1. Einleitung
So nach und nach werden also einige der regional begrenzten volgari / langues vulgaires Sprachen verschriftlicht
und es bilden sich regional unterschiedliche Scriptae heraus, u. a.
durch die Arbeit der Kopisten und Kopistinnen (Mönche und Nonnen):

Als erster sicher datierbarer in einer romanischen Sprache geschriebener
Text gelten, wie gesagt, Les
serments de Strasbourg vom 14. Februar 842, die dem Französischen
zugeordnet werden müssen.
Mit der Zeit fangen immer mehr einzelne Personen an, sich nicht mehr
nur mit dem Lateinischen, sondern auch mit diesen romanischen Volkssprachen
zu beschäftigen. Wie wir gesehen haben, steht zu Beginn dieser Beschäftigung
v.a. das Okzitanische im Zentrum des Interesses (ab Ende des 12. / Anfang
des 13. Jahrhunderts), dann das Französische von Paris, für
das ab der Mitte des 13. Jahrhunderts in England Grammatikfragmente entstehen und
etwa 1400 die erste Grammatik vorliegt.
Doch auch in
Italien entwickelt sich mehr und mehr ein Bewusstsein, dass die italienischen
Volgari nicht das Gleiche sind, wie Latein, obwohl sie sich nicht so
weit davon wegentwickelt haben, wie die galloromanischen Volgari, und
dass diesen Volgari immer mehr Bedeutung zukommt.
Nicht nur schreibt Dante ab etwa 1307 das erste große
literarische Werk in einem italienischen Volgare, die Divina Commedia,
sondern 1435 entsteht auch schon die erste Grammatik, d.h. die Leon
Battista Alberti zugeordnete Grammatica
della lingua toscana, und mit der Zeit machen sich auch ungebildetere
Leute, d.h. die, die keine Lateinschule besucht haben, auf die Suche
nach einer Norm, so etwa zwischen 1487
und 1490 Leonardo
da Vinci, der mit einem autodidaktischen Ziel nach Begriffen eines vulgare
regulato sucht, die er uomo sanza lettere in seinen eigenen
Schriften gebrauchen könnte.
All die bisher genannten Beispiele sind zugleich auch Ausdruck der Suche nach einer Norm, nach Regelmäßigkeiten, die
gerade die Humanisten den Volkssprachen absprechen werden bzw. abgesprochen
haben.
Der erste wirkliche Normierungsdruck entsteht aber erst mit der im 15. Jahrhundert
beginnenden sogenannten Gutenberg-Ära, d.h. mit der Erfindung des
Buchdrucks

und seiner rasanten Verbreitung in Europa:

Deshalb muss auch dem
Buchdruck allgemein und der Bedeutung der Drucker für
die Normierung des Italienischen und Französischen große Aufmerksamkeit
geschenkt werden.
Mit dem Buchdruck wird im 16. Jahrhundert ja nicht nur die italienische Questione
della lingua erst einmal zugunsten des von Bembo

propagierten
archaischen Toskanisch entschieden, sondern es sind auch in Frankreich
gerade die Drucker, die ein normiertes einheitliches Französisch
fordern. Einer der ersten war Geoffroy Tory mit seinem 1529 erschienenen Champ
fleury ou l'art et science de la proportion des lettres:

Wie wichtig es für das Prestige, den Status und die Bedeutung,
ja vielleicht sogar für das Überleben von Sprachen und Kulturen
ist, an der jeweiligen technologischen Entwicklung zu partizipieren -
im Falle des Buchdrucks heißt das, in den für Innovation stehenden
gedruckten Produkten zu erscheinen - das können wir vielleicht erst
heute so richtig erkennen, wo wir selbst eine alles umkrempelnde technologische
Revolution erleben, nämlich die der Computer und der damit verbundenen
Digitalisierung unserer Kultur. Die heutige technologische Entwicklung
wird nicht umsonst und meiner Meinung nach auch nicht zu Unrecht, mit
dem Einsetzen der Gutenberg Ära verglichen.
An der Entwicklung des Internet lässt sich auf jeden Fall erkennen,
wie bedeutend das Gedrucktwerden des Französischen
und seine Teilhabe an einem rasant wachsenden Markt für das
Selbstverständnis
der damaligen Führungsschichten
gewesen sein muss. So scheint gerade die französische Sprachpolitik,
wie sie seit Ende des 15. und dann verstärkt im 16. Jahrhundert
im Zusammenhang mit der Vergrößerung und Sicherung des
Reiches betrieben wird, nicht zuletzt ein Ausdruck dafür zu
sein, dass die Marktgängigkeit
der Sprache erkannt wurde. Ein Maß, ein Recht, ein Glaube,
eine Währung, eine Sprache und natürlich ein König,
das sind schließlich die Ingredienten des sich herausbildenden
französischen
Nationalstaates. Zeugnisse sind die verschiedenen Spracherlasse:
- Spracherlaß von Louis XI (1461-1483).
- 1490 Verfügung Karls VIII
- 1510 Ordonnance de Louis XII
- 1533 Ordonnance de François Ier
- 1535 werden sie auch auf die Provence ausgedehnt.
- 1539 August: Ordonnance de Villers-Cotterêtes vom August
Im
17. Jahrhundert fehlt dann eigentlich nur noch eine Akademie, die Académie française
Für diese Akademie steht die italienische Accademia
della Crusca Modell, die schon seit Ende des 16. Jahrhunderts
in Florenz existiert.
2. Das 15. Jahrhundert
Das 15. Jahrhundert markiert den Übergang vom Mittelalter zur Neuzeit. Auf nahezu allen Gebieten des menschlichen Zusammenlebens vollzogen sich tiefgreifende Veränderungen. Gefahrvolle, lange Entdeckungsreisen der Spanier und Portugiesen zur See erschlossen neue Welten, während in Europa, in der Alten Welt, das politische Mächtegleichgewicht vollständig umgestaltet wurde.
Technische Innovation, eine deutliche Zunahme der Schriftlichkeit auch ausserhalb klösterlicher Mauern, kirchliche Reformbestrebungen, eine erste Blüte humanistischen Gedankengutes und neue Wege in den bildenden Künsten prägen ebenso wie furchtbare Inquisitionsprozesse und zahlreiche, andauernde Kriege auf dem ganzen Kontinent dieses an Widersprüchen so reiche Jahrhundert Johannes Gutenbergs (cf. <http://www.gutenberg.de/zeitreise/>)
2.1 Wichtige Ereignisse im 15. Jahrhundert
Wichtige Ereignisse im 15. Jahrhundert sind
1400 Geoffrey Chaucer (Dichter der Canterbury Tales ) gestorben.
1402 Jan Hus wird Rektor der Prager Universität
1408-1416 Les Très Riches Heures der Brüder Limburg für den Duc de Berry
1409 Le donait françois von John Barton, erste französische Französischgrammatik
1409 Gründung der Universität Leipzig
1415 Wiederaufnahme des 100jährigen Krieges zwischen England und Frankreich. Französische Niederlage in der Schlacht bei Azincourt. Verbrennung des Jan Hus auf dem Konstanzer Konzil
1418 Erster datierter Holzschnitt in Europa (Brüsseler Madonna) - Ende des großen Papstschismas
1419-1436 Hussitenkriege
1417-1435 Der italienische Humanist Leonardi Bruni übersetzt die Politik des Aristoteles ins Italienische
1427-52 Die Azoren gelangen in portugiesischen Besitz
1431 Inquisitionsprozess und Hinrichtung der Jeanne d'Arc, der Jungfrau von Orleans, in Rouen
1431-65 François Villon (Französischer Balladendichter)
1434 Cosimo de Medici erringt die Stadtherrschaft in Florenz. Vollendung der Florentiner Domkuppel durch Filippo Brunelleschi
1436 Ende des Hundertjährigen Krieges zwischen England und Frankreich. Erste portugiesische Niederlassungen an der afrikanischen Westküste
1438 - 1441 Grammatichetta von Leon Battista Alberti, in Libri di famiglia , erste italienische Italienischgrammatik
1440 Friedrich III. deutscher König
1441 Beginn des portugiesischen Sklavenhandels
1444/45 Raubzüge der Armagnaken, Feuerwaffen und Söldnerheere bestimmen immer stärker die europäischen Kriegsschauplätze
1444 Cosimo de Medici gründet die Biblioteca Medicea Laurenziana in Florenz
1444-46 Prokop Waldvogel lehrt in Avignon die Kunst des künstlichen Schreibens
1446 Ältester datierter Kupferstich (Berliner Passion)
1444-1448 Konzil von Basel
1447-1455 Papst Nikolaus V., Stifter der Biblioteca Vaticana
1450 Der frühere Söldnerführer Francesco Sforza wird Herzog von Mailand
1452 Kaiserkrönung Friedrichs III. in Rom. Leonardo da Vinci und Savonarola geboren
1452 Leon Battista Alberti: Über die Baukunst
1452-1454/55 Gutenberg druckt in Mainz seine 42-zeilige Bibel in einer Auflage von ca. 180 Exemplaren
1453 Eroberung Konstantinopels durch Mohamed II. (den Großen). Flucht zahlreicher griechischer Gelehrter nach Italien
1454 Gutenberg druckt in Mainz Ablassbriefe mit deren Erlöß ein Kreuzzug gegen die Türken finanziert werden soll
1458-1464 Enea Silvio Piccolomini Papst Pius II.
1459 Gründung der Platonischen Akademie in Florenz unter Cosimo de Medici
1459 Gründung der Universität Basel
um 1460 Johannes Müller Regiomontanus entwickelt die Dezimalbruchrechnung
1462 Mainz verliert die Stadfreiheit und wird erzbischöfliche Stadt
1466 Erste deutsche Bibel in Straßburg bei Johannes Mentelin gedruckt
1467 Arnold Pannartz und Konrad Sweynheym begründen in Subiaco die erste Druckerei in Italien
aber: "nel 1465 due stampatori di Magonza, i chierici A. Pannartz e C. Sweynheym, vi impiantarono la prima tipografia italiana."
1468 Johannes Gutenberg stirbt am 3. Februar in Mainz
1469 Erasmus von Rotterdam und Macchiavelli geboren
1471 Portugiesen überqueren erstmals den Äquator
1473 Baubeginn der Sixtinischen Kapelle in Rom.
1474 Botticelli: Der Frühling. Michelangelo geboren
1481 Einführung der Inquisition in Spanien durch Thomas de Torquemada
1483 Geburt Martin Luthers. Geburt Raffaels
1491 Ignatius von Loyola geboren
1492 Entdeckung Amerikas. Erster Weltglobus des Martin Behaim in Nürnberg. Einnahme Granadas beendet die spanische Reconquista; Gramática de la lengua castellana von Antonio de Nebrija, erste spanische Spanischgrammatik und erste gedruckte Grammatik einer romanischen Sprache, Vertreibung der Juden aus Spanien. Leonardo da Vinci zeichnet eine Flugmaschine.
1493 Friedrich III. stirbt; Maximilian I. von Habsburg ("Der letzte Ritter"), seit 1486 deutscher König, tritt seine Nachfolge an. Aufteilung der Neuen Welt zwischen Spanien und Portugal durch Schiedsspruch Papst Alexanders VI.
1494 Sturz der Medici in Florenz. Erstes Auftreten der Syphilis in Europa.
1497 Leonardo da Vinci: Das Abendmahl
1497/98 Giovanni Caboto landet in englischem Auftrag in Nordamerika
1498 Vasco da Gama umsegelt das Kap der Guten Hoffnung und erreicht Indien auf dem Seeweg. Holzschnittzyklus Apokalypse Albrecht Dürers. Hinrichtung Savonarolas
1499 Schweizer Eidgenossen lösen sich im sog. Schwabenkrieg vom deutschen Reich. Die Fugger kontrollieren den europäischen Kupfermarkt; ihr Vermögen hat sich in zwanzig Jahren verzehnfacht.
1500 Geburt Karls V. Der portugiesische Seefahrer Pedro Caba landet in Brasilien
(cf. <http://www.gutenberg.de/zeitleis.htm>, hier gekürzt und integriert mit Daten zu Grammatiken)
2.2 Johann Gensfleisch zu Gutenberg
Um 1400 wird Johann Gensfleisch in Mainz im Hof zum Gutenberg geboren und wohl am 24. Juni (Johannistag) in der Pfarrkirche St. Christoph getauft.
Um 1419 stirbt Gutenbergs Vater, Friele Gensfleisch, in Mainz. Im folgenden Jahr müssen sich Gutenberg und seine Geschwister mit ihrer Stiefschwester Patze wegen des Erbteils des gemeinsamen Vaters vor Gericht auseinandersetzen.
1419/20 Die Erfurter Universitätsmatrikel verzeichnet für das Wintersemester 1419/20 einen Johannes de Altavilla , bei dem es sich um Johannes Gutenberg handeln könnte, ohne dass dies mit letzter Sicherheit zu klären ist.
Um 1428 kommt es in Mainz u.a. wegen der desolaten finanziellen Lage der Stadt wiederholt zu Auseinandersetzungen zwischen den politisch regierenden Familien, die jeweils von den Patriziern der Stadt oder aber den Handwerkerzünften unterstützt werden. Aus Protest gegen die Steuerforderungen des überwiegend aus Vertretern der Zünfte bestehenden Rates verlassen zahlreiche Mitglieder der traditionellen Führungsschicht, d.h. der patrizischen Familien, die Stadt, darunter auch Gutenberg und die Familie Gensfleisch.
1429-1434 Der genaue Aufenthalt Gutenbergs für diese Jahre ist ungewiss.
1433 Gutenbergs Mutter, Else Wirich, stirbt in Mainz; ihr Nachlass wird unter die drei Kinder Friele, Else und Henne (Johannes) Gensfleisch aufgeteilt.
1434 Erste urkundliche Erwähnung für Gutenbergs langjährigen Aufenthalt in Straßburg (1434-1444). In dem Dokument erfahren wir, dass Gutenberg den Mainzer Stadtschreiber Nikolaus von Wörrstadt zu Straßburg in Schuldhaft setzen ließ, um 310 Gulden rückständiger Rentenzahlungen von dem Rat der Stadt Mainz zu erzwingen.
1436/37 Gutenberg wird von der Straßburger Bürgerstochter Ennelin von der Isern Türe wegen eines nicht eingehaltenen Eheversprechens vor dem geistlichen Gericht in Straßburg angeklagt. Ob Gutenberg Ennelin daraufhin geheiratet hat, ist ebenso wie der Ausgang des Gerichtsverfahrens nicht überliefert. Im Verlauf des Prozesses bezeichnet Gutenberg Niklaus Schott, einen Zeugen der Ennelin, als armen, notdürftigen Menschen, der ein armes notdürftiges Leben mit Lügen und Trügen führt . Gutenberg wird darauf von Niklaus Schott wegen Beleidigung verklagt und zu einer Zahlung von 15 Gulden verurteilt.
1436-1444 In den Einträgen des Straßburger Helbeling-Zollbuches, eines Weinungeld- bzw. -steuerregisters, erscheint Gutenberg zunächst unter den Halbkonstofelern, d.h.den nicht ganz vollwertigen Mitgliedern der patrizischen Vereinigung der Konstofeler, daneben aber auch als Halbmitglied der Goldschmiedezunft sowie in der Liste derjenigen, die gar keiner Zunft angehören. In einer Aufgebotsliste der Stadt für den Kriegsfall ist Gutenberg dagegen für das Jahr 1443/44 in der Gruppe der Patrizier bzw. der Konstofeler mit einem halben Pferd als zu leistendem Verteidigungsbeitrag verzeichnet. Sein sozialer Status während der Straßburger Zeit bleibt somit unklar, entsprach aber wohl dem eines sog. Freimeisters.
1439 muss sich Gutenberg in einem Prozeß vor dem Straßburger Rat verantworten. Die Protokolle des Verfahrens, darunter umfangreiche Zeugenaussagen, sind die maßgeblichen Quellen zu Gutenbergs geschäftlichen, künstlerischen und handwerklichen Aktivitäten in Straßburg. Sie berichten über eine Lehr- und Werkgemeinschaft Gutenbergs mit verschiedenen Straßburger Bürgern, u.a. Andreas Dritzehn, zur Herstellung von sog. Wallfahrtsspiegeln für die große Aachener Wallfahrt, erwähnen aber auch eine zweite Geschäftsgesellschaft sowie eine geheime Kunst Gutenbergs, über die die Teilhaber strenges Schweigen zu wahren hatten. Da im Zusammenhang mit diesem Geschäftsgeheimnis auch von einer Presse sowie von Material, das zu dem trucken gehöret, gesprochen wird, darf man aller Wahrscheinlichkeit nach annehmen, dass Gutenberg schon in Straßburg verschiedene Elemente seiner Erfindung in die Praxis umgesetzt und bereits erste Druckversuche durchgeführt hat.
1441/1442 tritt Gutenberg im Zusammenhang mit einem Darlehen über 100 Pfund Straßburger Denare, welche der Edelknecht Johann Karle von dem Straßburger St. Thomas-Stift geliehen hat, als wohlhabender Bürge auf. Nur ein Jahr später nimmt Gutenberg selbst ein Darlehen über 80 Pfund derselben Währung von dem St. Thomas-Stift auf, das er aber bis zu seinem Lebensende nicht zurückzahlen kann. Aus diesem Grunde wirde er mehrfach gerichtlich belangt, u. a. auch von dem kaiserlichen Hofgericht in Rottweil.
1444 - 1448 Für diesen Zeitraum sind über Gutenbergs Aufenthalt und seine Aktivitäten keine Nachrichten erhalten.
1448 Gutenberg ist wieder nach Mainz zurückgekehrt und nimmt auf Vermittlung seines Verwandten Arnold Gelthuß 150 Gulden Darlehen zu 5% Zinsen auf, die er wahrscheinlich zur weiteren Vervollkommnung seiner Erfindung einsetzt.
Vor 1450 Gutenberg druckt ein Gedicht vom Weltgericht in deutscher Sprache nach einem um 1360 in Thüringen verfassten Sibyllenbuch. Der wohl früheste Gutenberg zugeschriebene Druck ist nur in einem kleinen Fragment erhalten, dessen Druckort und Erscheinungsjahr bislang nicht eindeutig geklärt werden konnten. |