Luise Rinser – demokratische Widerstandskämpferin oder Nazi-Poetin?

Über 30 veröffentlichte Bücher und mehr als fünf Millionen verkaufte Exemplare können wohl für sich sprechen: Luise Rinser zählt zu den erfolgreichsten Autor*innen des Fischer-Verlags. Zu ihren begeisterten Lesern gehörte neben Marcel Reich-Ranicki auch Hermann Hesse, mit welchem sie in regem Briefkontakt stand. Lange galt sie als eine Art linkes Gewissen der Nation, als emanzipatorische Widerstandskämpferin und Verfechterin der Demokratie. Sie reiste um die Welt, nahm aktiv an politischen Diskussionen teil, engagierte sich in der Abrüstungsbewegung und gegen Atomkraft, kritisierte immer wieder die katholische Kirche. Alles Themen, die sie auch in ihren Werken beleuchtete. Luise Rinsers Karriere kam ins Wanken, als ihre Vergangenheit publik wurde. 

Schlagartig kamen belastende Details ans Licht, die deutlich machten, dass sie während des Dritten Reichs eine Nationalsozialistin gewesen war.

Ihr Gedicht „Die junge Generation“, 1935 in der Zeitschrift „Herdfeuer“ veröffentlicht, war eine Hymne auf Adolf Hitler, sie war eine Nazi-Poetin gewesen.

„Todtreu verschworene Wächter heiliger Erde,

des großen Führers verschwiegene Gesandte,

Mit seinem flammenden Zeichen auf unserer Stirn,

Wir jungen Deutschen, wir wachen, siegen oder sterben,

denn wir sind treu!“

Zunächst leugnete sie die Urheberschaft, dann wollte sie das Gedicht als Satire abtun. Sprach sie jemand darauf an, reagierte sie mit wütenden Anschuldigungen. In ihrer 1981 erschienenen Autobiographie „Den Wolf umarmen“ hielt sie ihre Zeit als Ausbilderin beim „Bund Deutscher Mädel“ unter Verschluss, genauso den Tatbestand, dass sie als Junglehrerin ihren jüdischen Schuldirektor denunzierte. Entgegen ihrer Behauptung gab es auch nie ein Schreib- oder Publikationsverbot ihr gegenüber.

Im Oktober 1944 wurde sie nach Denunziation durch eine Freundin wegen „Wehrkraftzersetzung“ inhaftiert, jedoch kam es nie zum Prozess. In ihrem „Gefängnistagebuch“ verdreht sie die Fakten zu ihrem Aufenthalt. Dass sie wegen Hochverrats angeklagt war und sogar zum Tode hätte verurteilt werden können stellte sich später als Lüge heraus.

Luise Rinser war also nicht die aktive Antifaschistin, die mutig die Folgen ihrer Handlungen in Kauf nahm. Der Theologe und langjährige Freund Rinsers, José Sánchez de Murillo, fand in seiner 2011 erschienenen Biographie über die Autorin wohl die richtigen Worte: „Die Rinsersche Tragödie besteht darin, niemals den Mut aufgebracht zu haben zu gestehen, zu ihrer Vergangenheit zu stehen.“

Autorin: Paula Magnanimo

Quelle:
Apel, F. (2011). Nie sollst du mich befragen. Frankfurter Allgemeine Zeitung. Online verfügbar unter: https://www.faz.net/aktuell/feuilleton/buecher/rezensionen/belletristik/jose-sanchez-de-murillo-luise-rinser-nie-sollst-du-mich-befragen-1628144.html Zuletzt abgerufen am 3.12.2020 
Henning, U. (o. D.) Luise Rinser. Online verfügbar unter: https://www.fembio.org/biographie.php/frau/biographie/luise-rinser/ Zuletzt abgerufen am 3.12.2020 
Kleeberg, M. (2011). Luise Rinsers Vergesslichkeit. Der Spiegel. Online verfügbar unter: https://www.spiegel.de/spiegel/print/d-76229390.html Zuletzt abgerufen am 3.12.2020 
Stark, F. (2011). Luise Rinser fälschte ihre Lebensgeschichte. Welt. Online verfügbar unter: https://www.welt.de/kultur/literarischewelt/article13161257/Luise-Rinser-faelschte-ihre-Lebensgeschichte.html Zuletzt abgerufen am 3.12.2020
Zur historischen Orientierung: Die NS-Lyrik von Luise Rinser (o. D.). Deutsches Pressemuseum im Ullsteinhaus E.V.. http://pressechronik1933.dpmu.de/zur-historischen-orientierung-die-ns-lyrik-von-luise-rinser/ Zuletzt abgerufen a. 6.12.2020