„Bücher, Mythen und Verlage“

Die Leipziger Buchwissenschaftler befassen sich mit den Editionsgeschichten von vier prominenten Titeln des Leipziger Reclam-Verlages: Wolfgang Hilbig Stimme Stimme, Gerhard Wolfs Essayband Wortlaut Wortbruch Wortlust, Fritz Mierau/Rainer Kirsch Schwitzbad von Majakowski und Reiner Kunzes Gesichtsammlung Mein Wort – ein weißer Vogel. Der Blick auf die „geheimen“ Geschichten – die Idee zum Buch, Hintergründe, Zensur und Intrigen – und die deutsch-deutsche Wirkungsgeschichte führte sie zu neuen Fragen an Autoren, Gutachter, Lektoren, Herausgeber und Übersetzer, die in öffentlichen Veranstaltungen im Literaturhaus Leipzig diskutiert wurden.

Die Veranstaltungsreihe wird in Zusammenarbeit mit der Sächsischen Akademie der Künste und dem Haus des Buches Leipzig durchgeführt.

1. Wolfgang Hilbig – Ich unterwerfe mich nicht der Zensur

Mit Hubert Witt, Prof. Dr. Bernd Leistner, Thomas Böhme und Dr. Mattias Braun.
Moderation: Prof. Dr. Siegfried Lokatis
3. Februar 2011

„Ich unterwerfe mich nicht der Zensur“, hatte Wolfgang Hilbig im Februar 1981 an Klaus Höpcke, den stellvertretenden Minister für Kultur und Leiter der Hauptverwaltung Verlage und Buchhandel (HV), geschrieben. Er werde weder ihn noch eine andere Institution um Erlaubnis bitten, dass seine Texte in beiden Teilen Deutschlands erscheinen können. Hilbigs Brief, der im Archiv der Bundesbehörde für die Unterlagen des Staatssicherheitsdienstes (BStU) abgelegt ist, gab Anlass zu Fragen an die Gäste unserer Veranstaltung: Hilbigs Lektor Hubert Witt, den Germanisten Bernd Leistner, der die einzige Rezension in Ostdeutschland verfasst hatte, Thomas Böhme, Freund und Schrifsteller, und den Mitarbeiter der Abteilung Bildung und Forschung in der BStU Matthias Braun. Auf wessen Initiative war die Zusammenarbeit mit dem Reclam Verlag zurückzuführen? Wie gestaltete sich die Zusammenarbeit? Handelte es sich um eine Rezension, die von einer Redaktion beauftragt war?

Schließlich ließen sich manche Rätsel lösen. Erstens: Im Herbst 1980 stimmten sich Höpcke und Kurt Hager, Mitglied des ZK der SED, darüber ab, dass ein Sammelband mit Gedichten und Erzählungen von Hilbig im Jahr 1982 im Leipziger Reclam Verlag herauszubringen sei. Höpcke beauftragte daraufhin Verlagsleiter Hans Marquardt, das Gespräch mit dem „Nachwuchsautor“ Hilbig (Jahrgang 1941) zu führen. Da im vorgesehenen Erscheinungsjahr auch der westdeutsche S. Fischer Verlag einen zweiten Band Hilbigs mit Erzählungen Unterm Neomond plante und somit die meisten Rechte mittlerweile in Westdeutschland lagen, wurden, zweitens, immer neue Gründe gefunden, das Erscheinen in Ostdeutschland hinauszuzögern. Deshalb kam es zu einer paradoxen Wendung: Dem ostdeutschen Verlag drohten nun Devisenzahlungen an einen westdeutschen Verlag für einen in der DDR beheimateten Schriftsteller.

Die Zensurbehörde reagierte, drittens, mit neuen Schikanen: Weil Hilbigs Arbeiten nicht in Reclams Universal-Bibliothek (RUB) erscheinen durften, kreierte der Verlag eine neue Reihe in englischer Broschur, in der Hilbigs Stimme Stimme bis zum Ende der DDR der einzige Titel blieb. In kleinstmöglicher Auflage herausgebracht, war das Buch nach Auslieferung sofort vergriffen. Eine Nachauflage wurde nicht geplant. Nach Erscheinen „sollte der Verlag mit dafür verantwortlich sein, daß dieser Band von einem der Gutachter, die sich mit dem Autor beschäftigt haben, sachlich-kritisch rezensiert wird.“ Bernd Leistner hat im Herbst 1983 aber unabhängig vom Reclam Verlag und nach einer Verabredung mit dem Chefredakteur der Zeitschrift für junge Literatur Temperamente eine Besprechung geschrieben, die dann dort nicht akzeptiert wurde. Leistners Besprechung kam erst, nun ausgeweitet, in der Zeitschrift der Akademie der Künste der DDR Sinn und Form Heft 1/1985 heraus.

2. Gerhard Wolf – Mittler zwischen den Generationen

Mit Gerhard Wolf, Stefan Richter, Andreas Koziol
Moderation: Dr. Klaus Michael
20. März 2011

Bild 1:
Auf dem Podium: Stefan Richter, Dr. Klaus Michael, Andreas Koziol und Ingrid Sonntag

Bild 2:
Im Publikum: Frau Hüge und Hubert Witt (Nachdichter und Herausgeber, Lektor im Reclam-Verlag 1959-1986)

Bild 3:
Asteris Koutoulas (Musikproduzent, Publizist, Übersetzer, Filmemacher und Autor), hinten Madeleine Heublein (Malerin und Grafikerin)

[Fotos, © Carmen Laux]

Gerhard Wolf konnte krankheitsbedingt an „seiner“ Veranstaltung am 20. März 2011 leider nicht teilnehmen. Der Schriftsteller Andreas Koziol, Klaus Michael, Literaturhistoriker und Sekretär der Sächsischen Akademie der Künste, und der frühere Reclam-Lektor und Verlagsleiter Stefan Richter führten ein lebhaftes Gespräch über die Wirkung von Wolfs Essays, die in offiziellen und nichtoffiziellen Publikationen in Frankreich, Ost- und Westdeutschland seit den frühen 1970er Jahren erschienen waren, über sein Engagement für die Normalisierung des kulturpolitischen Klimas in der DDR und für die Einbindung von ausgegrenzten Schriftstellern und Malern in die deutsch-deutsche Öffentlichkeit. Der Veranstaltung vorangestellt war ein Kurzvortrag – ausdrücklich „kein Überblickswissen aus der Seminararbeit“, sondern Fragen, Thesen, Provokationen „nach drei fesselnden Monaten der Beschäftigung“ – von Kristin Sprechert, Studentin der Buchwissenschaft mit Bachelor Germanistik.

3. Im Wechselbad wegen Schwitzbad

Mit Fritz Mierau (Herausgeber) und Rainer Kirsch (Übersetzer)
Moderation: Ingrid Sonntag

17. Mai 2011

[Auszüge aus Seminarbeitrag] Im Rahmen der Konferenz „Eine einzigartige Bibliothek der Weltliteratur. Reclams Universal-Bibliothek (RUB) im Leipziger Reclam-Verlag 1945–1990