22 – Ein Paradies, daraus du nicht vertrieben wirst

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Ein Buch ist ein Licht des Herzens, ein Spiegel des Lebens, ein Lehrmeister der Jugend, ein Vertreiber des Lasters, eine Kurve der Klugen, ein köstlicher Hauptschmuck der Weisen, eine Ehre derer, die in Ehren sind, eine Zierde der Gelehrten, ein Gefährte auf der Reise, ein Freund zu Hause, ein Schwatzgeselle, wenn man gleich schweigt, ein Behältnis der Beredsamkeit, ein Garten voller Früchte, eine Wiese von unterschiedlichen Blumen, der Anfang des Verstandes, ein Vorrat des Gedächtnisses, verlangt man es, so kommt es, wird es geheißen, so eilt es, es ist allzeit zugegen, es gehorcht allezeit, frägt man es, so antwortet es alsbald. Es ist das Buch ein aufrichtiger Ratgeber, es schmeichelt nicht, es redet nicht nach der Gunst, es schont niemand, weil es sich vor niemand fürchtet, es begehrt nichts, es wird deiner nicht überdrüssig, ob du gleich seiner überdrüssig würdest, es offenbart heimliche Dinge, dunkle erklärt es, zweifelhafte macht es gewiß, verwirrte löst es auf, wider Unglück beschützt es, es vermehrt das Vermögen, vertreibt die Unlust, es ist ein unerschöpflicher Brunnen, ein fruchtbringender Lustgarten, ein Lehrer, der kein Geld begehrt, ein Paradies, daraus du nicht vertrieben wirst, wenn du es nicht selber wolltest.

Daniel Georg Morhof


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Aus: Kliemann, H. (Hrsg.), 1985. Stundenbuch für Letternfreunde. Besinnliches und Spitziges über Schreiber und Schrift, Leser und Buch. Dortmund: Die bibliophilen Taschenbücher.