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16. Sächsisches Druckgrafik-Symposion -
Arbeitsergebnisse

Die Teilnehmer

     


Sylvie Abélanet,
Frisson d'aile

 

Sylvie Abélanet aus Paris widmet sich der Druckgrafik verstärkt seit 1997. Inhaltlicher Ausgangspunkt ihrer sehr lyrischen Kompositionen sind dabei oft Gedichte, in Hohenossig insbesondere das Gedicht Ophélie von Artur Rimbaud (1854-1891), das sich mit dem Wassertod der Figur aus Shakespeares Hamlet auseinandersetzt. So wie die Poesie Rimbauds auf irrationale, vorpersönliche Tiefenschichten abzielt, ist auch die Kunst Sylvie Abélanets der Vorstellung des Traumhaften verpflichtet. Formaler Ausgangspunkt ihrer Arbeiten sind oft Realien, z. B. Pflanzenteile, die mit Hilfe der Druckpresse in den weichen vernis mou gepresst oder auch künstlerisch verfremdet werden. Ihren Schaffensprozess verdeutlicht die Entstehung des Blattes Frisson d’aile dienen, zu deutsch Erzittern des Flügels, das die Hände Ophelias im Wasser darstellt. Der Titel ist direkt Rimbauds Gedicht entnommen. Die Komposition zeigt in hochrechteckigem Format vor einem von dunklen Wolken durchzogenen Fond zwei seitlich ins Bild ragende Hände, die von einer zarten Blattranke umspielt werden. Die Konturen der Hände sind verzerrt, die Handflächen von ausgeprägten, stilisierten Furchen durchzogen. Ausgangsbasis waren Umzeichnungen der Hände der Künstlerin auf Plastikfolie, welche durch Wärme zum Verschrumpeln gebracht und auf die mit vernis mou versehene Platte gepresst wurden. Die Blattformen gehen auf echte Blätter zurück, die mittels vernis mou auf die Platte gepresst wurden. Vor dem Ätzen wurde das Umfeld dieser Formen mit Lack abgedeckt, danach erfolgte eine freie Pinselätzung bestimmter Bereiche, etwa der Binnenzeichnung der oberen Hand und des wolkigen Fonds des Wassers. Die Kombination gestalteter Formen einerseits und dem Zufall überlassener Elemente andererseits erweist sich als künstlerische Methode, um die für das Thema essentielle Qualität des Traumhaften hervorzubringen, die auch das zugrundegelegte Gedicht Rimbauds kennzeichnet. Dies regt eine tiefgründige Reflektion über Leben und Tod an.

 


Daniela Gaete Fontirroig,
Luftwurzel III
 

Auch Daniela Gaete Fontirroig arbeitet in verschiedenen künstlerischen Medien, darunter Bildhauerei, Zeichnung und Druckgrafik. In ihrer Arbeit thematisiert sie insbesondere die Übersiedlung von ihrem Geburtsland Chile nach Deutschland als menschliche, existentielle Erfahrung. Im Zentrum steht dabei der Begriff „Heimat“, den sie u. a. mit den Begriffen „Körper“, „Familie“ und „Wurzel“ assoziiert. In Hohenossig entstand in diesem Zusammenhang die Radierungsserie Luftwurzel I-III. Das erste Blatt der Reihe interpretiert den Begriff noch eher wörtlich, es ist durchzogen von verschiedenen Pflanzenmotiven - frei gezeichnete, wurzelartige Röhrenformen die einen, mit Hilfe von vernis mou auf die Platte transferierte Tamariskenzweige die anderen. Das Blatt Luftwurzel III geht das Thema „Heimat“ abstrakter, gewissermaßen aus der Vogelperspektive an: Das querrechteckige Format zeigt in der linken Hälfte vor blauem Hintergrund Ausschnitte der Umrisse Südamerikas und der Antarktis als zwei schwarze Formen. In der rechten Bildhälfte ist der blaue Grund von weißen Liniengefügen durchzogen, die an Wetterkarten erinnern. Im rechten oberen Viertel bilden sie eine Rundform, in deren Zentrum sich ein Säugling befindet: Gleichsam schwerelos im Raum schwebend, hängt er an einer dieser weißen Linien, die zugleich als Nabelschnur fungiert. Der „kosmische Blick“ auf das Herkunftsland der Künstlerin, verknüpft mit der existentiellen Dimension des im Raum schwebenden, schutzlosen Säuglings legt eine Deutung des Blattes als sehr persönliche Auseinandersetzung der Autorin mit ihrem eigenen Leben nahe. Die beiden Grundfarben Schwarz und Blau sind mit zwei Platten gedruckt, wobei die „Wasserflächen“ durch in vernis mou geprägte Tamariskenzweige strukturiert sind. Die mit Abdecklack angelegten weißen Linien gehören ebenfalls der blauen Platte an.



Gabi Francik,
Odysseus mit Messer
 

Gabi Francik nutzte ihren Aufenthalt im Künstlerhaus Hohenossig für eine persönliche Entdeckungsreise, indem sie ihr Können als Malerin verstärkt in den druckgrafischen Bereich übertrug. Ein Arbeitsvorhaben bestand in der Umsetzung der Abenteuer des Odysseus. Das Ergebnis war ein – ungemein malerischer – Zyklus von elf Platten, der den Fährnissen ihres Helden oft auch eine humorvolle Seite abzugewinnen weiß. Das Blatt O. mit Messer schildert die Begegnung mit den Sirenen, deren überirdisch schöner Gesang die Seeleute anlocken und in den Untergang treiben sollte. Weil er den Gesang aber gern hören wollte, hatte sich der listenreiche Held anbinden lassen und seinen Gefährten befohlen, sich Wachs in die Ohren zu stopfen. Das hochrechteckige Blatt konzentriert sich ganz auf den Protagonisten: Mit um den Oberkörper gewundenen Seilen an den Mast – oder ist es das Heckruder? – gefesselt ist der Seefahrer stehend im Heck seines schlanken griechischen Schiffes dargestellt. Die weißlich gegen den feuerroten Grund abgesetzte Figur ist im Dreiviertelprofil nach links gewandt, um sich gegebenenfalls gegen die von der Rah herabstürzende Sirene, ein Vogelwesen mit Menschenantlitz, zur Wehr zu setzen, hält er rechts ein Messer. Unter dem Schiff tobt ein aufgewühltes violettes Meer, dessen Wogen über die Bordwand zu spritzen drohen. Technisch ist das Werk als Zweifarbendruck von einer Platte realisiert, wobei die Figur des Helden mittels Reservage, die Meereswogen als Strichätzung ausgeführt wurden.

 


Stanislav Marijanovic,
Leipzig 06-1

 

Stanislav Marijanovic war der einzige abstrakt arbeitende Künstler dieses Symposions. Intensive Arbeit in den Bereichen Skulptur, Malerei und Grafik haben dazu geführt, dass er dies als sich künstlerisch und technisch wechselseitig befruchtend erlebt. Dies zeigen auch in die im Rahmen des Grafiksymposions entstandenen Arbeiten: Einzelne Druckplatten wurden so lange bearbeitet, bis diese geradezu skulpturale Qualitäten aufwiesen und als eigenständige Kunstwerke gelten dürfen. Grundsätzlich sucht seine künstlerische Herangehensweise Räume für Improvisation, Spontaneität und Experiment. Die Symposionsarbeiten thematisieren das Ringen der Form mit dem sie umgebenden Raum - eine Frage, auf die sie jeweils ganz unterschiedliche Antworten finden. Die Arbeit Leipzig 06-1 zeigt innerhalb eines hochrechteckigen Bildfeldes vor hellem Grund eine rote Eiform, die von einem orthogonalen, unregelmäßigen Gitterüberzogen ist. Durch vielfaches Ätzen in die – ungewöhnlich dicke – Druckplatte eingegraben, stehen die gedruckten Linien erhaben über der Form. Indem sich vertikale und horizontale Linien ihrerseits auf verschiedenen Ebenen befinden, treten sie als räumliches Geflecht in Erscheinung. Farblich hebt sich das intensivrote Gitter von dem um einige Stufen helleren Formfond ab. Das die Rundform umgebende helle Feld wurde als letztes ausgearbeitet: Hier hat der Künstler frühere Spuren chemischer oder mechanischer Bearbeitung nachträglich wieder auspoliert. Für den Betrachter wirft das Werk zahlreiche Fragen auf: Wie verhält sich das Objekt zu der es umgebenden Fläche? Wölbt es sich nach vorn oder stellt es eher ein Fenster dar, das den Blick auf eine dahinterliegende Ebene freigibt?

 


Chris Van der Veken,
Sicher (Nr. 3)
 

Chris Van der Veken hat sich ebenso früh wie ausschließlich für die Druckgrafik entschieden. Inhaltlich kreist seine Arbeit derzeit um das Thema „Geborgenheit“, das zwischen den Polen „Sicherheit“ und „Einengung“ schwankt. Anknüpfend an frühere Arbeiten wollte er die besonderen Möglichkeiten des Künstlerhauses in Hohenossig nutzen und weitere Großformate herstellen. Ein anderes Thema ist die ungewöhnlich freie und spontane Arbeit mit der Säure, die er direkt mit dem Pinsel aufträgt. Eine solche Vorgehensweise erfordert naturgemäß ein besonders ausgeprägtes Vorstellungsvermögen im Hinblick auf das Erscheinungsbild im fertigen Druck. Besonders typisch für die Interessen des Künstlers ist die großformatige Arbeit mit dem Titel Sicher (Nr. 3). Das querrechteckige Format zeigt stark angeschnitten und dicht aneinander gedrängt drei Personen in Art eines Amateurfotos ohne Köpfe. Links und rechts sitzen zwei etwa gleichaltrige Jungs, in der Mitte befindet sich ein deutlich jüngerer. Alle drei tragen kurze Hosen, die beiden äußeren identische dunkle Pullover mit senkrechten hellen Streifen, der mittlere dagegen ein helles Hemd mit dunklen Quadratlinien, das oben zugeknöpft ist. Letzterer hält ein vergleichsweise großes dunkles Spielzeugauto mit schräg abfallendem Heck in den Händen. Die Szene lässt an die Rückbank eines Autos während eines Familienausfluges denken. In der Tat war die Ausgangsbasis der Komposition ein Familienfoto aus den 1970er Jahren. Kennzeichnend für Van der Veken ist der ungemein malerische Einsatz sowohl der Säure als auch des Abdecklackes. Nachdem die Platte ganzflächig mit Aquatinta versehen wurde, setzt der Künstler zunächst einige dunkle Linien mit Hilfe direkter Pinselätzung. Es folgen verschiedene Applikationen von Abdecklack, jeweils gefolgt durch – immer länger werdende Ätzgänge von bis zu einer Stunde. Zum Schluss werden mit der Kaltnadel und einer sogenannten „Powerfile“ vereinzelte Akzente gesetzt. Das Ergebnis ist eine ungemein differenzierte, lebendige Komposition mit ungewöhnlich malerischen Qualitäten. Inhaltlich oszilliert die Darstellung zwischen beruhigenden und klaustrophobischen Aspekten von Geborgenheit.

 

 
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