Prof. Dr. Markus Rieger-Ladich – Kontingenz und Performanz

01.11 | 18 Uhr | S 420
Kontingenz und Performanz
Räumliche Dimensionen der Inszenierung von Geschlecht
Prof. Dr. Markus Rieger-Ladich (Helmut-Schmidt-Universität Hamburg)

Kontingenz hat Konjunktur. Nachdem der sperrige Terminus lange Zeit dem wissenschaftlichen Personal vorbehalten war, wurde er in den späten 1980er Jahren immer populärer. Zunächst hatte Richard Rorty den Nachweis geführt, dass nicht allein die Sprache und die Organisation des Sozialen, sondern eben auch das Selbst kontingent seien; Judith Butler radikalisierte diese Stoßrichtung noch weiter: Sie attackierte die hegemoniale Position medizinischer Diskurse, dekonstruierte die gängigen Unterscheidungen male/female sowie sex/gender und sprach sich gegen jede Form der „Identitätspolitik“ aus, was innerhalb der traditionellen Geschlechterforschung zunächst zu erheblichen Verwerfungen führte. Mit dem Nachweis, dass gesellschaftliche Ordnungen keinerlei Rückhalt in den Dingen besitzen, wurde deutlich, dass Ordnungen – und eben auch: Geschlechterarrangements – stets gestiftet sind. Sie suchen sich zwar zu stabilisieren, müssen aber doch immer wieder aufs Neue inszeniert werden.

Und diese Aufführung der geschlechtlichen Ordnung findet im Raum statt. Das Doing Gender ist also auf Bühnen angewiesen, auf Räume und architektonische Arrangements, in denen die existierende Ordnung bestätigt (oder unterlaufen) wird. Ähnlich wie sich Männer und Frauen darum bemühen müssen, eine hinreichend scharf konturierte (und anerkennungsfähige) Geschlechtsidentität auszubilden, stehen auch Jungen und Mädchen vor der Aufgabe, sich eben als „richtige“ Jungs und als „richtige“ Mädchen zu erweisen. Die gilt nicht zuletzt auch für die Schule – und so muss das Klassenzimmer als einer jener Räume gelten, die hier von besonderer Relevanz sind. „Neutralität“ gibt es in dieser Hinsicht nicht: Gebäude gilt es also darauf hin zu befragen, wie sie in die Aufführung von Geschlecht verwickelt sind. Um der räumlichen Dimension der Inszenierung von Geschlecht auf die Spur zu kommen, wird es sich als notwendig erweisen, auch auf ausgewählte Debatten der Architekturtheorie einzugehen.

 

Audio des Vortrags (~67 Min):

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Zur Person:

Prof. Dr. Rieger-LadichProf. Dr. Markus Rieger-Ladich studierte Philosophie, Neuere deutschen Literatur und Erziehungswissenschaft an den Universitäten Marburg und Bonn und promovierte im Jahr 2000 mit der Arbeit ›Mündigkeit als Pathosformel. Beobachtungen zur pädagogischen Semantik‹ an der Universität Bonn. Nach einem Wechsel in die Schweiz habilitierte er an der dortigen Universität Zürich und lehrte seit dem in Frankfurt, Dortmund, Köln, Tübingen, Zürich und Freiburg.  Neben veröffentlichten Monografien (z.B. ›Mündigkeit als Pathosformel. Beobachtungen zur pädagogischen Semantik. Konstanz: Universitätsverlag 2002‹ und ›Ästhetik der Existenz? Eine Interpretation von Michel Foucaults Konzept der ‚Technologien des Selbst’ anhand der ‚Essais’ von Michel de Montaigne. Münster-New York-München-Berlin: Waxmann 1997‹) und vielen Sammelbandbeiträgen im Spannungsfeld von Philosophie und Erziehung (z.B. ›Unterwerfung und Überschreitung: Michel Foucaults Theorie der Subjektivierung. In: Norbert Ricken/Markus Rieger-Ladich (Hg.): Michel Foucault: Pädagogische Lektüren. Wiesbaden: VS 2004, S. 203-223‹) ist Herr Rieger-Ladich auch als Herausgeber tätig (z.B. ›Barbara Friebertshäuser / Markus Rieger-Ladich / Lothar Wigger (Hg.): Reflexive Erziehungswissenschaft. Forschungsperspektiven im Anschluss an Pierre Bourdieu. Wiesbaden: VS 2006. 2. überarbeitete, erweiterte Auflage 2009‹). Aktuell hält Prof. Dr. Rieger-Ladich eine Professur für Erziehungswissenschaft, insbesondere Bildungs- und Erziehungstheorie sowie philosophische Grundlagen an der Helmut-Schmidt-Universität Hamburg.

Homepage und Kontakt:
http://web.hsu-hh.de/fak/geiso/fach/pae-bsp/personen/rieger-ladich