Furcht vor Verfälschung

Die Frage der Übersetzungen im Deutschland des 19. Jahrhunderts ist mit der „außerordentlich verworrenen Rechtslage eine dauernde Crux“. 1886 erlässt die Berner Konvention einen internationalen Schutz vor nichtautorisierten Übersetzungen. Ausgenommen davon: das Russische Reich und auch die skandinavische Literatur. Die Übereinkunft sieht vor, das Urheberrecht zwischen souveränen Nationen anzuerkennen und Werke des jeweiligen Vertragslandes als geschützt zu bezeichnen.

Dass skandinavische Literatur davon ausgenommen ist, führte in Ibsens Fall zu regelrechten „Übersetzer-Wettläufen“ und nicht autorisierten Übersetzungen verschiedener Verlage. Ibsen beklagte in einem Brief an Dr. Julius Elias (seinerzeit Mitherausgeber der deutschen Ibsen-Ausgabe im Fischer-Verlag) beispielsweise die „überstürzten und nicht kontrollierten Übersetzungen“ des Reclam Verlages. Die Furcht vor der Verfälschung seiner Werke wird ihn über Jahre hinweg begleiten. Doch auch mit S.Fischers Übersetzungen war er keineswegs zufrieden:

„Ja, ja, Herr Elias will immer alles so furchtbar akademisch haben, ich habe mich nie bemüht, korrekt zu schreiben, sondern habe absichtlich Worte und Wendungen aus der gesprochenen Sprache mit hineingenommen und die Schriftsprache dadurch zu bereichern gesucht. Ich bin dem geradezu aus dem Wege gegangen, korrekt zu schreiben“

(Henrik Ibsen an Christian Morgenstern, 1898).


So hatte Ipsen auch selbst den breitenwirksameren Reclam-Verlag ins Spiel gebracht: „Herr Fischer und ich [sind] in einem mir sehr wichtigen Punkt noch nicht einig, was nämlich Herrn Reclams Recht betrifft, meine autorisierten Übersetzungen zu drucken, sobald sie bei Herrn Fischer im Buchhandel erschienen sind“ (Henrik Ibsen an Dr. Julius Elias, 1892).
Ipsen kannte seinen Wert und die Absatzzahlen, wenn er beide Verleger gegeneinander ausspielte. Seinem Erfolg taten die Übersetzungs-Wirren keinen Abbruch. Beide Verlage verdienten gut, und auch Ibsen konnte sich letzten Endes nicht über den Verlust seines Ansehens als Autor beklagen.

Autorin: Maria Günther

Quellen:
Stach, Reiner: 100 Jahre S. Fischer Verlag, 1886-1986: kleine Verlagsgeschichte, Frankfurt am Main, Deutschland: S. Fischer, 1986.
Samuel Fischer, Hedwig Fischer: Briefwechsel mit Autoren (German Edition), Frankfurt am Main, Deutschland: S. Fischer, 1989.
Bild: ZVAB.com

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