Franz Werfel

Vom unternehmerischen Aufstieg bis zu seinem Untergang war Franz Werfel (1890-1945) ein fester Bestandteil des Kurt Wolff Verlags. Bereits vor Erreichen der Volljährigkeit wurde Werfel für mehrere Jahre als Lektor im Verlag anstellig, gab seine Werke selbst im Kurt Wolff Verlag heraus und wurde ein naher Freund des Verlegers. In seinen Briefen schrieb Kurt Wolff, dass „mir Franz Werfel und sein Werk das liebste und wichtigste ist“ (S.109) und „ich keinem Autor des Verlages freundschaftlicher gegenüberstehe […].“ (S.346)
Immer wieder bietet er Werfel finanzielle Hilfen an und beteuert seine Begeisterung und Anstrengungen für seine Werke. Dieser weiß das außerordentlich zu schätzen: „Die Treue, die Sie gegen mein Werk hegen, ist eines jener Kräftigungsgefühle meiner wankenden Sicherheit, die mir unendlich viel bedeuten.“ (S.111)
Im Jahr 1914 drängt sich das Kriegsgeschehen ein. Der Ton zwischen den Freunden wirkt verabschiedend „Ich bin aber nur bis etwa spätestens 14. April in Darmstadt, dann muß ich zur Schießübung auf den Truppenübungsplatz Senne bei Paderborn. […] Ihnen die allerherzlichsten Grüße und die besten Wünsche für ein gutes Leben und gutes Dichten.“ (S.104), schreibt Kurt Wolff an Franz Werfel; dieser antwortet: „In den nächsten Tagen werde ich ins Feld abgehn müssen. Es ist vielleicht möglich, daß ich noch zur Infanterie versetzt werde. Das wäre mir nicht gerade erfreulich. […] Ich liebe Sie und grüße herzlich […] Da ich nun bald weggehe, möchte ich Sie hierdurch auf jedenfalls herzlich nochmals versichern, daß ich wünsche, daß meine ganze Produktion bei Ihnen vereinigt bleibt. Es existieren eine Unmenge wertloser Manuskripte von mir, in meiner Wohnung in Leipzig und Prag, bei Ernst Pollak Prag, Haas, Pick, Zweig Wien.“ (S.104)
Die Angst um das eigene Leben bleibt unbegründet, dennoch belastet der Krieg die Arbeiten nachhaltig. So schreibt Werfel 1916 aus Prag: „Gewiß werden Sie mich schon verabscheuen, daß ich Ihnen all die Monate nicht geschrieben habe. Aber glauben Sie mir, es war weder Lieblosigkeit noch irgendein Desinteressement, sondern eine große Lähmung und Dumpfheit, in der ich lebte, durch die Unendlichkeit des Krieges und durch manch anderes noch hervorgerufen. […] Übrigens habe ich in der letzten Zeit keinem meiner Freunde geschrieben. Ich bin im Wind zerflattert und habe Angst, daß ich bis zum Frieden ganz zerweht sein werde.“ (S.107f.)
Seit Kriegsausbruch sehen sich Kurt Wolff und Franz Werfel kaum mehr. Oft planen sie eine erneute Zusammenkunft, aber selten gelingt sie. „Mit Wehmut denke ich daran, wie unendlich lange es doch her ist, daß wir damals in Berlin im Zusammenhang mit Ihrer dortigen Vorlesung ein kurzes Beisammensein hatten. Und doch gibt mir das Erinnern an dies Zusammensein, in dem wir uns so ganz als die Alten gegenübertraten, die Gewißheit, daß das heute und immer das Gleiche sein wird. Wie mögen Sie in Wien leben? Ich stelle mir Ihre gegenwärtige Existenz bewegter und an dem politischen Geschehen aktiv teilnahmsvoller vor als während der Kriegszeit. Bei Ihnen und bei uns ist es doch das Gleiche: Die Revolutionierung von innen heraus muß doch erst kommen. Und sie wird nicht kommen, wenn die (verzeihen Sie das schon fast nicht mehr mögliche Wort) Geistigen nicht ihren Anteil daran haben.“ (S.331), schreibt Kurt Wolff an den Freund. Im Jahr 1930 schreibt Werfel noch einmal einen Brief, in dem er auch in seinen Belangen darüber klagt, „daß ihr Verlag die Aktivität eingestellt hat.“ (S.350)
Kurze Zeit später erklärt Kurt Wolff ihm ausführlich, dass er den Betrieb des Verlags einstellen wird: „Tatsache ist, daß ich mich in den letzten sechs Jahren praktisch und materiell an diesem Verlag aufgerieben, verblutet habe.“ (S.352)

 

Carl Hauptmann

Nach den Erfolgen seines jüngeren Bruders Gerhard stand Carl Hauptmann (1858-1921) wohl sein ganzes Leben lang in seinem Schatten. Aufgebracht schreibt er 1914 anlässlich einer Vorlesung an den Kurt Wolff Verlag: „[W}ollen Sie in meinem Gefühl vermeiden, Beziehungen zu Gerhart überhaupt zu erwähnen. So ist z.B. auch in dem alten Prospekt in einer Besprechung des Einhart noch die lächerliche Behauptung aufgenommen, daß mir bei Einhart mein Bruder vorgeschwebt hätte. Aber es ist überhaupt dieser Punkt von so subtiler Art, daß man sehr schwer das allgemeine Kennzeichen anzugeben vermag, wo derartige Erwähnungen unwahr oder für den einen oder andern verletzend sind.“ (S.16)
Das Verhältnis zwischen Carl Hauptmann und Kurt Wolff gestaltet sich indes respektvoll. Wolff schätzt den Autor, und dieser baut auf den Rückhalt im Verlag: „Ich komme heute nur herzl. bitten, mir für den 1. Januar 14. Mk. 3000 fr. vorzuschießen. Ich nehme an, daß Ihr Glaube an mich und meine Kunst das natürliche Wachsthum erlebte, das uns lebendiger wie vorher verbunden hat. […] Die schönsten Dinge leben. Neben den neuen Dramen meine mächtigste Prosaarbeit. So müssen wir fr. für einander Halt schaffen, wenn wir noch das Schönste für einander zu thun haben.“ (S.14)
Zum Problem werden nur die häufigen Überarbeitungen, die Carl Hauptmann an seinen Werken durchführt. Sein Drama „Krieg. Ein Tedeum.“ (1914) muss deshalb sogar ein zweites Mal gedruckt werden: „Der Herbst und erste Winter in seiner Überfülle äußern Thuns hatte mir da Vollendungen vorgetäuscht. Und erst in dieser ganz versunkenden Winterruhe ist es mir wirklich gelungen eine Vollendung zu erreichen, die mich wirklich beglückt. Nun, ich wäre sehr froh, wenn der Druck jetzt schnell sich vollziehen könnte. Aber vor allem will ich sagen, daß ich die durch mein Verschulden herbeigeführten Zerstörungen der ersten Druckarbeit, gern theils theils auf meine Kappe nehmen will.“ (S.15)

 

Else Lasker-Schüler

„Es geht mir miserabel, es fehlt nur noch, daß ich meinen Selbstmord illustriere.“ (S.73), schreibt die Dichterin und Zeichnerin Else Lasker-Schüler (1869-1945) 1913 an Kurt Wolff. Immer wieder findet in den Briefen an den Verleger ihr leidvolles Gemüt seinen Niederschlag. „Wenn ich nicht ein Kind hätte, ich würde herumschlendern oder der Sache ein Ende machen, die Welt kann auch ohne Gedichte von E.L Sch auskommen. […] Es ist gewiß gemein von mir, Ihnen das alles zu schreiben? Denken Sie, Sie wären ich – eine Minute.“ (S.72)
Es ist sicherlich nicht die einfachste Autorin, um die sich Kurt Wolff sorgen muss. In beinahe allen Briefen klagt sie dem Verleger ihren Kummer und drängt immer wieder darauf, bestimmte Autoren im Verlag unterzubringen. Kurt Wolff bleibt in seinen Briefen sachlich, zeigt sich aber höflich interessiert und mitfühlend: „Es tut mir leid von Ihnen zu hören, daß es Ihnen nicht gut geht. Kann ich Ihnen helfen, wenn ich Ihnen vielleicht Geld schicke? Sagen Sie mir das umgehend, dann tue ich es gerne in Form eines Vorschusses auf Ihr neues Buch.“ (S.71)
In der Beziehung zum Verleger zeigt sich daneben die Eigenart Else Lasker-Schülers, um sich herum märchenhafte Traumwelten aufzubauen. Kurt Wolff spricht sie nur mit „König“ an, für sich selbst unterschreibt sie mit „Prinz von Theben“ und schmückt ihre Beschreibungen aus wie in einem kindlichen Spiel:  „[A]ber ich bin doch mal ein armer Prinz, meine Stadt ist nur noch ein Schatten. Ich bin des Lebens müde; nicht allein der äußeren Dinge wegen, meiner erschlagenen Empfindungen wegen. Immer bin ich gezwungen anders zu handeln und zu sprechen und Aufenthalt zu suchen wie ich möchte, wie es ehrlich zu mir wäre, wie es mir als Prinz und Dichterin zukäme. Jeden Morgen bitte ich den ersten, der mich aufsucht und ist es die Hauswirtin, mich zu erschießen. Diesen ebenso wahren wie lästigen Brief, König, nehmen Sie ihn auf wie einen Tropfen Blut, der aus meinem Herzen fällt.“ (S.71)
Else Lasker-Schüler verharrt jedoch nicht in passiver Resignation. Immer wieder bäumt sich in ihr der einsame Widerstand auf gegen eine Welt, an der sie so sehr leidet: „Ich bin grausam gesinnt! Höllriegel den Bermann aus der Zeit der Leibnitzcacse hab ich vor einigen Tagen geohrfeigt; nun will er mich verklagen. Ich hab ihm geschrieben, er soll mir vorher seinen Anwalt angeben, damit wir nicht beide Caro nehmen. Ich bin seit einigen Tagen König geworden – das fühl ich.“ (S.73)

 

Franz Kafka

Franz Kafka (1883-1924) ist zögerlich, als er 1912 sein erstes Manuskript an einen Verlag übergibt. Sein Freund Max Brod hatte ihn mit dem Verleger Kurt Wolff bekannt gemacht, der Gefallen an dem Autor fand. 18 kurze Prosatexte schickt Kafka ihm aus Prag, die „wohl schon ein kleines Buch“ (S. 24) ergeben würden. Dennoch ist sich Kafka seiner Fähigkeiten als Autor unsicher: „Die verbreitetste Individualität der Schriftsteller besteht ja darin, daß jeder auf ganz besondere Weise sein Schlechtes verdeckt.“ (S. 25) Im Folgejahr bringt Wolff die Prosatexte unter dem Titel „Betrachtung“ heraus. Profitabel ist die Sammlung weder für den Autor noch für den Verlag. Sie erscheint in einer einmaligen Auflage von 800 Exemplaren und musste in eine große Schriftart gesetzt werden, um überhaupt das Format eines Buches zu erreichen. Bis zu seinem Tod veröffentlicht Kafka die meisten seiner Werke im Kurt Wolff Verlag, zu seinen Lebzeiten aber bringt er kaum etwas ein. Honoriert wird er in späteren Jahren nur noch mit Buchgeschenken. Aus literarischer Überzeugung verlegt Kurt Wolff Kafka weiter und hört nicht auf, sich für seine Texte einzusetzen. In seinen Briefen zeigt er sich respektvoll und freundschaftlich interessiert an Kafkas Arbeiten. Dabei entgeht ihm nicht, dass Kafka mit großen Selbstzweifeln kämpft: „Nie hatte ich den geringsten Zweifel, daß diese Ambivalenz zwischen Furcht vor der Veröffentlichung und dem Wunsch nach Veröffentlichung ur-aufrichtig in Kafka’s Wesen begründet war; ja die Abwehr erschien mir stärker ausgeprägt, und ich empfand sie nicht nur als Abwehr einer literarischen Publizität, vielmehr als eine Abwehr der Außenwelt überhaupt.“ (S. XXI)

 

Georg Trakl

Durch eine Veröffentlichung wird Kurt Wolff 1913 auf den Dichter Georg Trakl (1887-1914) aufmerksam. Er schreibt ihm und fragt an, ob er eine Auswahl seiner Werke verlegen dürfe. Dankend nimmt Trakl das Angebot an und will auch seine folgenden Texte im Kurt Wolff Verlag veröffentlichen.
Kurt Wolff ist es ein Anliegen, den 1913 noch weitgehend unbekannten Dichter einem größeren Leserkreis zu öffnen: „Es ist mir besonders daran gelegen, durch eine intensive Propaganda und eine besonders große Anzahl von Rezensions-Exemplaren, die ich versenden will, zu erreichen, daß dies Erstlingsbuch von Ihnen, Ihren Namen überall bekannt macht, daß zahlreiche Besprechungen erscheinen und somit das Interesse für Ihr Schaffen ein für allemal geweckt ist.“ (S.78)
Ein Jahr später erreicht den Verlag die letzte Nachricht von Trakl, in der er um die Zusendung seines neuen Buches „Sebastian im Traum“ bittet. Er liegt zu dieser Zeit im Garnisonspital in Krakau. Das Buch erreicht ihn nicht mehr; es erscheint kurz nach seinem Tod.

 

Heinrich Mann

Im Jahr 1916, mitten in den Wirren des I. Weltkriegs, holt Kurt Wolff den literarischen Koloss Heinrich Mann (1871-1950) in den Verlag. „[A]ls größte Verantwortung, die ich verlegerisch je übernommen, erscheint mir die Erwerbung Ihres Werkes, der Abschluß des Vertrages mit Ihnen.“, versichert Kurt Wolff dem Autor. Ab 1917 gibt der Kurt Wolff Verlag das erzählerische, dramatische und essayistische Gesamtwerk Heinrich Manns heraus, das große Erfolge feiert. Die wirtschaftliche Situation des Krieges belastet die Herausgabe anfangs jedoch außerordentlich. In einem Briefentwurf aus dem Jahr 1916 fürchtet Heinrich Mann darum, dass sein Werk verramscht wird: „Verehrter Herr Wolff, mißverstehen Sie, bitte, meine Absicht nicht, wenn ich sage daß Sie bei einer so beschaffenen Conjunktur den Vertrieb meiner Bücher eigentlich jetzt nicht hätten beginnen dürfen. Sie verdienen nichts daran, wie Sie sagen. Immerhin hilft Ihnen mein Werk vielleicht leidlich verlustlos über eine schwierige Zeit hinweg, und nachher beginnen Sie mit etwas Anderem. Ich aber bin dann fertig und beginne nicht so bald wieder. Bedenken Sie dies! Ich werde, unter den von Ihnen gemeinten Bedingungen, nicht einmal meine Schuld abgetragen haben, noch weniger eine im bürgerlichen Sinne positive Existenz erlangt haben. […] Verschwenden Sie mein Werk nicht, denn der Augenblick des Erfolges, der so lange ausblieb, ist kostbar, und sichern Sie mir, der ich es niemals leicht hatte, einen Gewinn, der einigermaßen im richtigen Verhältnis steht zu meinen Leistungen.“ (S.228)
Große Schwierigkeiten bereitete daneben die Herausgabe des Romans „Der Untertan“. Kurt Wolff zeigte sich begeistert: „Ich habe die Lektüre des Buches eben beendet und bin hingerissen. Hier ist der Anfang dessen, was ich immer suchte: der deutsche Roman der Nach-Gründer-Zeit. […] Hier ist der Anfang einer Fixierung deutscher Zustände, die uns – zumindest seit Fontane – völlig fehlt.“ (S.224) Allerdings bedrohten die materielle Knappheit und die strenge Zensur des I. Weltkriegs den Erfolg des Werkes. Nach längeren Überlegungen fällt deshalb die Entscheidung, das Buch erst nach Kriegsende zu veröffentlichen. So erscheint es erst 1918 und erzielt in 6 Wochen eine Auflage von 100.000 Exemplaren. Heinrich Mann erhält nach der Publikation zahlreiche Drohbriefe. Im Verlag nimmt man es gelassen und will damit werben.

 

Robert Walser

Kurt Wolff schätzt die Prosa Robert Walsers (1878-1956) sehr, gleichzeitig ist ihm aber bewusst, dass dem Autor nur ein kleiner Leserkreis offensteht. Drei Bände seiner Geschichten veröffentlicht Walser im Kurt Wolff Verlag; mehrere Werke werden abgelehnt.
Sein Bruder Karl steht ihm als Maler und Graphiker in Fragen der Buchgestaltung zur Seite. Im Gegenzug beschafft Robert ihm immer wieder Aufträge, indem er ihm gestalterische Aufgaben für seine Bücher zuspielt. So fertigt Karl für das Werk „Geschichten“ zum Beispiel selbst Zeichnungen an und entwirft den Einband.