Döblin – der vergessene Dichter (Teil II)

Nach Vollendung seines ersten großen Erfolges, dem China-Roman „Die drei Sprünge des Wang-lun“, stellte sich bei Alfred Döblin eine regelrechte Schaffenskrise ein. Die anhaltenden Misserfolge mündeten im psychischen und ökonomischen Tiefpunkt Döblins. Seine Werke wurden von der Öffentlichkeit kaum wahrgenommen, die Verkaufszahlen waren mager und auch seine Arztpraxis brachte ihm nur ein spärliches Einkommen ein. Die Familie Döblin konnte diese Zeit dank Döblins Verleger Samuel Fischer überstehen, welcher mit großzügigen Spenden und Vorschüssen aushalf.

„Und die Literatur? Oh, mein armer Verleger. Das Herz bricht mir, wenn ich an ihn denke […]. Von allen meinen Büchern habe ich zuletzt eine reale Jahresseinnahme von nicht zweitausend Mark gehabt! Also weniger als ein kleiner Angestellter verdient, ein ganz kleiner.“

Blicken wir auf das Jahr 1927 – jenes Jahr, welches den Wendepunkt seiner Karriere initiieren sollte. Döblin wandte sich einem Thema zu, mit dem er mehr als vertraut war: seinem Zuhause, der Großstadt Berlin, und deren Einwohnern. Als Mediziner traf er tagtäglich auf Menschen verschiedenster Art. Auch seine täglichen Spaziergänge entlang des Alexanderplatzes und die Kaffeepausen im Café Gumpert inspirierten die Arbeit an seinem Manuskript. Der Roman mit dem Doppeltitel „Berlin Alexanderplatz. Die Geschichte von Franz Biberkopf“ überzeugt durch die geschickte Montagetechnik von Bibelzitaten, Liedtexten, Werbeslogans, Zeitungsausschnitten sowie Gerichtsprotokollen. Durch die Verwendung der Wir-Form gelingt es Döblin, die Leser unmittelbar in das Geschehen einzubeziehen. Der mühsame Weg bis zur Publikation war 1929/30 überstanden. „Berlin Alexanderplatz“ eroberte die Welt innerhalb kürzester Zeit. Döblin erreichte den Höhepunkt seines Ruhms als einer der bedeutendsten Autoren der Weimarer Republik. Vielerlei öffentliche Veranstaltungen, Interviews, Rundfunkdiskussionen, Vorträge und Leserbriefe bedurften seiner Aufmerksamkeit. Döblin war nun ein gefragter Mann.

Bis 1933 war der S. Fischer Verlag Döblins publizistische Heimat, obgleich er sich dort nie Zuhause gefühlt hatte. Zur Emigration gezwungen, kehrte er 1946 nach Deutschland zurück, konnte jedoch nicht mehr an seine früheren Erfolge anknüpfen. Döblin wurde nach seinem Tod (1957) zum Vergessenen. Erst einige Jahre später trat er wieder in das Bewusstsein der Öffentlichkeit. Seit 1965 wurden insgesamt 1,3 Millionen seiner Werke in Taschenbuchform verkauft, davon fast eine Million Exemplare „Berlin Alexanderplatz“. Heute zählen seine Werke zu den Klassikern der deutschen Literatur des 20. Jahrhunderts. Günter Grass stellt ihn auf eine Stufe mit Brecht und Mann: „Er wird Sie beunruhigen; er wird Ihre Träume beschweren; Sie werden zu schlucken haben; er wird Ihnen nicht schmecken, unverdaulich ist er, auch unbekömmlich. Den Leser wird er ändern. Wer sich selbst genügt, sei vor Döblin gewarnt.“

Autorin: Anne Kirschstein

Quelle:
Becker, S. (Hrsg.). (2016). Döblin Handbuch. Leben – Werk – Wirkung. Stuttgart: J. B. Metz.
Bernhardt, O. (2007). Alfred Döblin. München: Deutscher Taschenbuch Verlag.
Peitz, W. (1968). Alfred Döblin Bibliographie 1905-1966. Freiburg i. Br.: Eckhard 
Becksmann. Rodewald, D., & Fiedler, C. (Hrsg.). (1989). Briefwechsel mit Autoren. Frankfurt am Main: S. Fischer Verlag.