Maske der Verantwortung

„Die Maske bekam den Ausdruck tiefster Verzweiflung und schrecklichen, unheilbaren Unglücks. Sie weinte, lautlos und laut.“ Mit diesen Worten verdeutlicht der Fischer-Autor Carl Zuckmayer seine Bewunderung für die Schauspielkunst des Freundes Werner Krauß. In den 1930ern besuchte ihn der Schauspieler oft in seinem österreichischen Exil in Henndorf. Eines Nachmittags, als ihnen „der Wein zwischen Frühstück und Abendessen nicht ausging“, setzte Werner Krauß eine „grässliche schieche Perchtenmaske“ auf, die zuvor auf Zuckmayers Dachboden zu verstauben drohte. Und obwohl sein Gesicht nun nicht zu sehen war, zog er die gesellige Runde durch seine Gestik und vor allem durch seine starke Stimme in den Bann. Sie bemitleideten die Maske in dem einen und fürchteten sie im nächsten Moment. Es sei wie eine hypnotische, gar magische Seance gewesen.

Werner Krauß, der in dem Nazi-Propagandafilm „Jud Süß“ mitspielte, wurde von Zuckmayer der Kategorie „Sonderfälle, teils positiv, teils negativ“ zugeordnet.

So beschreibt es Carl Zuckmayer in seinem Bericht über Werner Krauß, den er 1943/44 im sogenannten „Geheimreport“ während seines Exils in der USA für den amerikanischen Geheimdienst OSS verfasste. Rund 150 erfolgreiche Persönlichkeiten aus Filmen, Verlagen und dem Journalismus kategorisierte er in Charakterporträts. Werner Krauß, der in dem Nazi-Propagandafilm „Jud Süß“ mitspielte, wurde von Zuckmayer der Kategorie „Sonderfälle, teils positiv, teils negativ“ zugeordnet. Mit der Masken-Anekdote lobte er dessen Talent und beschwor, Deutschland dürfte einen solchen Schauspieler nicht verlieren. Zwar sei Werner Krauß vom „Nazibrimborium sehr geblendet gewesen“, doch er sei kein Antisemit „im politischen, höchstens in einem nebelhaft-unklaren, gefühlsmäßigen Sinn“ gewesen.

Zuckmayer sagte 1947 sogar als Zeuge in einem langwierigen Entnazifizierungsverfahren für Krauß aus. Dieser wurde schließlich als Mitläufer eingestuft. Sein Berufsverbot wurde nach drei Jahren wieder aufgehoben. 1954 wurde er mit der Verleihung des Bundesverdienstkreuzes rehabilitiert.

Tragen Schauspieler und Schauspielerinnen Verantwortung für den Inhalt der Werke, denen sie durch ihr darstellerisches Gebaren Leben verleihen? Zuckmayers Verleger, Gottfried Bermann Fischer, fand zu dieser Frage deutliche Worte: „Mir erscheint ein Mann wie Krauss ebenso wie ein Gerhart Hauptmann oder wer auch immer an produktiver Persönlichkeit es sein möge, mehr verantwortlich für die Katastrophe als irgendein noch so gefährlicher stupider Nazi.“

Autorin: Corina Pongratz

Quellen:
Zuckmayer, C. & Fischer, G. B. (2004). Briefwechsel 1 Briefe 1935 – 1977 Carl Zuckmayer; Gottfried Bermann Fischer. Hrsg.: Irene Nawrocka. Wallstein.

Zuckmayer, C. & Fischer, G. B. (2004). Briefwechsel 2 Kommentar Carl Zuckmayer; Gottfried Bermann Fischer. Hrsg.: Irene Nawrocka. Wallstein.

Zuckmayer, C. (2002). Geheimreport. Wallstein.