Die Neuenburg und Freyburg

Die Neuenburg und Freyburg – zwei Zentren mittelalterlichen Kultur- und Geisteslebens

 

Prof. Dr. Sabine Griese – Institut für Germanistik

 

Im WS 2011/12 fand an der Universität Leipzig/Institut für Germanistik unter der Leitung von Prof. Dr. Sabine Griese ein Masterseminar zu Heinrichs von Veldeke Eneasroman statt. Das Seminar erarbeitete sich den mittelhochdeutschen Text aus dem Ende des 12. Jahrhunderts, der die Geschichte des Eneas neu erzählt: der Trojaflüchtling Eneas gerät mit seinem Schiff nach einem Seesturm nach Karthago, wo er von der mächtigen Königin Dido freundlichst aufgenommen wird; da die Götter ihn jedoch zum Aufbruch drängen, verlässt er Dido wieder, die sich in ihn verliebt hatte; sie tötet sich daraufhin. Eneas reist mit seinem Gefolge nach Latium und wird dort die Tochter des Königs heiraten und ein neues Reich gründen. Veldeke gestaltet die antike Geschichte, die durch Vergil bekannt wurde, neu, indem er vor allem die Liebesgeschichte von Eneas und Lavinia betont.

Der mittelalterliche Dichter Heinrich von Veldeke stammt aus dem Gebiet westlich der Maas, man vermutet aus einem Dorf in der Nähe von Hasselt, dort vermutlich beginnt er seinen Antikenroman in den 1170er Jahren, beendet ihn jedoch nach einer zeitlichen Unterbrechung von 9 Jahren erst zwischen 1184 und 1186 auf der Neuenburg. Die Neuenburg ist Sitz der Landgrafen von Thüringen, die im 12. und frühen 13. Jahrhundert bedeutende Literaturförderer waren und auch Interesse an der Fertigstellung des Eneasromans hatten.

Diese Burg war das Ziel einer Exkursion am 3. Februar 2012, die aus 25 Studierenden, Teilnehmern des Seminars oder der begleitenden Vorlesung zur Gattung des mittelalterlichen Antikenromans, bestand. Die Neuenburg am östlichen Ufer der Unstrut hoch über der Stadt Freyburg gilt als Schwesternburg der Wartburg; sie wurde um 1090 durch den thüringischen Grafen Ludwig den Springer gegründet und unter den Landgrafen von Thüringen prachtvoll ausgebaut. Hier denkt man sich die Vollendung des ersten deutschen Antikenromans, hier hat Veldeke seinen Text vollendet.

Mit einem Bus fuhren wir morgens aus Leipzig los; um 12h waren wir zur Führung auf der Neuenburg angemeldet. Hier bekamen wir – bei eisigen Temperaturen in einer weitgehend ungeheizten Burg – einen sehr profunden Einblick in die wechselvolle Geschichte der Burg vom 11. Jahrhundert bis in die Gegenwart. Den zeitgenössischen Wohnkomfort deuteten eine Badestube (vermutet für das 12. Jahrhundert), eine Warmluftheizungsanlage sowie die Latrinen an. Eine Besonderheit der Burganlage stellt die romanische Doppelkapelle dar: Dabei handelt es sich um zwei übereinander liegende Sakralräume, die durch eine Öffnung in der Zwischendecke miteinander verbunden sind, wobei der obere Raum den Herrschaften der Burg vorbehalten war, der untere dem Gesinde, die auf diese Weise gleichzeitig an den Messfeierlichkeiten teilhaben konnten.

Nach einer Mittagspause besichtigten wir die Stadtkirche St. Marien in Freyburg, die durch Ludwig IV. von Thüringen in den 1220er Jahren gegründet wurde. Ludwig IV. heiratete 1221 die aus ungarischem Königsgeschlecht stammende Elisabeth, die als Elisabeth von Thüringen in das kulturelle Gedächtnis eingegangen ist. Man vermutet, dass Elisabeth sich mehrfach auch auf der Neuenburg aufgehalten habe. Herr Pfarrer Hanson hat uns einige bedeutende architektonische Details dieser prächtigen Stadtkirche erläutert.

Wir bedanken uns für die finanzielle Unterstützung durch den Verein von Förderern und Freunden der Universität.