Der vierte Zensor

Erich Loests „Der vierte Zensor. Vom Entstehen und Sterben eines Romans in der DDR“ protokolliert minutiös das wechselvolle Schicksal eines der bedeutendsten DDR-Bücher. Stellvertretend für die Kulturpolitik in den 70er Jahren beschreibt Loest die Entstehung seines Romans „Es geht seinen Gang oder Mühen in unserer Ebene“ und den Kampf um seine Veröffentlichung und Verbreitung.
Von Jessica Löbner

Kulturpolitisches Tauwetter

Zehn Jahre erfolgreiche Krimiautorschaft unter den Pseudonymen Hans Walldorf und Waldemar Naß lagen hinter dem einst wegen konterrevolutionärer Gruppenbildung inhaftierten Erich Loest. Es war an der Zeit, wieder konfliktreiche Geschichten und Romane zu verfassen. Der wohlgemeinte Druck seitens seiner Freunde: „Bist nun lange genug aus dem Knast raus, hast deinen Magen kuriert […] Nun schreib wieder was, das Hand und Fuß hat!“ bekräftige ihn. Auch die DDR mit ihrem neuen SED-Parteichef ließ Hoffnungen zu. Im Dezember 1971 signalisierte Erich Honecker mit den Worten: „Wenn man von der festen Position des Sozialismus ausgeht, darf es meines Erachtens auf dem Gebiet der Kunst und Kultur keine Tabus geben“ einen kulturellen Frühling.

Es geht seinen Gang

Es bereitete Erich Loest keine Schwierigkeiten, den Helden seines kritischen Gegenwartromans zu schaffen. Die Idee des DDR-Durchschnittsbürger Wolfgang Wülff war schnell gefunden: Ein Ingenieur verheiratet mit einer hübschen, ehrgeizigen Frau, Eltern einer gemeinsamen Tochter, wohnhaft in einem Leipziger Neubauviertel. An beruflicher und politischer Karriere nicht interessiert, möchte er einfach in Ruhe gelassen werden. Zu tief sind seine Ängste vor der Macht und davor, sie zu besitzen, in der Vergangenheit verwurzelt.

Hoffnungsvoller Arbeitsbeginn

Der Start verlief reibungslos. Erich Loest schilderte dem Leiter des Mitteldeutschen Verlags, Dr. Eberhard Günther, sein Romanvorhaben. Dieser bekundete sein Interesse. Sie schlossen am 12.12.1974 einen Förderungsvertrag, der die Schaffung und Veröffentlichung eines Romans mit dem Titel „Es geht seinen Gang oder Mühen in unserer Ebene“ beinhaltete. Loest schaffte etwas Besonderes. Er verzichtete bewusst auf die Selbstzensur, die sogenannte „Schere im Kopf“, und brach Tabus. Im Herbst 1975 verschickte er das erste Bündel, bestehend aus 163 Manuskriptseiten, an den Verlag.

Unerwartete Kehrtwendung

Nach längerer Wartezeit und hoffnungsfroher Erwartung folgte der erste Rückschlag: Der zuständige Lektor, Joachim Hottas, teilte Loest mit, „daß der Roman so nicht geht“. Anfangs noch optimistisch, komme er nun zu einer Ablehnung. Auf der Suche nach einer Lösung, erklärte Loest sich zu Kompromissen bereit. Hottas beteuerte, grundsätzlich an diesem Stoff interessiert zu sein und stellte Loest für Januar einen Vertrag in Aussicht.

Visum statt Vertrag

Die Frist verstrich und statt eines Vertrages erhielt Loest ein Visum für einen Kurzaufenthalt in der Bundesrepublik. Scheibner, Leiter der Auslandsabteilung, warnte ihn noch, dass in der BRD neuerdings gern die Unteilbarkeit der deutschen Literatur herausgestellt werde. Dies sei als verkapptes Vereinigungsgerede anzusehen. Loest solle auf der Hut sein und gegebenenfalls widersprechen. Zuletzt bat Scheibner ihn noch, nach seiner Rückkehr einen kurzen Bericht zu verfassen, „damit man Erfahrungen verbreiten könne“.

Da sein Romanvorhaben beim MdV stockte, schmuggelte Loest sein Manuskript in den Westen. Auf Vermittlung seines Freundes, Gerhard Zwerenz, traf er sich mit einem Mitglied der Autoren Edition in München. Uwe Timm nahm sein Manuskript entgegen und sicherte ihm zu, es von einigen Autoren der Edition lesen zu lassen. Dass unter ihnen Mitglieder der Deutschen Kommunistischen Partei waren, erfuhr er erst später.

Langsame Verlagsmühlen

Bei einer Besprechung am 5. März 1976 in Halle erhärteten sich die Zweifel gegen den ersten Manuskriptteil. Günther, Hottas und die Cheflektorin Duty hoben die „literarischen Schwächen“ hervor. Wieder fuhr Loest ohne Verlagsvertrag nach Hause; wieder sollte er das Manuskript überarbeiten.

Nach einem Schlagabtausch zwischen Günther, Duty und Loest auf der Leipziger Messe am 18. März stand für Loest fest, dass der MdV den Roman ablehnen würde.Vorher aber würde er erneut Zeit und Nerven in eine nunmehr fünfte Fassung investieren müssen. Eine andere Möglichkeit, aus dem Vorvertrag herauszukommen, gab es nicht. Im Sommer 1976 nahm Günther das komplette Manuskript entgegen. Er kündigte an, dass die Prüfung des Romans mehr Zeit in Anspruch nehmen wird als üblich.

Biermanns Zwangsausbürgerung

Das kulturpolitische Tauwetter war längst vorbei, als sich überraschend Loests Situation änderte. Ein Außenlektor des MdV eröffnete ihm, dass die Chancen für eine Veröffentlichung nun doch ganz gut stünden.

Die kulturpolitische Repressionsphase der DDR gipfelte in der Zwangsausbürgerung Wolf Biermanns. Zahlreiche Sympathisanten folgten ihm in einer Ausreise- und Ausweisungswelle. Günther, der Loest zur Neutralität bewegen wollte, legte nun ungewohnte Eile an den Tag. Loest nutzte die Gunst der Stunde und forderte den immer wieder hinausgezögerten Vertrag ein.

Zwei Jahre gingen noch ins Land, ehe die Auseinandersetzung um die als kritisch angesehenen Textstellen beendet und das Papierkontingent wieder aufgefüllt war. Im April 1978 erfolgte schließlich die Auslieferung der Erstauflage des Romans. Die 12.000 Exemplare waren sofort vergriffen.

Der vierte Zensor

Die Freude darüber währte nicht lange. Der anonyme vierte Zensor trat in Aktion. Im Juni desselben Jahres erfuhr Loest durch seinen Verleger vom Verbot der vereinbarten Nachauflage. Zudem wurden teils lange geplante Lesungen abgesagt und Loest somit mundtot gemacht. Daraufhin wandte sich Loest an Hermann Kant, den Präsidenten des Schriftstellerverbandes, der ihm tatsächlich Hilfe zusicherte. Auch der DDR-Kulturminister Klaus Höpcke unterstütze Loests Hoffnung. Vorerst tat sich jedoch nichts.

Zwei Monate später, im November, erfolgte schließlich eine Reaktion. Höpcke schlug Loest vor, seinen Roman beim Greifenverlag in Rudolstadt anzubieten. Beim MdV war nichts mehr zu machen, nachdem Loest in einem aufgebrachten Brief die Rechte an seinem Buch zurückverlangte. Loest reichte sein Manuskript beim Greifenverlag ein. Dieser erklärte sich auf Weisung des Kulturministeriums bereit, eine Nachauflage von 10.000 Exemplaren zu drucken.

Diesen Sieg hatte er errungen. Dafür versagte die Staatsmacht ihm jegliche Nachdrucke.

Quellen:

  • Ordner 31 aus dem Loest-Archiv der Medienstiftung der Sparkasse
  • Loest, Erich (1984): Der vierte Zensor. Vom Entstehen und Sterben eines Romans in der DDR. Köln: Verlag Wissenschaft und Politik.
  • Spiegel Online GmbH: Kommando zurück. Verfügbar unter: http://www.spiegel.de/spiegel/print/d-13509987.html# (17.02.2013).
  • Scheer, Udo (2003): Sicher ist es Ihnen lieber, mich nicht einzusperren. Verfügbar unter: http://www.lyrikwelt.de/rezensionen/esgehtseinengang-r.htm (17.02.2013).