Henrik Ibsen: der skandinavische Skandalautor

Januar 1887: Henrik Ibsens Theaterstück Rosmersholm wird als eines der ersten Werke des Samuel Fischer-Verlages publiziert. Der Grundstein für ein skandinavisches Programm des Verlages wird gelegt. Und damit auch die Publikation von skandalbehafteter Weltliteratur in Deutschland.

Das liberale Bildungsbürgertum ist entsetzt und Dichterkollegen sind brüskiert. Hart urteilen sie:

„Solche Bücher schreibt man nicht!“

Es geht um Henrik Ibsens Gesellschaftsdramen und das Offenlegen von tief gehenden, moralisch-gestörten Vorstellungen der bürgerlichen Gesellschaft des späten 19. Jahrhunderts. Nach Ibsen soll diese Gesellschaft ihre strikte Determiniertheit durch Milieu und Genetik visualisieren und durch die Tragik seiner Leitfiguren und deren Streben nach Freiheit verinnerlichen. Aber das will sie nicht. Durch stark polarisierende Themen wie Inzest, Geschlechtskrankheiten, Emanzipation und Ehebruch wird Ibsen zu einem Skandalautor und seine Werke als „polizeiwidrig“ qualifiziert. Ibsen, der von 1864 bis 1891 abwechseln in Deutschland und Italien lebte, wird von der deutschen Zensur streng überwacht. Sein Werk Gespenster (1881), mit den darin thematisierten Motiven des vermeintlichen Kindesmissbrauchs und Ehebruchs, wird  nach nur einer Aufführung über Jahre von der Zensur verboten. 

Samuel Fischer erkennt jedoch früh das Potential der Ibsischen Dramen und verlegt alle Werke, „deren er habhaft werden konnte.“ Nach jahrelangen Auseinandersetzungen gelingt es Fischer, die Rechte an Ibsens Werken (die bisher bei Reclam verlegt wurden) zu sichern und ihn so zu seinem ersten „Hausautor von Weltruf“ zu machen. Der Erfolg und die Absatzzahlen mit über 100.000 verkauften Werken geben Samuel Fischer recht, denn: „Skandale betreffen Laster, die wir gern aus zweiter Hand genießen.“ (Elbert Hubbart)

Autorin: Maria Günther

Quellen:
Stach, Reiner: 100 Jahre S. Fischer Verlag, 1886-1986: kleine Verlagsgeschichte, Frankfurt am Main, Deutschland: S. Fischer, 1986
Die Leichen tanzen im Salon | NZZ: in: Neue Zürcher Zeitung, 29.11.2004, [online] https://www.nzz.ch/articleA0WCR-1.340804?reduced=true.