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Der sanfte Weg zur Moderne.
Der Architekt Friedrich Ohmann (1858-1927) zwischen Historismus und Jugendstil.

Eine Ausstellung der Kustodie und
des Instituts für Kunstgeschichte der Universität Leipzig

AUSSTELLUNGSZENTRUM KROCH-HAUS
16. Mai bis 16. Juli 2003

Di, Do, Fr: 10.00 - 17.00 Uhr
Mittwochs 12.00 - 17.00 Uhr
Samstags 10.00 - 13.00 Uhr

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Um 1900

Die Architektur um 1900 im habsburgischen Mitteleuropa verbindet man mit revolutionärer Modernisierung: Otto Wagners Devise, nach der „nur das moderne Leben“ Grundlage für eine zeitgemäße Ästhetik sein könne, oder Adolf Loos’ Gleichung „Ornament und Verbrechen“. Diese Künstler wollten radikal mit der „Maskerade“ historischer Dekoration an modernen Bauten brechen und reklamierten für sich „Wahrhaftigkeit“, selbst um den Preis, ihr Publikum vor den Kopf zu stoßen. Sie waren Visionäre, ihrer Zeit voraus. Architekten dagegen, die nicht provozieren, sondern die Honoratiorengesellschaft allmählich an eine fortschrittlichere Formensprache und an neue Mittel der Repräsentation gewöhnen wollten, werden im Rückblick zur „zweiten Garnitur“ gestempelt oder gar vergessen – unverdient, wie das Beispiel Friedrich Ohmanns zeigt. Ein exzellenter Architekt und Zeichner, hatte er in seiner Zeit letztlich die größere Wirkung als seine ungestümen Kollegen.


Der Künstler

Gebürtig aus dem galizischen Lemberg (Lviv), kam Ohmann 1877 in die Metropole Wien, um Architektur zu studieren. Seine Ausbildung fiel mit der Hochblüte des Historismus, dem Ausbau der Wiener Ringstraße, zusammen. Er lernte, alle historischen Baustile virtuos zu beherrschen und nach den Wünschen seiner Bauherren einzusetzen. 1889 folgte er dem Ruf auf eine Professur an der Prager Kunstgewerbeschule, wo er eine ganze Generation böhmischer Architekten prägte. Zehn Jahre später kehrte er als Baumeister der kaiserlichen Hofburg nach Wien zurück; hier hatte er ab 1904 bis zu seinem Tod auch eine Professur – neben Otto Wagner – an der Akademie inne.


Die Zeichnungen

Die ausgestellten Entwürfe stammen aus Ohmanns Nachlass. Sie waren bisher nur einmal öffentlich zu sehen: 1997 im Museum Ostdeutsche Galerie Regensburg, dem sie gehören und dem wir die großzügige Leihgabe verdanken. Überwiegend dokumentieren sie Arbeiten aus Ohmanns Prager Zeit und spätere, von Wien aus realisierte Projekte für Böhmen, zeigen aber auch, dass er nicht nur in der Habsburgermonarchie Erfolg hatte.

Der sanfte Weg zur Moderne

Ohmann war als enthusiastischer Kenner der Barockarchitektur bekannt. Er konnte sie täuschend imitieren, was ihm Aufträge ambitionierter Großbürger bescherte und vor allem Restaurierungen hochbarocker Kirchen, die er kongenial zu neuer Schönheit erhob. Damit hatte Ohmann einen wichtigen Anteil am Revival des Barock, wie er dem Bedürfnis der „Zweiten Gesellschaft“ nach Glanz und Prestige entsprach und wie er in der Habsburgermonarchie politisch genutzt wurde für eine Neubelebung der katholisch-absolutistischen Staatsidee angesichts der gesellschaftlichen Emanzipation und der nationalen Autonomietendenzen in den Kronländern. Ohmann hat sich dafür aber nicht vereinnahmen lassen. Ihm ging es um „richtige Charakterisierung“, um „Poesie“ und „Phantasie“.

Das bedeutete für ihn, mit Augenmaß historische Stile dort anzuwenden, wo es die Aufgabe erforderte, und davon zu abstrahieren, wo dies möglich war. So hat er „malerische“ Museumsbauten – wie das heutige Kulturhistorische Museum in Magdeburg – projektiert, deren äußere Gestalt und Ausstattung die Abfolge der Geschichte veranschaulicht und zugleich den nach Epochen gruppierten Exponaten korrespondiert.

Leidenschaftlich vertrat Ohmann das Prinzip, Neubauten auf ihre Umgebung abzustimmen, um irritierende Brüche zu vermeiden. Im Grünen nutzte er die Vegetation als Gestaltungsmittel, wie beim Schillerdenkmal in Karlsbad, und fügte weitläufige Anlagen, wie die dortige Schlossbrunnkolonnade, sensibel in die Topographie ein, die er mit seinen Bauten modellierte und akzentuierte. Anders als die Modernisten kam er Wünschen seiner Bauherren konziliant entgegen – und leistete Überzeugungsarbeit. Der tschechische Politiker Karel Kramár bekam nicht das verlangte Schlösschen, sondern eine Villa modernen Typs, kombiniert mit barockisierenden, für Prag typischen Motiven. Aus lokalen Traditionen heraus modernisierte Ohmann auch Stadthäuser. Seine üppigen Fassadenmalereien und zarter Stuckdekor täuschten darüber hinweg, dass er Konventionen historistischen Bauens aufgab, und brachten ihm den Ehrentitel des „Vaters des Prager Jugendstils“ ein. Neues zu erfinden hieß für ihn „Verweben von alter und neuer Empfindung [...], ohne Betonung eines schroffen Gegensatzes zwischen Vergangenheit und Zukunft“, und ebenso, „der heimischen angestammten Architektur in moderner Weise wieder zu ihrem Recht“ zu verhelfen.

Auf dem Neuen bestand er aber unbedingt. Sein Amt als Hofburgbaumeister legte er nieder, als man ihn auf antiquarischen Barock festlegen wollte. Und für die Karlsbader Kolonnade – inmitten des Prunks der neobarocken Badehäuser – setzte er einen reduzierten Klassizismus durch, der an die Bescheidenheit der ersten Kurbauten gemahnte, und schuf damit eine ebenso elegante wie hochmoderne Architektur, die durch ihre Proportionen und die Spannung der Räume untereinander wirkt, aber auch durch „Materialechtheit“ – Sichtbeton.


Die Forschung über den „sanften Weg zur Moderne“ steht erst am Anfang. Studierende des Leipziger Instituts für Kunstgeschichte haben Ohmanns Regensburger Zeichnungen erstmals umfassend und kompetent bearbeitet – für einen Katalog, der einen Beitrag zur kultur- und gesellschaftsgeschichtlichen Architekturforschung leisten wird.

Michaela Marek
Institut für Kunstgeschichte
michaela.marek@rz.uni-leipzig.de


 



 

 

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