Studienfahrt zum Oberstufen-Kolleg nach Bielefeld

Fast ein Jahr ist es nun her, dass wir uns im Rahmen des Master- Seminars „Unterrichts- und Schulentwicklung“ zu einer Exkursion nach Bielefeld auf den Weg gemacht haben. Dort wollten wir als Studierende und Mitarbeiter am Lehrstuhl für Allgemeine Didaktik der Universität Leipzig das Oberstufenkolleg Bielefeld besuchen. Denn dort findet mehrmals im Schuljahr eine sehr offene Form des Lernens, die Projektarbeit statt. Diese Projektphasen ermöglichen es in besonderer Weise, auf die heterogenen Lernvoraussetzungen der Schülerinnen und Schüler einzugehen. Wie genau die Projektarbeit umgesetzt wird, wie sie in den Schulalltag integriert wird und was man im Allgemeinen aus dem Konzept des Oberstufenkollegs für den Umgang mit Heterogenität in der Oberstufe lernen kann, all diesen Fragen wollten wir auf den Grund gehen. Voller Erwartungen fuhren wir am 25. Januar 2011 nach Bielefeld und wurden bereits am Hauptbahnhof herzlich empfangen. Frau Thomas, eine Lehrerin und wissenschaftliche Mitarbeiterin am Oberstufenkolleg und Frau Toa, studentische Hilfskraft am Oberstufenkolleg, begrüßten uns und betreuten uns sehr herzlich während unseres dreitägigen Aufenthalts. Schon bei der ersten Führung am Morgen des 26. Januar waren wir beeindruckt von den räumlichen Strukturen des Oberstufenkollegs: Allein die räumliche Nähe zur Universität Bielefeld ist faszinierend und ermöglicht eine enge konzeptionelle und wissenschaftlich- evaluierende Zusammenarbeit. Zum anderen fiel die ungewöhnliche Architektur der Schule auf: Offene Lernräume für die Schülerinnen und Schüler machen den Unterricht zu einem transparenten und freien Lehr-Lern-Prozess. Offene Nischen mit den Arbeitsplätzen der Lehrerinnen und Lehrer sind für alle frei zugänglich und ermöglichen den Lernenden, sich schnell und unkompliziert an ihre Lehrkräfte zu wenden. In einer Gesprächsrunde mit Dr. Stefan Hahn, dem wissenschaftlichen Leiter des Oberstufenkollegs wurden uns das Forschungskonzept der Schule und die Kooperation mit der Universität Bielefeld vorgestellt. Das Oberstufenkolleg und die Universität Bielefeld arbeiten bei der Entwicklung, Umsetzung und Evaluation von Schulentwicklungsprojekten eng zusammen. So wurde auch der Projektunterricht gemeinsam konzipiert und bereits evaluiert – mit sehr guten Ergebnissen. In einer weiteren Gesprächsrunde mit Wolfgang Emer stand das selbstständige Lernen durch Projektunterricht am Oberstufenkolleg im Mittelpunkt. Projektunterricht hat im Oberstufenkolleg Bielefeld bereits eine lange Tradition. Es existieren differenzierte Konzepte für die Umsetzung von Projektarbeit als auch für die Bewertung und Reflexion derselben.

Davon konnten wir uns auch selbst überzeugen: Am letzten Projekttag, kurz vor der großen Präsentation, durften wir in den verschiedenen Projektgruppen hospitieren und waren von der Vielfalt der Angebote begeistert. Von Stricken, Origami und Messerschmieden über biologisches Kochen, Kosmetikherstellung bis hin zu Theater, Poetry Slam und Journalismus wurde ein ambitioniertes und abwechslungsreiches Programm geboten. Die Schülerinnen und Schüler, die ihre Gruppe selbst wählen konnten, waren engagiert und aktiv bei der Sache und auch sonst ganz und gar von ihrer Schule begeistert. Den unterschiedlichen Begabungen der Schülerinnen und Schüler gerecht zu werden, heißt bei der Projektarbeit im Oberstufenkolleg Wahlmöglichkeiten anzubieten, anspruchsvolle Begleitung von Experten zu gewährleisten (einige der Projektgruppen werden von externen Spezialisten geleitet) und Räume zur eigenen kreativen Entfaltung zu schaffen. Dass Lernen in so einer Umgebung Spaß macht und die Neugier und Kreativität der Schülerinnen und Schüler gefördert werden, spürt man an der angenehmen und herzlichen Atmosphäre in der ganzen Schule. Lehrkräfte und Lernende duzen sich am Oberstufenkolleg – auch das führt zu einem offenen und zwanglosen Miteinander. Zudem unterstreichen die flachen Hierarchien das Bild, das man hier vom Lernprozess hat: Lernen als ein konstruktiver, aktiver Prozess, bei dem die Lehrkräfte mehr als Berater und Unterstützer auftreten, denn als strenge Autorität.

Dass dieses Konzept hier in Bielefeld Früchte trägt, kann man bei der Abschlusspräsentation der Projektgruppen sehen. Es ist beachtlich und faszinierend, was die Schülerinnen und Schüler in nur zwei Wochen auf die Beine gestellt haben. Hervorragend gelungen ist das generationsübergreifende Theaterprojekt „Schön ist die Jugend, voll krass ey“, in dem Schüler/innen und Senior/innen aus Bielefeld mitwirkten und gemeinsam ein Theaterstück zum Thema Heranwachsen und Älterwerden inszenierten.

So hat man während dieser Exkursion den Eindruck gewonnen, dass Schule zum wahren Ort des Lernens und Reifens wird, wenn sie die unterschiedlichen Begabungen der Schülerinnen und Schüler erkennt und fördert. Das Oberstufenkolleg zeigt aber auch vorbildlich, dass Schule sich nach außen öffnen muss: Zur Universität, die ihre Arbeit wissenschaftlich untermauert und evaluiert, zu den lokalen Theatern, Betrieben und Zeitungsredaktionen, von denen sie Experten für Projektwochen gewinnen kann und zu den Bewohnern der Stadt, mit denen die Schülerinnen und Schüler Solidarität und Engagement lernen können. Nur so wird Schule zu einem Ort der Begegnung, zu einem Ort, an dem die Schülerinnen und Schüler nicht nur lernen, sondern auch leben. All das konnten wir in drei Tagen Bielefeld sehen und erfahren. Und das ist uns auch nach einem Jahr noch stark im Gedächtnis geblieben.

Marlene Kowalski, wissenschaftliche Hilfskraft
Dirk Schneider, wissenschaftlicher Mitarbeiter

Lehrstuhl für Allgemeine Didaktik
und Schulpädagogik des Sekundarbereichs
Prof. Dr. Maria Hallitzky

http://www.erzwiss.uni-leipzig.de/allgemeine-didaktik-und-schulpaedagogik-des-sekundarbereichs

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