Geoarchäologischer Geländeworkshop „Geofakt vs. Artefakt“

Geoarchäologischer Geländeworkshop „Geofakt vs. Artefakt“

Zu Beginn des Wintersemesters 2013/2014 fand vom 06.-12.10.2013 zum zweiten Mal der geoarchäologische Geländeworkshop „Geofakt vs. Artefakt“ statt. Dabei handelt es sich um eine fächerübergreifende und praxisorientierte fakultative Lehrveranstaltung, die maßgeblich von der Professur für Physische Geographie und landschaftsbezogene Umweltforschung (Institut für Geographie) sowie der Professur für Ur- und Frühgeschichte (Historisches Seminar) getragen und unterstützt wird. Konzipiert und durchgeführt wurde dieser methodisch orientierte Geländeworkshop in sehr enger Zusammenarbeit mit der GeoWerkstatt Leipzig e.V. sowie einer Vielzahl von engagierten AbsolventInnen und StudentInnen aus den beiden Fachbereichen Archäologie und Geographie.

Das methodisch orientierte Fachgebiet der Geoarchäologie entwickelt sich seit einigen Jahren zu einer nachgefragten, interdisziplinären Schnittstelle zwischen Archäologie, Archäobotanik, Physischer Geographie, Bodenkunde und Geomorphologie. Auch am Standort Leipzig war bzw. ist im Bereich der studentischen Ausbildung ein gestiegenes Interesse an kulturgeschichtlich relevanten sowie naturwissenschaftlichen und landschaftsgenetischen Fragestellungen zu beobachten. Der Workshop zeigte sich somit auf dem neuesten Stand aktueller Forschungstendenzen, indem er den TeilnehmerInnen die Möglichkeit bot, Grundlagen und Arbeitsweisen der genannten Wissenschafts­disziplinen kennenzulernen und im interdisziplinären Austausch mit anderen Studierenden, AbsolventenInnen und fachkundigen Experten die eigenen Kenntnisse über die üblichen Studieninhalte hinaus zu erweitern. Neben der Vermittlung theoretisch-methodischer Inhalte stand dabei vor allem die praktische Arbeit am unmittelbaren Untersuchungsobjekt im Mittelpunkt. Für diese Zwecke stellte uns das Landesamt für Archäologie Sachsen eigens eine Grabungsfläche im Tagebauvorfeld Peres (südlich von Leipzig, zwischen Kieritzsch und Pödelwitz) zur Verfügung. Dort konnten sich die TeilnehmerInnen unter professioneller Anleitung die Arbeitsweisen der jeweiligen Nachbardisziplinen erarbeiten und gemeinsam die z.T. unterschiedlichen Methoden der Datenaufnahme, -analyse und -auswertung diskutieren.

Für die Workshop-Woche selbst wurde ein buntes Programm zusammengestellt. Diente der Sonntag zunächst der theoretischen Einführung in die wesentlichen Grundlagen der einzelnen Wissenschaftsbereiche, die in Form von zusammenfassenden Vorträgen vorgestellt wurden, ging es bereits am zweiten Tag raus ins Gelände. So besuchten wir am Montag eine Vielzahl von archäologischen Grabungsflächen, auf denen das Landesamt für Archäologie Sachsen südlich von Leipzig aktuell Ausgrabungen durchführt. Neben dem geographisch-geologischen Überblick zum Untersuchungsgebiet standen an diesem Tag die sogenannten „harten“ Prospektionsmethoden im Vordergrund, bei denen der Oberboden mit einem Bagger abgetragen wird und dadurch archäologische Befundstrukturen freigelegt werden. Weiterhin wurden die Auswertung von Fernerkundungsdaten, Kartenmaterial, verschiedener geophysikalischer Messmethoden im Vorfeld von archäologischen Grabungen sowie die Möglichkeiten der Luftbildarchäologie diskutiert. In diesem Rahmen konnten sich die TeilnehmerInnen somit bereits einen ersten Eindruck von den Arbeitsabläufen verschaffen, die sie in den nächsten Tagen auf der „eigenen“ Grabungsfläche erwarten würden. Nachdem uns am darauffolgenden Tag die Grabungsleiter vor Ort unsere Testfläche vorgestellt hatten, ging es für uns alle ans Werk. Aufgeteilt in kleinere Gruppen konnten die Workshopteil­nehmerInnen auf dieser Testfläche für den Rest der Workshopwoche schließlich selbst die einzelnen Arbeitsschritte einer Grabung durchspielen. Dabei erfolgte die Bearbeitung einzelner archäologischer Befunde im Planum sowie die Anwendung unterschiedlicher bodenkundlicher, geomorphologischer und archäologischer (Gelände-)Methoden, um die entsprechenden Befunde und Bodenprofile zu beschreiben, zu dokumentieren bzw. wissenschaftlich korrekt anzusprechen. Das Anlegen von zwei, um die zehn Meter langen Geoprofilen mit dem Bagger sorgte für die entsprechende Abwechslung. Gleichzeitig wurden alle Befunde professionell und mit modernster Technik eingemessen, um die Daten bei der späteren Auswertung am Computer in elektronische Karten bzw. Pläne einbauen zu können. Neben diesen gängigen Methoden der archäologischen und geologischen Feldarbeit wurden auch spezielle, nicht alltägliche Arbeitsweisen theoretisch besprochen und in einigen Fällen selbst im Gelände angewandt. Zu diesen diskutierten und z.T. praktisch umgesetzten Methoden zählten u.a. die hochauflösende Beprobung des Oberbodens für Phosphatanalysen, die Bestimmung von Makroresten, die Entnahme von ungestörten Bodenproben für mikromorphologische Untersuchungen sowie die Möglichkeiten der Pollenanalyse.

Unser Workshoptag endete keinesfalls mit dem Abendessen. Neben dem sehr angeregten Austausch zwischen den teilnehmenden Studierenden fanden an zwei Abenden zusätzliche Gastvorträge von Kommilitonen statt, die zum einen die Möglichkeiten und Anwendung von Luftbildprospektion (von K. Cappenberg) und zum anderen die kulturgeschichtlichen Hintergründe zu der auf der Grabungsfläche vertretenen neolithischen Kultur der sogenannten ‚Linienbandkeramik‘ thematisierten (von S. Buchwald).

Für einen abschließenden Diskussionsabend wurde zudem professionelle wissenschaftliche Unterstützung geladen. So standen Dr. H. Stäuble sowie S. Kretschmer vom Landesamt, Dr. Chr. Tinapp (freiberuflicher Geoarchäologe in Sachsen) und P. Viol (Grabungsleiter in Peres) für die offenen Fragen der TeilnehmerInnen zur Verfügung.

Am letzten Tag des Workshops besuchten wir schließlich die Außenstelle des Landesamtes für Archäologie in Leipzig. Mit diesem Abstecher sollte gezeigt werden, dass mit einer archäologischen Grabung und dem Bergen von Funden im Gelände die eigentliche Arbeit noch lange nicht abgeschlossen ist. Die wissenschaftliche Aufbereitung aller Daten, die Weiterverarbeitung von Fundmaterial, das Zusammensetzen von Keramikscherben, die Analyse von (Boden-) Proben sowie die Verarbeitung aller Informationen in einem Geographischen Informationssystem (GIS) oder CAD-Plan sind nur einige der Aufgaben, die sich anschließen. Insgesamt war es für alle Beteiligten eine sehr aufregende und interessante Woche, bei der nicht nur die TeilnehmerInnen, sondern auch das ganze Organisationsteam viel dazu gelernt haben.

 

Wir möchten uns an dieser Stelle noch einmal recht herzlich bei der Vereinigung von Förderern und Freunden der Universität Leipzig e.V. für die finanzielle Unterstützung des Workshops bedanken. Ein weiterer Dank gilt den Fachschaftsräten Geographie und Geologie sowie Archäologie für die Unterstützung, dem Landesamt für Archäologie Sachsen sowie seinen vielen Mitarbeitern, die uns wohlwollend auf den unterschiedlichen Grabungsflächen empfangen, bei vielen Belangen unterstützt und alle Fragen beantwortet haben.