Steindorff-Tagebücher

Der Ägyptologe Georg Steindorff im Spiegel seiner Tagebücher

 

Dr. Dietrich Raue, Ägyptisches Museum der Universität

 

 

Kaum eine Ägyptologen-Biographie des 19. – 20. Jahrhunderts ist so gut dokumentiert und geeignet, das Fach Ägyptologie von der Blütezeit des Kaiserreichs durch den 1. Weltkrieg und die deutsche Revolution, die Weimarer Republik, die NS-Zeit und den 2. Weltkrieg hindurch bis zur Neuordnung der Nachkriegszeit unter dem Vorzeichen der Re-Demokratisierung der westlichen Gesellschaften widerzuspiegeln wie die Georg Steindorffs (1861-1951). Unter den Leipziger Wissenschaftlern, die sich seit 1820 mit der Kulturgeschichte des Alten Ägypten beschäftigten, ist er ohne Zweifel die bedeutendste Persönlichkeit. 1861 wird er in eine jüdische Familie des Dessauer Bürgertums geboren. Über Berlin und Göttingen gelangt er 1893 nach Leipzig. Hier baut er zielstrebig das Institut mit einem archäologischen Schwerpunkt aus, dessen noch heute sichtbares Ergebnis das Ägyptische Museum der Universität, die größte akademische Lehrsammlung im deutschsprachigen Raum.

Die Biographie weist als gravierendsten Bruch die Verfolgung in Deutschland seit 1933 mit der Emigration im Frühjahr 1939 in die USA auf. Seither befanden sich dort seine Bibliothek, seine Privatkorrespondenz und seine privaten Tagebuchkalender, zuletzt im Besitz seines Enkels Thomas Hemer (1923-2013). Im Rahmen einer großzügigen Schenkung wurde der Universität dieser Nachlass vermacht und ist derzeit Gegenstand umfangreicher Forschungen. Den Tagebüchern kommt hierbei die Rolle des chronologischen Gerüsts zu, in dem später auch die mehr als 7000 Dokumente des Nachlasses sinnvoll miteinander verknüpft werden. Die Unterstützung durch die Freunde und Förderer der Universität ermöglichte die Erschließung und hierauf basierend die Erstellung einer Broschüre mit einer biographischen Skizze für die interessierte Öffentlichkeit durch Sandra Müller.

Der Rahmen dieser Forschungen ist die Disziplinengeschichte der Altertumswissenschaften und das Bewusstseins um die Zeitgebundenheit geisteswissenschaftlicher Forschung. Basierend auf älteren Untersuchungen, die z.T. noch auf Arbeiten der 70er- und 80er-Jahre zurückgehen, sind die Tagebücher hierfür der geeignete Einstieg. Der Leser lernt so einen typischen Vertreter des dynamischen Pioniertums der Zeit der Zweiten Industriellen Revolution im Kaiserreich kennen, der in der Weimarer Republik eine unantastbare Position erreicht und in der Sächsischen Akademie der Wissenschaften, der Zentraldirektion des Deutschen Archäologischen Instituts und der Universität Leipzig, als deren Rektor er 1923/24 amtiert, arbeitet. Steindorff war bereits während in den 80er-Jahren des 19. Jahrhunderts zum Protestantismus konvertiert, gerät aber aufgrund seiner jüdischen Herkunft in das Visier der nationalsozialistischen Rassenideologie. Auf das Berufsverbot 1934 folgt nach im März 1939 die Emigration in die USA. Der international anerkannte Wissenschaftler wird zum regen Kommentator der NS-Diktatur und bis zu seinem Tod im Sommer 1951 auch der Entwicklung an seiner alten Wirkungsstätte in der sowjetisch besetzten Zone und der gerade gegründeten DDR.

Seine Tagebuchkalender spiegeln seine persönliche Entwicklung genauso wieder wie die Sicht auf Politik und Kultur über sechs Jahrzehnte. Die Broschüre behandelt eine vielansichtige Persönlichkeit und ermöglicht eine differenzierte Sicht auf den Wissenschaftsbetrieb eines kleinen Faches in den wechselnden politischen Systemen der deutschen Geschichte.

Georg Steindorff im Ägyptologischen Institut, 1931 – Titelblatt der Broschüre