70iger Jahre

Eine neue Generation von Illustratoren forderte eine ästhetische Einheit von Text, Typographie, Bild und Einband. Der narrative Stil wurde durch neue Techniken abgelöst. Der Stil Hans Tichas, ein Schüler Werner Klemkes, lehnte sich an der Kunstform des Pop Art oder Surrealismus an. Eine andere Idee der neuen Generation war laut Enzensberger:

„Nicht die ängstliche Reduplikation des Textes, nur die Kühnheit kann das illustrierte Buch retten.“

Mit anderen Worten: Künstler, wie Klaus Ensikat und Lothar Reher begnügten sich nicht mehr nur mit Illustrationen, sondern konzipierten ein durchdachtes Zusammenspiel zwischen Buchkörper, Schrift und Text.

Weiterhin folgen einige Beispiele der für die 70iger Jahre typischen Umschlaggestaltung.


„Wojciech Zukrowski – Mit der Flamingofeder geschrieben“

70er02

Zu diesem Buch wurde der Umschlag von Gerhard Rappus gestaltet. Das abgedruckte Bild nimmt Vorder-­ und Rückseite des Schutzumschlages ein. Zu sehen ist eine Baumreihe, eine Feder und ein gelber Vogel. Dieses Bild wurde aquarelliert und hat einen lasierenden Farbauftrag. Dies bedeutet, dass der Untergrund noch leicht durchscheint. Der Künstler verwendete ein valeuristisches Malkonzept, das heißt feinste Farbdifferenzierungen in diesem Bild rufen Hell und Dunkel hervor. Die zu sehenden Bäume umschließen eine weiße Feder, welche die gleiche Größe wie die Pflanzen hat. Es gibt eine Vielzahl von Bildelementen, doch durch deren Ähnlichkeit strahlt das Bild Ruhe aus. Die Anordnung und Wiederholung dieser Elemente in einer Reihe drückt Ausgewogenheit aus. Durchbrochen wird die Baumreihe nur durch den Buchrücken, auf dem der Titel und der Autor des Werkes abgedruckt sind. Auch auf der Frontseite des Umschlages findet sich dieses Element wieder. Die Schrift ist in einer geschwungenen Handschrift dargestellt und passt sich an das Bild an.


„Sarah Kirsch – Zaubersprüche“

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Der Umschlag dieses Buches wurde von Heinz Hellmis gestaltet. Zu sehen ist eine Überschrift, die den Titel und den Autor des Buches beinhaltet, welche die Aufmerksamkeit durch Farbe und Größe auf sich lenkt. Darunter sind zwei Spalten mit sechs Absätzen. Die verwendete Schriftart ist Times New Roman in verschiedenen Größen, Farben (weinrot, blau, schwarz) und Formatierungen (kursiv). Die Spalten beinhalten ein Interview mit der Autorin. Die Fragen sind jeweils kursiv geschrieben und die Antworten in der Standardschrift. Gegliedert werden die Fragen durch eine Bezifferung. Die symmetrisch angeordneten Spalten wirken auf den Betrachter ordentlich, ausgewogen und gereiht. Da sich die Gestaltung des Buches größtenteils auf die Vorderseite des Umschlages beschränkt, wurde der Text einem Hochformat entsprechend angeordnet. Dieses Format betont die vertikalen Linien, die durch die Spalten entstehen. Auf der Rückseite ist lediglich der Verlag zu finden. Beim Aufklappen bemerkt man, dass das Interview im Klapptext fortgeführt und somit vervollständigt wird. Die Formatierung ist die Gleiche wie auf der Frontseite des Buches.


„F.C. Weiskopf – Vor einem neuen Tag“

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Dieses Buch hat Werner Klemke gestaltet – ein sehr gefragter Buchillustrator in der DDR. Auf dem Schutzumschlag ist, neben dem Titel und dem Autoren, nur ein einziges Bildelement sichtbar. Es ist eine in Flammen stehende Person mit einem Gewehr. Vor weißem Hintergrund wurde dieses Bild mit grafischen Mitteln illustriert. Es wurden feine Linien eingesetzt, um dem Feuer Struktur zu geben. Dennoch herrscht ein hoher Grad der Abstraktion vor, da man keine genauen Details erkennen kann. Es wurde ein monochromes Malkonzept genutzt, was bedeutet, dass nur eine Farbe im gesamten Bild dominiert. Durch die starke rote Farbe des Feuers kommt es zu einer Ballung der Bildelemente und dadurch bilden die Flammen den Schwerpunkt auf dem Buschumschlag. Weiterhin sind der Titel und der Autor des Werkes auf dem Buchrücken und in der rechten oberen Ecke der Vorderseite zu erkennen. Es wurde mit einer filigranen Handschrift gearbeitet, die zur Gestaltung der Person und des Feuers passt. Die Illustration beschränkt sich auf die Vorderseite des Buchumschlages. Die zwei Bildelemente, also Text und Illustration, stehen im optischen Gleichgewicht, weil sie jeweils eine Ecke der Vorderseite besetzen und sich dadurch ausgleichen. Die Elemente zeigen eine gewisse Abgeschlossenheit und Isolation und treten somit nicht miteinander in Kontakt.


„Emil Dzvonik – Die verlorenen Augen“

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Dieser Schutzumschlag wurde von Gerhard Bunke gestaltet. Abgebildet ist auf Vorder-­ und Rückseite ein Oktagon, welches als Rahmen fungiert. In diesem Achteck befindet sich auf der Frontseite der Titel und der Autor des Buches, sowie ein Paar Augen, Wald und eine Holztafel. Auf der Rückseite ist nur Himmel abgebildet. Beide Achtecke weisen eine Symmetrie zueinander auf, deren senkrechte Symmetrieachse der Buchrücken ist. Der Hintergrund des Rahmens ist ein Farbverlauf von hell- zu dunkelblau, mit feinsten Farbdifferenzierungen. Der dargestellte Wald, im Inneren des Oktagon, ist sehr abstrakt, weist aber Hell-­Dunkel Unterschiede auf und wirkt daher plastisch. Der Fantasie bleibt überlassen, was es mit der Holztafel und deren menschlichen Schatten auf sich hat. Der Himmel auf Vorder-­ und Rückseite hat den gleichen Farbverlauf wie der Rahmen, nur seitenverkehrt. Das Schriftelement, welches den Titel und den Autor umfasst, ist in einer schwarzen fetten Schrift gestaltet, sodass es sehr dominant wirkt. Das Markante an diesem Umschlag ist jedoch das Raster, welches sich über das gesamte Bild erstreckt. Diese Flächengliederung, bei der die Linien streng geometrisch gereiht sind, ruft eine unruhige, sogar bedrohliche, Wirkung hervor.


„Anna Seghers – Geschichten aus Mexiko“

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Der Buchumschlag dieses Buches wurde von Frank Ruddigkeit und Heinz Hellmis gestaltet. Auf weißem Untergrund wurde großflächig der Name der Autorin und der Titel des Buches geschrieben und darunter findet man eine abstrakte Zeichnung. Die Schrift gehört eindeutig zu Heinz Hellmis Handschrift und ist in vielen seiner Werke wiederzufinden. Es bleibt der Fantasie überlassen, was der Betrachter in dem darunterliegenden Bild sehen mag. Fest steht, dass die Farben Gelb und Rot gewählt wurden und sie in Verbindung mit den schwarzen Linien sehr gut harmonieren. Es sind keine hell-­dunkel Schattierungen vorhanden, aber teilweise werden die Farben voneinander überdeckt. Die Zeichnung ist in einem Kreis angeordnet, wodurch sie abgeschlossen und isoliert zu den anderen Elementen des Buchumschlages wirkt. Dennoch ist sie unübersehbar und drückt eine gewisse Unruhe aus, welche die Schrift im oberen Teil des Umschlages wieder aufnimmt. Beide Elemente, Schrift und Zeichnung, schließen einander aus, doch wirken durch ihre Abstraktheit harmonisch.