Im Nationalarchiv Namibias

 

Kathleen Rahn M. A. / Historisches Seminar

Auf (post-)kolonialen Spuren in Windhoek: Archivstudien im Nationalarchiv Namibias

Im Zuge meines Promotionsvorhabens über koloniale Gefängnisse als Institutionen der deutschen Kolonialherrschaft in Deutsch-Südwestafrika (1884-1914) war es erforderlich, Dokumente der lokalen Verwaltungsebenen der deutschen Kolonialzeit vor Ort im Nationalarchiv Windhoek im heutigen Namibia einzusehen.

Bereits im Vorfeld der Reise (19.03.2013-10.04.2013) fiel mir im Zuge meiner Recherchen auf, dass die hiesigen touristischen Informationen Namibia als „unafrikanisch“ beschrieben. Tatsächlich: im ersten Moment begegnet Windhoek als beschauliche deutsche Kleinstadt, in welcher in der „Goethestraße“ oder „Bahnhofstraße“ wie selbstverständlich Wohn- und Geschäftshäuser im Barock- oder Jugendstil vorzufinden sind. Vertreter_innen der deutschsprachigen Gemeinschaft (ca. 20.000 Personen) setzen sich für den Erhalt der „deutschen Kultur“ ein und werden dabei vom deutschen und namibischen Staat auf Grundlage eines bilateralen Kulturabkommens von 1991 unterstützt.

Die Bedingungen für meine Archivstudien hätten nicht besser sein können: der schnelle Fortgang der Recherchearbeiten wurde dadurch erleichtert, dass ich mich in einem deutschen Archivsystem bewegte. Bemerkenswerterweise waren die durchschnittlich vier anderen Forscher im Archiv zumeist ebenfalls Deutsche respektive Deutsch-Namibier. Nach Absprache mit dem Archivleiter Werner Hillebrecht war es mir erlaubt, die benötigten Dokumente mit einer Digitalkamera zu fotografieren, sodass ich letztlich etwa 10.000 Dokumente digitalisieren konnte.

Neben meiner wissenschaftlichen Tätigkeit erkundete ich Windhoek auf weiteren postkolonialen Spuren: die knapp 30 Jahre währende deutsche Kolonialherrschaft und das darauffolgende bis zur Unabhängigkeit Namibias 1990 bestehende südafrikanische Apartheidsystem zeigen noch heute ihre Spuren in der namibischen Gesellschaft. Dem aufmerksamen Beobachter wird die ausgeprägte Segregation der Bevölkerung, die sich städteplanerisch in der seit Ende der 1950 Jahren stattfindenden Ausgrenzung der „Schwarzen“ im Township Katutura und der „Coloured“ im Township Khomosdal manifestiert, nicht entgehen. Namibia ist trauriges Beispiel eines relativ (rohstoff-)reichen afrikanischen Landes mit einem jährlichen durchschnittlichen Pro-Kopf-Einkommen von etwa 6000 US-Dollar, aber einer ausgeprägten Ungleichverteilung des volkswirtschaftlichen Jahreseinkommen: mit einem GINI-Koeffizienten von 63,3 liegt Namibia auf dem letzten Platz der hundert erfassten Länder.

Ich bin sehr dankbar, dass mir diese Archivreise durch die finanzielle Unterstützung seitens der Vereinigung von Förderern und Freunden der Universität Leipzig e. V. ermöglicht wurde. Sowohl wissenschaftlich als auch persönlich kehrte ich mit einem hohen Mehrwert heim. Die gesellschaftliche, politische und wirtschaftliche Situation in Namibia wird stets ein Thema der kritischen Auseinandersetzung in meinem Leben bleiben.

 

National Archives Windhoek (Foto: Kathleen Rahn)