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Lehrveranstaltungen im Wintersemester 2019/20

dienstags, 13.15 - 14.45 Uhr

SR 224


7. Semester Staatsexamen Gym, OS (Modul 04-003-2005) / 1. und 3. Semester Master Kernfach (Modul 04-040-2010)

ich haize der phaffe Chunrât, sagt der Autor des in den 1170er (oder 1180er) Jahren entstandenen Rolandslieds. Er stellt sich damit als jemand vor, der geistlich ausgebildet worden ist. Der Text erzählt jedoch nicht (primär) von theologischen Themen, sondern von Karl dem Großen und den Kämpfen gegen Sarazenen, von Karls Neffen Roland, der verraten und zum heiligen Helden wird. Er knüpft an ein historisches Ereignis aus dem Jahre 778 an, das auch bei Einhard erwähnt ist, der in seiner Vita Karoli Magni eine Lebensgeschichte des Herrschers bietet. Kaiser Karl habe zur Zeit der Sachsenkriege einen Feldzug nach Spanien unternommen, auf dessen Rückweg durch die Pyrenäen sei das Heer überfallen worden und die gesamte Nachhut habe den Tod gefunden. Dieses Ereignis wird Anlass zur Legendenbildung, es wird in der Literatur mehrfach reflektiert und verschiedentlich ausgestaltet, besonders einige der Anhänger Karls und ein Bischof Turpin werden betont. Krieg und konsensuale Herrschaft werden in dem mittelhochdeutschen Text des 12. Jahrhunderts, der im Seminar gelesen und gedeutet werden soll, zur Diskussion gestellt, was im Seminar im Blick auf den Auftraggeber des Textes, Heinrich den Löwen, zu interpretieren sein wird. Der Text ist „geistliche Beispielerzählung mit deutlichen Legendenelementen“, die „in Spanien getöteten Männer sind Gotteskrieger und Märtyrer, Nachfolger auf dem Leidensweg Christi und Vorbilder in ihrer unerschütterlichen Glaubensfestigkeit“ (Kartschoke). Der historische Kern wird also zum Ausgangspunkt einer Auslegung auf das Christentum hin, der „Kampf um die Macht wird zum Kampf um den christlichen Glauben“ (ebd.). Während im französischen Vorlagentext für das süße Frankreich (la douce France) gekämpft wird, nennt das Rolandslied das Himmelreich als Ziel.

Textausgabe (bitte anschaffen): Das Rolandslied des Pfaffen Konrad. Mittelhochdeutsch / Neuhochdeutsch, hg., übersetzt und kommentiert von Dieter Kartschoke, Stuttgart 1993 (RUB 2745).
Empfohlen für Staatsexamen. 

dienstags, 15.15 – 16.45 Uhr

SR 224 

7. Semester Staatsexamen Gym, OS (Modul 04-003-2005) / 1. und 3. Semester Master Kernfach (Modul 04-040-2010)

In Ulrich von Etzenbach vermutet die Forschung den ersten deutschsprachigen Autor Böhmens. Neben seinem umfangreichen Alexanderroman schreibt er auch einen Text über Wilhelm (oder Wilhalm) von Wenden, einen „Huldigungstext auf die böhmische Königsfamilie“ (Behr). Verfasst wurde der Roman (8358 Verse) am Böhmenhof Wenzels II. (1278-1305), Thema ist „die Frage nach der idealen Herrschaft“, vor allem in Krisensituationen (Behr). Der junge Fürst Wilhalm bricht mit seiner schwangeren Frau auf, um Christus zu suchen, verkauft dann aber seine neugeborenen Zwillingssöhne an christliche Kaufleute, während er selbst nach Palästina geht, sich taufen lässt und gegen die Heiden kämpft. Die Ehefrau wird zwischenzeitlich zur Landesherrin, die Söhne werden zu Räubern. Wie sich diese kritische Konstellation löst, werden wir uns im Seminar erarbeiten.
Der Roman erzählt sehr modern, immer wieder die Perspektive wechselnd. Dies werden wir ebenfalls thematisieren. Zudem werden wir eine der beiden erhaltenen Handschriften heranziehen, die aus dem 15. Jahrhundert stammt und den Text durch 62 kolorierte Federzeichnungen illustriert, die Handschrift stammt aus dem Werkstattzusammenhang um Diebold Lauber.

Textausgabe (bitte anschaffen): Ulrich von Etzenbach, Wilhalm von Wenden. Text, Übersetzung, Kommentar. Hg. und übersetzt von Mathias Herweg, Berlin/Boston 2017.
Empfohlen für Master Kernfach. 

donnerstags, 11.15 - 12.45 Uhr

SR 224


7. Semester Staatsexamen Gym, OS (Modul 04-003-2005) / 1. und 3. Semester Master Kernfach (Modul 04-040-2010) 

Der Wigalois ist ein Artusroman über den Sohn Gaweins, den Wirnt von Grafenberg im 13. Jahrhundert vorlegt. Noch 200 Jahre später wird der Text gelesen. Hier setzt das Seminar an, indem es die Buchformen des 15. Jahrhunderts ins Zentrum stellt, vor allem die nach Karlsruhe „zurückgekehrte“ Bilder-Handschrift Don. 71 (geschrieben 1426-28) und die gedruckte Prosafassung, die 1493 bei Johannes Schönsperger in Augsburg erschien. Von diesen beiden Buchprojekten aus werden wir uns die Geschichte erarbeiten und auf Abweichungen zu der Fassung des 13. Jahrhunderts achten, die vor allem die Sprache und die Bildebene betreffen.
Der reich überlieferte Artusroman erzählt die âventiure des Wigalois, eines Helden ohne Krise; der Text stammt aus der Zeit vor 1230, er gehört damit in die zweite Generation der Artusromane, die sich intensiv mit der vorgängigen deutschen Literatur auseinandersetzen. In einem ersten Schritt soll der Versroman gedeutet werden, um die Besonderheiten dieses „nachklassischen“ Artusromans zu erkennen. In einem zweiten Schritt wird die ‚Rezeption‘ des Romans hinterfragt: aus dem 15. Jahrhundert existiert nicht nur die illustrierte Handschrift Don. 71, sondern auch der Wigoleis vom Rade, der den Wirntschen Roman kürzt und in Prosa übersetzt. Dieser Prosaroman ist in seinem erhaltenen Erstdruck (Augsburg 1493) unvollständig, die späteren Drucke aus den Jahren 1519, 1560, 1564 und 1611 müssen deswegen für eine Textarbeit ebenfalls exemplarisch herangezogen werden, um zu prüfen, wie sich ein Roman vom Mittelalter zur Neuzeit hin verändert.
Das Seminar steht im Zusammenhang mit einer Tagung zum Donaueschinger Wigalois, die Christoph Mackert und ich im Juni 2020 an der Badischen Landesbibliothek in Karlsruhe gemeinsam mit der dortigen Bibliotheksdirektorin durchführen werden.

Textausgabe (bitte anschaffen): Wirnt von Grafenberg, Wigalois. Text – Übersetzung – Stellenkommentar. Text der Ausgabe von J.M.N. Kapteyn übersetzt, erläutert und mit einem Nachwort versehen von Sabine Seelbach und Ulrich Seelbach, Berlin/New York 2005.
Die Fassungen der Karlsruher Handschrift und des Augsburger Drucks stehen als Digitalisate zur Verfügung.
Empfohlen für Master Kernfach. 

donnerstags, 17.15 - 18.45 Uhr

HS 1 

7. Semester Staatsexamen Gym, OS (Modul 04-003-2005) / 1. und 3. Semester Master Kernfach (Modul 04-040-2010)

Welche Rolle spielt die Kategorie Überlieferung für die mittelalterliche Literatur? Was meint man, wenn man von der Überlieferung eines Textes spricht? Die Vorlesung möchte anhand ausgewählter Forschungsliteratur und im Blick auf konkrete Beispiele aus der mittelalterlichen Literatur den Zusammenhang von Überlieferung und Text beleuchten. Bis zur Mitte des 15. Jahrhunderts liegen im deutschen Sprachraum Texte in Handschriften auf Pergament oder ab dem 14. Jahrhundert zunehmend auch auf Papier vor; Texte wurden von Schreibern kopiert, dabei im Schreibprozess nicht selten verändert. Was bedeutet das für die Geltung eines bestimmten Textes? Erst ab 1450 konnten Texte gedruckt werden und standen dadurch vervielfältigt, in einer größeren Auflage identischer Exemplare zur Verfügung. Worauf deutet dieser Prozess? Was ermöglicht er? Was wurde überhaupt gedruckt? Wie verändern sich Textqualität, Buch und Faktur von Literatur im Überlieferungsprozess? Stichworte und Ansätze der Forschung sollen aufgegriffen werden (Vektorialität, Überlieferungschance/Überlieferungszufall, Schatten der Überlieferung, Bilder als zweiter Text, Werbeanzeigen, Buchmarkt), um die Fragen nach Autograph, Autortext, mouvance, (Kurz-)Fassungen, Bearbeitungen und Veränderungen des Textes in der Überlieferung zu reflektieren – wo spricht der Dichter? In der Vorlesung sollen regelmäßig Texte in der originalen überlieferten Form als Handschrift oder Druck (im Digitalisat) gelesen werden.

Literatur zur Einführung: Klaus Grubmüller, Überlieferung, in: RLW III, 2003, S. 717-720.