Erich Loest und die Zensur in der DDR

Von Siegfried Lokatis

Wer sich in der alten Bundesrepublik über Verlagswesen und Zensur in der DDR informieren wollte, tat gut daran, zu einem Buch Erich Loests zu greifen. Seine zensurgeschichtlichen Klassiker wie der „Der vierte Zensor“ oder „Der Zorn des Schafes“ sind immer noch grundlegend und bedürfen kaum des buchwissenschaftlichen Kommentars. Um die seit 1989 möglichen Korrekturen hat er sich stets selbst bemüht und nicht nur die seitdem zugänglichen Akten eingefügt („Die Stasi war mein Eckermann“), sondern für die 2003 erschienene Neuauflage des „Vierten Zensors“ auch ergänzende Stellungnahmen von einstigen Antagonisten wie Klaus Höpcke, Hermann Kant und Eberhard Günther eingeholt – wertvolle Zeit-Dokumente, die  jetzt im Nachlass des Schriftstellers von der Kultur- und Umweltstiftung der Leipziger Sparkasse behütet werden.

Günther war Leiter des Mitteldeutschen Verlages, in dem 1977 das unwahrscheinliche Kunststück gelang, das „gelbe Buch“ mit dem Titel „Es geht seinen Gang“ herauszubringen. Zu diesem Zweck hatte Loest einen vierstündigen Boxkampf um den Verbleib von 26 darin monierten „Stellen“ geführt: „Erich, erklärte Günther, ich sag es dir klipp und klar: Wenn du auf diesem Satz bestehst, reiche ich deinen Text nicht ein. Ich nahm den Kugelschreiber und strich. Nach dem neunten Einwand sagte ich: Du, Eberhard, für mein Selbstgefühl ist es allmählich nötig, dass auch mal ein Punkt an mich geht. Der nächste nicht, erwiderte Günther, aber der übernächste – na gut. Einmal wußte Günther nicht mehr so richtig, was er gegen eine bestimmte Wendung gehabt hatte. Das da – nicht so wichtig. Das da – na, soll’s stehen bleiben. Das da – und ich gestand: Eberhard, in dem Punkt hast du einfach recht.“ Der Hauptkonflikt entbrannte um die vom Mitteldeutschen Verlag verweigerte Nachauflage. Der Verlag verlangte weitere Änderungen, eine schon deshalb absurde Forderung, weil „Es geht seinen Gang“ längst auch in Westdeutschland publiziert worden war. Man hatte den Roman jedoch gleichsam in Sippenhaft genommen, als der Mitteldeutsche Verlag wegen eines anderen Buches, Werner Heiduczeks „Tod am Meer“, in den Mittelpunkt der Kritik rückte. Heiduczek hatte darin an das Tabu der Vergewaltigungen durch Soldaten der Roten Armee gerührt und der sowjetische Botschafter Abrassimow deshalb bei Honecker protestiert. Das war ein in den siebziger Jahren ungewöhnlicher Eklat, der bei der SED-Bezirksleitung in Halle die heftigsten Reaktionen auslöste. Hier vermuteten jedenfalls später Höpcke, Günther und Kant die eigentlichen Urheber des Verbotes, während sie sich selbst, eine für ihren einstigen Hauptfeind Loest eher überraschende Einsicht, für sein Buch mehr oder weniger exponiert und dafür auch entsprechende Prügel bezogen hätten. Hermann Kant hatte, indem er mit seinem Rücktritt als Schriftsteller-Präsident drohte, eine kleine Nachauflage im Greifen-Verlag Honecker regelrecht abgepresst. Aber war es nicht die Zensur solcher „Dunkelmänner“ gewesen, die Loest in den Westen trieb? Alles ein Missverständnis? Der Auseinandersetzung um „Es geht seinen Gang“ waren andere vorhergegangen. Für das Verbot des Romans „Der zwölfte Aufstand“, von dem 50.000 Exemplare in den Reißwolf wanderten, war ein Vorabdruck in der Berliner Zeitung auslösend gewesen. „Ein Jahr Lebensarbeitszeit war ausgelöscht. Nun entstand nichts mehr, bei dem es nicht Verdruß gegeben hätte.“ Der Roman „Ins offene Messer“ („eines meiner schwächsten Bücher“) erschien „nach zermürbendem Hin und Her schließlich elendiglich beschnitten“. Ärger bereitete der Erzählungsband „Etappe Rom“, in dem Loest den bislang ausgegrenzten Karl May in der DDR wieder hoffähig machte und den kinderfeindlichen Plattenbau anprangerte, Ärger bereitete auch der autobiografisch gefärbte Roman „Schattenboxen“ über die Wiedereingliederungsprobleme eines ehemaligen Bautzen-Häftlings. Es sei doch ratsam, mahnte ein Cheflektor im Auftrag der HV, das von der Nazizeit her (!) belastete Wort „Bautzen“ aus dem Text zu streichen. Loest willigte ein, die beanstandeten Stellen zu entfernen. Mysteriös genug fand sich „Bautzen“, von der Zensur  unbemerkt, schließlich in ganz andere Passagen des Buches wieder eingefügt.