu anderen Diskursanalysevarianten konkret und lässt sich recht unaufwendig umsetzen.

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  • methodisch eher eingegrenztere und abgesichertere Analysen zum Verhältnis von Macht und Wissen
  • soziologische, kultur- oder politikwissenschaftliche Arbeiten
Historische Diskursanalyse

Die historische Diskursanalyse ist eine Anpassung oder Anwendung der Perspektiven von Michel Foucault innerhalb geschichtswissenschaftlicher Forschung. Gerade das historische Feld hält einige Besonderheiten bereit, nicht zuletzt was die Quellen und ihre Einordnung angeht.

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  • diachrone Vergleiche
  • Geschichtswissenschaft und alle angrenzenden Fächer
Hegemonieanalyse

Über Diskurse, Diskursformationen oder Aussagen hinaus analysiert die Hegemonieanalyse diskursive Prozesse, die bestimmte Deutungen hegemonial, also herrschaftsrelevant werden lassen. Die Hegemonieanalyse basiert auf den Arbeiten von Chantal Mouffee und Ernesto Laclau. Die zentrale Frage ist: Wie gelingt es bestimmten Deutungen, die Wirklichkeit zu figurieren und damit innerhalb von Macht und Herrschaft bestimmte Linien festzulegen? Über diskursive Verknüpfungen bilden sich sogenannte Äquivalenzketten von Dingen, die positiv assoziiert und über Gegenteile von ihrem jeweiligen negativen Gegenüber differenziert werden.

Beispiel
Wenn ein bestimmter (neoliberaler) ökonomischer Diskurs Macht und Einfluss hat und vor allem über bestimmte Signifikanten vermeintlich gut von vermeintlich schlecht trennt, dann liegt dem eine hegemoniale Strategie zugrunde. Bestimmte Aussagen verketten sich und werden mit „gut“ oder „richtig“ assoziiert.

Untersucht man mit der Hegemonieanalyse die soziale Marktwirtschaft, lässt sich am Material deutlich zeigen, wie sich um diesen Begriff eine Äquivalenzkette gebildet hat, die „Bedarf“, „Gesamtinteresse“ oder „Freiheit“ mit dem Begriff „soziale Marktwirtschaft“ verknüpft und Kontraritäten wie „Lenkung“, „Mangel“ und „Unfreiheit“ als gegenüberliegende Kette verband. Schließlich repräsentieren einzelne (leere) Signifikanten eine ganze hegemoniale Äquivalenzkette, in diesem Fall der Begriff „soziale Marktwirtschaft“.

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  • politikwissenschaftliche Analysen, die sich mit größeren Prozessen von Macht und Herrschaft beschäftigen
Sonderfall Habermas
Der Philosoph Jürgen Habermas hat einen ziemlich eigenen Diskursbegriff geprägt, der nicht mit den Versionen verwechselt werden darf, die fast alle aus Frankreich stammen. Habermas entwarf eine „Theorie kommunikativen Handelns“, die darauf abstellt, dass Menschen mit dem kommunikativen Handeln (verstanden als durchaus realistischer Idealtypus) eine Einigung erzielen (können), die vom besseren Argument getragen ist. Diskurs ist in seinem Konzept der Prozess des Aushandelns von individuellen Vorstellungen und Geltungsansprüchen.
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  • Da es sich um eine streitbare und vor allem philosophische Perspektive handelt, ist Habermas‘ Diskursbegriff kaum methodisch übersetzbar.

 


Literatur
  • Kritische Diskursanalyse: Jäger, Siegfried: Kritische Diskursanalyse. Eine Einführung. Münster: Unrast-Verlag. 6., vollständig überarbeitete Auflage 2012
    N. Fairclough: Critical Discourse Analysis: The Critical Study of Language [Language in Social Life Series]. London 1995
  • Dekonstruktive Diskursanalyse: Philipp Sarasin: Geschichtswissenschaft und Diskursanalyse, Frankurt am Main: Suhrkamp, 2003
  • Wissenssoziologische Diskursanalyse: Reiner Keller: Wissenssoziologische Diskursanalyse – Grundlegung eines Forschungsprogramms. 3. Auflage, Wiesbaden 2011. Ders: Analysing Discourse. An Approach From the Sociology of Knowledge, in: Formu qualitative Sozialforschung, Volume 6, No. 3, Art. 32 – September 2005
  • Historische Diskursanalyse: Achim Landwehr: Geschichte des Sagbaren: Einführung in die historische Diskursanalyse, Tübingen: ed. diskord 2001.
  • Hegemonieanalyse nach Laclau/Mouffe:Martin Nonhoff: Hegemonieanalyse: Theorie, Methode, Forschungspraxis, in Reiner Keller et al (Hg.): Handbuch Sozialwissenschaftliche Diskursforschung, Wiesbaden: VS-Verlag 2010, S. 299–332
  • Habermas: Jürgen Habermas: Theorie kommunikativen Handelns (2. Bd.), Berlin: Suhrkamp 2011