"Ein Reisender kommt zur Ruhe?"
 
Professor Gero Dolezalek im Gespräch
 
 
Von Karsten Gaede
 
 
 
Seit dem Wintersemester 1996/97 hat Dr. Gero Rudolf Dolezalek an der Juristenfakultät Leipzig eine Professur für Bürgerliches, Römisches und Gemeines Recht und Kirchliche Rechtsgeschichte inne.
Seine erfrischenden Vorlesungen und die Neugier nach fremden Ländern bewegten den Kleinen Advokaten, mit ihm ein Gespräch zu führen. So geschah es, daß die Studenten Eric Marr, Lars Eibisch und Karsten Gaede mit unzähligen Fragen, aber ohne die passenden Kassetten zu ihrem Diktiergerät zum Termin erschienen
 
Dort erfuhren sie, daß Prof. Dolezalek am 18. Januar 1943 in einem Hilfskrankenhaus in Posen während der Evakuierung aus Berlin geboren wurde. Seine aus Berlin stammende Familie zog für einige Jahre in ein Dorf in der Nähe von Innsbruck und kehrte 1951 nach Berlin zurück. Das Reifezeugnis erwarb er schließlich 1962 am Immanuel-Kant-Gymnasium in Bad Oeynhausen.
 
Prof. Dr. Dolezalek ist heute in zweiter Ehe verheiratet. Er hat eine Tochter sowie drei Söhne, von denen die zwei jüngsten mit ihm und seiner Frau seit dem Mai 1997 fest in Leipzig leben. Der älteste Sohn studiert Architektur in Wien, und die Tochter lernt an einem Internat in Narbonne, Südfrankreich.
 
Natürlich interessierte die kleinen Advokaten, ob das Studium der Rechtswissenschaft bei dem jungen Studenten Gero Rudolf Dolezalek wie bei jedem der etwa 2500 Jurastudenten Leipzigs schon immer der Herzenswunsch war. Dem war nicht so. Ursprünglich wollte er in Wien Musik studieren, um ein Meister der Violine zu werden. Er mußte jedoch einsehen, daß ihm seine Finger nicht solche Voraussetzungen gaben, daß er es über Mittelmaß hinaus hätte bringen können, wenn er nicht dreifach so viel üben wollte wie andere.
 
Er entschloß sich im Sommersemester 1962 Rechtswissenschaft, Geschichte und Sprachen in Kiel zu studieren. Jura wählte er damals, weil er hier die Berufsentscheidung vertagt sah, da eine strikte Festlegung nicht schon in den ersten Semestern erfolgt. Nach Kiel ging Prof. Dolezalek nach eigener Auskunft, weil er die Vorstellung hatte, dort segeln zu können! Leider war aber der Sommer verregnet und sein Zimmer 40 km vom Strand entfernt, so daß er mehr Zeit auf Bahnhöfen verbrachte, als ihm lieb war. In seinem dortigen Studium hat ihn vornehmlich ein Professor mit dem Namen Brecher beeindruckt. Dieser lehrte auch Rechtsgeschichte und weckte mit seiner pädagogisch geschulten, anschaulichen Art des Vortrages das Interesse des jungen Studenten Dolezalek. Da er komplizierte Probleme verständlich darstellte, war es dem Studenten möglich, schon früh seine Befähigung zum abstrakten Denken zu erkennen und an der Rechtswissenschaft Freude zu finden. Aus diesem Grund war er bereits im zweiten Semester fest entschlossen, das Jurastudium fortzuführen.
 
Im Wintersemester wechselte er nach Frankfurt am Main. Zu dieser Zeit hatte Prof. Dolezalek eine Verlobte in Mülheim an der Ruhr. Seine Eltern stellten ihm das Ultimatum, daß sie ihm das Studium nur finanzieren, wenn er mindestens weiter als 250 km entfernt von der Verlobten studiert! Also nahm der Professor einen Zirkel in die Hand, zog einen Kreis und wählte den Ort Frankfurt a. M.
 
Wenngleich diese Art der Wahl des Studienortes heute einem erfolgreichen Studium abträglich ist, war sie für Prof. Dolezalek ein großes Glück. Er "geriet in die Fänge" von Professor Adalbert Erler, der unter anderem Mitherausgeber des bedeutenden Handwörterbuchs zur Deutschen Rechtsgeschichte war, und er besuchte Seminare des bekannten Römisch-Rechtlers Helmut Coing. Natürlich wurde damit sein schon vorhandenes Interesse an der Rechtsgeschichte weiter angefacht. Dieses Interesse, das man Prof. Dolezalek auch in Vorlesungen anmerkt, welche nicht die Rechtsgeschichte zum Gegenstand haben, wurde durch Aufenthalte in Italien noch verstärkt. In Modena hat er mit einem Trimesterstipendium Archive durchforsten dürfen. So hat er als Student verloren geglaubte Werke in Handschriften wiederentdeckt, an ihnen geforscht und die Arbeiten später veröffentlicht.
 
Die erste juristische Staatsprüfung legte Prof. Dolezalek schließlich 1966 am OLG in Frankfurt a. M. ab.
Zu dieser Zeit studierte er parallel auch Geschichte an der Philosophischen Fakultät der Universität. Daran anschließend hat er 1968 bei Prof. Erler mit summa cum laude promoviert und 1970 nach seinem Referendardienst die zweite juristische Staatsprüfung abgelegt. Mit dem Jahr 1971 wurde Prof. Dolezalek Mitarbeiter am neugegründeten Max-Planck-Institut für europäische Rechtsgeschichte, das von Helmut Coing gegründet und geleitet wurde. Dort forschte er bis zum Jahr 1988 und veröffentlichte zahlreiche Artikel in Fachzeitschriften und im Handwörterbuch der Deutschen Rechtsgeschichte.
 
Ebenfalls hat er die Chance gesucht, lehrend tätig zu sein. In seiner Zeit am Max-Planck-Institut hat er an der Universität Berkeley (USA) 1975/76 und an der Universität von Montpellier (Frankreich) im Wintersemester 1980/1981 gelehrt.
 
Die Tätigkeit eines Deutschen an einer ausländischen Universität warf bei uns die Frage auf, wie man sich etwa die Universität von Montpellier vorstellen muß und welche Vorlesungen ein Deutscher dort halten könnte. Prof. Dolezalek berichtete uns, in Montpellier eine Pflichtvorlesung über französisches Schuldrecht gelesen zu haben, die als grundlegende Vorlesung im Anfangsjahr diesen Teil des Zivilrechts aus rechtshistorischer Sicht darstellt. Diese Vorlesung wurde aus der klassischen Vorlesung Römisches Recht entwickelt, in der Rechtsinstitute des Zivilrechts in ihren Grundzügen mit der historischen Ableitung dargestellt werden.
 
Zur Universität von Montpellier wußte Prof. Dolezalek zu berichten, daß sie ab 1180 als erste Universität nach Bologna die bahnbrechende Rechtslehre auf dem Niveau des Ius Commune betrieb und so als altehrwürdige, traditionsreiche Universität zu beschreiben sei.
 
Nun denken Studenten nicht nur an Recht, wenn sie Montpellier und Frankreich hören. So war es nicht verwunderlich, daß Prof. Dolezalek von den kleinen Advokaten die Frage gestellt bekam, ob er neben seiner Lehrtätigkeit das sagenumwobene französische Lebensgefühl verspürt habe. Prof. Dolezalek mußte sich die Antwort nicht lange überlegen, denn dieses Gefühl hatte er bereits lange zuvor entdeckt. Er schilderte uns wie er 1973 spontan ein kleines Häuschen in einem kleinen Dorf in Südfrankreich erworben hat. Dieses hat er nach einer kleinen Feilscherei für etwa 5000 DM gekauft und nach und nach aus dieser halben Ruine zwar keine Villa aber ein idyllisches Plätzchen gemacht. Die anwesenden Redakteure des Kleinen Advokaten sahen sich nun in Gedanken vor eben dieser idyllischen Bleibe. Unter der Abendsonne, mit einem Bordeaux, hätten sie das Gespräch mit Prof. Dolezalek sicher noch Stunden fortgeführt
 
Im Jahr 1985 hat sich Prof. Dolezalek entschlossen, in die Lehre zu wechseln. Er nahm eine Halbprofessur in Nimwegen (Niederlande) an, wodurch die zu dieser Zeit beabsichtigte Habilitation entfiel. Die als Habilitationsschrift geplante zweibändige Arbeit erschien dennoch 1986. Während dieser Zeit hatte Prof. Dolezalek seinen Wohnsitz weiterhin in Frankfurt a. M. und war zusätzlich als Honorarprofessor in Catania (Italien) tätig, wo er Rechtsgeschichte und Rechtsinformatik lehrte.
 
Im Januar des Jahres 1989 zog Prof. Dolezalek nach Südafrika, um an der Universität Kapstadt zu lehren.
Dieser Schritt machte neugierig, also fragten wir nach. Restlos zufrieden war Prof. Dolezalek mit der Halbprofessur in Nimwegen natürlich nicht. Dem Wunsch nach einer Vollprofessur stand aber im deutschen Raum entgegen, daß er kein Habilitationsverfahren durchlaufen hatte. In den Niederlanden fiel ihm dann eine Anzeige auf, in der die Universität Kapstadt eine Professur ausschrieb. Er entschloß sich zu einer Bewerbung und wurde einstimmig als Professor für Römisches Recht, Rechtsvergleichung und Rechtsphilosophie berufen. Prof. Dolezalek wies darauf hin, daß die Bildungspyramide in Südafrika anders als in Deutschland ist, nämlich daß der Prozentsatz an Fachleuten in der Gesamtbevölkerung geringer sei. Also sind Spezialisten landesweit gefragt. Demgemäß wurde Prof. Dolezalek viel als Gutachter für Gerichte herangezogen, wenn Spezialfragen zum Gemeinen Recht, Kirchenrecht und ausländischen Recht anstanden.
 
In diesem Zusammenhang berichtete Prof. Dolezalek, wie europäisches Recht und afrikanisches Recht in Südafrika einhergehen. In Südafrika, so erzählt Prof. Dolezalek, gilt für Angehörige der schwarzafrikanischen Stämme ihr jeweiliges Gewohnheitsrecht, und zwar gleichberechtigt neben dem staatlich-europäischen Recht. Dies heißt in letzter Konsequenz, daß ein Jurist am staatlichen Gericht, der nach europäischem Verständnis Recht erlernt hat, auf Wunsch nach Stammesrecht entscheiden muß. Die Parteien können andererseits auch anstelle des staatlichen Gerichts einen Dorfhäuptling oder Stammeshäuptling anrufen, und der Staat muß dann dessen Entscheidung vollstrecken. Lediglich bei schweren Delikten behält sich der Staat ein Strafmonopol vor, doch ansonsten ist grundsätzlich dasjenige Gericht zuständig, welches als erstes angerufen wurde.
 
Nach seiner dortigen Lehrtätigkeit befragt, erklärte uns Prof. Dolezalek, daß er dort die Basisvorlesung im Zivil- und Zivilprozeßrecht, Rechtsphilosophie und Rechtstheorie sowie eine Vorlesung zur Rechtsvergleichung gelesen hat und wie zuvor an anderen Universitäten auch vielfach Prüfungen abgenommen hat.
 
Wenn ein Europäer im Südafrika des Jahres 1989 lehrt, so drängt sich die Frage auf, wie er die Apartheid erfahren hat. Prof. Dolezalek sprach uns gegenüber davon, daß schon 1988 eine Entwicklung in Reformschüben in Gang gesetzt war. Die Apartheidgesetze der Jahre 1948 bis 1965 mit ihrem "katastrophalen, schlimmen Inhalt" waren auf Grund des armutsbedingten Organisationsmangels im Lande nicht flächendeckend in ihrer Striktheit durchführbar, und der Höhepunkt dieser Gesetzgebung lag bereits weit zurück. So wurden schließlich ab 1990 die Apartheidgesetze etappenweise abgeschafft und 1993 auch die politische Verantwortung mit dem Wahlrecht wieder in die Hände aller Südafrikaner gelegt.
 
In diesem Zusammenhang interessierte uns, welche Ansicht die Universität Kapstadts zu diesem Problemkreis hatte und inwiefern sie die Förderung gleicher Lebensverhältnisse und Chancen betrieb. Darauf konnte er uns mitteilen, daß den Universitäten Kapstadt, Johannesburg, Durban und Rhodes eine Vorreiterrolle zukam. So setzten sich die Universitäten offen über das Verbot hinweg, schwarze Studenten zu haben. Schließlich waren dann alle Öffentlich-Rechtler an der Fakultät bei der Ausarbeitung der Verfassung beteiligt, als die überfällige Reform Wirklichkeit wurde.
 
Natürlich wollten wir nun wissen, aus welchem Grund die Reformen genau zu dieser Zeit stattfanden. Prof. Dolezalek erklärte uns, daß im Grunde schon immer nur ein Teil der Weißen die Apartheid unterstützt hatte. Der Umschwung kam aber dadurch zustande, daß innerhalb des Geheimbundes "Broederbond", der unter den afrikaanssprachigen Weißen sehr mächtig war (und noch ist), die Reformwilligen die Mehrheit errangen. Diese war unter anderem dadurch bewirkt worden, daß die größte Kirche Südafrikas, nämlich die "Nederduits Gereformeerde Kerk", die Apartheid als Sünde bezeichnete und strikt untersagte, diese aus der Bibel zu rechtfertigen. Diese Kardinalsfrage spaltete die National Party und bewirkte eine Mehrheit auf Seiten der Apartheidgegner. Der geringe Prozentsatz der Weißen, der die Apartheid noch zu stützen versuchte, konnte sich des wachsenden Drucks nicht mehr erwehren, so daß die Vernunft am Ende siegte. Gleichzeitig errangen innerhalb der (ebenfalls bis heute geheimen) Kommunistischen Partei, welche die Freiheitsbewegung ANC beherrschte, die Anhänger von Gorbatschow die Mehrheit, und die Befürworter des Staatssozialismus nach dem Vorbild der DDR gerieten in die Minderheit. Dadurch wurde die Freiheitsbewegung nun als Verhandlungspartner akzeptabel, und Gorbatschow selbst hat diese Verhandlungen angeschoben.
 
Prof. Dolezalek sieht in dieser Entwicklung eine Parallele zur DDR, denn auch hier wurde die Staatsidee nicht (mehr) von der großen Masse der Bürger getragen, woraufhin die und die Staatsführung wechselte, so daß ein unblutiger Umschwung erfolgte.
 
Diese positiven Worte über Südafrika ließ er nicht im Raum stehen, ohne zu betonen, daß das Rassendenken, das hinter der Apartheid steht, nicht aus allen Köpfen verschwunden ist. Noch immer empfinden Verblendete aller Gruppen die eigene Rasse als höherwertig. Zudem brechen nun die anderen Probleme des Entwicklungslandes Südafrika auf, die zuvor von dem Problem Apartheid überlagert wurden: fehlende Bildung und Ausbildung, demzufolge Arbeitslosigkeit, Kriminalität und ein zu großes Bevölkerungswachstum, welches das Wasser im Lande zu knapp werden läßt.
 
Prof. Dolezalek schilderte uns nun, daß er in seiner Zeit in Südafrika stets versucht hat, den Kontakt zur europäischen Rechtslehre nicht abreißen zu lassen. So kam es, daß er in den Semesterferien nicht wenige Gastprofessuren in Europa wahrnahm. Er lehrte daher zwischen 1989 und 1995 in Louvain (Frankreich), Trient (Italien), Barcelona und Würzburg.
 
Hier stellten wir nun auch die Frage, welche Sprachen er beherrscht. Wir erfuhren, daß er neben Deutsch, bereits in Englisch, Französisch, Spanisch, Italienisch, Niederländisch, Afrikaans und Latein Vorlesungen gehalten hat. Dazu ist er in der Lage, Russisch, Portugiesisch und Dänisch mit Hilfe eines Wörterbuchs zu lesen. Sprachen haben mehr oder weniger mit Reisen zu tun.
 
"Was bedeutet die Reiselust eines Professors für seine Familie?" "Die müssen mit " Nach diesem harten Satz offenbarte Prof. Dolezalek, daß das rastlose Leben eines vielsprachigen Hochschullehrers unangenehme Seiten hat und daß "die müssen mit", nicht immer funktioniert. So wurde 1983 die erste Ehe ein Opfer der Reisen. Glücklicherweise heiratete Prof. Dolezalek 1988 erneut, und seine Frau akzeptierte auch den Wechsel nach Südafrika. Den kleinen Advokaten war nicht entgangen, daß der ursprüngliche Wunsch, Musiker zu werden, nicht gänzlich ohne Wirkung geblieben sein kann. So fragten wir nach, ob er nun hier in Leipzig Zeit für die Violine findet. Zu wenig, viel zu wenig Zeit antwortete der Professor. Mit Musik hat Prof. Dolezalek dennoch ständig zu tun, denn seine Frau ist Kirchenmusikerin. Sie ist in den U.S.A. aufgewachsen, hat zuerst dort Musik studiert und kam erst mit 27 zu einem weiterführenden Studium nach Deutschland. Zur Zeit ist sie Kantorin der Christuskirche Leipzig-Eutritzsch.
 
Wenn es einen Professor so weit hinaus geführt hat, ist die Frage gestattet, wie es dann glücklicherweise zu einer Professur in Leipzig gekommen ist. Nach 6 Jahren war es der Wunsch von Prof. Dolezalek und seiner Frau, wieder nach Deutschland zurückzukehren. Mit den Jahren war auch das ursprünglich fremde Südafrika weniger lehrreich geworden, und wenn er noch in Deutschland als Hochschullehrer lehren wollte, drängte ihn die Zeit. Ein weiterer Grund war für Prof. Dolezalek, daß im Entwicklungsland Südafrika die Möglichkeiten für rechtsgeschichtliche und rechtsvergleichende Forschung beschränkt sind: Es mangelt an den Büchern, die man dazu braucht. Auch ausgedehnte Aufenthalte in Europa können diesen Umstand nicht voll ausgleichen, so daß man allmählich im Wissensstand zurückfällt. Im April 1995 kündigte er seine Professur in Südafrika, wurde statt dessen Professor in Aberdeen und unterrichtete vertretungsweise in München, während er seine Familie in Frankfurt a. M. "geparkt hat". Da Prof. Dolezalek kein Habilitationsverfahren durchlaufen hatte, waren seine Chancen, eine Professur in Deutschland zu bekommen, nicht sehr gut, obwohl die ordentliche Professur in Kapstadt den gleichen Rang wie eine formelle Habilitation einnimmt und vor allem pädagogische Erfahrung vermuten läßt. Prof. Dolezalek bewarb sich an mehreren Universitäten vergeblich, erhielt dann aber im Februar 1996 einen Ruf nach Leipzig und lehrte dort ab dem Sommersemester 1996 nebenher. Am 1. April 1997 trat er seine jetzige Professur für Bürgerliches, Römisches und Gemeines Recht und Kirchliche Rechtsgeschichte an.
Wir fragten nun wegen der Weltoffenheit von Prof. Dolezalek vorsichtig, ob er gezögert hat, weil Leipzig im blühenden Osten Deutschlands gelegen ist. Uns begegnete dann auch ein entschiedenes Nein.
 
"Ich freue mich sehr, daß ich nach Leipzig gekommen bin. Leipzig ist ein glücklicher Umstand." Hätte man an anderer Stelle Zweifel haben können, so zerstreute sie Prof. Dolezalek mit dem Folgenden. Er lobte Leipzig für dessen Kultur und vor allem die Musik, die Kirchenmusik, die offenbar seine musikalische Heimat ist. "Leipzig ist eine Kulturstadt ersten Ranges." Er hofft, daß der Kulturstandard vor allem auf dem musikalischen Bereich gehalten werden kann, wenn die Bevölkerung das Angebot weiterhin annimmt.
 
Die erste Einrichtung kultureller Art, die Prof. Dolezalek in Leipzig besuchte, waren verständlicherweise die Motetten in der Thomaskirche. Auf einen rechtsgeschichtlich interessierten Menschen, wie es Prof. Dolezalek ist, übt die Stadt mit der Deutschen Bücherei, der gut ausgestatteten Universitätsbücherei und den teilweise wieder nach Leipzig zurückkehrenden Beständen der Reichsgerichtsbibliothek natürlich auch einen besonderen Reiz aus: "Für die Rechtsgeschichte ist Leipzig phantastisch." Die Probleme finanzieller Art sind nach seinem Eindruck ohnehin unisono an den Fakultäten in ganz Deutschland anzutreffen.
 
Nun wollten wir wissen, ob ihm speziell in Leipzig ein bestimmter "Geist" oder besondere Eigenschaften bei Studenten oder der Fakultät aufgefallen sind. Er wies uns darauf hin, daß er weniger mit deutschen Universitäten vergleichen könne, tat dies dann aber mit ausländischen Universitäten. Für uns überraschend stellte er fest, daß Studenten in Deutschland, in Leipzig, reifer sind als dies an Universitäten in Italien oder Spanien der Fall ist. Er erklärte dies damit, daß die männlichen Studenten älter sind, weil sie in aller Regel Zivil- oder Wehrdienst geleistet hätten und auch die Schulausbildung oft länger ist. Im Ausland würden die Jungs auch mal mit Papierfliegern werfen
 
Nach den Chancen befragt, in Leipzig eine gute Ausbildung zu genießen, antwortete Prof. Dolezalek, daß er keine Gründe sehe, warum dies in Leipzig nicht möglich sein soll. Er beurteilt die Ausgangsposition im Vergleich mit anderen Universitäten nicht als rosig, doch als in jedem Falle brauchbar. Zudem legt er Wert darauf, daß Leipzig beste Aussichten hat, sich wieder einen Namen zu machen, denn die Stadt liegt sehr zentral in Ostdeutschland, die Umzüge des Bundesverwaltungsgerichts und des 5. Strafsenats des BGH tun ihr übriges, und mit der Deutschen Bücherei steht eine hervorragende Bibliothek im Hintergrund.
 
Will ein Student heute sicher eine Stelle anstreben, so muß er Auslandserfahrung, ein schnell erreichtes Prädikatsexamen und frühzeitige Praktika nachweisen. Uns interessierte, wie Prof. Dolezalek diese Elemente gewichten würde, hätte er sein Studium heute aufgenommen. Er antwortete darauf, daß die "absoluten Cracks" auch weiterhin kein Problem haben werden, spezifische Berufe wie den des Richters zu erreichen. Nur die wenigsten können sich aber darauf verlassen, zu diesen 5 % zu gehören. Deshalb empfiehlt er allen anderen, neben soliden juristischen Grundkenntnissen eine zusätzliche Ausbildung zu verfolgen. Diese kann zum Beispiel aus Sprachkenntnissen bestehen und es sollte vor allem eine außerjuristische Materie sein. Bei diesem Weg ist die Dauer des Studiums für ihn nebensächlich, wenn es dem Studenten finanziell erlaubt ist. Wenn man diese Doppelausbildung aber nicht beschreiten kann, so fürchtet er, daß nur mit juristischen Grundkenntnissen ein erfolgreicher Einstieg in einen juristischen Beruf schwer möglich ist.
 
Prof. Dolezalek hat 1986 ein umfangreiches Buch mit dem Titel "Repertorium manuscriptorum veterum Codicis Iustiniani" veröffentlicht. Auf die Frage nach dem Inhalt dieses Buches teilte er uns mit, daß er in 226 mittelalterlichen Handschriften in 111 Bibliotheken Glossen zum Codex Iustinianus aus der Zeit von 1100 bis 1240 analysiert hat, die Ausgangspunkt für die Standardkommentare ab dem Jahr 1240 waren, aber dann von letzteren verdrängt worden sind und in Vergessenheit gerieten. Hierbei hat er mittels selbst entwickelter Computerprogramme versucht, Gruppen innerhalb der handschriftlichen Überlieferung festzustellen.
 
Wir wollten nun wissen, wie er speziell zu einem Verfechter der römischen Rechtstradition wurde und die Motivation zu einem solchen Buch fand. Prof. Dolezalek hat schon als Student in Modena die Möglichkeit gehabt, einen Blick in originäre Quellen des römisch-kanonischen Rechts zu werfen. Er wurde als Student mit der Aufgabe betraut, im dortigen Staatsarchiv viele hunderte Blätter aus mittelalterlichen Handschriften zu ordnen. Bei dieser Arbeit hielt er neben medizinischen und theologischen Texten auch Handschriften juristischer Art aus dem 11. bis 15. Jahrhundert in seinen Händen. Diese Schriften haben ihn nicht wieder losgelassen und sein Interesse speziell für römisches Recht geweckt.
 
Im Bezug zum Thema Rechtsgeschichte durfte natürlich unsererseits die Frage nicht fehlen, wie sie denn dem Studenten nutzen soll, der nicht primär wissenschaftlich interessiert ist. Prof. Dolezalek legte nun überzeugend dar, daß die methodischen Grundlagenfächer wie Rechtsphilosophie und Rechtsgeschichte genau das Grundverständnis vermitteln, das die Basis des juristischen Lernens ist. Sicherlich ist nicht das historische Detailwissen Schlüssel zur Fallösung, doch Hochschullehrer können gerade in diesen Fächern grundlegende Prinzipien vermitteln. Erst diese versetzen den Studenten in die Lage, abwägen zu können, welches Wissen er ständig parat haben muß und welches Wissen Details darstellt, das er sich schnell anlesen kann.
 
Dennoch wandten wir ein, daß Studenten in großer Zahl eben diese Grundlagenfächer geringschätzen, so daß doch ein großer Bedarf bestehen muß, die Grundlagenfächer zu überdenken, damit sie nicht das fünfte Rad am Wagen bleiben. Prof. Dolezalek gab zu, daß auch er das Patentrezept noch nicht gefunden hat. Er sieht die Schwierigkeit darin, daß gut gemeinte Äußerungen subtiler Art über die Bedeutung von Rechtsgeschichte und Rechtsphilosophie kaum wahrgenommen werden und deutliche Appelle allzuleicht als Moralpredigten abgelehnt werden, was der Sache noch mehr schadet. So versucht er selbst, in seiner Vorlesung alles zu tun, um die Inhalte attraktiv und anschaulich zu vermitteln.
 
Prof. Dolezalek bemerkte auch, daß eben nicht nur das induktive, fallbezogene Lernen nötig ist. Das Lernen mit den Problemen eines Einzelfalles ist erst dann effektiv, wenn die Grundzüge problemlos auf die Fälle angewandt werden können. Hat man diese Grundlinien nicht erfaßt, ergeht es dem Studenten so, wie es Prof. Dolezalek zu seiner Studienzeit erläutert wurde: Die Universität lehrt die Funktion der einzelnen Rädchen des Rechts, und es sei nicht schlimm, wenn der Zusammenhang am Beginn fehle. Dieser folgt, wenn die Rädchen von der Universität unter kräftiger Mithilfe des Studenten in den letzten Semestern zusammengesetzt werden. Mit diesem System will sich Prof. Dolezalek nicht zufrieden geben, und daher zieht er den Weg vom Allgemeinen zum Speziellen vor, da der Student sonst im Detail ertrinkt und nicht mehr in der Lage ist, sich kurz vor dem Examen auf die Grundzüge zu besinnen.
 
Wie wichtig es ihm ist, dies auch zu erreichen, zeigt seine Antwort auf die Frage nach der Bedeutung des Lernerfolgs seiner Studenten: "Der einzige Erfolg, der zählt."
 
Wenn dem so ist, fragten wir uns natürlich, wie er diesen optimal in den Massenvorlesungen des Studiums der Rechtswissenschaften gewährleisten will, stehen doch Vorlesungen in der Kritik, da sie als Frontalvortrag Defizite hinsichtlich der langfristigen Aufnahme des Stoffes aufweisen. Der Professor will diesen negativen Umständen mit einer Art der Darstellung entgegensteuern, die darauf abzielt, das Raster des zu lesenden Stoffgebietes fest im Wissen der Studenten zu verankern. Er beginnt eine Vorlesungsreihe mit der groben Darstellung des Inhalts und fährt erst nach diesem Überblick fort, die einzelnen Details des Stoffgebietes den Studenten zu vermitteln.
 
Er vergleicht diese Technik damit, daß er das Bild einer Bergkette beschreibt. Zunächst stellt er den groben Umriß, also die Kammlinie des Gebirges dar, um im Anschluß daran die einzelnen "Häuschen und Wälder" anzuordnen. Die Kammlinie wird nun durch die genauere Beschreibung der Details tiefer ins Gedächtnis eingeprägt, und gleichzeitig hat man bei jedem Detail des Bildes stets vor Augen, wo denn sein Platz im Ganzen ist. Prof. Dolezalek hofft, daß sich ein aufmerksamer Student in seiner Vorlesung unter Zuhilfenahme von Folien und einer bildhaften Darstellung, das Raster in gesiebter und merkbarer Form aneignen kann. Nach seiner Ansicht kann die Vorlesung dieses Raster besser als ein Buch vermitteln, denn die betonte Darstellung eines Rechtsprinzips ist eindringlicher als der Fettdruck in einem Buch (selbstredend hängt dieser Effekt natürlich vom Dozenten ab, Anmerkung des Autors). Darüber hinaus sieht Prof. Dolezalek den Vorteil der Vorlesung darin, daß die Vorlesung zu einer geregelten Tageseinteilung zwingt, die trotz aller studentischen Freuden nötig ist. Ist man dann noch wirklich aufmerksam, beruhigt man nicht nur das Gewissen, sondern geht einen wesentlichen Schritt in die richtige Richtung.
 
Rede und Antwort stehen mußte Prof. Dolezalek auch darüber, wo er von der deutschen Einigung erfahren hat und was er dabei gedacht und empfunden hat. Er schilderte uns nun, wie er im ersten Jahr im fernen Südafrika von den Ereignissen hörte. Ausgerechnet jetzt passierte etwas für ihn schier Unglaubliches, Faszinierendes, und er konnte in Südafrika kaum genaue Informationen über die Entwicklung erhalten und sich in keiner Weise beteiligen. Er hatte das Gefühl, am falschen Ort zu sein.
 
Wir erkundigten uns, welche Ansicht er als Rechtshistoriker zum rechtlichen Vollzug der Einigung hat. Prof. Dolezalek schickte zunächst voraus, daß die Rückschau immer einfacher ist und man deshalb nur das Handeln zur Zeit der Entscheidungen kommentieren könne. Die Möglichkeit der Einheit wurde von den Verantwortlichen als einmalige Chance gesehen, die ein eiliges Handeln zu fordern schien. Deshalb kann man nicht aus heutiger Sicht vorwerfen, daß man eine längere, vielleicht vernünftigere Übergangsphase hätte festlegen sollen.
 
Wir führten dennoch auf, ob nicht auch die Chance vertan wurde, fortschrittliche Elemente der Rechtsnormen der DDR wie die völlige rechtliche Gleichstellung des nicht ehelichen Kindes im Erbrecht zu übernehmen. Dem Gedanken, daß vereinzelt Bestimmungen gut waren, war Prof. Dolezalek nicht prinzipiell abgeneigt, und er äußerte, daß eine Auseinandersetzung durchaus fruchtbar sein könnte. Die Größe der 1990 anstehenden Aufgaben hätte aber die Einzelfragen in den Hintergrund gedrängt, so daß ohne böse Absicht nicht immer das Optimum erreicht wurde. Berücksichtigung muß seiner Meinung nach finden, daß in vielen Bereichen nach dem Einigungsvertrag Übergänge vereinbart wurden, die teilweise noch einen Raum für DDR-Recht gaben.
 
Er merkt auch kritisch an, daß zu einer wirklichen Auseinandersetzung mit möglicherweise fortschrittlichen Rechtsnormen die rechtswissenschaftliche Basis aus der DDR fehlt, denn die westdeutsche Rechtsvergleichung hat das Recht der DDR bei weitem mehr durchgearbeitet, als die Schriften aus der DDR selbst. So ist vor allem die Geltung des Rechts wissenschaftlich unerforscht geblieben. Daher gab es zu dem bequemen Weg der grundsätzlichen Übernahme des Rechts der Bundesrepublik keine sofort durchführbare Alternative.
 
Ein leidiges Thema konnten wir nicht unberührt lassen: Die unter Studenten allseits beliebten Klausuren, die in der Praxis kein Gegenstück finden, verdrängen immer mehr die Hausarbeiten.
 
Wir fragten Prof. Dolezalek, ob er hierin nicht eine Verschlechterung für die wissenschaftliche Ausbildung und die spätere Praxis sieht. Er antwortete dann auch, daß er diese Entwicklung für sehr bedenklich halte.
 
Zwar sind Hausarbeiten im Examen aus Gründen eines nicht zu überwindenden Mißtrauens kaum praktikabel, aber bei Übungen haben sie die wichtige Funktion, die Nachschlagetechnik und die Fähigkeit, sich in Themen einzuarbeiten, zu vermitteln. Damit geben sie dem Studenten mehr als nur eine Vorbereitung auf das Examen. Sie bereiten ihn darauf vor, in seinem Beruf gründlich und präzise arbeiten zu können. Diesen Vorteil sollte man in jedem Falle bedenken, bevor man auch noch die Zwischenprüfung einzig auf Klausuren stützt. Um das Ausbildungsniveau anzuheben und wirklich interessierte Studenten vor Kürzungen an ihrer wissenschaftlichen Arbeit zu bewahren, würde es Prof. Dolezalek befürworten, bei der Auswahl der Jura-Studienanfänger auf die Noten in den entsprechenden Fächern im Abiturzeugnis zu achten. Es sei allgemein bekannt, daß abstraktes Denkvermögen wie in der Mathematik nötig ist und das Element der Sprache im Studium sehr bedeutend ist. Diese Fächer sagen mehr als andere etwas über den möglichen Jura-Studienerfolg aus. Mit ihnen könnte man die Befähigung zu der nötigen Wissenschaftstechnik besser nachweisen und so das Studium zahlenmäßig frühzeitiger entlasten, um nicht rein auf die Selektion im Studium setzen zu müssen. Demgegenüber sieht er ebenso klar, daß eine solche Regelung nicht völlig solche Studenten ausschließen darf, bei denen das Interesse am Juristischen erst spät erwacht ist.
 
Zuletzt hatten wir noch Fragen in eigener Sache. Prof. Dolezalek hat ab dem Wintersemester 1996 jede Ausgabe des Kleinen Advokaten gelesen. Interessiert hat uns nun, ob er auf seinen bisherigen Stationen ähnliche Zeitungen der Studenten der juristischen Fakultät gelesen hat, aus denen er uns Anregungen geben könnte. Zu unserer Überraschung antwortete er, daß ihm keine vergleichbare Zeitung einfällt. Die ihm bisher aufgefallenen Zeitungen seien im wesentlichen reine Mitteilungsblätter der Fachschaften gewesen, die nach kurzer Zeit wieder eingegangen sind. Lediglich in den USA ist eine Tradition etabliert, daß fast alle wichtigen juristischen Zeitschriften durch Studenten redigiert werden. Diese Bemerkung lenkte das Gespräch zu einer Idee eines kleinen Advokaten, zu grundsätzlichen juristischen Themen allgemeinen Interesses eine Rubrik zu eröffnen, in der ein Hochschullehrer oder wissenschaftlicher Assistent im Umfang von ca. 3 Seiten über ein Thema schreibt, das ihm eine Stellungnahme wert ist. Diese soll eine im Stil eines Denkanstoßes geschriebene, fundierte Meinung darstellen, die sich auch auf die Juristenausbildung beziehen könnte. Wir fragten nun sogleich Prof. Dolezalek, ob er diese Idee für realisierbar hält und sich selbst beteiligen würde. Dies führte zu einer kontroversen Diskussion, an deren Ende eine etwas abgewandelte Form des Vorschlages stand, den alle Anwesenden für machbar hielten. Ob sich diese Idee wirklich umsetzen läßt, darauf darf der Leser des Kleinen Advokaten gespannt sein.
 
Herr Professor Dolezalek, der kleine Advokat bedankt sich für das aufschlußreiche Gespräch.