Ein Blick in die Stasi-Akten

Von der Staatssicherheit als „negativ-feindlicher Schriftsteller“ geächtet, erfuhr Erich Loest unentwegt die Absurditäten des Überwachungsstaates. In seiner Akte trägt er den Decknamen „Autor“ oder auch „Autor II“. In der Zeit von 1978 bis 1982 kontrollierten und observierten ihn sogenannte IM und GM, darunter auch engste Freunde.
Von Jessica Löbner

Der Schatz hinter der Mülltonne

Die Geschichte, wie Erich Loest zu seiner Stasi-Akte kam, gleicht einem Krimi: Sie begann im März 1990, als eine Frau ausrichten ließ, dass eine andere Frau Erich Loest einige Zettel zeigen wolle. Auf ihnen stünde sowohl sein Name als auch der eines Stasi-Majors. Tags darauf traf sich Loest mit der Dame in einer Kneipe im Osten Leipzigs. Sie berichtete ihm, dass sie Teile der Papiere bei sich im Hof hinter der Mülltonne gefunden habe. Er bekundete sein Interesse. Sie wisse, von wem sie noch mehr Unterlagen beschaffen könne. Allerdings sollten ihre Bemühungen nicht unentgeltlich bleiben. Später trafen sie sich erneut.

Am 13. Juni 1990, als Loest genügend Papiere zusammen hatte, schrieb er einen Brief „An den Arbeitsstab zur Auflösung des Ministeriums für Staatssicherheit“ mit der Bitte, die Kopien auf Echtheit zu überprüfen. Die Mitglieder des Bürgerkomitees bestätigten ihm diese. Insgesamt fanden sie 31 Aktenordner mit einem Umfang von etwa 300 Blatt auf ihren Böden und in ihren Kellern.

Wie alles begann …

Im Sommer 1976 beschloss Erich Loest, gegen die Unterdrückung seiner Texte durch die Zensur der DDR vorzugehen. Sein Plan sah vor, jede Behinderung seiner schriftstellerischen Arbeit mit einer Veröffentlichung in der BRD zu beantworten. Eine günstige Gelegenheit ergab sich, als Loests Romanvorhaben „Es geht seinen Gang oder Mühen in unserer Ebene“ beim Mitteldeutschen Verlag in Halle stockte. Bei einem Besuch in der Bundesrepublik nutzte er Kontakte zu verschiedenen BRD-Verlagen. Er informierte den Mitteldeutschen Verlag darüber, welcher die Informationen unmittelbar an das Ministerium für Staatssicherheit weitergab.

Vom Verdächtigen zum Gegner

Das MfS erarbeitete am 5. September 1976 infolge der vom MdV erhaltenen Informationen einen achtseitigen „Maßnahmeplan zur Bearbeitung der OPK Loest, Erich“. Die primäre Zielstellung der sogenannten operativen Beobachtung war dabei, Loests gegenwärtige politisch-ideologische Haltung aufzuklären und erneute feindliche oder politisch-negative Handlungen zu verhindern. Eine detaillierte Auflistung von Aufgaben, Terminen und Verantwortlichen bildete das Fundament des Plans. Unter Einsatz sowohl inoffizieller als auch gesellschaftlicher Mitarbeiter erfolgte die Beobachtung vor allem im Schriftstellerverband der DDR in Leipzig und im Freizeitbereich Loests.

Im Jahr 1978 arbeitete das MfS, neben einem weiteren Maßnahmeplan, einen Operativ-Plan aus. Das Ministerium warf Loest u. a. vor,  dass er sich bewusst in die gegnerische Zielstellung einordne und deren Angriffe gegen die Kulturpolitik der DDR unterstütze. Der bisher nur Verdächtige wurde zum Gegner mit feindlicher Grundeinstellung.

Der Überwachungsstaat

Die Überwachungsmethoden der Staatssicherheit waren vielseitig. Sie zogen sich durch nahezu alle Lebensbereiche der „feindlich-negativ“ eingeschätzten Personen, so auch bei Erich Loest. Von 1978 bis 1982 unterlag er der massiven Kontrolle durch das MfS. Neben Beobachtungsberichten, Telegrammen, Aktennotizen und Tonbandmitschnitten umfasst seine Stasi-Akte Zeugnisse folgender Überwachungsmethoden:

  • Postkontrolle

Die Abteilungen M und PZF waren für die Überwachung des Postverkehrs zuständig. Bevor die deutsche Post die Briefe und Pakete bearbeitete, kontrollierte die Stasi die Sendungen. Sie sortierte verdächtige Briefe aus, kopierte und untersuchte sie. Sendungen, die „feindlich-negativen” Kräften eindeutig zugeordnet werden konnten oder die an westliche Medien gerichtet waren, standen unter Verfügungsverbot.

Postkontrolle

  • Telefonüberwachung und -verwanzung

Für die akustische und optische Überwachung mit technischen Mitteln wie Kameras oder Mikrofonen war die Abteilung 26 zuständig. Den Beweis, dass auch das Telefon der Familie Loest verwanzt war, liefert ein Informationsbericht vom 28. April.

  • Verwanzung der Wohnung

Zahlreiche weitere Informationsberichte belegen die Verwanzung der Wohnung der Familie Loest. So heißt es beispielsweise in einem Bericht vom 20 März 1981: „Das Ehepaar Loest hält sich weiterhin außerhalb des Zimmers auf. Von ihrer Unterhaltung kann man jetzt nichts verstehen.“

  • Bespitzelung

Die Bespitzelung erfolgte vor allem durch inoffizielle und gesellschaftliche Mitarbeiter – darunter auch Mitarbeiter mit vertraulichen Beziehungen zur Zielperson. Die IMV „Hans Heiner” und „Lehrer” zählten zu langjährigen Freunden von Erich Loest. Ihre Berichte sind als Dokumente großer menschlicher Enttäuschung zu betrachten.

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