Das Leben nach der Wende

Aufarbeitung der Vergangenheit

Nach dem Fall der Mauer kehrte Erich Loest zurück nach Leipzig.

Im Jahr 2002 näherte sich der 25 Jahrestag seines Romans „Es geht seinen Gang“. Vieles konnte der Autor bis dahin schon aufarbeiten, aber eine entscheidende Frage blieb noch zu klären: Wer war für das Verbot der Nachauflage im Mitteldeutschen Verlag verantwortlich?

Erich Loest unterhielt deshalb Briefwechsel mit mehreren Personen aus seiner Vergangenheit: Klaus Höpcke, dem vormaligen stellvertretenden Minister für Kultur in der DDR; Hermann Kant, dem Vorsitzenden des Schriftstellerverbandes; Dr. Eberhard Günther, welcher den Mitteldeutschen Verlag leitete, und Klaus Walther, dem Lektor seines Buches, den er bereits 1996 um Antworten gebeten hatte. Eine solche Aufarbeitung eines zensierten Autors durch Befragung seiner Zensoren stellt vermutlich in der Literaturgeschichte ein Unikum dar. Die komplizierte Geschichte der Nachauflage von „Es geht seinen Gang“, die nach dem „Verbot“ schließlich dann doch im Greifenverlag erschien, konnte Loest mit Hilfe dieser Beteiligten klären.

Bereits für die Erstauflage des Romans war der Weg steinig, auch wenn 1978 immerhin eine Auflage von 12.000 Stück erschien. Die Verweigerung einer Nachauflage von Loest wurde 1979 in der DDR trotz der großen Erstauflage als Politikum und Diskriminierung empfunden. Hingegen können die meisten Autoren in der viel größeren Bundesrepublik von solchen Auflagezahlen heute nur träumen. Einen genaueren Blick in die Briefwechsel, der aufzeigen sollte, wer dem Roman letztendlich im Weg stand, finden Sie hier:

Beispiel: Briefwechsel zwischen Hermann Kant und Erich Loest

Hermann Kant wurde 1978 Präsident des Schriftstellerverbandes der DDR und hielt diese Position bis zum Fall der Mauer inne. Erich Loests Roman stand er nicht im Weg, er setzte sich im Hintergrund sogar dafür ein. Seine staatsnahe Vorsichtshaltung stieß jedoch bei vielen Autoren auf Kritik. Auch Erich Loest trat ihm in seinen Briefen sehr reserviert gegenüber.

Ausschnitt aus Hermann Kants Antwortbrief:

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Stellungnahme von Dr. Eberhard Günther

Dr. Eberhard Günther war seit dem Jahr 1973 Leiter des Mitteldeutschen Verlages. Der Verleger verband seine grundsätzliche Zustimmung zu „Es geht seinen Gang“ 1976 in seinem Gutachten mit Bedenken und diversen Änderungswünschen. Um das Verbot der Nachauflage zu begründen, verwies er auf die angespannte Lage im Verlag, nachdem das Buch „Tod am Meer“ von Werner Heiduczek in die Kritik geraten war. Der sowjetische Botschafter hatte gegen diese Veröffentlichung bei Honecker protestiert. Loests Buch sei in den „Sog der Debatte“ hineingeraten. 

Hier ein Auszug aus  Günthers  Stellungnahme zu „Es geht seinen Gang“: