Haft / Rehabilitierung

Gemordete Zeit

Der Schriftsteller Erich Loest, gebrandmarkt als Staatsverräter, saß sieben Jahre seines Lebens im Gefängnis. Erst nach 32 Jahren erfolgte die Rehabilitierung. Diesen Lebensabschnitt beschreibt er unter anderem in seiner Autobiographie Durch die Erde ein Riss. Von Sabrina Böhme

Der Fall Erich Loest

Am 12. November 1957 verhaftete das Ministerium für Staatssicherheit (MfS) Erich Loest im Haus seines Vaters in Mittweida: „Sie kamen während des Abendbrots. Sie kamen zu dritt und traten ins Zimmer ohne anzuklopfen … ,Kriminalpolizei‛, einer zeigte eine Marke vor. ,Herr Loest, Sie möchten bitte mitkommen, wir haben ein paar Fragen an Sie…'“ Seine Festnahme blieb zunächst unbemerkt. Auch später erfuhr die Öffentlichkeit nur wenig über die Verhaftung, den Prozess und die anschließende mehrjährige Haftstrafe. Loest solle als „Organisator“ an der Bildung einer „konterrevolutionären Gruppe“ beteiligt gewesen sein. 13 Monate verbrachte er in Untersuchungshaft, zeitweise in einer Einzelzelle. In dieser Zeit hatte Erich Loest keinen Kontakt zur Außenwelt. Doch die monatelangen, teils mehrstündigen Vernehmungen zeigten bei ihm keine ideellen Veränderungen. Der Prozess dauerte vier Tage. Geladen waren nur Zeugen der Anklage. Die Verteidigung griff nicht ein. Das Urteil „stand von vornherein fest“, sagte Erich Loest in einem Interview mit der Zeitschrift NBI.

Am 23.12.1958 verurteilte das Bezirksgericht von Halle/Saale Erich Loest zu einer Freiheitsstrafe von siebeneinhalb Jahren. Zusätzlich wurde ihm sein Vermögen entzogen.

Quellen: Ordner: Haft und Rehabilitierung S.9-11, 66-77,84, 97, 104-109, 112-113 (NBI 21/90); Ordner 89c: 1-94, Durch die Erde ein Riss, Kapitel 13: Gemordete Zeit S. 337, Kapitel 12: Die Lehmann Gruppe S.315;

Häftling 23 / 59

Erich Loest saß vom 14.11.1957 bis zum 24.09.1964 in Haft. Nach dem Prozess berichtete der Nachrichtendienst der DDR, ADN, kurz über das Urteil: „Schröder, Lucht, Loest und andere.“ Nach dem Prozess am 4. März 1959 verlegten sie ihn vom Untersuchungsgefängnis nach Bautzen II. Die Häftlingsnummer 23 /59 kennzeichnete ihn als „verurteilten Staatsverräter“. Er durfte endlich arbeiten, aber erhielt ein striktes Schreibverbot. Im Mai 1964 führte Loest ein Gespräch mit dem Anstaltsleiter „Seele“. Dieser machte ihm klar, dass er bei dieser Haltung nicht frei käme. Zwei Monate später dann die erlösenden Worte: „Sie werden nämlich noch diese Woche entlassen. Auch das nahm 23 / 59 ohne Wimpernzucken hin, ohne Ausruf oder Jauchzer.“

Quellen: Ordner: Haft und Rehabilitierung S. 9, 81-82, 83; Durch die Erde ein Riss, Kapitel 13: Gemordete Zeit S. 358; Prozesskosten, Kapitel 10: Abschied von den Gittern S. 249 ­‑ 250

Rehabilitierung

Zwischenzeitlich erhoffte sich 23 /59 seine Freilassung. Bis der Tag der Entlassung am 25. September 1964 endlich kam. Ein richterlicher Beschluss setzte die Strafe zur Bewährung aus. Erst 32 Jahre später erhielt der Autor seine Rehabilitierung. Das Oberste Gericht der DDR sprach ihn und vier weitere vom Vorwurf des „Staatsverrats“ frei. Nach der Haft verarbeitete Erich Loest diese schwierige Phase in seiner Autobiographie „Durch die Erde ein Riss“. Auch in seinem 2007 veröffentlichten Bericht „Prozesskosten“ schildert er diese Zeit. Darin beschreibt er die Hintergründe und Verwicklungen, mit denen er in Verbindung stand. Ausschnitte aus Protokollen und Briefen verdeutlichen die Umstände, unter denen er einsaß. Einige nach seiner Haft veröffentlichte Werke, wie der Roman „Völkerschlachtdenkmal“, haben Personen oder Erlebnisse aus der Haft zum Vorbild. Dieser Lebensabschnitt prägte ihn langfristig, sowohl persönlich als auch schriftstellerisch. Die Absurdität vieler Verurteilungen in der DDR wird an diesem Einzelschicksal deutlich.

Quellen: Ordner: Haft und Rehabilitierung S. 104-109, 112-113; Prozesskosten, Kapitel 10: Abschied von den Gittern, S. 237-263;