Abschlussbericht des Projektes „Belarus in Leipzig“

Vom 3. September 2011 bis zum 1. Oktober 2011 nahmen die Studentinnen der Belarussischen Staatlichen Universität in Minsk Tat’jana Leonidovna Braim, Violetta Jur’evna Kljueva, Ekaterina Vladimirovna Lomža, Julija Vasil’evna Smoljakovaund Ol’ga Viktorovna Strapko im Rahmen der bestehenden Universitätspartnerschaft zwischen Leipzig und Minsk am vierwöchigen Projekt „Belarus in Leipzig“ teil. Ihre Betreuung erfolgte durch Mitglieder des Fachschaftsrates Slavistik/Onomastik/Sorabistik (FSR), den Projektassistentinnen Christin Koppius und Anastasiya Schlegel sowie Studenten der Universität Leipzig, die jeweils für eine Woche als Dozenten die Unterrichtung der Austauschstudentinnen übernahmen.

1. Woche (3./5. – 11. September 2011) – Themenwoche „Studienalltag in Deutschland“

Am Sonnabend, dem 3. September, kamen die Studentinnen mit dem Reisebus in Leipzig an. Die Mitglieder des FSR sowie die Projektassistentinnen begrüßten sie am Ankunftsort. Anschließend gingen alle gemeinsam ins Café, um sich kennenzulernen und den Programmablauf für den Monat September vorzustellen. Zum Abschluss des Tages brachte man die Studentinnen zu ihren Unterkünften. Alle reagierten positiv auf ihre Wohnsituation: eigenes Zimmer, eigenes Bad und sogar eine eigene Küche, an der nächsten Straßenecke ein Geschäft - eben alles was ein Student zum Leben braucht.

Nach der sehr langen Fahrt hatten die Weißrussinnen den gesamten 4. September  Freizeit. So bekamen sie die Möglichkeit, sich den ganzen Tag auszuruhen und für die folgenden Tage Kräfte zu sammeln.

Am  Montag, dem 5. September , startete offiziell das Projekt „Belarus in Leipzig“. Die ersten Programmpunkte waren folgende: Begrüßungsfrühstück und Vorstellungsrunde aller Beteiligten der deutsch-belarussischen Begegnung. Danach unternahmen die Projektassistentinnen einen Uni-Rundgang mit den Studentinnen. Die Belarussinnen lernten dabei das Geisteswissenschaftliche Zentrum (GWZ), in dem später die Kultur- und Sprachworkshops durchgeführt wurden, das Neue Seminargebäude (NSG), das Hörsaalgebäude (HSG), die Campus-Bibliothek, den Sitz des Studentenwerkes in der Goethestraße sowie das Uni-Rechenzentrum kennen.

Anschließend nahmen die Minsker Studentinnen an einer Führung in der Universitätsbibliothek „Albertina“ teil. Dort berichtete eine Referentin Wissenswertes über die Geschichte und die außergewöhnliche Architektur der Bibliothek sowie über die Katalogisierung der Bücher.

Am folgenden Dienstag, dem 6. September, fand der erste Workshop statt. Das Thema der ganzen Woche lautete „Studienalltag in Deutschland“. Die Lehrveranstaltungen führte der Dozent Sven Liszok täglich von 9.00 bis 12.30 Uhr durch. Zunächst leisteten die Studentinnen Recherchearbeit, um wichtige Sehenswürdigkeiten der Universitätsstadt Leipzig sowie historische Persönlichkeiten, die an der Universität Leipzig studiert hatten, in Erfahrung zu bringen. Dieses selbsterworbene Wissen präsentierten sie dann bei einem anschließenden dreistündigen Stadtrundgang mit dem Mitglied des FSR Franz Waurig durch kleine Vorträge. 

Am Mittwoch, dem 7. September, hatten die Weißrussinnen im GWZ einen Workshop zum Thema „Studieren und Wohnen in Leipzig“. Danach nahmen sie zusammen mit den Projektassistentinnen an einer Führung in der Deutschen Nationalbibliothek teil. Dort besichtigten sie die Sammlung der ehemaligen Deutschen Bücherei und des Deutschen Musikarchivs. Nach diesem Programmpunkt hatten die Minsker Studentinnen Freizeit. Die Projektverantwortlichen berieten dagegen in der wöchentlich stattfindenden Sitzung über den weiteren Verlauf der studentischen Begegnung.

Am Donnerstag, dem 8. September, führte Sven Liszok  sie in das Thema „Studienfinanzierung“ ein. Wichtige Themen waren beispielsweise BAFöG- und Stipendienförderung. Den Abschluss bildete eine Diskussion, in der die deutsche mit der belarussischen Studienfinanzierung verglichen wurde.

Am Freitag, dem 9. September, beschäftigten sie sich mit der Thematik „Hochschulpolitik“. Nach dem Workshop trafen die Minskerinnen eine Sprecherin des StudentInnenrates (StuRa) der Universität Leipzig, die über die Aufgaben dieser, in Belarus unbekannten Organisation referierte.

Um 20 Uhr luden die Vertreter des FSR Leipziger und Minsker Studenten zum  traditionellen „FSR-Stammtisch“ in die „Moritzbastei“ ein. Durch den Besuch von zwei Clubs an diesem Abend tauchten die Minskerinnen in das studentische Nachtleben der Stadt ein.

Am Sonnabend, dem 10. September, stand der Besuch des Leipziger Zoos auf dem Tagesprogramm. Die Studentinnen waren so begeistert, dass sie dort fast sechs Stunden verbrachten und sich u. a. die größte Affenanlage Deutschlands, die neue Tropenerlebniswelt „Gondwanaland“ sowie die Kiwara-Savanne anschauten. Am Sonntag, dem 11. September, hatten die Studentinnen Freizeit. 

2. Woche (12. – 18. September 2011) – Themenwoche „Wende in der DDR“

Am Montag, dem 12. September 2011, begann die zweite Projektwoche mit dem Thema „Wende in der DDR“ unter der Leitung von Holger Brunsch. Die vormittags vom Dozenten unternommene Einführung diente dem besseren Verständnis der anschließenden Filmpräsentation („Nikolaikirche“). An der anschließenden Auswertung beteiligten sich die Studentinnen mit großem Interesse. Sie äußerten ihre Eindrücke und stellten gleichzeitig viele Fragen. Das Thema war ihnen bis dahin unbekannt. Meist verbanden sie mit Deutschland nur den Zweiten Weltkrieg. Einen ganz neuen Blick auf Deutschland bekamen sie durch den gewählten Wochenschwerpunkt.

Am Dienstag, dem 13. September, erfolgte nach einem Workshop  über die „Wende in Leipzig“ eine Führung mit den FSR-Mitgliedern im Zeitgeschichtlichen Forum. Hier bekamen die Minskerinnen die Möglichkeit, durch die Besichtigung von Geschichtszeugnissen in die Zeit der „Wende“ einzutauchen.

Am Mittwoch, dem 14. September, war das Thema „ Wir sind ein Volk“ Schwerpunkt der Workshopgestaltung.  Nachmittags sind die Studentinnen mit dem Dozenten ins Museum „Runde Ecke“, das in der ehemaligen Bezirksverwaltung Leipzig des Ministeriums für Staatssicherheit untergebracht ist, gegangen. Mit großem Interesse besichtigten sie die Sammlung von 30.000 Objekten, darunter Geräte zur Postkontrolle, eine Maskierungswerkstatt und einen großräumigen Aktenvernichter.

Um den Blick vom realsozialistischen Staats- und Repressionsapparat hin zum Alltagsleben der Leipziger in der DDR zu führen, nahmen die Projektassistentinnen mit den Minsker Studentinnen an der „Stadtkarawane“ des gleichnamigen Vereins teil. Sie besuchten verschiedene Personen, die Bürger der DDR waren und zugleich die „Friedliche Revolution“ in Leipzig miterlebten, an ihren Wohnsitzen. Sie bekamen die Möglichkeit, interessante Geschichten zu hören bzw. selbst verschiedene Fragen zur Thematik zu stellen. Mit diesen Eindrücken ging es um 20:00Uhr wieder nach Hause.

Am Donnerstag, dem 15. September, ging es in einem speziellen Workshop um den Vergleich der Transformationsprozesse in der DDR und der UdSSR.  Am Abend fand eine Grillparty aller Beteiligten sowie der Studentenschaft des Instituts für Slavistik der Universität Leipzig statt.

Am Freitag, dem 16. September, erfolgte die Vorbereitung für die am Wochenende stattfindende Exkursion nach Bautzen und Dresden. Dabei wählten die Studentinnen verschiedene Sehenswürdigkeiten in den beiden Städten aus und erarbeiteten deren Geschichte sowie wissenswerte Fakten.

Über das Wochenende vom 17. bis 18. September fuhren die Minsker Studentinnen gemeinsam mit den Mitgliedern des FSR Marco Schab und Franz Waurig zu ihrer ersten Exkursion im Rahmen des Projektes „Belarus in Leipzig“. Zuerst besuchten sie die im Osten Sachsens gelegene Stadt Bautzen, wo im sorbischen Restaurant „Wjelbik“ Mittag gegessen wurde. Nach einem Rundgang durch die Altstadt mit anschließender Besteigung des Reichenturmes und des Bautzener Domes wurde die Gruppe durch die Gedenkstätte Bautzen, die sich am historischen Ort der ehemaligen Sonderhaftanstalt des Ministeriums für Staatssicherheit „Bautzen II“ befindet, geführt, womit die Themenwoche „Wende“ abgeschlossen wurde. Die Nacht verbrachten die Studentinnen und FSR-Mitglieder in der Bautzener Jugendherberge „Gerberbastei“. 

Am Sonntag, dem 18. September, fuhr die Gruppe nach Dresden, um die historische Altstadt zu besuchen, wobei sie aufgrund des schlechten Wetters nur die Frauenkirche, den Fürstenzug und den Zwinger besichtigen konnte. Bereits am frühen Nachmittag trat die Gruppe die Heimreise nach Leipzig an.

3. Woche (19. – 25. September 2011) – Themenwoche „Minderheiten in Deutschland“

Die pädagogische Leitlinie der 3. Woche bildete das Thema „Minderheiten in Deutschland“.

Am Montag, dem 19. September, thematisierten die Studenten die russische Minderheit in der BRD. Die folgenden zwei Tage standen im Zeichen der türkischen und sorbischen Minoritäten, wobei bei letzterer eine Differenzierung in Ober- und Niedersorben vorgenommen wurde. Den politischen Umgang mit diesen Gruppen verglichen die Teilnehmer mit der Situation in Belarus.

Die zweite Exkursion vorbereitend erarbeiteten die Studentinnen am Donnerstag, dem 22. September, Wissenswertes aus der langjährigen Geschichte der Bundeshauptstadt Berlin.

Vom 23. bis 25. September unternahmen die Studentinnen gemeinsam mit der Projektassistentin Christin Koppius und dem Dozenten Holger Brunsch die zweite Exkursion, die in den Spreewald und nach Berlin führte. Zuerst unternahmen sie eine Grachtenfahrt und lernten die lukullischen Besonderheiten dieser Region kennen. Den Abend rundete ein Workshop zum Thema „Sorben in Deutschland“ ab.

Am zweiten Tag fuhren die Exkursionsteilnehmer mit Fahrrädern zur Slawenburg Raddusch, die sie anschließend besichtigten. Der Tag klang mit einem Workshop, der den letzten Exkursionstag thematisch vorbereitete, und dem Besuch eines Volksfestes in Leipe/Spreewald aus.

Am letzten Tag besuchte man die Hauptstadt der Bundesrepublik Deutschland, wo die Minsker Studentinnen bei einem Stadtrundgang die wichtigsten Sehenswürdigkeiten Berlins erklärten und somit die Ergebnisse des vorangegangenen Workshops vom Donnerstag präsentierten. Unter anderem besichtigten sie die Siegessäule, fuhren auf den 1969 errichteten Berliner Fernsehturm und besuchten das ehemalige sowjetische Ehrenmal im Treptower Park.

4. Woche (26. September – 01. Oktober 2011) – Themenwoche „Deutsch-Belarussischer Abend“

In der letzten Woche des Projektes bereiteten die belarussischen Studentinnen unter Aufsicht der Dozentin Anna Brandes Vorträge und Präsentationen für den „Deutsch-belarussischen Abend“ am Freitag, dem 30. September, vor.

Die Arbeiten wurden von einer Feedbackrunde begleitet, die am Montag, dem 26. September, in den Räumlichkeiten des GWZ stattfand und zur Auswertung des bisherigen Programms diente. Dabei erhielten die Studentinnen Evaluationsbögen, die sie bis zum Ende der Woche abgeben mussten.  Dieser Tag endete mit einem zweiten Filmabend, der im Zeichen des deutschen Gegenwartsfilmes stand. 

Am Abend des 30. September fand im großen Hörsaal des GWZ der „Deutsch-belarussische Abend“ statt, zu dem der FSR und der Deutsche Akademische Austauschdienst geladen hatten. Das Programm gestalteten die Minsker Studentinnen, die Wissenswertes zu ihrem Heimatland erzählten und die Unterschiede zwischen dem belarussischen und deutschen Studienalltag herausarbeiteten, und Leipziger Studenten, die bereits in Belarus waren und über diese Reisen und ihre dortigen Studienaufenthalte referierten. Musikalisch rundete Gesang und Geigenspiel den Abend ab. Im Anschluss an die Referate eröffneten die Mitglieder des FSR das Büfett. 

Am Sonnabend, dem 1. Oktober, endete das Projekt „Belarus in Leipzig“. Die Minsker Studentinnen wurden am Morgen in ihren Unterkünften von Mitgliedern des FSR und Dozenten des Projektes abgeholt, zum Abfahrtsort gebracht und verabschiedet. Dabei tauschten sie ihre Kontaktadressen aus, um weiterhin in Verbindung zu bleiben.

Schlussbetrachtung

Die Begegnung führte die deutschen und belarussischen Studenten näher zusammen, insbesondere bekamen die ausländischen Projektteilnehmer ein vielschichtiges Bild der Bundesrepublik Deutschland durch die verschiedenen Themenwochen (Studienalltag, Wende und Minderheiten in Deutschland) vermittelt. Die interkulturelle Kommunikation führte zur Verbesserung der Sprachkenntnisse auf beiden Seiten und zum Abbau von bisher vorherrschenden Stereotypen. Dazu trug als Höhepunkt der deutsch-belarussische  Abschlussabend bei, der eine kritische und informative Reflexion beider europäischer Staaten darstellte. Auf deutscher Seite ist das Interesse gestiegen, sich mit der belarussischen Sprache und Kultur, die auch in Lehrveranstaltungen des Instituts für Slavistik der Universität Leipzig vermittelt werden, intensiver auseinanderzusetzen und dabei die jährlich stattfindenden Sprachreisen nach Minsk und Brest sowie auf die Möglichkeit eines ein- oder zweisemestrigen Studienaufenthaltes im Rahmen der bilateralen Universitätsvereinbarungen zwischen Leipzig und Minsk verstärkt zu nutzen.

Es ist geplant, deutsche Teilnehmer intensiver in das Projekt einzubinden, um in den nächsten Jahren eine Sommerakademie nach dem Vorbild des Greifswalder „Ucrainicums“ in Leipzig zu etablieren.

Anastasiya Schlegel, Projektassistentin

Franz Waurig, Kerstin Dalljo / Fachschaftsrat Slavistik/Onomastik/Sorabistik der Universität Leipzig

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