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KONTRAPUNKTE
Hendrik Petrus Berlage und Erick van Egeraat
Positionen niederländischer Architektur am Augustusplatz in Leipzig

Eine Gemeinschaftsausstellung der Kustodie der Universität Leipzig und des Deutschen Werkbundes Sachsen e. V.

AUSSTELLUNGSZENTRUM KROCH-HAUS
17. März bis 3. Juni 2007

Öffnungszeiten
Dienstag bis Freitag 10 – 17 Uhr
Samstag 10 – 13 Uhr
Montag, Sonntag und an Feiertagen geschlossen




    
Hendrik Petrus Berlage, ca. 1932, Sammlung Gemeentemuseum, Den Haag

 

    
Erick van Egeraat
Foto: © Sanne Peper, Amsterdam

 

Hendrik Petrus Berlage (1856-1934) gilt als einer der bedeutendsten niederländischen Architekten und Wegbereiter der Moderne zu Beginn des 20. Jahrhunderts. Das „Niederländische Haus“, das er zwischen 1901 und 1903 am Leipziger Augustusplatz errichtete, war sein einziges in Deutschland realisiertes Werk. Ein gutes Jahrhundert später sorgt nun abermals ein niederländischer Architekt am Augustusplatz für Furore: Unmittelbar gegenüber dem einstigen Standort des Bauwerks von H. P. Berlage wird bis 2009 das neue Hauptgebäude der Leipziger Universität nach den Plänen von Erick van Egeraat (geb. 1956) entstehen. Das vom Vorsitzenden des Deutschen Werkbundes, Bernd Sikora, initiierte Ausstellungsprojekt thematisiert die besonderen Impulse der beiden niederländischen Architekten im Hinblick auf die Entwicklung dieser wichtigen Leipziger Platzanlage. Im Vordergrund steht dabei das Verhältnis der jeweiligen Bauten zur Moderne. Während sich Berlages Bau im Sinne moderner Bauformen gegen den auch in Leipzig vorherrschenden Historismus positionierte, unterscheidet sich Erick van Egeraats Entwurf von den vorherrschenden Vorstellungen aktueller Architektur vor allem durch die Verschmelzung von Historismus und Avantgardismus.

Hendrik Petrus Berlage

Der Baumeister H.P. Berlage hatte als Hausarchitekt zweier niederländischer Versicherungsgesellschaften (der Lebensversicherung „Allgemeene Maatschappij van Lebensverzekering en Lijfrente“ und der Feuerversicherung „De Nederlanden van 1845“) bereits Bauwerke in verschiedenen holländischen Städten errichtet. Als sich die niederländische Lebensversicherungsgesellschaft entschloss, eine Niederlassung in Deutschland zu eröffnen, sollte Berlage diesen Geschäftssitz der Direktion in Deutschland planen, die in Leipzig ansässig war. Seine Planungen für das „Niederländische Haus“ liegen in enger zeitlicher Nähe zu den Arbeiten an der Handelsbörse von Amsterdam, die als Berlages berühmtestes Bauwerk gilt. Im Gegensatz zu seinen frühen Bauten, die noch von historistischen Formen geprägt waren, zeichnet sich die Börse vor allem durch Sachlichkeit und Funktionsorientiertheit aus. Das „Niederländische Haus“ wurde des Öfteren als „kleine Schwester“ der Handelsbörse bezeichnet. Auch hier bestimmten klare Formen und die Reduktion der Schmuckelemente das Gesicht des Baus. Die Fassade wurde von Sichtbackstein dominiert, lediglich die Granitpfeiler im Ergeschoss sowie Giebelkanten und waagerechte Stürze in Sandstein setzten zurückhaltende Gestaltungsakzente. Im Inneren, wie in dem lichtdurchflutetem Treppenhaus mit seinen Arkadenreihen, fanden moderne Bautechniken und Materialen wie Gußeisen Verwendung. Das „Niederländische Haus“ war zu seiner Entstehungszeit in der Leipziger Öffentlichkeit nicht unumstritten: Die Abkehr vom Historismus und der unkonventionelle Einsatz der modernen Materialien stießen zunächst auf Ablehnung. Im Zweiten Weltkrieg wurde das Gebäude dann zu großen Teilen zerstört und musste nach Beräumungsarbeiten in den 1960er Jahren einem Hotelbau weichen (früher Hotel Merkur, heute Hotel Radisson SAS). Die Ausstellung präsentiert das Gebäude anhand von Fotografien und originalen Bauzeichnungen aus den Beständen des NAi (Netherlands Architecture Institute) in Rotterdam.

Erick van Egeraat

Bis zum 600 jährigen Jubiläum der Universität Leipzig im Jahr 2009 wird am Augustusplatz ein neuer Universitätscampus entstehen. Der Rotterdamer Architekt Erick van Egeraat gewann im März 2004 den Wettbewerb um die Neugestaltung des Universitätshauptgebäudes. Der Siegerentwurf nimmt die Formen der beiden historischen Vorgängergebäude an diesem Ort auf, der mittelalterlichen Universitätskirche St. Pauli und dem Hauptgebäude Augusteum des 19. Jahrhunderts (beide 1968 auf Betreiben der SED und unter Protesten der Bevölkerung gesprengt). Der Gewinner des Architekturwettbewerbs erläuterte, dass er den Neubau als ein Projekt verstehe, das an Vergangenes erinnert, aber zugleich auch „in die Zukunft verführt“: Sein Entwurf solle die ehemalige Architektur nicht kopieren, aber versuchen, sie in moderner Form zurückzubringen. Seine Philosophie sei es, wärmer, voller, reicher zu bauen, als das gemeinhin in den letzten 50 Jahren geschehen sei. Bei der Aula spiegelt sich dieser Ansatz in der Verwendung neuer Materialien wie Keramik und Glas wieder. So kann die Architektur Erick van Egeraats als eine Gegenposition zu vorherrschenden Vorstellungen von Moderne interpretiert werden. Wie seinerzeit der Bau Berlages basiert auch Erick van Egeraats Projekt auf einer Weiterentwicklung der zeitgenössischen Bauästhetik, angereichert durch avantgardistische Elemente.

Erick van Egeraat (geb. 1956) studierte an der Technischen Universität Delft und betreibt seit 1995 das Architekturbüro EEA in Rotterdam (Erick van Egeraat associated architects). Er erhielt bereits zahlreiche Auszeichnungen, wie den Hugo-Häring-Preis für experimentellen Wohnhausbau der IGA Stuttgart. Seit 1996 ist er Ehrenmitglied des Bundes Deutscher Architekten sowie des Royal Institute of British Architects. Erick van Egeraat hat unter anderem preisgekrönte Gebäude für die ING Bank in Budapest und die Niederländische Botschaft in Warschau sowie das Rathaus in Alphen aan den Rijn und die Inholland Fachhochschule in Rotterdam gebaut. In der Ausstellung wird sein aktueller Entwurf für das neue Hauptgebäude der Universität durch Zeichnungen und ein Modell anschaulich gemacht.

Die Ausstellung beleuchtet die Werke der beiden niederländischen Architekten im Kontext des Leipziger Augustusplatzes, dessen Entwicklung mittels eines Panoramas und historischer Ansichten nachgezeichnet wird. Zugleich sucht sie die innovativen und kontrapunktischen Positionen dieser Bauten im Verhältnis zu den jeweils gängigen Vorstellungen herauszuarbeiten.

Das Projekt wurde gefördert durch das Kulturamt der Stadt Leipzig, die Kulturstiftung des Freistaats Sachsen sowie die Botschaft des Königreichs der Niederlande in Berlin. Die Ausstellung ist ein Beitrag zum 100. Gründungstag des Deutschen Werkbundes im Jahr 2007.

 

 

 

 
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