Tag 12 – Bücherjagd. Teil III

Eine Kurzgeschichte von Sabine Theiß

Als sie erwacht, befindet sie sich in einem sterilen Raum in einem fremden Bett mit einem Schlauch im Arm. Abrupt setzt sie sich auf und sofort wird ihr schwindelig. Sie lehnt sich zurück. Wie ist sie ins Krankenhaus gekommen? Wo ist ihre Tasche?

Die Tür öffnet sich und ein Mann in einem weißen Kittel betritt den Raum. Er fragt nach ihrem Namen.

„Ich heiße Amalia Biedenstein. Wie bin ich hierhergekommen?“

Der Arzt erzählt, sie sei aufgrund von Unterernährung zusammengebrochen. Es sei höchste Zeit, dass sie sich wieder normal ernähre. Natürlich sei das kein einfacher Prozess, aber hier im Krankenhaus würden sie sie erst einmal mit den nötigen Vitaminen und Nährstoffen versorgen und einen Ernährungsplan erstellen. Wenn sie wieder soweit bei Kräften sei, werde sie entlassen.

„Wir werden das schon in den Griff bekommen“, sagt er.

„Wo ist meine Tasche?“, fragt Amalia verzweifelt. Hoffentlich haben sie sie nicht durchsucht!

Der Arzt runzelt die Stirn. „Die müsste im Schrank sein.“ Er sieht nach. „Ach ja, hier ist sie.“ Er reicht sie Amalia, die sie sofort an sich reißt und fest an sich drückt.

„Haben sie noch Fragen?“

Sie schüttelt den Kopf.

Als er endlich den Raum verlassen hat, öffnet sie hektisch ihre Tasche. Sie atmet auf. Da ist sie, die Eck-Bibel. Unversehrt und unentdeckt. Schnell versteckt sie die Tasche hinter ihrem Kopfkissen. Sie wird sie nicht mehr alleine lassen.

Nach zwei Tagen im Krankenhaus, in denen sie wieder zu Kräften gekommen ist, entlässt Amalia sich selbst. Sie hält es nicht mehr aus. Sie hat eine Mission zu erfüllen.

In der Krankenhauscafeteria isst sie noch etwas, um für die Nacht fit zu sein. Dann macht sie sich auf den Weg zur Bibliothek. Es ist eine Stunde vor Betriebsschluss. Um sich die Zeit zu vertreiben, schaut sie durch die Regale des Freihandbereichs. Sie findet ein Buch aus dem späten 19. Jahrhundert, das ihr gefällt und versteckt sich damit in einer abgelegenen Ecke. Eine Bibliothekarin erinnert die letzten zwei Besucher daran, dass die Bibliothek in wenigen Minuten schließt. Sie läuft die Reihen ab und hält Ausschau nach weiteren Menschen, die sich noch dort aufhalten könnten. Amalia versteckt sich hinter der schmalen Seite des Regals und hält den Atem an. Die Bibliothekarin übersieht sie und schließt hinter den letzten Besuchern die Tür zum Freihandbereich. Jetzt ist Amalia alleine. Sie stellt sich auf eine längere Wartezeit ein, bis alle Mitarbeiter die Bibliothek verlassen haben, und präpariert das Buch in ihren Händen. Sie hört das Schließen von schweren Türen und Schritte auf dem Steinboden. Dann ist es still.

Sie verstaut das Buch und schleicht durch den Saal. Sie testet die Tür und drückt mit ihrem Gewicht dagegen. Die Tür gibt nach. Glück gehabt! Um durch den Aufzugsschacht zu klettern, hätte sie nicht genügend Kraft gehabt. Leise steigt Amalia die Treppen hoch in den sechsten Stock. Mit dem nachgemachten Schlüssel öffnet sie die Tür zur Sondersammlung. Sofort schlägt ihr der Duft von altem Pergament entgegen. Einen Moment bleibt sie stehen und genießt. So viele alte, kostbare Bücher. Die meisten sind in Kartonschuber gepackt, um sie zu schützen. Amalia sucht nach dem Katalog, in dem die Bestände der Sondersammlung verzeichnet sind. Er umfasst vier dicke Bände. Es dauert eine Stunde, bis sie die Standorte der Bücher, die sie im Auge hat, herausgesucht hat. Dabei hat sie noch andere Titel entdeckt, die sie unbedingt haben muss. Insgesamt sind es zwölf Bücher, die sie nun zusammensucht, aus ihren Schubern befreit und auf einem Forschungstisch stapelt.

In einem der Regale findet Amalia eine Exlibris-Sammlung, aus denen sie sich die schönsten vier aussucht. Sie könnte den ganzen Karton mitnehmen, doch das würde sofort auffallen. Zuletzt holt sie die Klosterhandschrift, derentwegen sie extra hierher gefahren ist. Vorsichtig nimmt sie sie in die Hände. Der Einband ist brüchig. Darum wird sie sich zuhause besonders kümmern müssen. Es knarzt, als sie das Buch öffnet. Eine golden und lapislazuli farbene Initiale strahlt ihr entgegen. Ein breites Grinsen erscheint auf ihrem Gesicht. Endlich! Sie schiebt das Buch wieder in den Schuber und kehrt zurück zum Tisch. Sie nimmt einen Stapel Bücher und geht ins Erdgeschoss zu den Toiletten, wo sie das Fenster neben den Waschbecken öffnet. Sie wirft die Bücher nach draußen auf die Wiese, behutsam und alle nacheinander, damit sie keinen Schaden nehmen. Dann hastet sie zurück nach oben, holt die restlichen Bücher und schließt die Tür ab. Sie wirft auch diesen Teil der Beute aus dem Fenster und zwängt sich schließlich selbst hindurch. Draußen versteckt sie die Bücher hinter einer Hecke. Zwei nimmt sie sofort mit, verborgen unter ihrem Mantel. Sie holt ihr Auto, lädt das Diebesgut in den Kofferraum und legt eine Decke darüber.

Noch in der gleichen Nacht fährt sie zurück nach Heidelberg. Sie öffnet die Haustür und sogleich schlägt ihr der vertraute Geruch ihrer Bibliothek entgegen. Endlich zuhause! Im Flur lädt sie die neuen Bücher ab. Um sie wird sie sich später kümmern. Einzig die mittelalterliche Handschrift nimmt sie mit nach oben. Dort stellt sie sie an ihren Platz. Nun schließt sich die Lücke im Bücherregal.

ENDE