„Was bedeutet es zu sagen, der Mensch sei kulturell und sozial geprägt?“

Das 1. Arbeitstreffen des Arbeitskreises Kultur- und Sozialphilosophie, einem Zusammenschluss von Doktorand_innen und Post-Doktorand_innen der Universität Leipzig, fand vom 22.-24.9.2011 am Institut für Kulturwissenschaften statt. Ausgangspunkt war der Gemeinplatz der Kulturwissenschaften, zu sagen, der Mensch sei kulturell und sozial geprägt. Das bedeutet nur prima vista die Aufforderung, die adäquate Perspektive auf das Verhältnis von Kulturellem und Sozialem anzugeben. Es geht darum, sich wissenschaftlicher Vor-Urteile bewusst zu werden, die in der Behauptung einer Geprägtheit liegen. Das Arbeitstreffen diente der intensiven Diskussion der beteiligten Projekte aus Philosophie, Soziologie, philosophischer und evolutionärer Anthropologie sowie Kulturwissenschaften. Ziel war es, eine Forschergruppe des wissenschaftlichen Nachwuchses zu gründen.

Hartmut Westermann (Erfurt) stellte Platons Protagoras-Mythos als Kompensationstheorie der Kultur vor. Die im Mythos erzählte Abfolge – erst technische Fertigkeiten, dann soziale Kompetenzen – sollte zugunsten einer strukturellen Sichtweise auf die kulturelle und soziale Prägung des Menschen aufgegeben werden. Mathias Berek (Leipzig) behandelte die Denkfigur des Relationalismus bei Simmel und verband sie mit der Frage nach dem Konzept individueller Identität. In der Diskussion wurde die Herausforderung an ein Alltagsdenken, das soziale Entitäten als ontologisch gegeben annimmt, herausgestellt. Markus Seidel (Münster u. Siegen) stellte die epistemische Praxis von Kulturen in den Mittelpunkt. Sind epistemische Normen sozial und kulturell geprägt? Und wenn ja, als Thema der Diskussion, kann dennoch eine Gewichtung verschiedener epistemischer Systeme gegeneinander vorgenommen werden? Ingo Blaich (Dresden) fragte nach Konstitutionsbedingungen von Subjektivität und Individualität im Spannungsfeld von Autonomie und Heteronomie im Sozialisationsprozess. In der Diskussion kam die Frage auf, ob der Begriff der Prägung nicht generell zu vermeiden sei, da er zu stark die Seite der Heteronomie betone. Thomas Heichele (Augsburg) referierte über evolutionäre Grundlagen sozialer und kultureller Prägung und plädierte für einen ontologischen Naturalismus. Die Entwicklung des Menschen inklusive seiner kulturellen und sozialen Prägung verbleibe stets im Rahmen seiner natürlichen Anlagen. Jörn Bohr (Leipzig) vertrat die These, dass die menschliche Existenz durch „Freiheiten der Determination“ bestimmt sei, wobei Kreativität als Bedingung der Möglichkeit von kultureller und sozialer Selbstprägung ausgemacht werden könne. Für Hellmut Winter (Chemnitz) lässt sich die Frage nach kultureller und sozialer Prägung des Menschen in einem gesellschaftstheoretischen Kontext beantworten. Ausgangspunkt waren Habermas’ Überlegungen zu ‚Lebenswelt‘ und ‚System‘. Henrike Lerch (Basel) behandelte in Anlehnung an Plessner die Frage, warum der Mensch kulturell und sozial geprägt sei. Diskutiert wurde, inwiefern die historischen Prägungen schon in kulturellen und sozialen Prägungen enthalten seien. Michael Schramm (Leipzig) schlug unter dem Titel ,Formung und Konstruktion‘ vor, die Frage nach den Auswirkungen der Behauptung, der Mensch sei sozial und kulturell geprägt im Rahmen einer Kulturphilosophie, die mit einer Sozialtheorie korrespondiert zu beantworten. Monika Nachtwey (Leipzig) widmete sich zeichen- und symboltheoretischen Vorbedingungen der These, der Mensch sei sozial und kulturell geprägt. Wahrnehmung, verstanden als Zeichenprozess und symbolische Formung, lasse als prinzipiell geprägte die Möglichkeit einer vorbegrifflichen Wahrnehmung nicht zu. Felix Denschlag (Oldenburg) verdeutlichte seinen Vorschlag, das ‚kollektive Gedächtnis‘ nach Halbwachs und J. Assmann und mit Blick auf W. Benjamin als Tiefenstruktur der Kultur zu verstehen. Durch aktive Leistungen des Vergessens und Erinnerns sei es möglich, über verdinglichte Verhältnisse hinauszugehen. Stefan Niklas (Köln) legte mit seinem Beitrag über die simultane Erfahrung einer sozialen und einer kulturellen Partizipationssphäre beim Kopfhören ein Stück „materialen Philosophierens“ (J. Früchtl) vor. Diskutiert wurde der Vorschlag, anstelle von Prägung besser von Partizipation zu sprechen.

Ein abschließendes Plenum rundete das Arbeitstreffen ab. Die Beiträge boten, da alle Teilnehmer_innen im Vorfeld die Gelegenheit zu Lektüre hatten, idealen Anlass zu ausführlichen Gesprächen. Der Wunsch nach Verstetigung mündete in die Planungen für ein 2. Arbeitstreffen.

Dr. Jörn Bohr / Institut für Kulturwissenschaften

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