„Wo ich bin, ist Deutschland“

Alles begann mit einem nicht ganz freiwilligen Sommerurlaub in Sanary-sur-Mer. Nach einem in Paris gehaltenen Vortrag zum 50. Todestag Richard Wagners im Frühjahr 1933 wurde Thomas Mann die Rückreise nach Deutschland verweigert. Die rastlosen Jahre im Leben des Autors begannen. Die Emigration, das ständige Reisen und Kofferpacken wurde zum Alltag.

Den Autor zog es mit seiner Familie in die Schweiz. Willkommen fühlte sich die Familie hier jedoch nicht, wie Thomas Mann in einem Brief an Rudolf Kayser betonte: „Zu diesem Land hier wage ich Ihnen nicht, Mut zu machen. Es ist vielleicht das autarkischste, auf sich und die Seinen am meisten bedachte, den Ausländern abholdeste von allen“. Unter anderem wurden politische Betätigungen untersagt, um einer Konfrontation mit dem deutschen Reich vorzubeugen.

1934 reiste die Familie Mann das erste Mal in die Vereinigten Staaten, in denen großes Interesse an dem Schriftsteller bestand. Im Jahr 1936 kam Thomas Mann zur Einsicht, dass sich die politische Situation in Deutschland in naher Zukunft nicht ändern würde. So geriet sein Ausbürgerungsverfahren ins Rollen. Forciert wurde dieses durch den damaligen Gesandten Ernst von Weizsäcker, der sich in einem Brief über Manns „höhnische[…] Bemerkungen [sogar] feindselige Propaganda gegen das Reich im Ausland“ beklagte.

Die Familie entschloss sich, endgültig ihre Koffer zu packen und 1938 in die USA auszuwandern. Bei deren Ankunft in New York wurde Thomas Mann um eine Stellungnahme zu den Entwicklungen und seinen Gefühlen bezüglich des Exils gebeten. Diese wurde am darauffolgenden Tag in der New York Times abgedruckt:

„Es ist schwer zu ertragen. Aber was es leichter macht, ist die Vergegenwärtigung der vergifteten Atmosphäre, die in Deutschland herrscht. Das macht es leichter, weil man in Wirklichkeit nichts verliert. Wo ich bin, ist Deutschland. Ich trage meine deutsche Kultur in mir. Ich lebe im Kontakt mit der Welt und ich betrachte mich selbst nicht als gefallenen Menschen.“

Die Zeit der Emigration war für Thomas Mann von großer Produktivität, Anerkennung und Erfolg geprägt. In den USA lebte die Familie Mann keinesfalls zurückgezogen, sondern stand öffentlich zu ihrer politischen Einstellung und erhielt 1944 die amerikanische Staatsbürgerschaft. Nach Kriegsende besuchte Thomas Mann Deutschland nur noch selten. In einem Brief an Theodor W. Adorno schrieb er:

„Nach Deutschland bringen mich keine zehn Pferde. Der Geist des Landes ist mir widerwärtig.“

Fortan lebte er in der Schweiz, dem Zufluchtsland seiner dunkelsten Jahre. Aber wie hatte er doch selbst gesagt? „Wo ich bin, ist Deutschland“.

Autorin: Leona Bürzle

Quellen:
Eckart Conze, Norbert Frei, Peter Hayes, Moshe Zimmermann: Das Amt und die Vergangenheit. Deutsche Diplomaten im Dritten Reich und in der Bundesrepublik. Blessing, München 2010, S. 85.
Schröter, Klaus: Thomas Mann. Rowohlt, Hamburg, S. 109.
Sprecher, Thomas: Thomas Mann in Zürich. Verlag Neue Züricher Zeitung, Zürich 1992, S. 80.
Vaget, Hans Rudolf: Thomas Mann, der Amerikaner. Leben und Werk im amerikanischen Exil 1938 – 1952. S. Fischer Verlag, Frankfurt am Main, 2011.