11 – Die Buchwerdung setzt ein

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Das Buch ist unter uns. Es verschwindet zwischendurch immer irgendwo in der Versenkung, in einer alten Kiste auf einem Dachboden, im Keller zwischen Gerümpel, in einer alten Bibliothek in der zweiten Stellreihe eines Regals, selten auch in einem Grab. Es taucht aber immer wieder auf. Nicht nur auf einem Flohmarkt, auch an anderen Orten wird es einen Buchliebhaber faszinieren, in seinen Bann ziehen, weil es ihn besitzen und verwandeln will, um sich dadurch selbst zu verwirklichen und zu erlösen. Und welches höhere Glück kann einem Lebewesen widerfahren, als in ein Buch einzugehen und sich dabei, wenigstens für einen kurzen Zeitraum, der fleischlichen Hülle zu entäußern.
„Nicht um die Menschwerdung geht es auf Erden, es geht allein um die Buchwerdung.“ Diesen Satz, der wohl von einem Philosophen stammt, mag nur der verstehen und sich einprägen, der weiß, was es heißt, Buch zu sein und sich in es zu verwandeln.
Wer Bücher liebt, ertappt sich immer wieder bei diesen – mag sein perversen – Gedanken. Er ist stets bereit, wenn ihm dieses Schicksal widerfahren sollte, sich nicht nur damit abzufinden, sondern es bis zum Ende auszukosten und sich ihm widerstandslos auszuliefern, wenngleich ein anfängliches Sträuben als durchaus normal bezeichnet werden darf.
Sofern man Leser ist und sich des öfteren schon von ungewöhnlich aussehenden Büchern zum Kauf anreizen oder zum Diebstahl verlocken ließ, sollte man auf die Symptome achten, die man an sich bemerken kann, wenn man dem Buch begegnet. Man liest es fast bis zum Ende, erfährt alles von ihm, ohne es zu glauben, und dann, auf der letzten Seite, schlagartig, ohne vorherige Ankündigung, ist man auf einmal überhaupt nicht mehr fähig, sich zu konzentrieren, liest Sätze, die einen Sinn zu haben scheinen, aber man erfaßt ihn nicht mehr, bemerkt verschwimmende Buchstaben, sieht die Schrift sich unendlich verkleinern und zuletzt ganz verblassen. Und dennoch läßt einen das Buch gerade deshalb nicht mehr los.
Bereits in diesem Stadium setzt die Buchwerdung ein, ohne daß der davon Betroffene es zunächst bemerkt. Es kann Jahre dauern, bis der Verwandlungsprozeß abgeschlossen ist. Er ist schleichend, aber er wird stattfinden. Es gibt nur eine Möglichkeit, den Ausbruch der Verwandlung zu verhindern, wenn man nämlich den Schneepart, gebäumt, bis zuletzt, im Aufwind, von den für immer entfensterten Hütten: Flachträume schirken übers geriffelte Eis; die Wortschatten heraushaun, sie klaftern rings um den Krampen im Kolk … insprinc haptbandun, invar vîgandun! … thû biguol en Uoadan, sô hê uuola conda: sôse bênrenkî, sôse bluotrenkî, sôse lidirenkî:
bên zi bêna, bluot zi bluoda, lid zi geliden, sôse gelîmida sîn! …

Aus: Schweiggert, Alfons, 1989. Das Buch. München: Ehrenwirt.