Strukturanpassungsprogramme, Universitätsproteste und Demokratie

Beitrag aus dem Modul zu afrikawissenschaftlichen Methoden (4. Semester, BA Afrikastudien, Sommersemester 2017) zum Thema Studierendenproteste.

Moritz Amann & Chiara Magnano

In unserer Forschungsarbeit zu Studierendenprotesten sind wir auf die Proteste im Niger, der Elfenbeinküste und in Kamerun in den 1990er Jahren aufmerksam geworden. Wir stellten fest, dass in der Analyse die Ursachen der Proteste häufig in einen Zusammenhang mit den Strukturanpassungsprogrammen (SAPs) gebracht werden. Von dieser Beobachtung ausgehend interessierte uns die Wirkung der SAPs auf die Studierendenproteste über die Ländergrenzen der drei westafrikanischen Staaten hinweg.

Die Strukturanpassungsprogramme (SAPs) wurden ab 1980 vom Internationalen Währungsfonds (IWF) und der Weltbankgruppe (Weltbank) mehr oder weniger in Zusammenarbeit mit den betroffenen Ländern des Globalen Südens durch- und umgesetzt. Sie beinhalteten verschiedene wirtschaftspolitische Maßnahmen, die unter anderem darauf abzielten, die Staatsausgaben zu konsolidieren und die Exportwirtschaft zu stärken. Sie wurden zur Bedingung für die Vergabe von Krediten und den Erlass von Schulden der teilnehmenden Staaten.

Die Auswirkungen der Strukturanpassungsprogramme lassen sich nicht auf die von uns betrachteten Bildungssektoren der Ländern Niger, Kamerun und der Elfenbeinküste beschränken. Für die Studierendenproteste zeigten sich die direkten Kürzungen der finanziellen Mittel im Bildungssektor allerdings als besonders relevant. Sowohl die universitäre Infrastruktur als auch die Lehr- und Lernqualität litten unmittelbar unter den Kürzungen. Eine zusätzliche Belastung wurde durch den starken Anstieg der Studierendenzahlen während der 1980er Jahre bedingt. Beispielsweise war in den 1990iger Jahren die Kapazität der Universität von Niamey im Niger für nur 700 Studenten ausgelegt, während etwa vier Mal so viele Studierende eingeschrieben waren.

Auch die in den SAPs angelegte massive Verkleinerung der staatlichen Verwaltungsapparate wirkte sich auf die universitäre Landschaft und die Studienbedingungen aus. In der Folge fielen zahlreiche Arbeitsplätze weg; Stellen in denen ein Großteil der Studierenden nach ihrem Abschluss Arbeit fand. Für vorhergehende Generationen bot ein abgeschlossenes Studium die Sicherheit auf eine solide Beschäftigungsmöglichkeit im öffentlichen Sektor und somit auf sozialen Aufstieg. Letzteres war aufgrund der zunehmenden wirtschaftlichen Probleme in den untersuchten Ländern und dem damit einhergehenden Mangel an Arbeitsplätzen im privaten Sektor besonders relevant.

Auch der Widerstand gegen die SAPs im Allgemeinen und die damit verknüpften Ideologien vereinten die Protestierenden. Einerseits wurde der IWF und die Weltbank als westliche neokoloniale Institutionen grundsätzlich abgelehnt. Die Umsetzung der SAPs wurden als Einmischung in die nationale Politik afrikanischer Staaten verstanden und entsprechend kritisiert. Andererseits wurde die mit den SAPs einhergehende Fokussierung der Bildungspolitik auf wirtschaftliche Belange und damit die Abwertung der Universität gegenüber anderen Bildungsinstitutionen und Ausbildungsformen in Frage gestellt. Die Kritik ging weit über die Folgen der SAPs für die Universität hinaus und richtete sich gegen eine neoliberal ausgerichtete Marktwirtschaft im Allgemeinen, vor allem dort, wo politisch linke Ideologien verbreitet waren.

Es ist schwierig zu beurteilen, wie entscheidend die Strukturanpassungsprogramme und ihre Umsetzung für die Entstehung und die Entwicklungen der Protestbewegungen waren. Die von uns herangezogenen Quellen weisen vor allem im Niger, vereinzelt in Kamerun und an der Elfenbeinküste darauf hin, dass die Proteste ohne die Umsetzung der SAPs in dieser Form nicht stattgefunden hätten. Spannend sind diese Erkenntnisse vor allem in Anbetracht der starken gesellschaftlichen Veränderungen, die die drei untersuchten Proteste direkt oder indirekt nach sich zogen. Sowohl im Niger als auch in der Elfenbeinküste lösten die Bewegungen einen Regimewechsel und die Einführung eines Mehrparteiensystems aus. Es lässt sich durchaus argumentieren, dass diese höchst undemokratisch (nämlich von den westlich dominierten Finanzinstitutionen) durchgesetzten Politiken von Bedeutung für die Demokratisierungsprozesse der Länder waren. Die nationalen Demokratisierungsprozesse reihen sich in die kontinentale und globale „Demokratisierungswelle“ der 1990iger Jahre ein. Es wäre daher wichtig zu untersuchen, inwiefern die Strukturanpassungsprogramme erstens auf nicht-universitäre Protestbewegungen der 1990iger Jahre und als Folge auch auf die Demokratisierungsprozesse der jeweiligen Länder gewirkt haben.

 

Quellen:

Awagana, Ari. 2017. Gespräch mit Chiara Magnano und Moritz Amann. Leipzig, 24.05.2017, 15.00 Uhr.

Daddieh, Cyril Kofie. 1996. „Universities and political protest in Africa: The case of Côte d’Ivoire“Issue: A Journal of Opinion, 24/1, pp. 57-60.

Federici, Silvia (ed). 2000. A thousand flowers: social struggles against structural adjustment in African universities. Trenton, N.J.: Africa World.

Konings, Piet. 2011. The Politics of Neoliberal Reforms in Africa: State and civil society in Cameroon. Bamenda: Langaa RPCIG.

Springer Gabler Verlag (HG.), Gabler Wirtschaftslexikon, Stichwort: Strukturanpassungsprogramm (SAP), online: http://wirtschaftslexikon.gabler.de/Archiv/58918/strukturanpassungsprogramm-sap-v5.html (03.07.2017).

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