Nachrichten aus der Redaktion

Vor 110 Jahren starb am 14. Mai 1912 der schwedische Schriftsteller und Künstler August Strindberg. Strindberg verfasste neben Romanen, Gedichten und Novellen vor allem Dramen, durch die er auch international bekannt wurde. Er wurde am 22. Januar 1849 als Sohn einer Familie des Mittelstandes in Stockholm geboren. Sein Vater war Dampfschiffkomissionär, seine Mutter starb an Tuberkulose, als Strindberg 13 Jahre alt war. Seine Kindheit und Jugend waren geprägt von vielen Wohnortswechseln und er wurde in dieser Zeit eher als verschlossen und schüchtern beschrieben. Auch wenn Musik und Theater in seiner Familie thematisiert wurden, wurde sein künstlerisches Interesse erst später geweckt.
1867 begann Strindberg das Studium der „Ästhetik und lebenden Sprachen“ in Uppsala und war nebenher als Grundschul- und Hauslehrer tätig. Zwei Jahre später versuchte er sich als Schauspieler, nahm jedoch sein Studium 1870 wieder auf. Kurz darauf brach er es aus finanziellen Gründen wieder ab und kehrte nach Stockholm zurück, wo er zunächst als Journalist und Redakteur, später dann als Sekretär in der königlichen Bibliothek arbeitete. Er lernte die Schauspielerin Siri von Essen kennen und sie heirateten 1877. In dieser Zeit schaffte Strindberg auch seinen literarischen Durchbruch mit dem satirischen Gesellschaftsroman Das rote Zimmer (1879) und der Aufführung seines Dramas Meister Olof. Er erfuhr für weitere gesellschaftskritische Werke scharfe Kritik und verließ daraufhin 1883 mit seiner Familie Stockholm und lebte in Frankreich, in der Schweiz und in Dänemark. Im Jahr darauf musste Strindberg für eine Gerichtsverhandlung nach Stockholm zurückkehren, da er durch die Veröffentlichung seiner Novellensammlung Heiraten (1884) wegen Gotteslästerung angeklagt wurde. Siri von Essen und August Strindberg ließen sich 1891 scheiden und das darauffolgende Jahr verbrachte er in Berlin, wo er zu einem Freundeskreis von skandinavischen und deutschen Schriftstellern und Malern gehörte. Von 1893 bis 1897 war Strindberg mit der Journalistin Maria Friederike Uhl verheiratet und lebte in Österreich, bis er 1897 wieder nach Schweden zurückkehrte. Mit dem Ende der Ehe erlitt er psychische Krisen, auch die sogenannte Inferno-Krise. Es folgte von 1898 bis 1907 eine sehr produktive Zeit. So entstanden in dieser Zeit beispielsweise die Trilogie Nach Damaskus I-III (1898-1904) sowie weitere Dramen, die nachhaltigen Einfluss auf die Theatergeschichte des 20. Jahrhunderts in Europa hatten. In dieser Zeit (1901-1904) war er auch ein drittes Mal verheiratet, mit der Schauspielerin Harriet Bosse. Nach der Scheidung blieb Strindberg in Stockholm, wo er mit 63 Jahren verstarb und auf dem Nordfriedhof begraben liegt.
August Strindberg gehört zu einem der produktivsten Autoren Schwedens; sein Gesamtwerk umfasst mehr als zehn Romane, zehn Novellensammlungen und 60 Dramen. Seine Werke sind nicht nur einer Ideenströmung zuzuordnen. So erlebte er in seinen frühen Jahren als Schriftsteller eine naturalistische Phase, während er sich infolge seiner psychischen Krise in den 1890er Jahren eher dem Expressionismus zuwandte. Seine Schriften sind von sozial- und gesellschaftskritischen Themen geprägt, was ihm nicht nur Lob einbrachte. Sein Verhältnis zur Religion und zur Kirche ist ähnlich ambivalent wie zu der gesellschaftlichen Rolle der Frau und den Frauen in seinem Leben. Er interessierte sich nicht nur für andere Kunstformen, wie der Fotografie und der Malerei, sondern widmete sich auch immer wieder der Wissenschaft. August Strindbergs Werke beeinflussten nicht nur die Literaturszene Schwedens, er inspirierte auch nach seinem Tod weitere Autor*innen und Künstler*innen und galt in Deutschland zwischen 1912 und 1925 als einer der meistgespielten Dramatiker. Lit4School stellt das Trauerspiel Fräulein Julie von August Strindberg vor. Es entstand im Sommer 1888, als Strindberg mit seiner Familie in Kopenhagen lebte.


—Daphne Rose


Am 9. Februar 2022 wurde bekannt gegeben, dass auch 2022— im dritten Jahr in Folge— keine Leipziger Buchmesse stattfindet. Noch wenige Tage und Wochen zuvor schienen die Zeichen positiv zu stehen, denn die sächsische Corona-Schutzverordnung hätte die Großveranstaltung mit Besuchern und einer 2G-Plus-Regelung zugelassen.

Allerdings hatten zwischenzeitlich zahlreiche Verlage und Aussteller ihre Teilnahme abgesagt. Als Grund wurden Personalmangel für den Messeauftritt und die Befürchtung zahlreicher Ausfälle nach Infektionen genannt. 

Durch die Terminierung im Frühjahr eines jeden Jahres gilt die Leipziger Buchmesse als erster großer Branchentreff und erlaubt dem Publikum das Entdecken von Neuerscheinungen im breiten Rahmen. Denn die Leipziger Buchmesse ist nach der Frankfurter Buchmesse — die zweitgrößte Deutschlands, anders als diese jedoch hauptsächlich eine Publikumsmesse. 

Einige Lichtblicke bleiben für alle Buchliebhaber*innen bestehen. Auf auf dem Gelände des Werk 2 am Connewitzer Kreuz findet die Pop-Up-Buchmesse mit Ausstellungen und Lesungen statt. Über 60 Verlage präsentieren hier an Ständen und in Lesungen ihre Neuerscheinungen. Tickets sind auf zwei Stunden begrenzt und online erhältlich.

Auch der Preis der Leipziger Buchmesse wird trotz der Absage vergeben. Am heutigen Donnerstag, den 17. März 2022 um 16 Uhr, findet die Verleihung in der Glashalle auf dem Leipziger Messegelände statt und kann über die Website im Livestream verfolgt werden. Die siebenköpfige Jury, bestehend aus Literaturkritiker*innen und -wissenschaftler*innen, nominierte unter dem Vorsitz von Insa Wilke insgesamt 15 Autor*innen in den drei Kategorien Belletristik, Sachbuch/Essayistik und Übersetzung. Der hochkarätige Preis, der die Vielfalt von Gegenwartsliteratur abbilden möchte, ist mit 60.000 Euro dotiert und zieht breites Interesse auf sich. Die Spannung steigt also nicht nur bei den Autor*innen, wer die diesjährigen Preisträger*innen sein werden. 

Und: Leipzig liest trotzdem. Dezentral findet das alljährliche Lese-Festival mit Autor*innen-Lesungen und Gesprächen an unterschiedlichen Orten statt. Literatur hat eine Bühne und den Zugang zum Publikum.

 Zuletzt bleibt die Hoffnung auf die Buchmesse vom 2023. Bis dahin: weiterlesen.

— Anne Seeger


Wie kann man den russischen Angriffskrieg gegen die Ukraine im Unterricht behandeln? Schon bald nach dem Angriff veröffentlichte das Landesinstitut für Lehrbildung und Schulentwicklung Hamburg ein Padlet mit Informationen und Unterrichtsressourcen. Auch die Seite Ukraineverstehen des Zentrums liberale Moderne verlinkt eine Fülle an Ressourcen. Die Materialsammlung „Was bedeutet Krieg?“ bietet Impulse zu einer allgemeineren Behandlung des Themas Krieg, besonders für jüngere Kinder.

Wir, die Redaktion Deutsch von Lit4School, meinen: auch für den Literaturunterricht lohnt es sich, auf den Krieg in der Ukraine einzugehen, denn viele ukrainische Texte sind ins Deutsche übersetzt, außerdem leben und schreiben in Deutschland eine Reihe von aus der Ukraine stammenden Autor*innen. Dazu stellen wir in diesem Blog-Post eine Reihe von Ressourcen vor. Für unseren Ukraine-Schwerpunkt haben wir bereits Einträge zu folgenden Texten und Autor*innen erstellt, weitere sollen in den nächsten Tagen folgen:

Oleksandr Irwanez: Pralinen vom roten Stern

Katja Petrowskaja: Vielleicht Esther

Natascha Wodin: Sie kam aus Mariupol

Sasha Marianna Salzmann: Im Menschen muss alles herrlich sein

Serhij Zhadan: Internat

Auf der Seite Lyrikline finden sich zahlreiche Gedichte ukrainischer oder aus der Ukraine stammender Lyriker*innen, u.a. von Juri Andruchowytsch, Serhij Zhadan, Miriam Dragina, Olena Herasymyuk und Yevgeniy Breyger.

Neben anspruchsvollen Romanen und Gedichten gibt es auch zahlreiche ukrainische Texte, die bereits für die Sekundarstufe I empfehlenswert sind:

Oksana, es reicht von Maria Kuznetsova erzählt von einer jungen ukrainisch-jüdischen Immigrantin in den USA und den Schwierigkeiten, in einem neuen Land Fuß zu fassen.

In Frau Müller hat nicht die Absicht, mehr zu bezahlen von Natalka Sniadanko machen sich zwei junge Protagonistinnen von Lviv/Lemberg auf den Weg nach Athen, bleiben aber in Berlin hängen.

Die Kurzgeschichtensammlung Skype Mama erzählt von Familien, deren Mütter im Ausland arbeiten und nur online mit ihren Kindern kommunizieren können.

Eine Überblicksdarstellung der ukrainischen Gegenwartsliteratur hat die Slawistin Sylvia Sasse für das geschichtswissenschaftliche Blog Geschichte der Gegenwart verfasst.

Die Literaturdatenbank Vivavostok, eine Kooperation der Internationalen Jugendbibliothek und der Robert Bosch Stiftung, stellt aktuelle Kinder- und Jugendliteratur aus Mittel- und Osteuropa vor.

Der Verein Translit setzt sich für den kulturellen Austausch zwischen dem deutschsprachigen Raum und dem Osten Europas ein. In einem Projekt des Vereins aus dem Jahr 2015 wurden Ausschnitte ukrainischer Kinder- und Jugendliteratur ins Deutsche übersetzt und die Autor*innen dazu vorgestellt.

Der Trabanten-Verlag kuratiert das Instagram-Projekt #ANTIKRIEGSLYRIK. Über den Kanal kann man Gedichte zur aktuellen Thematik einreichen, die dann dort veröffentlicht werden.


Sie sprechen mehr als eine Sprache? Dann gehören Sie damit zur großen Mehrheit der in Deutschland lebenden Menschen! 

Laut einer Spracherhebung des Leibniz-Instituts und des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung gaben im Jahr 2018 ein Fünftel der Befragten an, mehr als eine Sprache in ihrem Haushalt zu sprechen. Über ein Drittel aller Schüler*innen sprechen bei der Einschulung neben dem Deutschen noch mindestens eine weitere Sprache, wie das Mercator Institut für Sprachförderung in einem Faktencheck feststellt. Spätestens mit dem Fremdsprachenunterricht in der Schule werden alle Kinder und Jugendlichen mehrsprachig. Diese individuelle Mehrsprachigkeit bedeutet nach heutigem Konsens nicht, dass beide (oder mehrere) Sprachen auf muttersprachlichem Niveau beherrscht werden müssen. Vielmehr definiert sie sich durch die „Fähigkeit […], in mehreren Sprachkontexten zu kommunizieren – und dies unabhängig davon, auf welche Weise die beteiligten Sprachen erworben oder wie gut sie beherrscht werden“.

Sprachliche Vielfalt ist gesellschaftliche Realität und gerade in Schulen und Kitas für viele Kinder alltägliche Normalität. Eine Grundannahme dabei ist, dass für eine effektive Sprachförderung eine sprachenfreundliche Atmosphäre und Wertschätzung von Mehrsprachigkeit die Basis sind – dabei sollte nicht nur auf die (prestigeträchtigen) Schulfremdsprachen eingegangen werden, sondern auch auf die Sprachen die die Schüler*innen aus ihren Familien oder migrationsbedingt mitbringen. Sprachen bieten Zugang zu Wissen und Kultur. Mehrsprachigkeit kann sich zudem positiv auf die kognitive und sprachliche Entwicklung auswirken. Studien zeigen zum Beispiel, dass Kinder, die mehrsprachig aufwachsen, leichter weitere Sprachen lernen und sich besser in andere hineinversetzen können.

Wie kann in Schule und KiTa eine entsprechende Wertschätzung von Mehrsprachigkeit sichtbar gemacht werden?

Anstatt eines „Deutschgebots“ auf Schulhof oder im Unterricht kann zum Beispiel eine freie Sprachwahl bei Gruppen- oder Partnerarbeit angeboten werden – natürlich nur, wenn alle Beteiligten die Sprache beherrschen und einverstanden sind. Das Schulhaus kann mehrsprachig beschildert werden, Begrüßungen können in den verschiedenen Sprachen der Schüler*innen gelernt werden. Schüler*innen können sogenannte Sprachportraits anfertigen, wobei sie in die Umrisse eines Körpers alle Sprachen mit Farben malen und vorstellen, weshalb welche Sprache an welcher Stelle des Körpers verortet wurde. Sprachvergleiche können im Unterricht angestellt werden. Den Ideen sind keine Grenzen gesetzt und sie sollen zu einem unterstützenden Umgang führen.

Wir, als Team von Lit4School, möchten Bücher vorstellen, die mehrsprachig sind oder Mehrsprachigkeit einbeziehen und sichtbar machen. Diese Bücher können in einer Leseecke zur freien Verfügung stehen, vorgelesen werden – auch unter Einbezug von Eltern – und gemeinsam besprochen werden. 

Hier eine Auswahl unserer Bücher, die sich mit Mehrsprachigkeit beschäftigen:

Mehrsprachige Bilderbücher:

Romane über Mehrsprachigkeit: 

— Anne Seeger


Wenn Sie an deutschsprachige Lyrikerinnen denken, wer fällt Ihnen ein? Wie viele Autorinnen konnten Sie nennen? Und: ist von Droste-Hülshoff eine von Ihnen? 

Annette von Droste-Hülshoff wurde 1797 auf dem Wasserschloss Hülshoff nahe Münster als zweites von vier Kindern in eine angesehene, westfälische Adelsfamilie geboren. Über Generationen war diese maßgeblich an der politisch-geistlichen Führung des Landes beteiligt gewesen. Zum Ende des 18. Jahrhundert bröckelte die Macht der Fürstentümer in Folge der französischen Revolution jedoch auch in Deutschland. Zu von Droste-Hülshoffs Lebzeiten war die Autorin deutlich weniger bekannt als sie es heute ist, obwohl ihre literarische und musikalische Begabung früh erkannt und gefördert wurde. Ihre erste halb-anonyme Veröffentlichung des Gedichtbandes 1838 war ein Misserfolg mit nur 74 verkauften Exemplaren- den Zeitgenos*innen erschien die schreibende adelige Frau als unschicklich. Doch von Droste-Hülshoff schrieb weiter. Ihr literarisches Werk gewann erst im „Kulturkampf“ der 1870er Jahre (20 Jahre nach ihrem Tod) an Bedeutung, in welchem sie – mit den Attributen „katholische“ und „westfälisch“ versehenen – zur Gallionsfigur stilisiert wurde. So erklärte man sie zur „größten deutschen Dichterin“, was ihr wissenschaftliches Interesse und einen prominenten Platz in der Literaturgeschichte, aber auch Fehldeutungen ihres Werkes einbrachte.

Die vielfältige Literatur von Droste-Hülshoffs verbindet Romantik, Realismus und Biedermeier. Ihre eigene Ambivalenz ihrer weiblich-ständischen und ihrer dichterischen Rolle gegenüber prägt fast all ihre Arbeiten und trägt sehr zu ihrer Wirkung bei. Heute ist Annette von Droste-Hülshoff als eine der wenigen Frauen fest im Literaturkanon etabliert. Anna Bers schreibt hierzu im Nachwort ihrer Anthologie Frauen I Lyrik: „Kanones, die meist nach verborgenen, aber machtvollen Normen gebildet werden, kann man am besten durch empirische Untersuchungen beschreiben […] Ein wertvolles und umfangreiches Datenprojekt hat Hans Braam verfolgt: Bei einer Auswertung von über 75.000 Texten findet sich an 63. Stelle der am häufigsten anthologisierten Texte Annette von Droste-Hülshoffs „Knabe im Moor“– als erstes Gedicht einer Autorin. Davor finden sich 23 Gedichte von Goethe.“

Lit4School stellt das Gedicht „Am Turme“ von Droste-Hülshoff vor. Dieses ist im Winter 1841/1842 auf der Meersburg am Bodensee entstanden und reflektiert in vier Strophen die gesellschaftliche Stellung der Frau, beschäftigt sich mit dem Gedankenexperiment „ein Jäger auf freier Flur zu sein“ und kann daher als emanzipatorischer Text gelten. Als Projekt, das durch seine Auswahl von Texten für Schulen ebenfalls zur Kanonisierung beiträgt, versuchen wir scheibenden Frauen* eine Plattform zu geben, damit sie gleichberechtigt gelesen werden. Das zeigt sich mitunter am angegebenen Kontext „Weibliche Stimme“, unter welchem Sie Texte von Frauen finden. 

Annette von Droste-Hülshoff hat erreicht, was auch heute noch längst nicht die Normalität ist – als schreibende Frau im literarischen Kanon etabliert zu sein. Von Droste-Hülshoffs Biografie zeugt von einem schriftstellerischen Selbstbewusstsein, das sie trotz hegemonialer Macht auf dem Feld der Literatur nicht davon abhielt zu schreiben. Uns bleibt, unsere Kanones zu hinterfragen und sie um die vielfältigen, interessanten Texte zu erweitern, die bereits von Frauen* geschrieben wurden und werden.

— Anne Seeger

Buchempfehlung: Anna Bers: Frauen | Lyrik. Reclam 2020.


„Die Gefahr einer einzigen Geschichte“ oder „The danger of a single story“ – der so betitelte Vortrag der nigerianischen Schriftstellerin Chimamanda Ngozi Adichie ist mit fast 9,5 Millionen Aufrufen auf youtube (Stand November 2021) eines der am meisten gesehenen Videos einer TEDx-Konferenz.

Von welcher Geschichte erzählt die Autorin? Adichie schrieb schon als Kind Geschichten. Geschichten, in denen zunächst ausschließlich weiße Menschen des globalen Nordens vorkamen und das, obwohl sie selbst nie außerhalb Nigerias gewesen war. Denn die Protagonist*innen ihrer Geschichten ähnelten den Figuren, die sie selbst aus ihren Kinder- und Jugendbüchern kannte.

Als Adichie zum ersten Mal ein Buch des nigerianischen Schriftstellers Chinua Achebe liest, macht sie eine bestärkende, augenöffnende Entdeckung: Figuren, die ihr Leben widerspiegeln, die ihr ähnlich sind und sie repräsentieren. Adichie weist anhand weiterer Beispiele daraufhin, wie iel Macht Geschichten haben und welche Gefahr damit einhergeht, wenn nur eine Perspektive beziehungsweise eine Erzählung über eine Region oder Gruppe an Menschen gelesen oder gehört wird: die – der Realität innewohnende – Komplexität wird zugunsten von Stereotypen und Vorurteilen aberkannt.

Wie können wir dieser „einzigen Geschichte“ entkommen und unseren Blick weiten? Wir brauchen neue Geschichten und diverse Erzählungen. Und aus diesem Grund sollten Gruppen, die weniger gesellschaftliche Macht haben, zum Beispiel Migrant*innen, Schwarze Menschen oder Personen mit Behinderung, die Möglichkeit bekommen, ihre Geschichten zu teilen. Und wo, wenn nicht im Kindergarten oder in der Schule wäre ein geeigneter Ort, an dem wir lernen, zuzuhören und zu erzählen, diese verschiedenen Geschichten zu lesen und zu schreiben?

Seit der Tötung George Floyds im Mai 2020 und den sich anschließenden Protesten zum Thema „Black Lives Matter“ bekomme das Thema Rassismus und Anti-Diskriminierung in der Bildung endlich auch in Deutschland mehr Aufmerksamkeit, so die Literaturwissenschaftlerin Élodie Malanda und die Pädagogin und Kulturmittlerin Sarah Berg.  In ihrem Vortrag „Wie es beginnt- Racial Diversity im Kinder- und Jugendbuch“, der am 21. Oktober im Haus des Buches in Leipzig stattfand, stellten sie Bücher vor, die eine positive, selbstermächtigenden Wirkung erzielen können. Sie schlugen Literatur vor, die dazu beitragen soll, dass alle Kinder sich in Figuren mit selbstbewusst handelnden und fordernden Akteur*innen wiedererkennen.

Wie wählt man nun als Pädagog*in Bücher aus?  Hier liefert die „Fachstelle Kinderwelten für vorurteilsbewusste Bildung und Erziehung“ Prüffragen, um Kinderbücher besser einschätzen zu können. Die Fragen können anregen den aktuellen Kanon zu überdenken und bewusste Neuanschaffungen zu tätigen:

  1. Welche Kinder finden sich mit ihrer Familienkultur – ihren Sprachen, Festen, Alltagsabläufen, Wohnformen, Interessen, Äußerlichkeiten wieder? Welche nicht?
  2. Welche Personen haben (k)eine aktive Rolle?
  3. Wer wird als „normal“ dargestellt? Wer muss seinen Wert beweisen?
  4. Liegen der Charakterisierung einzelner Menschen Vorurteile über bestimmte Gruppen zugrunde?
  5. Auf wessen Kosten funktionieren die Witze oder die „Moral von der Geschichte“?

Lit4School versucht die Suche nach den neuen, diversen Geschichten zu vereinfachen. Wie unser Blogbeitrag aus dem Juli 2021 dargelegt, ist es Lit4School ein Anliegen Gegenstände für den Literaturunterricht vorzuschlagen, die bisher keine oder nur wenig Berücksichtigung gefunden haben. Das zeigt sich unter anderem in unserem Auswahlkriterium „Diversität“.

Denn Bücher haben eine große Bedeutung:  Kinder machen sich durch das Betrachten und Lesen ein Bild von sich, von anderen Menschen und der Welt. Wie erstrebenswert scheint es da, wenn die uns umgebende reale Vielfalt auch in Kinder- und Jugendbüchern sichtbar(er) wird.

— Anne Seeger


Gesund durch Schule?

Deutsch · 26 Juli 2021

“Schule gefährdet die Gesundheit.” – So lautet ein witzig gemeinter Ausspruch, den man manchmal auf Tassen oder Schlüsselanhängern lesen kann. Wirft man einen Blick auf die Statistiken psychischer Beschwerden von Schüler:innen und Lehrkräften der letzten Jahre, scheint sich dieser Eindruck zu bestätigen. Damit sich daran etwas ändert, muss psychische Gesundheit an Schulen stärker thematisiert werden. Aber hat dieses Thema im Unterricht überhaupt einen Platz? 

Die WHO definiert psychische Gesundheit als einen Zustand „des Wohlbefindens, in dem eine Person ihre Fähigkeiten ausschöpfen, die normalen Lebensbelastungen bewältigen, produktiv arbeiten und einen Beitrag zu ihrer Gemeinschaft leisten kann“. Dieser Zustand wird nicht allein von individuellen Merkmalen beeinflusst. Auch soziale Verhältnisse und die Umgebung eines Menschen wirken sich auf seine psychische Gesundheit aus. Schule kann als Ort der Interaktion und des Lernens also wesentlichen Einfluss auf die psychische Gesundheit nehmen. Demensprechend positioniert sich die Konferenz der Kultusminister:innen (KMK) in ihrem Beschluss vom 15. November 2012: Gesundheitsförderung und Prävention seien Aufgabe der Schule und zentraler Bestandteil von Schulentwicklung.

Gesundheit soll also offiziell zum Thema an Schulen werden, in die sächsischen Lehrplänen ist sie bereits aufgenommen worden. Gesundheitserziehung gilt in der Grundschule als Bildungs- und Erziehungsziel. Schüler:innen „erkennen ihre Verantwortung für die eigenen Gesundheit […] und nehmen diese Verantwortung innerhalb und außerhalb der Schule wahr.“ (SSK 2019: VII) So sollen beispielsweise die gesundheitlichen Auswirkungen vom eigenen medialen Nutzungsverhalten eingeschätzt werden (vgl. SSK 2019: 27). In den Curricula weiterführender Schulen muss man eher am Anfang der Lehrpläne suchen. Der thematische Bereich Gesundheit soll hier neben Bereichen wie Medien oder Umwelt durch fächerverbindenden Unterricht vermittelt werden. Wie Gesundheit in den jeweiligen Fachunterricht – in unserem Fall Deutsch – eingebunden werden kann, bleibt allerdings offen, und das, obwohl Dringlichkeit geboten ist: 20 Prozent der 13- bis 18-Jährigen haben psychische Gesundheitsprobleme. Die Förderung psychosozialer Gesundheit bei Kindern und Jugendlichen durch Schule könnte aber ihre Widerstandskraft gegen negative Einflüsse, die sogenannte Resilienz, erhöhen. Damit könnte psychischen Erkrankungen vorgebeugt werden. 

Doch wie kann Unterricht im Allgemeinen und Deutschunterricht im Besonderen einen Beitrag zur psychischen Gesundheit leisten? Zunächst spielen übergeordnete Faktoren eine Rolle, wie ein vertrauensvolles Unterrichtsklima, eine gute Beziehung zwischen Lehrkräften und Schüler:innen, transparente, als gerecht empfundene Notengebung und ein guter Klassenzusammenhalt. All das kann zu einem Zugehörigkeitsgefühl beitragen, das sich positiv auf die psychische Gesundheit auswirkt. Es können kleine Übungen als Rituale eingebaut werden, die den Fokus auf die Körper- und Atemwahrnehmung legen. In der Interaktion mit der einzelnen Person gilt es als Lehrkraft, die Gefühle des Gegenübers wahrzunehmen und zu tolerieren. Ein „Über die Note musst du doch nicht traurig sein“ kann den emotionalen Zustand des betroffenen Kindes in den seltensten Fällen ändern, die Emotionen sind nun einmal da. Diese und weitere Ideen liefert das Buch Wache Schule. Mit Achtsamkeit zu Ruhe und Präsenz. Für den Deutschunterricht bietet sich zudem die Möglichkeit, gezielt Bücher auszuwählen, in denen es um Achtsamkeit und um den Umgang mit Gefühlen geht. 

happy schult Sinneswahrnehmungen und kann deshalb auch gut im Sachunterricht aufgegriffen werden. 

Die Gebrauchsanweisung gegen Traurigkeit zeigt auf, dass man Traurigkeit am besten einfach hinnimmt und so weiter macht wie sonst auch – bis sie irgendwann von allein weggeht. 

Ich und meine Angst erklärt mit einer liebevollen Geschichte, dass alle Kinder Ängste haben und es hilft, über sie zu sprechen und sie als Begleiter zu akzeptieren. 

Um das Thema psychische Gesundheit authentisch zu vermitteln, steht die eigene psychische Gesundheit an erster Stelle. Die Potsdamer Lehrerstudie 2006 hat mit 30% eine erschreckend hohe Burnout-Rate bei Lehrkräften festgestellt, deren Größenordnung spätere Studien bestätigt haben. Für gesunde Kinder braucht es eine gesunde Lehrkraft. 

Wenn Sie als Lehrkraft etwas für Ihre psychische Gesundheit tun möchten, bietet das Zentrum für Arbeit und Gesundheit Sachsen Coachings und Beratungen für Lehrkräfte zu individuellen Belastungssymptomatiken an, die der Schweigepflicht unterliegen.

— Maren Petrich


  1. Eine Sternstunde 

1927 veröffentlichte Stefan Zweig erstmals eine Sammlung historischer Miniaturen unter dem Titel Sternstunden der Menschheit. In diesen Sternstunden gilt es, das Schicksal beim Schopfe zu packen. Stefan Zweig kennzeichnet sie wie folgt: „Solche dramatisch geballten, solche schicksalsträchtigen Stunden, in denen eine zeitüberdauernde Entscheidung auf ein einziges Datum, eine einzige Stunde und oft nur eine Minute zusammengedrängt ist, sind selten im Leben eines Einzelnen und selten im Laufe der Geschichte.“

Würde die historische Zeit der Analysen Stefan Zweigs nicht nach dem Ersten Weltkrieg enden, der 20. Juli 1944 wäre aufgenommen worden – als Datum einer Sternstunde der Menschheit, eines Möglichkeitsmoments menschheitlicher Tragweite. Am 20. Juli 1944 versuchten Offiziere der Wehrmacht, Hitler während einer militärischen Lagebesprechung durch eine Bombe zu beseitigen. Das Attentat misslang. Hitler überlebte; die am Attentat Beteiligten wurden entweder wenig später vom Nazi-Regime ermordet oder begingen Suizid; das Regime war nicht gestürzt; der Krieg wurde noch fast ein Jahr fortgesetzt. Und dennoch blitzte in der Explosion der Bombe, die Hitler töten sollte, das Licht eines Widerstandes auf, der in gesellschaftlichen Sphären zu Hause war, in denen man ihn nicht erwartet: innerhalb einer – vielfach adligen – militärischen Führungsriege. Die Unterstützer*innen unterhielten Kontakt zum sogenannten Kreisauer Kreis um Helmuth James Graf von Moltke. Einige Namen mögen stellvertretend für die 200 Todesopfer stehen, die aus den Reihen der Attentäter*innnen und ihrer Helfer*innen zu beklagen sind: Claus Schenk Graf von Stauffenberg, Friedrich Olbricht, Henning von Tresckow, Ludwig Beck.

2. Von Fragen und Zweifeln

Wenn wir Heutige am 20. Juli der Widerstandskämpfer*innen gedenken, schwingt in jenem Gedenken immer wieder auch ein fragendes Zweifeln mit. Vielleicht fragen wir: Warum kam es erst 1944 zum Anschlag? Durch welche Verbrechen mussten sich die unmittelbaren Attentäter auszeichnen, damit sie in die Position kamen, an einer Lagebesprechung mit Hitler teilnehmen zu können? Was sollte an die Stelle des Nationalsozialismus treten? – Zahlreiche Arbeiten widmen sich solchen Fragen. Wir können zum Einstieg in die Thematik die Materialien der Stiftung 20. Juli sowie der Bundeszentrale für politische Bildung empfehlen. Eine neue Biografie des Attentäters Stauffenberg von Thomas Karlauf ist 2019 erschienen.

3. Auseinandersetzung im Unterricht

Wie könnten Auseinandersetzungen mit den historischen Ereignissen, die am 20. Juli 1944 kulminierten, im Deutschunterricht aussehen? Eine Möglichkeit wäre, den Weg rückwärts zu gehen, ausgehend vom grundgesetzlich garantierten Widerstandsrecht (Art. 20 Abs. 4) hin zum Widerstand der Kämpfer*innen des 20. Juli. Wogegen ist Widerstand gefordert? Wofür setz(t)en sich die Widerständigen ein? An welchen Stellen ist auch heute Widerstand nötig? Die Diskussionen könnten frei oder auch literarisch gebunden stattfinden, der Schulkanon böte beispielsweise: Kleists Michael Kohlhaas oder Antigone (sowohl die des Sophokles als auch die des Anouilh). Johannes Herwigs Jugendroman Bis die Sterne zittern setzt sich mit den Leipziger Meuten auseinander, jugendlichen Widerstandsgruppen. Der Roman bietet vielfältige Anknüpfungspunkte zur Lebenswelt von Schülerinnen und Schülern und eignet sich für eine Diskussion über Möglichkeiten des Widerstands in der Klassenstufen 9.

Eine andere Möglichkeit könnte den Ausgangspunkt einer Befassung mit dem 20. Juli 1944 in den unterschiedlichen Rezeptionsweisen nehmen: Zeitgenossenschaft, Nachkriegszeit in West wie Ost, wiedervereinigtes Deutschland. So exemplifiziert Walter Kempowski in einem Artikel in der ZEIT vom 8. Juli 2004 facettenreich die Aufnahme des gescheiterten Attentats in der deutschen Bevölkerung von 1944, indem er Einblick in Briefe, Tagebücher und Erinnerungen gewährt. Und die schon erwähnte Stiftung 20. Juli hält ein reiches Archiv an Reden zum Gedenktag bereit, die einer eingehenden Lektüre harren und manches preisgeben können, über Erinnerungsarbeit und Geschichtspolitik vor allem in der Bundesrepublik.

* Liest man den anklingenden Monolog Hamlets nicht in der Schlegel-Übersetzung, stellt sich der Bezug zum hier Verhandelten ohne weiteres her. – Vielleicht auch ein Gedankenanstoß, Überliefertes nicht fraglos hinzunehmen. 

— Frieder Stange


Wie entscheiden wir eigentlich, welche Texte und Medien auf Lit4School veröffentlicht werden? Was macht einen Text geeigneter als andere? Nach welchen Kriterien gehen wir vor?

In seinem Band zu Ganzschriften im Deutschunterricht schreibt Tilman von Brand: „Jede Textauswahl für den Deutschunterricht folgt didaktischen und pragmatischen Erwägungen, ist gegebenenfalls aber auch an curriculare Vorgaben oder an die Bedeutung des Werks im Rahmen des (ungeschriebenen) Kanons gebunden“ (Klett Kallmeyer 2020). Im Wesentlichen gelten die hier beschriebenen Prozesse auch für die Textauswahl unserer Datenbank.

Lit4School sucht aber vor allem auch nach Gegenständen für den Literaturunterricht, die vielleicht bisher keine oder nur wenig Berücksichtigung gefunden haben. Unser Grundanliegen besteht darin, den literarischen Kanon für die Schule zu revidieren und zu erweitern, indem wir uns mit dieser Kanonisierung kritisch auseinandersetzen. Dabei möchten wir verschiedene Sichtweisen aus den Fachbereichen der Germanistik ebenso einbringen wie übergreifende gesellschaftliche Entwicklungen, die auch Schüler:innen in ihrer Lebenswirklichkeit beschäftigen.

Als Grundlage für unsere Literaturauswahl dienen zunächst die Bildungsstandards der KMK für das Fach Deutsch sowie die sächsischen Fachlehrpläne für die unterschiedlichen Schulformen, so dass Lehrkräfte die literarischen Einträge auch entsprechend verorten können. Hier sehen wir es für unser Projekt als Chance, dass die curricularen Vorgaben insgesamt doch eher vage formuliert sind und nur selten konkret zu unterrichtende Texte nennen.

In einem weiteren Schritt sichten wir verschiedene Empfehlungs- und Nominierungs-/Preisträgerlisten (z.B. zum Deutschen Jugendliteraturpreis), beschäftigen uns mit gesellschaftlichen Themen und Kontexten und bringen dabei stets auch persönliche Leseerfahrungen ein.

Kommt ein Text infrage, wird dessen Eignung anhand von fachwissenschaftlichen und fachdidaktischen Kriterien geprüft, die in unsere Auswahl eingehen und eine Orientierung darstellen. An dieser Stelle folgt ein Überblick über relevante Aspekte, wobei zu betonen ist, dass ein Text für Lit4School dann als geeignet angesehen wird, wenn dieser mindestens zwei Auswahlkriterien erfüllt:

Aktuelle DebattenBeschäftigt sich der Text mit gegenwärtigen Diskursen unserer Gesellschaft bzw. lassen sich bei älteren Texten Bezüge zu solchen herstellen? Werden Debatten wie z.B. #blacklivesmatter, #frauenlesen oder #fridaysforfuture aufgegriffen?
Ausgezeichnet oder nominiert für einen LiteraturpreisWurde der Text zumindest einmal oder gar mehrfach für einen Literaturpreis nominiert bzw. ausgezeichnet (z.B. den Deutschen Jugendliteraturpreis oder den Katholischen Kinder- und Jugendbuchpreis)?
Bezug zur LebenswirklichkeitNimmt der Text Bezug zu Fragestellungen, die für Schüler:innen von Bedeutung sind? Werden kinder- und jugendspezifische Themen angesprochen? Können sich Schüler:innen gut in die dargestellte Situation hineinversetzen?
Demokratie- und politisch bildendEignet sich der Text zur Förderung von demokratischem Denken und Handeln? Werden politische Probleme angesprochen? Wird emotionales Miterleben (z.B. durch Perspektivwechsel) ermöglicht?
DiversitätZeichnet sich der Text durch die Darstellung gesellschaftlicher Pluralität und Vielfalt aus? Bekommen marginalisierte Gruppen und Minderheiten eine Stimme (z.B. Menschen mit Migrationshintergrund, People of Colour, Menschen mit verschiedenen sexuellen Identitäten)?
Förderung der LesemotivationKann der Text in besonderem Maße dazu beitragen, Lesefreude und Lesemotivation zu fördern? Handelt es sich um einen Text, der einfach Spaß macht, der sich durch einen hohen Unterhaltungswert auszeichnet?
Geeignet für den fächerübergreifenden UnterrichtBietet der Text Möglichkeiten zum fächerübergreifenden Lernen? Können Bezüge zu anderen Schulfächern hergestellt werden?
InnovationsgehaltBeschäftigt sich der Text mit Themen oder Kontexten, die für seine Entstehungszeit eher untypisch sind? Ist der Text hinsichtlich seiner Themen (z.B. Aufbrechen von Tabuisierungen) oder auf der Darstellungsebene (z.B. besondere Erzählstrukturen) innovativ für seine Zeit?
InterkulturalitätErmöglicht der Text interkulturelles Lernen? Regt der Text zu Empathie und Fremdverstehen an? Oder handelt es sich um einen mehrsprachigen Text?
MedienverbundLiegt der Text in weiteren Medienformen vor, so dass mediales und ganzheitliches Lernen ermöglicht werden können? Gibt es Adaptionen, die den Unterricht bereichern können – etwa ein Hörbuch-/spiel, eine Verfilmung, eine Comic-Version?
Typisch für die EpocheSteht der Text exemplarisch für seine Entstehungszeit? Kann eine gewisse Repräsentanz bezüglich einer literarischen Epoche oder Strömung festgestellt werden? Lassen sich typische Themen, Motive oder Gestaltungsmittel nachweisen, um Schüler:innen literaturgeschichtliche Zusammenhänge zu veranschaulichen?
Neue Perspektiven auf die EpocheEröffnet der Text trotz einer literaturgeschichtlichen Repräsentanz neue Sichtweisen auf seine Entstehungszeit? Wird der Text sonst eher seltener behandelt, wenn es um eine bestimmte Epoche oder Strömung geht?
WeltliteraturHandelt es sich um einen Text, der über nationale Grenzen hinaus Bekanntheitsgrad hat – sprich Literatur, die weltweit gelesen wird?

Unsere Kriterien können und sollen natürlich auch Lehrkräften dienen, wenn es darum geht, eigene Texte und Medien für den Unterricht auszuwählen. Wie erwähnt wird es dabei nur im seltensten Fall möglich sein, einen Gegenstand zu finden, der alle Kriterien erfüllt oder bei dem gar alle der aufgeführten Fragen positiv beantwortet werden können. In der nächsten Zeit möchten wir einige der genannten Kriterien näher vorstellen und die dahinterstehenden Konzepte näher erläutern, um ein besseres Verständnis für unsere Prozesse der Textauswahl zu ermöglichen.

Fernab davon freuen wir uns auch über Vorschläge von unseren Nutzer:innen. Sind Sie Lehrkraft, Elternteil oder Schüler:in? Ist Ihnen in letzter Zeit ein literarischer Text begegnet, den Sie gerne für die Schule empfehlen würden? In der oberen rechten Ecke unserer Seite können Sie einen „Eintrag vorschlagen“. Wir freuen uns über neue Beiträge!

— Nils Rosenkranz


Literatur ist Medium der Verständigung zwischen Menschen. Der Literaturwissenschaftler Gottfried Willems charakterisierte in diesem Sinn die zentrale Aufgabe der Literatur als „wertende Verständigung über Werte“. Lit4School sammelt Literatur, die insofern wertend ist, als sie ausspricht oder zu erkennen hilft, dass keine Wertunterschiede zwischen Menschen bestehen, auch wenn diese noch so verschieden sind. Aus Anlass des Christopher Street Days (CSD) stehen literarische Beispiele im Fokus, die sich der Vielfalt sexueller Identitäten und Rollen zuwenden, literarische Beispiele, die Probleme zum Thema machen, die Menschen erwachsen, die einer vermeintlich natürlichen Norm zuwiderhandeln. 

Der Christopher Street Day ist den Stonewall-Aufständen in den 1960er Jahren entwachsen, als sich LGBT-Personen gegen die Polizeiwillkür in den USA zur Wehr setzten. Seitdem finden jedes Jahr weltweite Aktionen zwischen Juni und August statt, um für Gleichberechtigung und gegen Diskriminierung queerer Menschen zu demonstrieren. Für jede*n, der*die Interesse hat, mehr darüber zu lesen, seien zwei Angebote empfohlen: Zum einen die biedere Darstellung dessen, was der Fall ist: Sie liefert die Bundeszentrale für politische Bildung. Zum anderen eine der vielen Aktionsseiten, hier die des CSD Leipzig, die Auskunft über Projekte, Demos und Forderungen gibt.

Lit4School möchte an dieser Stelle Texte empfehlen, in denen Probleme verhandelt werden, auf die der Christopher Street Day aufmerksam macht. Es werden einige Beispiele aus der Lit4School-Datenbank versammelt, die Schüler*innen helfen können, sowohl eigene Identitäten auszubilden als auch über sexuelle Diversität zu sprechen.

Auf unserer Liste befinden sich u.a. zwei Rapsongs (Meine MamasQueere Tiere), Beispiele aus der Kinder- und Jugendliteratur (Alles Familie!Die Mitte der Welt), ein mittelhochdeutscher Text (Ein Adam, der ein Even hât ) und eine Autobiographie (Ich bin Linus).

Für die Vorschule/ Grundschule:

Riccardo Simonetti: Raffi und sein pinkes Tutu. Community Editions 2019.

Alexandra Maxeiner/Anke Kuhl: Alles Familie! Vom Kind der neuen Freundin vom Bruder von Papas früherer Frau und anderen Verwandten. Klett Kinderbuch 2010.

Jessica Love: Julian ist eine Meerjungfrau. Knesebeck 2018.

Für weiterführende Schulen:

Linus Giese: Ich bin Linus. Rowohlt Polaris 2020.

Sukini: Meine Mamas. 2018.

Sookee: Queere Tiere. 2017.

Kristina Aamand: Wenn Worte meine Waffe wären. Dressler 2018.

Becky Albertalli: Nur drei Worte. Carlsen 2015.

Andreas Steinhöfel: Die Mitte der Welt. Carlsen 1998.

Ein Adam, der ein Even hât. 1230.

— Frieder Stange


 Am 22. Juni 2021 erhielt Judith Schalansky den Gutenbergpreis der Stadt Leipzig. Mit dem Preis ehrt die Stadt Leipzig besondere Verdienste um das Medium Buch, insbesondere um die Förderung der Buchkunst. Judith Schalansky ist Schriftstellerin, Herausgeberin und Typographin. Ihre Bücher bilden nicht nur eine Sammlung von Textseiten, sondern eigene, kleine Kunstwerke, die gelesen, befühlt und aus unterschiedlichen Blickwinkeln immer wieder neu betrachtet sein wollen. – Einen vorzüglichen Eindruck ermöglichen: Der Hals der Giraffe (2012) oder Verzeichnis einiger Verluste (2018).

Das Buch hat eine lange Geschichte. Waren zunächst Papyrus oder Pergament die Materialien aus denen Buchseiten bestanden, wird ab dem 14. Jahrhundert auch in Deutschland das teure Pergament durch Papier als Beschreibstoff ersetzt; seit dem 15. Jahrhundert werden die Texte in Büchern mit beweglichen Lettern gedruckt und nicht mehr von Hand geschrieben; seit dem 19. Jahrhundert setzten sich Offsetdruckverfahren durch und erfahren heute zunehmend Konkurrenz durch digitale Drucktechniken. Immer häufiger findet überhaupt kein Buchdruck mehr statt, es entsteht überhaupt kein physisches Druckerzeugnis mehr: aus dem Buch wird ein E-Book, der Screen ist das neue Papier. 

Vielleicht erleben wir heute etwas, dass auch den Menschen des 15. Jahrhunderts (wenn auch nur wenigen, nämlich denen, die lesen konnten, bewusst), widerfuhr? Damals löste die gedruckte Schrift die Handschrift ab; heute verdrängt das digitale Buch das analoge, papierene Buch. Manch eine*r hält dennoch fest am Buch, hält es wert, schätzt die Haptik, den Geruch, die Eselsohren, Kaffeeflecken, das Rascheln beim Umblättern der Seiten.

Das Team von Lit4School hat sich gefragt, wie seine einzelnen Mitglieder zum Buch stehen: Lesen sie noch im gedruckten Buch aus Papier? Oder hat das Wischen auf einem E-Book-Reader das Umschlagen von Seiten abgelöst? Sind Literaturliebhaber*innen immer auch Bibliophile, also Buchliebhaber*innen?

Frieder Stange: Ich bin Buchleser, nahezu ausschließlich. Ich erlebe es immer wieder, dass es für mich leichter ist, Gelesenes abzuspeichern und zugleich präsent zu halten, wenn ich in einem Buch und nicht nur am Bildschirm gelesen habe. Wenn ich darüber nachdenke, warum das so ist, finde ich natürlich keine eindeutige Antwort. Sicher spielt die Gewöhnung eine Rolle. Allerdings habe ich den Eindruck, dass es mir hilft, mich an Gelesenes zu erinnern, wenn ich es ‚räumlich‘ verorten kann: dieses war relativ am Anfang, da war der Stapel gelesener Seiten noch klein, jenes war am Ende, aber auf einer linken Seite, relativ weit oben, ich musste gerade blättern, bevor ich es lesen konnte. So oder so ähnlich könnte ein Informationspuzzle zu einer bestimmten Textstelle zusammengesetzt sein.

Prof. Dr. Silke Horstkotte: Ein persönliches Bekenntnis: ich habe eine große Schwäche für schöne gedruckte Bücher! In meiner Schulzeit habe ich in der Buchbinder-AG selber Bücher gebunden. Wenn ich heute ein Buch mit Fadenheftung in Händen halte, bekomme ich schwache Knie. Besonders liebe ich die Bände der Anderen Bibliothek (auch wenn die inzwischen nicht mehr von Hand gesetzt werden) und die schön gestalteten Bücher aus dem Berenberg- und aus dem Guggolz-Verlag. 

Dr. Karolin Freund: Wenn ich vor meinem Bücherregal stehe und ein Buch herausgreife, kann ich mich oft nur noch an Bruchstücke des Inhalts erinnern. Aber ich weiß noch genau, was mich bewegt hat, an welchem Ort ich es gelesen habe, wer es mir geschenkt hat. Bücher sind somit viel mehr als Staubfänger, die Platz wegnehmen: sie sind mit Lebensabschnitten fest verbundene Erinnerungsstücke.

Nils Rosenkranz: Gedruckte Bücher haben für mich einen ganz besonderen Charme. Es ist doch einfach etwas Schönes, ein Buch anzufassen, den eigenartigen Geruch wahrzunehmen, sich von Seite zu Seite zu blättern. Auch mich erinnern Bücher an konkrete Lebenssituationen, wenn ich sie im Regal sehe. Man kann es dann in die Hand nehmen und erneut eintauchen, sich erinnern. Manchmal fällt dabei auch etwas Sand oder ein als Lesezeichen umfunktioniertes Reiseticket zwischen den Seiten heraus. Mit digitalen Büchern konnte ich bislang noch nicht ganz so viel anfangen, auch wenn ich deren Vorzüge sehe.

Joachim Kern: E-Books spielen für mich nur als preisgünstige Alternative in der Fachliteratur eine Rolle. Belletristik funktioniert für mich nur in der klassischen Buchform. Ich möchte den Fortschritt in meiner Lektüre unmittelbar sehen, schnell auf eine zurückliegende Passage zurückblättern können. Ähnlich wie Frieder fällt mir die Erinnerung an gedruckte Seiten leichter und genau wie Nils liebe ich es, kleine Souvenirs oder Widmungen in Büchern wiederzuentdecken.

Katharina Kraus: Bücher sind treue Begleiter. Das Haus zu verlassen ohne ein Buch, ist selten eine gute Entscheidung. Zum Lesen und zu Eigenmachen braucht es einen Bleistift. Aber schöne Ausgaben, muss ich vorsichtig lesen, denn Buchrücken, denen man das Gelesen-Worden-Sein ansieht, eingerissene Schutzumschläge oder gewelltes Papier sind schmerzhaft anzusehen.  


Mascha Kaléko wird am 7. Juni 1907 im heutigen Polen, damals Österreich-Ungarn, als Kind jüdischer Eltern geboren. 1975 stirbt sie in der Schweiz. Für ihr Leben sind, wie für viele Jüdinnen und Juden dieser Zeit, Flucht, Exil, Tod und Verlust, Heimat und Heimatlosigkeit prägende Wirklichkeit. Vieles davon findet sich verarbeitet in ihren Gedichten, manches direkt, anderes nur angedeutet.

In knapper, einfacher Form etwas sagen, das ist ihre Sache. Die Gedichtsammlung, mit der sie 1933 für literarisches Aufsehen sorgt, heißt nicht von ungefähr Das lyrische Stenogrammheft. – Ein ungewöhnlicher Titel. Einer, der fehl am Platz wirkt. Gehen wir ihm wörtlich nach, landen wir bei ‚Stenographie‘. Das Wort setzt es sich aus den griechischen Ausdrücken für ‚eng‘ und ‚ritzen/schreiben‘ zusammen. Anfänglich befremdet, können wir uns nun sagen: Wie passend für die Dichtkunst! Wie natürlich der Transfer aus dem Büro auf das Cover eines Gedichtbändchens!

Es verwundert nicht, wenn Mascha Kalékos Gedichte dieser Schaffensperiode der Neuen Sachlichkeit zugeordnet werden, einer, wenn nicht gar der prägendsten Kunstrichtung der Weimarer Republik. Sowohl in der bildenden Kunst als auch in der Literatur vollzieht sich eine Hinwendung zur nüchternen Darstellung dessen, was (sichtbar) ist. Beobachtung der sie umgebenden Wirklichkeit ist die Grundvoraussetzung auch für Mascha Kalékos Gedichte, Mitteilung der Beobachtungen ihr Ziel. Mascha Kaléko selbst schreibt in einem Gedicht mit dem Titel Kein Neutöner gewissermaßen das poetische Programm dazu. In der letzten Strophe heißt es dort: Weiß Gott, ich bin ganz unmodern, / Ich schäme mich zuschanden: / Zwar liest man meine Verse gern, / Doch werden sie – verstanden! – Bei diesem, ganz unmodernen Verstehen könnte eine Beschäftigung mit ihren Gedichten im Deutschunterricht ansetzen. Nahezu jede*r findet in ihren Gedichten Greifbares, Situationen, die auch der eigenen Erfahrung entnommen sein könnten, Gedanken, von denen Leser*innen meinen, es seien eigene, für die bisher nur die Worte fehlten. Indem Leser*innen etwas von Mascha Kalékos Gedichten verstehen, lernen sie die Zeit zwischen den Weltkriegen, vor allem die Großstadt der Weimarer Republik und ihre Menschen mit den Augen Mascha Kalékos sehen. So eröffnet sie, gleichberechtigt neben Erich Kästner, Kurt Tucholsky und anderen, meist männlichen Autoren, neue Blickfelder auf eine Zeit und ihre Gesellschaft, die uns bis heute zu denken geben sollte.  

Auch wenn Mascha Kalékos Gedichte schon allein genug Gelegenheiten des Nachdenkens und Innehaltens bieten, wagen wir noch einen Blick über den Tellerrand, oder vielmehr: wir wagen zu hören. Dota Kehr, man könnte sie wohl am ehesten als Liedermacherin bezeichnen, nimmt sich einiger der Gedichte Mascha Kalékos an und vertont sie. Herausgekommen ist dabei ein 2020 veröffentlichtes Album mit dem schlichten Titel Mascha Kaléko. Großstadtlyrik: karg, analytisch – und dennoch lyrisch-musikalisch.

Wenn Hörer*innen Mascha Kalékos Gedichte lesen, wenn Leser*innen Dota Kehrs Lieder hören – dann findet Aneignung von Lyrik geradezu in ursprünglicher Form statt. Dota Kehr tritt den Beweis an, dass Mascha Kaléko in ihren Gedichten lebt, dass ihre Gedichte bis heute berühren, dass ihre Gedichte nicht zeitlos sind, sondern gerade heute an der Zeit sind.

–Frieder Stange


Vergiß / die Härte / Verzeih / das Übel – Die Dichterin dieser Worte heißt Rose Ausländer. In einer jüdischen Familie wurde sie vor 120 Jahren, am 11. Mai 1901, als Rosalie Beatrice Scherzer geboren. Ihr Geburtsort Czernowitz, Hauptstadt der Bukowina, war sprachlich und kulturell plural, geprägt und belebt von Menschen verschiedener Ethnizitäten. Rund ein Drittel der Bewohner*innen zu Beginn des 20. Jahrhunderts waren jüdisch. Die meisten von ihnen sprachen Deutsch. Heute in der Ukraine gelegen, gehörte Czernowitz bis zum Ersten Weltkrieg zu Österreich-Ungarn, bis 1940 zu Rumänien, nach dem Zweiten Weltkrieg zur Sowjetunion. Bekannt ist Czernowitz als Herkunftsort bedeutender Dichter*innen und Denker*innen: Paul Celan, Rose Ausländer, Ariadne Löwendal, Selma Meerbaum-Eisinger. Weil sie Vertriebene, Flüchtende und gezwungen waren, sich immer wieder neu zurechtzufinden, wurden sie, wie die Literatur- und Kulturwissenschaftlerin Amy-Diana Colin schreibt, „geistige Mittler zwischen den Kulturen“. 

Rose Ausländers Lebensweg ist kein geradliniger, sondern einer der Sprünge, Gefahren, Wirrnisse und der Krankheit. Geradezu beispielhaft vereint ihre Familie Ostjüdisches (väterlicherseits) und Westjüdisches (mütterlicherseits) miteinander, treffen orthodoxe Traditionen mit der bildungsbürgerlichen Moderne zusammen. Früh beginnt Rose Ausländer, sich mit Philosophie und Literatur zu beschäftigen, setzt dies auch im Rahmen ihres Studiums fort. 1921 wandert sie in die USA aus, kehrt 1931 aber, um ihre kranke Mutter zu pflegen, nach Czernowitz zurück. Hier überlebt sie die NS-Zeit im Ghetto und in ständiger Angst vor Deportation. Nach dem Krieg verlässt sie Czernowitz, kehrt wieder in die USA zurück. Doch auch dort bleibt sie nicht für immer. Düsseldorf wird schließlich ihre letzte Station. Nach langer Krankheit stirbt sie 1988. Unzählige Gedichte bleiben der Nachwelt erhalten. Zeugnisse einer nur noch in Worten existierenden Welt.     

Der schmale Gedichtband Brief aus Rosen trägt auf dem Titel ein Gemälde von Alexej von Jawlensky: Brauntöne, Ocker, etwas Weiß und wenige schwarze Linien lassen ein Gesicht entstehen, bei dem der Bildtitel Stummer Schmerz sofort einleuchtet.

Frage

Wind mischt Farben

Ich suche mein

Gesterngrün

Im verwandelten Wald

Rose Ausländers Gedichte, vor allem ihre späten, erscheinen oft wie die sprachliche Fassung von Bildern. Besonders Assoziationen zu Gemälden von Alexej von Jawlensky und Marc Chagall drängen sich auf. Neben der Recherche über Czernowitz und seine kulturelle Vielfalt bietet sich auch der Dialog von Bild und Text als Ausgangspunkt für eine Unterrichtseinheit zu Rose Ausländer an.

Wir empfehlen:

— Frieder Stange


Es gibt Gedenktage, die in Deutschland kaum jemand kennt. Der Gedenktag an den Aufstand im Warschauer Ghetto, der am 19. April 1943 begann, ist vermutlich solch einer. Wenn die Geschichte des Warschauer Ghettos heutzutage und hierzulande ins Bewusstsein tritt, dann wohl meist im Zusammenhang mit dem ikonisch gewordenen Kniefall Willy Brandts im Dezember 1970. 

Erinnerungen an die Shoah sind selten Erinnerungen an jüdischen Widerstand. Dass es ihn gab, beweisen unter anderen die Ereignisse zwischen April und Mai 1943 im Ghetto der Stadt Warschau. 27 Tage leisteten bewaffnete jüdische Untergrundkämpfer*innen erbitterten Widerstand gegen die Deportation der zu diesem Zeitpunkt wohl 70.000 Insassen des Ghettos in die Arbeits- und Vernichtungslager im Osten. Auch wenn der Aufstand nach einem Monat niedergeschlagen und das Ghetto dem Erdboden gleichgemacht wurde, nahezu alle Beteiligten und Bewohner*innen des Ghettos unmittelbar ermordet oder deportiert wurden, macht er Hoffnung, weil er zeigt, wozu Mut und Solidarität Menschen befähigen können. 

Wie kann man Schülerinnen und Schülern die Annäherung und die Auseinandersetzung mit diesem Thema ermöglichen? Lit4School meint naheliegender Weise: Indem Kinder über und von dieser Zeit lesen! Zwei Kinder- bzw. Jugendbücher stehen hier für viele andere. Das eine erschien 2015 und heißt Flügel aus Papier; das andere heißt Die toten Engel und ist einige Jahrzehnte älter, es erschien 1963. 

Zuerst zu dem Buch für die Jüngeren. Der Held und Ich-Erzähler in Marcin Szczygielskis Flügel aus Papier heißt Rafal, er wohnt bei seinem Großvater; dass sie im Ghetto leben, erschließt sich Leser*innen nur, wenn sie historische Vorkenntnisse mitbringen, der Erzähler erzählt nur, was er weiß, und sein Horizont ist der eines Kindes im Grundschulalter. Selbst schlimmste Ereignisse wie die Deportation seiner Eltern erfasst er nicht, aber seine Unwissenheit lässt ihn leben. Er glaubt seine Eltern auf einer Reise, für ihn geht das Leben weiter und er kann feststellen: Das ist also kein Grund zu Traurigkeit, sondern zur Freude. Da aber auch Rafal merkt, wie schrecklich seine Umgebung ist, entflieht er der Wirklichkeit, indem er auf den Flügeln aus Papier immer wieder in eine bessere Welt, eine zukünftige, schwebt. Wer glaubt ihm also nicht, wenn er sagt: Die Bibliothek ist mein Lieblingsort im ganzen Bezirk? – Ein aktueller Eintrag zu diesem Kinderbuch bei Lit4School ist in Arbeit!

Die toten Engel von Winfried Bruckner konfrontiert im Gegensatz dazu die Leser*innen sofort mit der harten Wirklichkeit. Friedhofsnachschub, so werden die neu im Ghetto Ankommenden genannt. Schwach, ausgehungert, krank, schleppen sie sich ins überfüllte Warschauer Ghetto. Erzählt wird von Menschen, die trotz der Grausamkeiten ihrer Umgebung ihre Menschlichkeit nicht verlieren: Eine Kinderbande um den Anführer Lolek schmuggelt Essen über die Mauer des Ghettos, verliert sich aber auch in den Geschichten eines Mädchens namens Wanda; Doktor Lersek hilft unbeirrt den Schwächsten und versucht, eine Typhusisolierstation einzurichten; schließlich bildet der bewaffnete Widerstand einen letzten Ausweg. 

Beide Romane erzählen nicht Wirkliches, sondern Mögliches. Es sind fiktionale Texte, aber solche, die auf eine konkrete historische Situation Bezug nehmen: auf die Geschichte des Warschauer Ghettos. Eine Beschäftigung mit diesen Büchern ist also eine besondere Form der Auseinandersetzung mit Geschichte. Lehrer*innen, die sich mit der Geschichte des Aufstandes und des Warschauer Ghettos näherhin in historischer Perspektive beschäftigen wollen, sei das frei verfügbare Bulletin des Fritz-Bauer-Instituts zum 70. Jahrestag des Warschauer Gettoaufstands ans Herz gelegt. 

— Frieder Stange und Anne Seeger


Zum fünfzigsten Mal wird 2021 der Internationale RomaDay begangen, der die vielfältige Kultur der Roma und Sinti sichtbar machen und für antiziganistische Diskriminierung sensibilisieren soll. Auch im Literaturunterricht können und sollen Sinti und Roma sichtbarer werden: wir empfehlen dafür die Lyrik-Anthologie Die Morgendämmerung der Worte, die 2018 in der bibliophilen Anderen Bibliothek erschienen ist und Gedichte von Sinti- und Roma-Autor*innen aus der ganzen Welt vereinigt. Auf Lit4School gibt es daraus zwei neue Einträge: zu Marianne Rosenbergs „Zwischen den Welten“ und zu dem aus dem Romanes übersetzten Gedicht „Geboren in Auschwitz, gestorben in Auschwitz„, das den Porajmos thematisiert, den NS-Genozid an den Sinti und Roma. Empfehlenswert als vorbereitende und informierende Lektüre für Deutschlehrkräfte und Literaturwissenschaftler*innen ist außerdem die Geschichte der Literatur über „Zigeuner“ von Klaus-Michael Bogdal Europa erfindet die Zigeuner, die 2011 im Suhrkamp-Verlag erschienen ist.

— Silke Horstkotte


Zwischen dem 6./7. April und Anfang Juli 1994 wurden in Ruanda schätzungsweise 1,1 Millionen Menschen ermordet, 100 Tage lang jeden Tag mehr als 10.000. Die genauen Fakten des Ruanda-Genozids sind in Deutschland wenig bekannt; eine genaue Beschäftigung im Schulunterricht lohnt auch deshalb, weil die Vorgeschichte, Planung und Durchführung ein Lehrstück über Völkermorde im 20. Jahrhundert sind. Zudem liegen literarische und filmische Verarbeitungen in deutscher und englischer Sprache vor, die im Unterricht behandelt werden können.

Zunächst die Fakten: Ruanda ist ein kleines Land im gebirgigen Osten Afrikas mit rund 13 Millionen Einwohnern und damit der höchsten Bevölkerungsdichte Afrikas. 90 Prozent der Menschen leben auf dem Land und arbeiten in der Landwirtschaft, die zumeist Subsistenzwirtschaft ist. Wie fast alle Länder Afrikas war auch Ruanda europäische Kolonie: bis zum Ersten Weltkrieg von Deutschland, dann von Belgien. Die Kolonialherren etablierten eine ethnische Differenzierung, sie machten Angehörige der vor allem in der Viehwirtschaft tätigen Bevölkerungsminderheit der Tutsi zur Oberschicht, bevorteilten sie gegenüber der vor allem im Ackerbau tätigen Bevölkerungsmehrheit der Hutu. Im Zuge einer Bevölkerungszählung ließ Belgien die ethnische Zugehörigkeit in den Pass eintragen: Aus einer vormals sozialen Hierarchie zwischen wohlhabenderen Viehbauern und ärmeren Ackerbauern war eine, sogar bürokratisch fixierte, ethnische, rassische geworden. Zu Beginn der 1960er Jahre erlangte Ruanda, wie zahlreiche andere afrikanische Staaten auch, seine Unabhängigkeit. In der Folge kam es zum Aufbau einer Mehrheitsherrschaft der Hutu und zu ersten größeren Massakern an Angehörigen der Bevölkerungsgruppe der Tutsi. 

Wir überspringen 30 Jahre, die von relativer Sicherheit und einem wirtschaftlichen und demographischen Aufschwung geprägt waren, und befinden uns nun am Anfang der 1990er – das Ende des Kalten Krieges geht auch Ruanda nicht unbemerkt vorüber. Demokratisierungsbemühungen, unterstützt vor allem von europäischen Staaten, scheinen die Machtposition des Hutu-Präsidenten Juvénal Habyarimana und seiner Anhänger zu schwächen, sodass diese zu einer brutalen Durchsetzung identitätspolitischer Anliegen greifen. Die rassistischen Gräben zwischen Hutu und Tutsi werden gezielt reaktiviert, breite Schichten der Bevölkerung machen sie sich zunutze: die Bauern aus Landknappheit, die Jugend in den Städten aus Perspektivlosigkeit – die Elite aus dem Willen zur Macht(erhaltung). Damit diese Vorteilsperspektiven zum Tragen kommen, es zur Enthemmung der Gewalt kommt, muss etwas mit den Menschen geschehen – und es geschieht. Zunächst wird der öffentliche Diskurs verändert, werden die Grenzen des Denk- und Sagbaren immer weiter verschoben, Stereotypen der Diffamierung der Tutsi in Öffentlichkeit und Medien stetig wiederholt, gesteigert und radikalisiert. In Ruanda ist dafür zu Beginn der 1990er Jahre das Radio Medium Nummer eins. Und indem die radikalsten rassistischen Meinungen, schließlich gar die Aufforderungen und Aufrufe zum Mord aus dem Radio kommen, aus dem bisher hauptsächlich staatstragende Mittteilungen tönten, sind sie gewissermaßen staatlich legitimiert, ist den Tätern letztlich Straffreiheit zugesichert: „In der agrarischen Gesellschaft war das Wort aus dem Äther die Wahrheit.“ (Lennart Laberenz)

Als am 6. April 1994 das Flugzeug des Präsidenten abgeschossen wird – die Verantwortlichen sind bis heute nicht ermittelt –, ist dies das Signal für den Beginn des Schreckens. Das Militär verteilt Granaten, junge Hutu-Männer bewaffnen sich mit Macheten, die zuvor gezielt aus China importiert wurden. Und immer sind die Stimmen der Moderator*innen aus dem Radio zu hören, die berichten, wo sich Tutsi versammelt haben – vielfach in Kirchen, auf Sportplätzen, in der Hoffnung, die Masse werde ihnen Schutz bieten –, aufrufen zum Mord, und dann wieder die Hits der 90er spielen. Rund 100 Tage lang ist die Gewalt Alltag, vor allem jugendliche männliche Hutu morden, brennen und vergewaltigen. In einem Interview berichtet ein Täter Jahre danach: „Wir haben die Tutsi nicht mehr als Menschen, nicht einmal mehr als Geschöpfe Gottes betrachtet.“ 

Hier endet der Versuch einer Annäherung an die Fakten. Das, was danach geschah und immer noch geschieht: Flucht, juristische Aufarbeitung, neue Gewalt, Krieg, erfordert, um annähernd sinnvoll und geordnet dargestellt werden zu können, weiteres Studium. Wir empfehlen interessierten Lehrkräften insbesondere das Kapitel „Rwanda’s Bones“ von Sarah Guyer in dem Band The Future of Memory.

Wie kann man sich dem schwierigen Thema Ruanda im Deutsch- oder Englischunterricht nähern? Wir empfehlen für den Deutschunterricht zwei literarische Texte von Autoren aus dem deutschsprachigen Raum, zwei Schweizern: Lukas Bärfuss und Milo Rau. Lukas Bärfuss erzählt in seinem Roman Hundert Tage eine Liebesgeschichte zwischen einem Schweizer Entwicklungshelfer und einer Hutu-Frau und fragt nach der tragischen Rolle der Entwicklungshilfe, danach, ob Ordnung nicht nur die Bedingung von Frieden, sondern zugleich auch Bedingung eines solchen Massenmords sei. Milo Rau thematisiert mit seinem Theaterprojekt Hate Radio die Rolle des Radios als Propagandawerkzeug. Er bringt den Sender RTLM auf die Bühne und stellt dort eine mögliche Sendestunde aus 1000 Stunden realem Sendematerial zusammen. Für den Englischunterricht eignet sich auch der Film Hotel Rwanda über den Hotelbesitzer Paul Rusesabagina (gespielt von Don Cheadle), der über 1200 Menschen vor den Mördern versteckte – ein ruandischer Oskar Schindler. Das ursprünglich französische Graphic Novel Deogratias liegt in englischer Übersetzung und mit einer Einleitung vor, es erzählt aus der Perspektive des Jungen Deogratias, der als Kindersoldat am Genozid mitwirkte, von den Traumata Ruandas nach dem Genozid.

— Frieder Stange


Der Internationale Transgender Day of Visibility findet jedes Jahr am 31. März statt und soll Aufmerksamkeit wecken für trans Personen, ihre Rechte und die Diskriminierung, die sie häufig erfahren. Der Transgender Day of Visibility wurde zum ersten Mal 2009 in den USA begangen und findet seit 2014 weltweit statt. In Deutschland beteiligen sich Initiativen und Vereine in zahlreichen Städten mit Aktionen, u.a. in Berlin, Freiburg, Halle, München, Stuttgart. In diesem Jahr weisen die Teilnehmer*innen besonders auf die sich international verschlechternde Rechtslage für trans Menschen hin und fordern für Deutschland die Abschaffung des veralteten Transsexuellengesetzes. So bezeichnet etwa die SPDqueer-Vizechefin Sarah Ungar den aktuellen Zustand in Deutschland als „enttäuschend, menschenverachtend und stigmatisierend. Eine progressive und mutige Entscheidung zugunsten eines menschenwürdigen Selbstbestimmungsrechts ist bisher in der Bundespolitik leider ausgeblieben.“ (Quelle) Gefordert werden unter anderem die Abschaffung des Begutachterzwangs und ein vereinfachtes Verfahren zur Namens- und Personenstandsänderung.

Lit4School empfiehlt zum Thema Trans das Memoir Ich bin Linus von Linus Giese, das aus der Innenperspektive schildert, „wie ich der Mann wurde, der ich schon immer war“ – so der Untertitel des Buchs. Auch auf Englisch haben wir Empfehlungen zu Trans Rights.

— Silke Horstkotte


Heinrich Mann

Deutsch · 27 März 2021

Heute vor 150 Jahren, am 27. März 1871, wurde der Schriftsteller Heinrich Mann geboren. Ein Blick auf und in sein umfangreiches Werk lässt Erstaunliches zu Tage treten. In einer Zeit als deutschtümlich, kaiserlich und militaristisch Kernmerkmale der Geisteshaltung vieler deutscher Intellektueller waren, wendet er sich Frankreich zu, nimmt gesellschaftliche Missstände kritisch in den Blick und ruft zum Pazifismus auf. Es entstehen zahlreiche Romane, einige Dramen und unzählige essayistische, historische, aber auch dezidiert zeitbezogene Arbeiten: Zu seinen bekannten Romanen gehören Professor Unrat oder Das Ende eines Tyrannen, die sogenannte Kaiserreich-Trilogie mit dem Roman Der Untertan als Höhepunkt, außerdem Die Jugend des Königs Henri Quatre und Die Vollendung des Königs Henri Quatre. Neben den belletristischen Texten schreibt Heinrich Mann Zeit seines Lebens Essays, die berühmtesten erscheinen unter dem Titel Geist und Tat. Franzosen 1780–1930. Nirgendwo ist seine immer unangestrengt wirkende glasklare Simplizität, geschult am französischen Vorbild, so offensichtlich. Auch diese Tatsache ist es, die Thomas Mann 1950 anlässlich des Todes seines Bruders würdigt. In Bezug auf Heinrich Manns Memoirenbuch Ein Zeitalter wird besichtigt schreibt er etwas, das diesen Blogbeitrag gewissermaßen einfordert: „Ja, ich bin überzeugt, daß die deutschen Schullesebücher des 21. Jahrhunderts Proben aus diesem Buch als Muster führen werden.“ – Er sollte Recht behalten. Heinrich Mann schaffte es in den Schulkanon, wenn auch mit einem anderen Werk, dem Roman Der Untertan. Nahezu mit preußischer Pünktlichkeit erscheint zum 150. Geburtstag Heinrich Manns eine Neuauflage dieser beißenden Satire auf das Kaiserreich am Vorabend des Ersten Weltkriegs (vollendet im Sommer 1914). Der Held, den diese Persiflage eines Bildungsromans begleitet, heißt Diederich Heßling. Diederich Heßling war ein weiches Kind, so beginnt es, aber aus dem weichen – also formbaren – Jungen wird ein autoritätsgläubiger Ehrgeizling, dessen Ziel, eins zu werden mit dem Kaiserreich, ihn zum Prototypen eines nach unten Tretenden und nach oben Buckelnden macht. Nichts scheint unausweichlicher als der Erste Weltkrieg und nichts unmöglicher, als ihn aufzuhalten. Parallelen zu unserer Welt, zu unseren Problemen zu finden, dürfte nicht schwerfallen: zu anschaulich, zu scharf werden die Mechanismen der wilhelminischen Gesellschaft gezeichnet, zu oft meint man, Konstellationen aus dem eigenen Alltag wiederzuerkennen, zu oft beobachtet man auch heute noch die „Sucht, zu befehlen und zu gehorchen“ (Kurt Tucholsky). – Gründe genug, Der Untertan wieder zur Schullektüre des 21. Jahrhunderts zu machen!

Nachschrift: Anlässlich des 150. Geburtstags strahlt 3sat am 27. März, 20.15 Uhr den Spielfilm Der Untertan (DDR 1951) aus. Eine bestechende Literaturverfilmung! (Und zugleich Brennglas deutsch-deutscher Geisteshaltung nach dem Zweiten Weltkrieg.) 

— Frieder Stange