Projekte

Praxis/Kooperationen

Mitarbeiter*innen und Mitglieder des Tanzarchiv Leipzig e.V. stehen gerne zur Verfügung, wenn es um die Beratung künstlerischer Projekte geht, von ersten Ideen für die Auseinandersetzung mit dem kulturellen Erbe Tanz über konkrete Anfragen bei komplexeren Recherchen bis hin zur möglichen wissenschaftlichen Beratung und dramaturgischen Begleitung von Tanz-Produktionen. Ihre Anfragen zu solchen Angeboten bis hin zu projektbezogenen Kooperationen richten Sie bitte per E-Mail an die Adresse: info@tanzarchiv-leipzig.de.

Im Folgenden finden Sie einige exemplarische Projekte der letzten Jahre, an denen einzelne Mitglieder des Tanzarchiv Leipzig e.V. mehr oder weniger direkt beteiligt waren oder die in Kooperation mit dem TAL e.V. entstanden sind.

 

Ernest Berk: The Complete Expressionist (2018)

Die vom Tanzfonds Erbe geförderte Produktion des Berliner Choreographen Christoph Winkler erinnerte an das Leben und Werk des Tänzers, Choreographen, Tanztherapeuten und -pädagogen Ernest Berk, der seit den 1950er Jahren in England zugleich ein Pionier der elektronischen Musik war. Ende der 1920er Jahre hatte der aus Köln stammende Berk zusammen mit seiner späteren Frau Lotte Berk bei der aus Brasilien stammenden Wigman-Schülerin Chinita Ullmann Ausdruckstanz studiert, bevor er 1933 nach England emigrierte.

Für das Projekt wurden viele Schüler*innen und Mitarbeiter*innen von Berk interviewt, andererseits die unterschiedlichen Materialien und Medien genutzt, die auch zu Berks musikalischem Schaffen noch erhalten sind. Ausgehend von der Zusammenführung dieser Quellen und Informationen entwickelte Christoph Winkler mit einem dafür gebildeten internationalen Ensemble (Tanz: Gareth Okan, Emma Daniel, Martin Hansen, Lois Alexander, Riccardo De Simone, Sarina Egan-Sitinjak, Julia B. Laperrière, Dana Pajarillaga, Luke Divall, Lisa Rykena) eine Rekonstruktion einiger von Berks choreographischen Arbeiten, zu einer Auswahl seiner Sampling-Stücke und elektronischen Kompositionen sowie zu live eingespielter Musik von group A, Rashad Becker und Pan Daijing.

Produktionsdramaturgin war Elena Polzer, die wissenschaftliche Beratung übernahm Prof. Dr. Patrick Primavesi, der zur Premiere beim ctm-Festival am Berliner HAU im Januar 2018 und zur Wiederaufnahme der Produktion Anfang September 2019 in der Akademie der Künste, Berlin jeweils einen Einführungsvortrag hielt.

 

Slave to the rhythm (2018)

Im Kontext der Lebensreformbewegung begründete der Schweizer Komponist und Musikpädagoge Émile Jaques-Dalcroze zu Beginn des 20. Jahrhunderts die rhythmisch-musikalische Erziehung als eine Methode, Musik körperlich darzustellen. Dieser Ansatz war Teil eines umfassenden Gesellschaftsentwurfes auf der Suche nach dem neuen Menschen, ein sozialutopisches und zugleich künstlerisches Experiment, das vor allem in der Gartenstadt Hellerau und dem dort von Heinrich Tessenow, Adolphe Appia und Heinrich Salzmann gestalteten Festspielhaus ein internationales Publikum anzog und begeisterte.

Das an der Residenz des Schauspiel Leipzig entstandene Projekt Slave to the rhythm von Hermann Heisig (gemeinsam entwickelt und aufgeführt mit Elpida Orfanidou, Pieter Ampe, Jessica Batut, Alma Toaspern) war der Versuch einer körperlichen Annäherung an Dalcrozes’ Methode der Rhythmischen Gymnastik, um deren utopisches Potential von heute aus zu untersuchen. Begleitet durch einen Korg Poly 800 Synthesizer sowie zur Musik von Kassem Mosse entstand eine Landschaft ineinander verschränkter rhythmischer Konstellationen, ein absurder Parcours, mit spielerischen Mitteln und nicht immer ganz ernst.

Das Projekt war eine Koproduktion mit HELLERAU – Europäisches Zentrum der Künste Dresden, gefördert aus Mitteln des Fonds Darstellende Künste und der Kulturstiftung des Freistaates Sachsen. Für Recherche und Konzeption wurde das Team wissenschaftlich beraten durch Prof. Dr. Patrick Primavesi, mit dem auch ein Publikumsgespräch zur Premiere stattfand.

  

Villa Wigman. Bautzner Straße 107. Past Present Future (2017/2018)

Am langjährigen Arbeits- und Lebensort von Mary Wigman zielte das durch den TANZFONDS ERBE geförderte Projekt mit dem Aufführungstitel Kreis Dreieck Chaos von Anna Till, Katja Erfurth, Johanna Roggan und Isaac Spencer insgesamt darauf, im Dialog mit der historischen Dimension des Ortes neue Nutzungsperspektiven für das Gebäude der ehemaligen Wigman-Schule zu eröffnen.

In einem ersten Projektteil wurde Ende Juni 2017 ein mehrtägiger Workshop veranstaltet, bei dem ganz unterschiedliche Annäherungen an Mary Wigman und die von ihr begründete Tradition des modernen Ausdruckstanzes in Deutschland entwickelt wurden, in Kooperation mit dem Tanzarchiv Leipzig e.V., der Hochschule für Musik und Darstellende Kunst Frankfurt/Main, der Hochschule für Bildende Künste Dresden, dem Institut für Theaterwissenschaft der Universität Leipzig, dem Dachverband Tanz Deutschland und TENZA. In Kombination von Meisterkursen durch die noch von Wigman ausgebildeten Tänzerinnen Susanne Linke und Irene Sieben und einer Arbeitstagung zur Entwicklung der Wigman-Schule in Dresden (mit Studierenden aus Dresden, Leipzig und Frankfurt am Main wurde jeweils an der Verknüpfung von Gegenwart und Vergangenheit gearbeitet.

Die zweite Phase des Projekts führte Mitte September 2017 am Dresdener Societätstheater zu vier Aufführungen der beteiligten Choreograph*innen, die damit ganz unterschiedliche Aktualisierungen der von Wigman ausgehenden Tanz-Impulse aufzeigten und so auch die Zukunft dieser Tradition zur Diskussion stellten. Mit seinen drei Zeitebenen war dieses Projekt des Vereins Villa Wigman für TANZ e.V. ein wichtiger Schritt auf dem Weg zur Erhaltung der ehemaligen Arbeitsstätte der Tänzerin und Choreographin Mary Wigman.

Das ehemalige Schulgebäude wurde inzwischen von der Stadt Dresden erworben und dem Verein Villa Wigman für TANZ e.V. mit einem Erbbaurechtsvertrag zur Verfügung gestellt. Seither kann dieser kulturhistorisch bedeutende Ort mit Hilfe des TANZPAKT Stadt-Land-Bund und weiterer Partner als Proben-, Produktions- und Vermittlungszentrum für zeitgenössischen Tanz (sowie Theater und Performance) genutzt werden. Aktuell werden auch umfangreiche Arbeiten zur sachgerechten Sanierung und Instandsetzung des Gebäudes durchgeführt.

 

HEUTE: VOLKSTANZEN (2013)

Im Rahmen der durch den Tanzfonds Erbe geförderten Kooperation des Tanzarchiv Leipzig e.V. mit dem K3 Zentrum für Choreographie in Hamburg und der Schaubühne Lindenfels in Leipzig wurden die vier Choreographinnen Jenny Beyer, Heike Hennig, Isabelle Schad und Doris Uhlich eingeladen, sich aus heutiger Sicht mit Volkstanz, Partizipation und Teilnahme auseinanderzusetzen. In einer Vorbereitungsphase recherchierten die Choreographinnen im Tanzarchiv Leipzig mit seinen deutschlandweit einzigartigen Volkstanz-Beständen.

Die Ergebnisse dieser choreographischen Recherchen wurden in Workshops und Pitchings zusammengeführt, gemeinsam reflektiert und im Rahmen eines Volkstanzfestes an insgesamt 5 Veranstaltungsabenden in Hamburg und Leipzig präsentiert. Zur Eröffnung dieser Tanzfeste fand jeweils ein Workshop statt, bei dem Expert*innen den interessierten Teilnehmer*innen einige Grundschritte und Figuren aus traditionellen Volkstänzen vermittelten.

Begleitend wurde auch ein Symposion mit ExpertInnen und eine Ausstellung mit Plakaten, Filmen und anderen Materialien zur Vielfalt von Volkstanz als kultureller Praxis durchgeführt. Vom Tanzarchiv Leipzig e.V. waren an dieser Produktion durch wissenschaftliche und konzeptionelle Beratung Dr. Theresa Jacobs, Juliane Raschel und Prof. Dr. Patrick Primavesi beteiligt.

 

PAX 2013: Blühende Landschaft und Pax Questuosa (2013)

Der Doppelabend PAX 2013 des Leipziger Balletts unter Leitung von Mario Schröder kombinierte die 1992 entstandene und seither mehrfach wieder aufgenommene Choreographie Pax Questuosa (der zweifelhafte Frieden) von Uwe Scholz mit der Neuproduktion Blühende Landschaft von Mario Schröder. Grundlage für diese Produktion waren Kompositionen von Udo Zimmermann und Johann Sebastian Bach, die bereits im großen Oratorium Pax Questuosa bei der Auseinandersetzung mit den anhaltenden Kriegen der Gegenwart aufeinanderprallten.

Blühende Landschaft begann mit einem Rückblick auf die frühen 1990er Jahre und die bis heute nur zum Teil eingelösten Versprechen einer kapitalistischen Sanierung der „neuen“, östlichen Bundesländer. Die auch heute für die aus über 25 Nationen bestehende Company des Leipziger Balletts akute Frage nach dem Ankommen in einer fremden Umgebung führte auf zeitgenössische Perspektiven für den Umgang mit Vergangenheit, Tradition und kulturellem Gedächtnis in einer zunehmend globalisierten und digitalisierten Gegenwart.

Gefördert wurde auch diese Produktion durch den Tanzfonds Erbe der Kulturstiftung des Bundes, was insbesondere den großen Aufwand für die Rekonstruktion von Scholz Pax Questuosa-Choreographie am Leipziger Opernhaus ermöglichte. Als Quellen für das Gesamt-Projekt dienten vielfältige Materialien und Dokumente aus dem Scholz-Nachlass im Tanzarchiv Leipzig und zu den krisenhaften Kontexten der Entstehung dieses Werkes zur Nachwendezeit in Leipzig.

Die Neueinstudierung von Pax Questuosa wurde choreologisch unterstützt von Tatjana Thierbach, die wissenschaftliche Betreuung und Dramaturgie für das PAX 2013-Projekt übernahm Prof. Dr. Patrick Primavesi. In der Spielzeit 2019/20 wurde Blühende Landschaft wiederaufgenommen, nun kombiniert mit einer Neuproduktion zur Sinfonie der Klagelieder von Henrik M. Górecki im Rahmen von Lamento.

 

Jean Weidt – Physical Encounters (2013)

Der beinahe in Vergessenheit geratene „rote Tänzer“ Jean Weidt (1904-1988) war getrieben von kommunistischen Überzeugungen und vom Tanz besessen. Im Zentrum seiner choreographischen Arbeiten stand die unmissverständliche Darstellung politischer Inhalte an Hand von exemplarischen Erzählungen. Für Physical Encounters haben Angelika Thiele, Maria Walser und Britta Wirthmüller sich die Körperlichkeit und propagandistische Ästhetik Weidts angeeignet: Physische Anspannung, rhythmische Bewegungsphrasen und konkrete Bewegungsabläufe aus der Arbeiterwelt des frühen 20. Jahrhunderts irritieren unseren an körperliche Effizienz und abstrakte Darstellung gewöhnten Blick. Ihre Körper werden zum Ort einer Begegnung, die uns unangemessenen erscheint und verhandeln und vermischen so Gegensätze wie Vergangenheit und Gegenwart, weiblich und männlich, das Vertraute und das Fremde.

Das Konzept von Britta Wirthmüller und ihrer Dramaturgin Jessica Buchholz wurde mit Maria Walser und Angelika Thiele tänzerisch und choreographisch umgesetzt, in Kooperation mit der Tanzfabrik Berlin und dem Lofft Theater Leipzig. Die Produktion wurde wissenschaftlich beraten durch das Tanzarchiv Leipzig, gefördert aus Mitteln des Hauptstadtkulturfonds und der Kulturstiftung des Freistaates Sachsen, unterstützt vom Hochschulübergreifenden Zentrum Tanz Berlin.

 

LIGNA: Tanz aller – Ein Bewegungschor (2010/2013)

Die Tanzperformance Tanz aller – setzte sich mit dem vernachlässigten Erbe der Bewegungschöre auseinander, die in den 1920er und frühen 30er Jahren Tanz als soziales Phänomen und als politische Praxis manifestierten. Initiiert durch Rudolf von Laban ermöglichte das gemeinsame Tanzen im Bewegungschor den Laiengruppen in der Weimarer Republik, Bewegungen jenseits des Arbeitsalltags zu entdecken. So konnten sie als chorisch organisierte Masse auch in Aufführungen vor Publikum wirken und utopische Entwürfe einer anderen, zukünftigen Gesellschaft vorführen.

Im Projekt von LIGNA ging es nicht bloß um ein Reenactment der Laienchöre, sondern vielmehr darum, die ästhetischen und politischen Fragen zu aktualisieren, die einst von den Bewegungschören ausgingen. Dabei wurde, wie auch sonst in der Arbeit von LIGNA mit dem Format des Radio-Balletts, die Grenze zwischen Akteur*innen und Zuschauer*innen aufgehoben: Mithilfe von Kopf- bzw. Ohrhörern und kleinen Radio-Empfängern konnten alle Beteiligten an der Choreographie teilnehmen und sich deren Bewegungsmaterial aneignen.

Das Projekt entstand in Kooperation mit dem Forschungsprojekt Bewegungschöre: Körperpolitik im modernen Tanz von Prof. Dr. Patrick Primavesi, zu dem eine gemeinsame Publikation beim Verlag spector books erscheint. Darin sind Schriftquellen und Fotos von den Bewegungschören ebenso enthalten wie Forschungsbeiträge und der Stücktext von Tanz aller –. Eine frühere Version dieser Bewegungschorarbeit wurde bereits bei dem vom Tanzarchiv Leipzig e.V. veranstalteten Festival play! LEIPZIG. Bewegung im Stadtraum (2010) entwickelt.

 

AG Archiv

Die Arbeitsgruppe ARCHIV wurde durch Franziska Voss und Prof. Dr. Patrick Primavesi beim 13. Kongress der Gesellschaft für Theaterwissenschaft in Frankfurt am Main und Gießen 2016 gegründet, um Perspektiven des Archivs auch in der aktuellen Forschung und Lehre stärker zu verankern. Archive zu Theater, Tanz und Performance sind Orte, an denen die künstlerische Praxis quellenkritisch untersucht und auf ihre zeitgeschichtlichen Bedeutungen hin befragt werden kann. Darüber hinaus gehen auch von den Künsten selbst immer wieder produktive Impulse aus für die Arbeit mit Archiven, im Hinblick auf Präsentationsformen, Zugangs- und Nutzungsmöglichkeiten, durch Strategien der künstlerischen Forschung, der Rekonstruktion, des Re-enactments etc.

Diese Entwicklungen werden bereits durch einige Forschungsprojekte in der Theater- und Tanzwissenschaft untersucht, die nicht nur mit Archiven arbeiten, sondern auch zu ihrer Neukonstitution und Erhaltung beitragen. Die strukturellen Probleme, denen sich bestehende Archiveinrichtungen ausgesetzt sehen, betreffen aber insgesamt die Absicherung der Wissensressourcen in den darauf bezogenen Fachdisziplinen – insbesondere bei den mit ganz unterschiedlichen Medien befassten Sammlungen im Bereich der performativen Künste und Praktiken.

Die AG ARCHIV dient dem Austausch und der gemeinsamen Weiterentwicklung von Forschungsansätzen sowie zur Förderung des wissenschaftlichen Nachwuchses und ist zugleich ein Forum für eine gemeinsame Interessensvertretung von Forschungs- und Gedächtnis-Institutionen im Bereich Theater, Tanz und Performance.

Die Arbeitsgruppe ist jederzeit offen für weitere Mitglieder. Wichtig ist uns, dabei den Dialog mit den Mitarbeiter*Innen der Gedächtnisinstitutionen fortzusetzen bzw. zu intensivieren, weshalb auch sie zur Mitgliedschaft und Mitarbeit eingeladen sind. Die AG ARCHIV trifft sich jeweils im Rahmen der Kongresse der gtw und dazwischen regelmäßig zu Workshops an wechselnden Orten. Alle an den genannten Themen Interessierte sind bei den Treffen und Workshops der AG willkommen. Gerne können Sie mit uns Kontakt aufnehmen (s. unten) und der Arbeitsgruppe beitreten.

 

Bisherige Veranstaltungen:

  • Konstituierende Sitzung am 03.11.2016 anlässlich des 13. gtw-Kongresses „Theater als Kritik“ in Frankfurt und Gießen
  • Arbeitstreffen am 20./21. Mai 2017 in München und am 15./16.01.2018 in Frankfurt am Main, außerdem im Rahmen des 14. gtw-Kongresses „Theater und Technik“ (08.-11. November 2018) in Düsseldorf
  • Arbeitstreffen online am 17./18. September 2020

 

Kontakt:

Prof. Dr. Patrick Primavesi, Institut für Theaterwissenschaft Universität Leipzig (primavesi@uni-leipzig.de)

Franziska Voß, Fachinformationsdienst (FID) Darstellende Kunst, an der Universitätsbibliothek Frankfurt am Main (fvoss@ub.uni-frankfurt.de)

 

NFDI for Culture

Ziel der im Aufbau befindlichen, von der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG) geförderten nationalen Forschungsdateninfrastruktur (NFDI) ist die systematische Erschließung, nachhaltige Sicherung, dauerhafte Zugänglichmachung und auch fachübergreifende Vernetzung von Forschungsdatenbeständen im Rahmen eines wissenschaftsgeleiteten Prozesses. Strukturell besteht die NFDI aus einem Netzwerk eigeninitiativ agierender Konsortien.

Für den Bereich der Forschungsdaten zu materiellen und immateriellen Kulturgütern hat sich über einige Jahre hinweg aus mehreren Fachgemeinschaften heraus die Konsortiumsinitiative „NFDI4Culture“ entwickelt, die sich innerhalb der NFDI dem Aufbau einer fach- und forschungsnahen Infrastruktur für Daten zu primär nicht-textuellen Kulturgütern widmet. Die wissenschaftliche Notwendigkeit und zugleich das kulturpolitische Potential von NFDI4Culture ergibt sich aus den Besonderheiten der beforschten Gegenstände, ihrer mitunter sehr komplexen rechtlich-ethischen Kontexte und der daraus resultierenden, fachspezifischen Bedarfe für das Forschungsdatenmanagement.

In enger fachlicher Zusammenarbeit zwischen Partner*innen aus Forschung, Gedächtnisinstitutionen und Infrastruktureinrichtungen wurden in einem breit angelegten Beteiligungsprozess die spezifischen Bedarfe und Beiträge der an der NFDI4Culture interessierten Fachgemeinschaften (zunächst vor allem Kunst- und Musikwissenschaft, mittlerweile auch Theater- und Tanzwissenschaft) erhoben. Auf dieser Grundlage wurde ein auf die in der NFDI4Culture vertretenen Communities ausgerichtetes Arbeitsprogramm sowie fachlich adäquate und inklusive Governance-Strukturen für das Konsortium geplant und beantragt.

Mit der Bewilligung durch die DFG wurde die Gründung der NFDI4Culture möglich, die offiziell zum 1. Oktober 2020 erfolgt. Für den Bereich der Performing Arts sind in den verschiedenen Gremien, Foren und Arbeitsprozessen des NFDI4C neben den Vorständen der Gesellschaft für Theaterwissenschaft (gtw) und Gesellschaft für Tanzforschung (GTF) auch weitere Verbände (AG ARCHIV, THESID, VDT), sowie einzelne Sammlungen und Archive vertreten, darunter auch das Tanzarchiv Leipzig in Verbindung mit dem Institut für Theaterwissenschaft.

Die Arbeit des NFDI4C gliedert sich neben der zentralen Koordination in sechs Bereiche, an denen großenteils auch die Performing Arts beteiligt sind:

  • TA1: Digitisation, Data Capture and Enrichment: cooperation between institutions for digitisation projects (workflow etc.)
  • TA2: Standards, Data Quality and Curation: metadata structures, research based vocabularies, mapping of terms
  • TA3: Software Tools and Data Services: development, enhancement, institutional/technical sustainability
  • TA4: Data Publication and Availability: compatability with FAIR principles, availability (longterm) to all NFDI-users
  • TA5: Question of Rights and Data Ethics: rights, protection, technical options (licensing, restricted access etc.)
  • TA6: Professionalisation, Qualification and Training, ‚Data Literacy‘: concepts for needs-based education/teaching, consultation/support:

Für weitere Informationen oder Anliegen in diesem Zusammenhang können Sie die Seite des NFDI4C besuchen und sich gerne auch an die Mitarbeiter*innen des TAL e.V. wenden, per E-Mail an: info@tanzarchiv-leipzig.de.

 

Forschung

Seit seinen Anfängen war das Tanzarchiv Leipzig nicht nur ein Ort der Sicherung und Aufbewahrung von Quellen und Materialien zur Tanztheorie und -praxis, sondern auch eine Dokumentationsstelle und eine Institution der tanzwissenschaftlichen Forschung. Diesem bereits von Dr. Kurt Petermann begründeten und seit den 1990er Jahren in verschiedene Richtungen ausgebauten Schwerpunkt entspricht die große Zahl und Qualität der vom Tanzarchiv Leipzig herausgegebenen und verfassten Publikationen, in den meisten Fällen verknüpft mit Forschungsprojekten und Tagungen, aber auch mit Lehrveranstaltungen (Vorlesungen, Seminaren, Kolloquien etc.), in denen das immense Potential der Bestände für die tanzbezogene Lehre an der Theaterhochschule Hans Otto und später dann am theaterwissenschaftlichen Institut der Universität Leipzig genutzt wurde. Davon zeugen nicht zuletzt eine Vielzahl von Qualifikations- und Abschlussarbeiten, die seit Jahrzehnten mit Bezug auf die Sammlungen des Tanzarchivs verfasst worden sind.

Im Folgenden werden einige ausgewählte Forschungsprojekte genannt, die exemplarisch die Breite und Vielfalt der untersuchten Themen, Fragestellungen und methodischen Ansätze zeigen. Ergänzend zum wissenschaftlichen Diskurs in Forschung und Lehre haben sich viele weitere Formate für die Vermittlung von Themen aus dem Tanzarchiv entwickelt, die in Kooperation mit den zahlreichen Partnerinstitutionen stets eine städtische und oft auch überregionale Öffentlichkeit ansprechen konnten (Veranstaltungsreihen, Ausstellungen, Festivals etc.).

 

Forschungswerkstatt TANZ

Um die Vernetzung und den Austausch tanzinteressierter KünstlerInnen und Wissen-schaftlerInnen aller Disziplinen voranzutreiben, fand von 2012 bis 2017 die Forschungswerk-statt TANZ in Kooperation mit der Initiative 4für Tanz und dem Institut für Theaterwissenschaft der Universität Leipzig statt. Die interdisziplinäre Herangehensweise an das Thema Tanz aus Perspektiven künstlerischer Arbeit einerseits und Erkenntnisse der Theater- und Musikwissenschaft, Dramaturgie, Pädagogik, Archivwissenschaft und Medizin andererseits zeigte Synergieeffekte, die sich in künstlerischen Projekten ebenso widerspiegelten wie in Forschungsarbeiten.

Ihre Fortsetzung hat diese Forschungswerkstatt Tanz mittlerweile in zahlreichen Lehrveranstaltungen mit Bezug zu den Themen des Tanzarchivs gefunden, außerdem in mehreren Kolloquien, in denen laufend die aktuellen Forschungs- und Qualifikationsprojekte vorgestellt und diskutiert werden.

 

Körperpolitik in der DDR. Tanzinstitutionen zwischen Eliteförderung, Volkskunst und Massenkultur (2013/2014)

Tanz spielte in der DDR eine besondere Rolle: Klassisches Ballett und Tanztheater waren auf vielen Bühnen der Republik zu sehen, darüber hinaus erfüllten aber auch Folklore und Massenchoreographien wichtige Funktionen im ›künstlerischen Volksschaffen‹ der DDR. Das 2013 und 2014 durch die Sächsische Akademie der Wissenschaften zu Leipzig im Verbund mit drei weiteren Projekten zur Elitenausbildung in der DDR geförderte Forschungsprojekt untersuchte als Kooperation mit dem Institut für Theaterwissenschaft eben diese zwischen Eliteförderung, Volkskunst und Massenkultur bisher kaum erforschte Tanzlandschaft der DDR. Anhand zahlreicher Interviews sowie der umfangreichen Bestände des Tanzarchivs Leipzig wurde das Zusammenspiel exemplarischer Institutionen (wie Ausbildungsstätten, das Tanzarchiv Leipzig oder Tanzfeste), Formen (wie Ballett, Neuer Künstlerischer Tanz, Tanztheater oder auch Volkstanz) und AkteurInnen (wie PädagogInnen, TänzerInnen oder ChoreographInnen) und ihre Bedeutung für den Tanz in der DDR analysiert.

Eine begleitende Tagung mit dem Titel Körper/Politik: Tanzformen, Institutionen und Akteure in der DDR mit zahlreichen Zeitzeug*innen fand vom 13.–15.11.2014 am Institut für Theaterwissenschaft Leipzig statt. Eine Publikation ist in Vorbereitung und wird in der Reihe Recherchen des Verlags Theater der Zeit erscheinen.

 

Körperpolitik: Disziplinierung und Inszenierung im Kontext von Gymnastik, Ausdruckstanz und Massenchoreographie (2012)

Im Fokus dieses durch das SMWK geförderten und in Kooperation mit dem Institut für Theaterwissenschaft realisierten Forschungsprojekts stand die Entwicklung der Körperpolitik in Deutschland in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts zwischen Disziplinierung und Inszenierung. Dabei ging es vor allem um die Gründungsjahre der Rhythmikschule von Émile Jaques-Dalcroze vor dem Ersten Weltkrieg in Hellerau, die Verbreitung des Ausdruckstanzes durch Rudolf von Laban und die in Hellerau ausgebildeten Tänzerinnen Mary Wigman, Hertha Feist, Jenny Gertz u.a., sowie die in den 1920er Jahren ebenfalls von Laban geprägte Arbeit mit Bewegungschören im Vordergrund.

Ein begleitendes Symposion fand unter dem Titel BODY POLITICS. Rhythmics, Modern Dance and Movement Choirs vom 3.–4, November 2012 in Kooperation mit der Performancegruppe LIGNA in HELLERAU – Europäisches Zentrum der Künste Dresden statt. Eine Publikation dazu erscheint bei spector books.

 

Tanz – Archiv – Labor

Von April 2009 bis Februar 2011 fand kuratiert von Prof. Dr. Patrick Primavesi die Reihe Tanz-Archiv-Labor statt, in deren Mittelpunkt die künstlerische Praxis von Tanz und Performance sowie die Arbeit des Archivs und ihre theoretische Reflexion standen. Geschichte und Gegenwart von Tanz, Körperkultur und Performance wurden durch die eingeladenen Künstler*innen und Wissenschaftler*innen jeweils auf ihre zeitgeschichtliche Dimension und Bedeutung hin befragt. Unter anderem nahmen an der Veranstaltungsreihe teil: andcompany&Co, Fabian Barba, Laurent Chétouane, Jeff Friedman, Laurent Goldring, Hermann Heisig, Heike Hennig, Anna Hoetjes, Thomas Lehmen, LIGNA, Constanze Macras, Carmen Mehnert, Bettina Milz, Martin Nachbar, Irina Pauls, Isabelle Schad, Mario Schröder, Michael Touma, Doris Uhlich, Britta Wirthmüller, Petra Zanki.

Unter dem speziellen Motto „Das Tanzarchiv Leipzig lädt ein“ widmete sich das Tanzarchiv im Wintersemester 2010/11 ausgewählten zeitgenössischen Choreograph*innen, die im Gespräch ihre aktuellen Arbeiten vorstellten. Mit dabei waren u.a. Britta Wirthmüller und Martin Nachbar.

 

Die Archives Internationales de la Danse. Ein Kapitel deutsch-französischer Kulturbeziehungen in den 1930er Jahren (2003-2006)

Auf der Suche nach neuen Methoden und experimentellen Arbeitsformen zu einer Wissensgenerierung jenseits der Schriftkultur rückte das Forschungsprojekt von Prof. Dr. Inge Baxmann die von Rolf de Maré gegründeten Pariser „Archives Internationales de la Danse“ (A.I.D) in den Blick, in Kooperation mit der Bibliothèque-musée de l’Opéra in Paris und dem Centre nationale de la Danse in Paris/Pantin. Bis 1940 waren die A.I.D ein internationaler Sammelpunkt emigrierter Tänzer, Tanz- und Kulturwissenschaftler und Ethnologen. In der Verknüpfung außereuropäischer Tanzpraxis und europäischer Volkstanzkultur mit modernen Stilrichtungen und mit einem Schwerpunkt auf Theorie und Geschichte arbeiteten die A.I.D. an der Bergung eines körperlichen Wissens quer zu den überkommenen akademischen Wissensordnungen. Eine begleitende Tagung fand vom 28.03.–02.04.2006 in Paris statt.