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Schnitt durch die kleine Farborgel (148 Farbtöne)

 

Schönheit ist Gesetz.
Wilhelm Ostwald (1853 - 1932)
zwischen Naturwissenschaft und Kunst

Eine Ausstellung der Kustodie und des
Wilhelm-Ostwald-Instituts für Physikalische und Theoretische Chemie der Universität Leipzig in Zusammenarbeit mit der
Wilhelm-Ostwald-Gesellschaft zu Großbothen e. V.

AUSSTELLUNGSZENTRUM KROCH-HAUS
4. September bis 30. Oktober 2003
VERLÄNGERT! bis 29. November

Di, Do, Fr: 10.00 - 17.00 Uhr
mittwochs 12.00 - 17.00 Uhr
samstags 10.00 - 13.00 Uhr
montags geschlossen

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Wilhelm Ostwald mit seinen Töchtern (etwa 1888)


Wilhelm Ostwald am Labortisch in Großbothen
(um 1925)




Der Labortisch in der Großbothener Ausstellung




Wilhelm Ostwald, Landschaft im Muldental (um 1890)



Farbtongleiches Dreieck mit 28 Farbtönen



Farbdoppelkegel mit 680 Farbtönen (24x28+8 Farben)



Vierundzwanzig Abwandlungen eines Vierklanges (mit den Farben 5, 11, 17 und 23)

 

Abbildungen mit freundlicher Genehmigung der
Wilhelm-Ostwald-Gesellschaft
zu Großbothen e. V.

 

 

Ostwald als Pionier der physikalischen Chemie

Im Jahre 1853 im lettischen Riga geboren, nahm Wilhelm Ostwald 1872 an der Universität Dorpat (Tartu, Estland) das Studium der Chemie auf, das er 1878 mit der Habilitation abschloss. Ab 1875 war er Assistent am Physikalischen Kabinett bei Arthur v. Öttingen. Schon die Arbeiten dieser Jahre bewegten sich im Grenzgebiet von Chemie und Physik (Kandidatenarbeit „Über die chemische Massenwirkung des Wassers“, Dissertation „Volumchemische Studien über Affinität”). Achtundzwanzigjährig wurde er Professor am Polytechnikum in Riga (1882), im Jahre 1887 Nachfolger von Gustav Wiedemann in Leipzig. Hier formulierte Ostwald u. a. das nach ihm benannte „Verdünnungsgesetz für schwache Elektrolyte”. Seine Beschäftigung mit energetischen Abläufen physiko-chemischer Vorgäng führte zur Präzisierung des Katalyse-Begriffs (publiziert 1894). Eine wichtige Anwendung der Katalyse stellte die Salpetersäure- Erzeugung aus Ammoniak dar (1901). Bereits 1890 hatte Ostwald Energie als Primärsubstanz und Materie als eine besondere Erscheinungsform derselben definiert.

Neben der eigenen Forschung wirkte Ostwald als Wissenschaftsorganisator: 1887 gründete er die Zeitschrift für physikalische Chemie, 1894 die Deutsche Elektrochemische Gesellschaft (1902 umbenannt in Bunsen-Gesellschaft für physikalische Chemie). Seine Forschungen brachten ihm zahlreiche Ehrungen ein, darunter die Faraday-Lecture in London (1904), die erste deutsche Austauschprofessur in den USA nebst Gastvorlesungen in Harvard (1905/06), den Nobelpreis für Chemie (1909), das Präsidentenamt der Internationalen Assoziation der Chemischen Gesellschaften (1911), verschiedene Ehrenpromotionen sowie die Mitgliedschaft in 3 deutschen und 16 ausländischen Wissenschaftsakademien. Allerdings empfand Ostwald die Beschränkung auf eine rein naturwissenschaftliche Tätigkeit als Begrenzung und die akademische Lehre – trotz einer zahlreichen und hochkarätigen Schülerschaft – als lästige Pflicht. Bereits 1900 reichte er ein erstes Rücktrittsgesuch ein. In der Folge beschäftige sich Ostwald vermehrt mit geisteswissenschaftlichen Fragestellungen. Im Jahre 1901 hielt er eine vielbeachtete Vorlesung über Naturphilosophie, 1905/06 Vorträge über die Weltsprachenproblematik, zu Bildungsfragen und philosophischen Fragen in der Chemie. Nach seinem Rücktritt von seiner Leipziger Professur 1906 arbeitete er auf seinem Landsitz Haus Energie in Großbothen als freier Wissenschaftler.


Ostwald und die Kunst

Die Beschäftigung mit der Kunst durchzog Ostwalds gesamtes Leben, wobei die eigene praktische Betätigung oft theoretische Überlegungen anregte. In seiner Assistentenzeit mündete sein Bratschespiel in Vorträge zur musikalischen Harmonielehre. Die schon in seiner Jugend feststellbare Begeisterung für Zeichnung, Malerei und Fotografie zog ebenfalls eigene künstlerische Arbeit sowie theoretische Studien nach sich. Als Maler schuf Ostwald v. a. Landschaftsbilder in Öl und Pastell (u. a. während Erholungsaufenthalten an der Nord- und Ostsee, im Harz, dem Elbsandsteingebirge, den Alpen sowie in der heimischen Muldentallandschaft), die er verschiedentlich ausstellte (u. a. in Leipzig, Dresden und Breslau). Als Naturwissenschaftler widmete sich Ostwald in den Jahren 1903/04 u. a. Forschungen zur mikroskopischen Gemäldeuntersuchung („Ikonoskopie”), u. a. mit Hilfe von Mikroschnitten der Malschicht. Zugleich stellte er maltechnische Studien an, z. B. in Hinblick auf historische Techniken und die Herstellung von Malgründen für die Pastell- und Ölmalerei. Ostwald sah Kunst als Vorläufer jeder Art von Wissenschaft und Technik, die als ältere Schicht menschlicher Entwicklung in der Lage war, „auf künstlichem Wege willkommene Gefühle hervorzurufen”, und ein menschliches Grundbedürfnis darstellte. Seine Überlegungen zu einer allgemeinen Schönheitslehre (Kalik) fußten dabei auf dem Grundsatz Gesetzlichkeit = Harmonie = Schönheit.


Weltanschauung und Gelehrtengemeinschaft

Ostwalds naturwissenschaftliche Überlegungen nährten die Überzeugung, dassalle Erscheinungen dem Walten von Energie zu verdanken und durch dieses miteinander verwoben sind (Energetik). Diese Sicht verband ihn weltanschaulich mit den Monisten, deren Vereinigung er seit 1911 vorstand und mit zahlreichen naturphilosophischen Artikeln und Vorträgen vertrat. „Universalistische” Überzeugungen inspirierten möglicherweise eine weitere Facette seines Wirkens: die
Bemühungen um die verbesserte Verständigung zwischen Wissenschaftlern, u. a. durch internationale Maß- und Normsysteme und durch ein internationales Netz wissenschaftlicher Informationsdienste. Im Rahmen der 1911 in München gegründeten Vereinigung „Brücke – Internationales Institut zur Organisierung der geistigen Arbeit” wirkte Ostwald an der Schaffung eines Normensystems für Druck- und Papiererzeugnisse mit, das u. a. dem heutigen DIN-System Pate stand.


Ostwald als Pionier der Farbwissenschaft


Nach seiner Pensionierung aus dem Universitätsdienst widmete sich Ostwald insbesondere der wissenschaftlichen Erforschung der Farbe, die gewissermaßen die Synthese verschiedenster künstlerischer und naturwissenschaftlicher Interessen darstellte. Folgende Unterpunkte definierte er selbst als Arbeitsprogramm: Nachweis der richtigen Elemente der Farben, Erfindung der Methoden zur Farbmessung, Ermittlung methodischer Ordnungskriterien, Aufstellen der Grundsätze ihrer Normung, praktische Ausführung der Normen im Farbatlas, Ableitung einer rationellen Lehre von der Harmonie der Farben. Die Arbeit am Problem der Farbmessung erfolgte zunächst anhand von „ Grauleitern”, gleichmäßig abgestufter Reihen von Weiß nach Schwarz, die ab 1907 in Ostwalds Notizen nachweisbar sind. Ab 1911 verbanden sich Ostwalds Standardisierungsbestrebungen mit den Absichten der „Brücke” und des „Deutschen Werkbundes”, die beide das Potential genormter Farbwerte für kunsthandwerkliche und industrielle Anwendungen im Auge hatten. Nachdem die anvisierten internationalen Kooperationen u. a. durch den Ausbruch des Ersten Weltkrieges Rückschläge erlitten haben, forschte Ostwald auf eigene Faust in Großbothen weiter. Im Jahr 1917 legte er einen ersten Farbenatlas mit 2500 Farben sowie die – später mehrfach nachgedruckte – Farbenfibel vor. Von der auf fünf Bände angelegten Farbenlehre schrieb Ostwald selbst die ersten beiden (1918/1919), Band drei wurde von E. Ristenpart, Band vier von H. Podesta herausgebracht (der geplante fünfte zur „Psychologischen Farbenlehre” kam nicht zustande), außerdem erschienen mehr als 300 Aufsätze. Zugleich entwickelte Ostwald zahlreiche praktische Anwendungen: Malkästen für Schulen (teilweise in eigenen Unternehmen hergestellt), Woll- und Seidenkataloge, einen Kunstseidenatlas, Autolacke, meteorologische Messstreifen für das Himmelsblau, einen Haut- und Gewebefächer mit über 1000 Farbproben für die Gerichtsmedizin, Glasmalereifarben sowie Farbtafeln für Kanarienvogel- und Blumenzüchter. Die Reaktion auf Ostwalds Farbenlehre war geteilt: Einerseits gab es bereits ab 1919 wütende Proteste, wobei Ostwald als „Zerstörer der Farbunschuld” und als „Diktator” tituliert wurde, an preußischen Schulen erging ein Verbot der Verwendung der „Ostwald-Farben”. Andererseits erkannten zahlreiche Anwender verschiedenster Branchen die Möglichkeiten der neuen Normfarben und auch das Bauhaus in Dessau zeigte sich interessiert: Im Sommer 1927 hielt Ostwald dort auf Einladung von W. Gropius eine Woche Vorlesungen und stellte Anschauungsmaterial zur Verfügung. Eine erneute Annäherung des Werkbundes ab 1929 führte zur Präsentation Ostwaldscher Ideen auf der Werkbundausstellung „Wohnung und Farbe” in Breslau. Breite und Vielzahl der auf der Basis seiner Überlegungen hergestellten Produkte lassen jedoch keinen Zweifel an der überragenden Bedeutung der Ostwaldschen Farbforschung für das tägliche Leben wie auch für die Kunst.


Die Ausstellung

Neben einer Dokumentation zu Ostwalds Wirken im Bereich der physikalischen Chemie, Publikationen und schriftlichen Quellen zu seinem Leben zeigt die Ausstellung eine Vielzahl originaler, von Ostwald selbst hergestellter Anschauungsmaterialien zur Farbforschung aus Beständen des Universitätsarchivs und des Wilhelm-Ostwald-Archivs in Großbothen.


 



 

Veranstaltungen zur Ausstellung

12. 11., 19 Uhr
Die Farbenlehre Wilhelm Ostwalds

Ein Podiumsgespräch im Rahmen der Ausstellung „Schönheit ist Gesetz. Wilhelm Ostwald zwischen Naturwissenschaft und Kunst“

Es diskutieren:
Prof. Dr. Frank Zöllner
(Institut für Kunstgeschichte, Universität Leipzig)

Dr. Roland R. Richter
(ehemals Dozent für künstlerische Praxis, Institut für Kunstpädagogik, Universität Leipzig)

Prof. Dr. Wolfgang Oehme
(Fachbereich Didaktik der Physik, Universität Leipzig)

Dipl.-Ing. Eckhard Bendin
(Dozent für Farben- und Formenlehre, Institut für Grundlagen der Gestaltung und Darstellung,
Fakultät Architektur, Technische Universität Dresden)

Diese Veranstaltung findet am 12. November 2003 um 19:00 Uhr im Ausstellungszentrum Kroch-Haus in der Goethestr. 2 statt.


 



 

Pressedownload

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