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„Musik im geteilten Deutschland. Die musikliterarischen Schriften im Leipziger Reclam-Verlag“

Das Kolloquium am 15. und 16. Juni 2012 im Mendelssohn-Haus.

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für das Kolloquium über „Die musikliterarischen Schriften im Leipziger Reclam-Verlag“. Eingeladen haben dazu am 15. und 16. Juni 2012 die Sächsische Akademie der Künste, das Musikwissenschaftliche Institut und der Fachbereich Buchwissenschaft an der Universität Leipzig – mit Unterstützung der Sächsischen Akademie der Wissenschaften zu Leipzig und des Kuratoriums Haus des Buches – in den Hörsaal im Gartenhaus des Mendelssohn-Hauses.

Die Musikwissenschaftler Dr. Lars Klingberg und Prof. Dr. Peter Gülke, Dirigent, Präsident der Sächsischen Akademie der Künste und ein Reclam-Autor: Herausgeber von André-Ernest-Modeste Grétry Memoiren oder Essays über die Musik (RUB 514, 1973), Heinrich Besseler Aufsätze zur Musikästhetik und Musikgeschichte (RUB 740, 1979) und Jean-Jacques Rousseau Musik und Sprache. Ausgewählte Schriften (RUB 1322, 1989).

Barbara Fleischhauer hat im Januar 1958 ihre Tätigkeit im Reclam-Verlag aufgenommen. Von 1960 bis 1987 war sie Lektorin für Musik und in ihren ersten Berufsjahren auch für das Anglistik-Lektorat zuständig.

Peter Gülke stellte fest, dass ohne Barbara Fleischhauers „Lebensleistung dieses Kolloquium sein Objekt nicht hätte“. Er fragte, warum das, „was damals in einem Taschenbuchverlag möglich war, unter widrigen Umständen, heute unter nicht mehr ganz so widrigen Umständen offenbar eben nicht mehr möglich ist.“ Die DDR würde oft „monolithisch“ gesehen, das Geleistete mit dem Staatswesen identifiziert und vergessen, wie viel an intellektuellem Widerspruch in den Verlagen, Rundfunkredaktionen und in den Universitäten gegen den Staat realisiert wurde.

Prof. Dr. Helmut Loos (Direktor des Instituts für Musikwissenschaft) an die Teilnehmer und Gäste: Er sich freue sich über die interdisziplinäre Veranstaltung, denn die „Universität sollte ein Ort lebendigen Austauschs sein.“

Prof. Dr. Siegfried Lokatis (Fachbereich Buchwissenschaft) informierte über interdisziplinäre Methoden buchwissenschaftlicher Forschung und das Pilotprojekt „Archive Leipziger Traditionsverlage – Reclam als Erinnerungsspeicher und Labor“ im Rahmen der Forschungsförderung im Freistaat Sachsen. Das Kolloquium sei angestoßen worden zur besseren Vernetzung und Kooperation von Wissenschafts- und Kultureinrichtungen.

Prof. Dr. Detlef Altenburg (Direktor des gemeinsamen Instituts für Musikwissenschaft der HfM Weimar und der Friedrich-Schiller-Universität Jena) begrüßte für die Sächsische Akademie der Wissenschaften zu Leipzig. Die Akademie befasse sich seit einiger Zeit auch mit dem Thema der künstlerischen und wissenschaftlichen Produktion in den beiden deutschen Staaten.

Blick ins Plenum.

Prof. Dr. Thomas Schipperges (Musikhochschule Mannheim) richtete im Vortrag seinen Blick auf „Heinrich Besseler in Ost und West“ und dessen Schüler in Jena und Leipzig und auf die Schriften von Besseler, die im Reclam-Verlag herausgekommen sind. Hervorgehoben wird die Herausgebertätigkeit von Peter Gülke, dem es um „Gerechtigkeit“ gegenüber einem der bedeutendsten Musikforscher mit großer internationalen Wirkung gegangen sei.

Lars Klingberg (Wissenschaftlicher Mitarbeiter am Händel-Haus Halle/Sa.) bei seinem Vortrag über „Musikwissenschaft in der DDR. Bilanz und Perspektive eines Forschungsfeldes“. Die abschließenden Ausführungen über exemplarische musikpublizistische Großprojekte, die im Deutschen Verlag für Musik in den 1960er Jahren entwickelt wurden und unvollendet blieben, führten den krassen Gegensatz zu den erfolgreichen Schriften des Reclam-Verlages vor Augen.

Gespräche und Wortmeldungen: Prof. Dr. Frank Schneider (Musikwissenschaftler, Mitglied der Sächsischen Akademie der Künste und Autor von Momentaufnahme. Notate zu Musik und Musikern in der DDR, RUB 785, 1979), Peter Gülke und Detlef Altenburg.

Frank Schneider, Peter Gülke, Detlef Altenburg sowie Prof. Dr. Christoph Wolff (Direktor des Bach-Archivs Leipzig, Harvard-Universität in Cambridge/Massachusetts sowie als Honorarprofessor an der Albert-Ludwigs-Universität in Freiburg im Breisgau) und Prof. Dr. Winfried Schrammek (Besseler-Schüler, zunächst Kustos, dann Direktor vom Musikinstrumenten-Museum an der Universität Leipzig). Mit seinem Statement über die Treffen des Jenaer und Leipziger Kreises um Heinrich Besseler verschaffte Prof. Schrammek der Podiumsdiskussion außerordentliche Lebendigkeit.

Christoph Wolff und Wilfried Schrammek.

Prof. Dr. Manfred Bierwisch (Schüler von Frings, Bloch und Mayer an der Leipziger Universität, wegen Besitzes der Westberliner Zeitschrift Der Monat im Jahr 1952 verhaftet und zu 18 Monaten Zuchthaus wegen „Boykotthetze“ verurteilt, später Assistent am Institut für Deutsche Sprache und Literatur an der Deutschen Akademie der Wissenschaften zu Berlin und hier ab 1985 Professor der Linguistik, nach 1990 Leiter der Arbeitsgruppe Strukturelle Grammatik der Max-Planck-Gesellschaft an der Humboldt-Universität zu Berlin) nahm als Gast an der Tagung teil. Sein Vortrag über den Musikwissenschaftler Eberhardt Klemm folgt in der Abschlusskonferenz im Oktober 2012.

Dr. Thekla Kluttig (als Referatsleiterin zuständig für die Verlagsüberlieferungen im Sächsischem Staatsarchiv Leipzig) und Dr. Christoph Hellmundt (Lektor für Musik und Nachfolger von Barbara Fleischhauer).

Pausengespräche: Barbara Fleischhauer, Frank Schneider und Helmut Loos.

Pausengespräche: Carmen Laux und Ingrid Sonntag (Buchwissenschaft) und Frank Schneider.

Zur Abendveranstaltung zum Thema Rock in der DDR und dem Buch von Peter Wicke (RUB 1197, 1987): Dr. Monika Bloss (Kultur- und Musikwissenschaftlerin), Moderatorin Prof. Evelyn Fischer (MDR Artour) und Christoph Dieckmann (Schriftsteller und Publizist).

Ingrid Sonntag sprach über „Verlags- und editionsgeschichtliche Hintergründe der musikliteririschen Titel in der Biografien-Reihe, von Operntexten im Leipziger Reclam Verlag“ und von den Wurzeln im traditionellen Reclam Verlag seit 1869.

Barbara Fleischhauer: Gleich dem Pilzsammeln, dem sie seit ihrer Kindheit leidenschaftlich nachgeht, sei ihre Arbeit als Lektorin der Musikliteratur im Leipziger Reclam-Verlag eine beständige Entdeckungsreise gewesen: „Nicht ohne Mühe (man musste sich viel bücken!). Es gab wunderbare Funde (für mich und die Leser!). Es gab auch wertlose Wegstrecken, auf denen man sich ärgerte. Man fand prachtvolle Exemplare, aber auch madige. Und im Hintergrund war immer die Angst, dass auch mal ein tödlich-giftiger darunter sein könne! Nur, das Ende passt nicht zum Szenario, die vehemente Entsorgung der gesamten Ernte!“

Ein Blick ins Plenum.

Die Verabredung zwischen Peter Gülke und dem Reclam-Verlag, Gretrys Memoiren zu veröffentlichen, sei an sich schon etwas Erstaunliches, unter strengen kapitalistischen Maßstäben nicht denkbar. Denn es handelte sich um einen inzwischen unbekannten, in seiner Zeit um den meistgespielten französischen Opernkomponisten. Bei Rousseau Musik und Sprache habe er den Begriff „Dilettant“ für Rousseau als Ko...Mehr anzeigen

Prof. Dr. Hans-Günter Ottenberg (Professor für Musikwissenschaft an der TU Dresden) gibt einen Erinnerungsbericht über die Entstehungsgeschichte der Biografie vom zweiten Bach-Sohn Carl-Philipp Emanuel Bach (RUB 923, 1982). Beispielsweise sollte Hans-Günter Ottenberg 1987 gegenüber dem Chef der Berliner Import- und Exportgesellschaft, ein Unternehmen von Schalck-Golodkowski, zustimmen, dass sein Honorar für eine 14-teilige Rundfunksendung des WDR Köln in Koproduktion mit BRT Brüssel komplett dem Hochschulministerium gutgeschrieben würde. Was er nicht tat. Daraufhin habe die Uni-Leitung in Dresden „geschäumt“: „Hätten wir das gewusst, hätten wir Sie nie in den Westen fahren lassen“.

Pause vor dem Abschluss-Podium: Helga Bergmann (zuvor Hasselbach, Lektorin für Romanistik) und Peter Gülke.

v.l. Ingrid Sonntag, Heinfried Henniger (Leitender Lektor für Kunstwissenschaft, Cheflektor im Leipziger Reclam-Verlag 1989/92), Horst Möller (Leitender Lektor für internationale Literatur), Barbara Fleischhauer und Siegfried Lokatis.

Im Abschluss-Podium: Christoph Hellmundt

Im Abschluss-Podium: Siegfried Lokatis

Im Abschluss-Podium: Peter Gülke und Lars Klingberg

Fortsetzung folgt: Vortrag und Panel „Über den Musikwissenschaftler Eberhardt Klemm“ im Rahmen unserer Reclam-Konferenz am 25. und 26. Oktober 2012 im Haus des Buches. Eingeladen wurden: Prof. Dr. Manfred Bierwisch, Prof. Wilfried Krätzschmar, Prof. Dr. Manfred Bierwisch, Prof. Bernd Franke, Steffen Schleiermacher von der Sächsischen Akademie der Künste und Prof. Dr. Detlef Altenburg.

Alle Fotos von © Klaus Michael