Dr. Tina Spies – Migration und Männlichkeit

14.11 | 17 Uhr | S 202
Migration und Männlichkeit
Eine intersektionelle Perspektive im diskursiven Kontext
Dr. Tina Spies (Universität Potsdam)

Ahmet ist ein junger Mann, der in der Schule zunächst durch ,Streiche‘ und Schlägereien auffiel. Er wurde mehrfach wegen Sachbeschädigung und vorsätzlicher Körperverletzung angeklagt und war bereits mehrmals im Jugendarrest. Wenn er über sein bisheriges Leben spricht, dominieren in vielen Erzählungen die Themen Migration und Männlichkeit. Sie dienen ihm — nicht zuletzt — dazu, seine Straffälligkeit zu entschuldigen und zu erklären.
Das Interview mit Ahmet soll im Vortrag als Beispiel dienen, um das Konzept der Intersektionalität vorzustellen und zu diskutieren. Dabei soll zunächst einmal gezeigt werden, inwiefern sich mithilfe einer intersektionellen Perspektive Ahmets Erzählungen genauer analysieren lassen: Denn es können nun auch weniger offensichtliche Kategorien sozialer Ungleichheit benannt werden, innerhalb derer sich Ahmet verortet. Neben Ethnizität, Nationalität und Geschlecht tauchen so z.B. auch die Kategorien Religion, Alter und Sozialstatus auf, die einen wichtigen Einfluss auf Ahmets Positionierungen im Interview haben.
Das Benennen der verschiedenen Kategorien ist allerdings lediglich als erster Schritt einer intersektionellen Analyse zu verstehen. Erziehungswissenschaftliche Forschung, die sich hierauf beschränkt, läuft Gefahr, die Komplexität und Verschränktheit der verschiedenen Kategorien sowie deren normative Dimensionen aus den Augen zu verlieren. Im Vortrag soll daher vor allem auch danach gefragt werden, wie die unterschiedlichen Differenzkategorien zusammenhängen und welche Machtverhältnisse sich dahinter verbergen. Letztlich geht es darum, den diskursiven Kontext der verschiedenen Kategorien herauszuarbeiten. Dieser Aspekt bleibt bei den Diskussionen um die Stärken und Schwächen des Konzepts der Intersektionalität bislang meist vernachlässigt. Um die Komplexität und Vielschichtigkeit der individuellen sozialen Position rekonstruieren zu können, ist er jedoch — das soll der Vortrag zeigen — von zentraler Bedeutung.

 

Zur Person:

Dr. Tina SpiesDr. Tina Spies studierte Soziologie, Psychologie und Rechtswissenschaft an der Justus-Liebig-Universität Gießen, der Universidad Jaime I (Castellón de la Plana, Spanien) und der Universität Hamburg. 2005 schloss sie als Magistra Artium mit einer Arbeit über „‚Bikulturelle‘ Partnerschaften im Kontext postkolonialer Theorien“ an der Universität Hamburg ab. Zwischen 2005 und 2010 war sie als wissenschaftliche Mitarbeiterin am Fachbereich Sozialwesen an der Universität Kassel tätig und wurde dort 2009 aufgrund einer Arbeit zu „Subjektpositionen im Diskurs. Eine intersektionelle Analyse von Biographien im Kontext von Migration, Männlichkeit & Kriminalität“ promoviert. Gegenwärtig ist sie wissenschaftliche Mitarbeiterin (PostDoc) an der Wirtschafts- und Sozialwissenschaftlichen Fakultät der Universität Potsdam. Von April 2012 bis März 2013 vertrat sie die Professur für Soziologie mit dem Schwerpunkt Frauen- und Geschlechterforschung an der Goethe-Universität Frankfurt am Main. Der Schwerpunkt ihres Forschungsinteresses liegt in den Bereichen Frauen- und Geschlechterforschung, Migrationsforschung, Intersektionalitätsforschung, Qualitative Forschungsmethoden sowie in Biographie- & Diskursforschung und Cultural & Postcolonial Studies. Zu ihren jüngsten Publikationen gehören:

  • Spies, T. (2012). Gewalt, Geschlecht und Ethnizität. Intersektionalität im diskursiven Kontext. In M. Bereswill, P. Rieker & A. Schnitzer (Hrsg.), Migration und Geschlecht. Theoretische Annäherungen und empirische Befunde (Geschlechterforschung, S. 105–125). Weinheim: Beltz Juventa.
  • Spies, T. (2013). „Ohne Geld kannst du draußen nicht überleben“. Zur Analyse von Biographien als Positionierungen im Diskurs. In S. Fegter, F. Kessl, A. Langer, M. Ott, D. Rothe & D. Wrana (Hrsg.), Erziehungswissenschaftliche Diskursforschung. Empirische Analysen zu Bildungs- und Erziehungsverhältnissen (Interdisziplinäre Diskursforschung). Wiesbaden: VS Verlag für Sozialwissenschaften.
  • Spies, T. (2013). Position beziehen. Artikulation und Agency als Konzepte der Kritik in der Migrationsforschung. In P. Mecheril, S. Arens, O. Thomas-Olalde, C. Melter & E. Romaner (Hrsg.), Migrationsforschung als Kritik? Kontur einer Forschungsperspektive. Wiesbaden: VS Verlag für Sozialwissenschaften.

Homepage und Kontakt
http://www.uni-potsdam.de/ls-apelt/team/dr-tina-spies.html/