Forschungskolloquium „Das Loch in der Mauer – reloaded“

Fast auf den Tag genau 50 Jahre nach dem Mauerbau veranstaltete die Leipziger Buchwissenschaft am 12. und 13. August 2011 einen Workshop zum innerdeutschen Literaturaustausch und knüpfte damit an die Ergebnisse einer Tagung („Das Loch in der Mauer“) aus dem Jahre 1996 an, die ebenfalls in Leipzig stattgefunden hatte. Aus ganz Deutschland kamen hauptsächlich junge Nachwuchswissenschaftler aus der Buch- und Verlagsforschung und der Literaturwissenschaft zusammen, um von ihren Forschungsprojekten zu berichten und neueste Archivfunde zu präsentieren.

Die Vorträge erfassten vielfältige Facetten des literarischen Austausches zwischen Ost und West. Einige Referate behandelten das „Mauer-Motiv“ in literarischen Texten von DDR Autoren: Jan König berichtete von Stefan Heyms Erzählung „Mein Richard“ und Hannah Schepers analysierte die schriftstellerische Reaktion Volker Brauns auf den Bau der Mauer. Schwierigkeiten, die sich nach 1961 für Veröffentlichungen ostdeutscher Autoren in BRD-Verlagen ergaben, stellte Konstantin Ulmer am Beispiel von Erwin Strittmatter und Anna Seghers vor. Welche Rolle die Literaturkritik für die Verständigung zwischen Ost und West spielte, zeigten Julia Frohn in ihrem Referat über Literaturzeitschriften und Kerstin Schmidt mit ihrer Präsentation über den Kritiker Kurt Batt.

Die Beziehungen des bundesdeutschen Buchhandels mit jenem der DDR waren ebenfalls Thema des Kolloquiums. So ging Uwe Sonnenberg der Frage nach, welche Bedeutung der linke Buchhandel der BRD für die DDR hatte – und umgekehrt. Über den Rückgang westdeutscher Aussteller auf der Leipziger Buchmesse in den Jahren nach 1961 referierte Patricia Zeckert. Und die Überwachung des Suhrkamp Verlages durch die  Staatssicherheit war Thema im Vortrag Berthold Petzinnas. Ingrid Sonntag interpretierte einige Funde aus dem Reclam-Archiv und stellte dabei die Vorbildwirkung liberaler, linksbürgerlicher Verlagsmodelle für das Leipziger Verlagshaus heraus.

Dass sich auch Buchreihen hervorragend zur Darstellung der Ost-West-Problematik eignen, zeigten die Vorträge von Eyk Henze, Antonia Ritter und Siegfried Lokatis, die sich mit der Lyrikreihe „Antwortet uns!“, der „Orientalischen Bibliothek“ als Koproduktion der Verlage C. H. Beck und Kiepenheuer und der „Insel-Bücherei“ in Ost und West beschäftigten. Das Phänomen der Parallelverlage, wie es sich schon am Beispiel der Insel-Bücherei zeigte, wurde auch in anderen Vorträgen aufgegriffen. Der Carl Marhold Verlag, so berichtete Anna-Maria Seemann, existierte seit 1951 zweigleisig in Halle (Saale) und Berlin (West), bevor der DDR-Teil 1959 im Zuge der Verlagsprofilierung liquidiert wurde. Wie es zur Trennung der Häuser Reclam Leipzig und Reclam Stuttgart kam, untersuchte Anke Schüler in ihrem Vortrag. Matthias Sharichin, der über Kinder- und Jugendliteratur in der SBZ forscht, widmete sich in seinem Referat auch der Abwanderung von Verlagen nach Westdeutschland.

Welche zahlungstechnischen und kommunikativen Hürden Autoren und Verleger auf beiden Seiten der Mauer zu überwinden hatten, wenn sie zusammen arbeiten wollten, illustrierten verschiedene Beiträge. Der Verleger Christoph Links thematisierte Besuche westdeutscher Verleger bei ostdeutschen Kollegen, Carmen Laux veranschaulichte anhand verschiedener Beispiele Reclams Bemühungen um seine im Westen lebenden Autoren und Franziska Galek zeigte, wie ein bundesdeutscher Volktanzforscher nach 13 Jahren des Wartens zu seiner Publikation im DDR-Verlag Henschel kam. 

Durch die inhaltliche Vielfalt der Beiträge und fachübergreifende Darstellungen aus ganz unterschiedlichen Blickwinkeln konnten viele Facetten eines deutsch-deutschen Literaturaustausches gezeigt und neue Impulse für die wissenschaftliche Auseinandersetzung mit dem Thema gegeben werden.

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