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 Beat Siebenhaar

Sprechtempo und Reduktion im Deutschen (SpuRD)

Die Sprechgeschwindigkeit beeinflusst die Aussprache. Eine Erhöhung des Sprechtempos hat systematische Veränderungen zur Folge. Eine Untersuchung mit dem IdS-Korpus "Deutsch heute" zeigt aber nicht nur eine Systematik, sondern eine eine große Variation in diesen Veränderungen. Erste Auswertungen bietet gehen der Frage nach, inwiefern Sprechtempo und phonetische Reduktion in der deutschen Leseaussprache regionaler Variation unterliegen. Dazu werden in zwei intendierten Tempi eingelesene Aufnahmen des „Nordwind und Sonne“-Textes ausgewertet, die es ermöglichen, einen direkten Vergleich zwischen den bisher 67 über den deutschsprachigen Raum verteilten Ortspunkten zu ziehen. Diese Variation im Zusammenspiel von Sprechtempo, phonetischer Reduktion und regionaler Variation möchte ich mit einem erweiterten Korpus genauer ansehen.


Erste Ergebnisse

Die folgenden von Matthias Hahn erstellten Karten mit ersten Ergebnissen zeigen zuerst, dass die Artikulationsdauer regional unterschiedlich ist. Deutlich ist die längere Artikulationsdauer im Osten, während im Westen eine kürzere Artikulationsdauer vorherrscht. Die beiden weiteren Karten machen dann aber deutlich, dass für die unterschiedliche Artikulationsgeschwindigkeit unterschiedliche Faktoren,  Artikulationsrate (Segmente/s) und Segmentelisonsrate (Elision von Segmenten) zusammenspielen. Für jeden Aspekt sind zwei Karten abgebildet. Die linke Karte repräsentiert jeweils die 'normale' Lesegeschwindigkeit, die rechte Karte zeigt die Daten für die erhöhte Lesegeschwindigkeit.

Artikulationsdauer
Artikulationsrate: Segmente/s

Die beiden Karten zeigen die Artikulationdauer in s, d.h. die Lesedauer abzüglich der Pausen. Auffällig ist die längere Artikulationsdauer im Osten des deutschen Sprachgebiets, während insbesondere der Südwesten eine kürzere Artikulationsdauer aufweist.

 

Artikulationsrate: Segmente/s
Artikulationsrate: Segmente/s

Die beiden Karten zeigen die Artikulationsrate in einem Maß Laute/s. Deutlich ist die höhere Artikulationsrate im Süden.

 

Segmentelisionsrate: Anteil der elidierten Segmente gegenüber der kodifizierten Standardaussprache
Segmentelisionsrate

Die beiden Karten zeigen die Segmentelisionsrate. Deutlich ist die höhere Anzahl Elisionen im nördlichen und mittleren Westen des deutschen Sprachgebiets..

 

Die hier präsentierten ersten Resultate machen also deutlich, dass im Westen schneller gesprochen wird, als im Osten. Allerdings wird das höhere Tempo jeweils anders erreicht: Während im Südwesten ganz einfach mehr Laute in derselben Zeit realisiert werden, werden im Norden mehr Laute weggelassen. Details müssen aber noch geklärt werden, genau so wie die Produktion von Pausen.

Der Vergleich der beiden Sprechtempi zeigt jeweils ganz ähnliche Verteilungsmuster, wobei der Kontrast beim erhöhten Lesetempo etwas verstärkt wird. Die basisdialektalen Raummuster – im Hintergrund ist die Dialekteinteilung von Wiesinger (1982) abgebildet – sind bislang beschränkt wiederzuerkennen. Im Projekt liegt bislang auch erst ein Bruchteil der analysierten Orte und Sprecher vor, so dass eine feinere räumliche Struktur erst mit der Zeit deutlich werden wird. Die Detailanalyse wird zudem genauere Strategien der Sprechgeschwindigkeitserhöhung zeigen, also z.B. welche Laute im Nordwesten weggelassen oder zusammengezogen werden oder wie die Laute im Südwesten verkürzt werden. Die weitere Analyse wird sicher noch das eine oder andere (Vor-) Urteil zur Sprechgeschwindigkeit in Frage stellen.

Mitarbeiter

Matthias Hahn (WMA) und Marvin Müller, Henrik Achten, Simon Oppermann, Hanna Bezanava


Erste Publikationen

Hahn, Matthias und Beat Siebenhaar (2016): "Sprechtempo und Reduktion im Deutschen (SpuRD)". In: Jokisch, Oliver (Hg.): Elektronische Sprachsignalverarbeitung 2016. Dresden: TUDpress: 198–205. (= Studientexte zur Sprachkommunikation 81) (Vorabdruck als pdf-Datei) und Karten in besserer Auflösung

Hahn, Matthias und Beat Siebenhaar (2019): "Schwa unbreakable – Reduktion von Schwa im Gebrauchsstandard und die Sonderposition des ostoberdeutschen Sprachraums". In: Kürschner, Sebastian, Mechthild Habermann und Peter O. Müller (Hg.): Methodik moderner Dialektforschung: Erhebung, Aufbereitung und Auswertung von Daten am Beispiel des Oberdeutschen. Hildesheim: Olms: 215–236. (= Germanistische Linguistik 241–243) (Vorabdruck als pdf-Datei)

Hahn, Matthias und Beat Siebenhaar (2019): "Spatial Variation of Articulation Rate and Phonetic Reduction in Standard-Intended German". In: Calhoun, Sasha, Paola Escudero, Marija Tabain und Paul Warren (Hg.): Proceedings of the 19th International Congress of Phonetic Sciences, Melbourne, Australia. Melbourne: 2695–2699. (Vorabdruck als pdf-Datei)

Siebenhaar, Beat und Matthias Hahn (2019): "Vowel space, speech rate and language space". In: Calhoun, Sasha, Paola Escudero, Marija Tabain und Paul Warren (Hg.): Proceedings of the 19th International Congress of Phonetic Sciences, Melbourne, Australia. Melbourne: 879–883. (Vorabdruck als pdf-Datei)