Abschlussdiskussion – Schule und Geschlecht – Was nun? Was tun?

13.12 | 18 Uhr | S 420
Schule und Geschlecht – Was nun? Was tun?
Podiumsdiskussion mit regionalen Akteur_innen zur Praxis gendersensibler Arbeit an sächsischen Schulen

In der Podiumsdiskussion, die die Vortragsreihe ‚Sexing School‘ am 13.12.2012 abgeschlossen hat, wurde am Beispiel des Sächsischen Bildungssystems die Situation gendersensibler Arbeit an Schulen und außerschulischen Einrichtungen vorgestellt und diskutiert.
Dabei standen u.a. folgende Fragen im Fokus der Aufmerksamkeit:

  • Wie kann die aktuelle Situation der Gender- und Sexualpädagogik in Sachsen
    beschrieben werden?
  • Welche Akteure und Akteurinnen sind mit welchen pädagogischen Ansätzen und
    Methoden tätig?
  • Welche Möglichkeiten und Grenzen bringt die Kooperation von schulischen und
    außerschulischen Einrichtungen mit sich?
  • Welche Themenfelder sind bisher wenig berücksichtigt?
  • Was können zukünftige Perspektiven einer gendersensiblen Arbeit an
    Sächsischen Schulen sein? Welcher Voraussetzungen bedarf es dafür?
  • Und wie können Genderthemen in die Ausbildung von Lehrerinnen und Lehrern in
    den beiden Ausbildungsphasen integriert werden?

 

Zur Dokumentation der Podiumsdiskussion:

Nach einer kurzen Vorstellungsrunde, in der die Podiumsgäste sich selbst und Ihre Projekte näher erläutern konnten, leitete Juliane Keitel (Lehrerin im Hochschuldienst der Universität Leipzig) zur Diskussion über.

Phillipp Schmid – Student

Herr Phillipp Schmid betonte in seinem Beitrag bezüglich des Themas Gendersensibilität in der Lehramtsausbildung an der Universität Leipzig, dass dies innerhalb des Studienplanes kaum vorgesehen ist. Gerade für die angehenden Lehrenden sei diese Lücke jedoch höchst problematisch. So berichtete er von seinen eigenen Erfahrungen aus Zusammenkünften mit Kommilitoninnen und Kommilitonen, dass sich Gendersensitivität häufig auf einen geschlechtergerechten Sprachgebrauch beschränke. Phillipp Schmid schlug deshalb vor, den optionalen Charakter von Themen zu Gendersensibilität in Schule und Unterricht hin zu verpflichtenden Inhalten in der Lehramtsausbildung zu ändern. In einem Beitrag zur möglichen Verknüpfung von Genderproblematiken und Pädagogik zeigte er am Beispiel der Fachdidaktik Geschichte auf, wie es möglich wäre fachliche Inhalte gleichzeitig mit einer „Gender Awareness“ zu verflechten.
In Bezug auf die Perspektive gendersensibler Arbeit an Schulen wies Phillipp Schmid darauf hin, dass es seiner Meinung nach essentiell wäre, gerade auch externe Expertinnen und Experten in die Schule und den Schulunterricht einzubinden und gendersensible Arbeit auch im Schulprogramm zu verankern. Dabei seien allerdings auch einzelne Lehrer und Lehrerinnen gefragt, die in der Verantwortung stehen dies von der Schulleitung einzufordern.

Thea Wende – RosaLinde e.V.

Bezogen auf die Frage, ob gendersensibles Arbeiten angesichts des allgemeinen Postulates der Gleichberechtigung in pädagogischen Kontexten noch vonnöten ist, antwortete Thea Wende mit einem eindeutigen „Ja“ und begründete dies bspw. durch den Verweis auf die Situation nicht heterosexuell lebender Jugendlicher, die verstärkt von Suizid betroffen seien. Gendersensibles Arbeiten sollte sich demnach nicht auf die Förderung von Jungen und Mädchen, begründet in der Vorstellung bipolarer Geschlechtsidentitäten, reduzieren, sondern vielmehr auch die Thematisierung von nicht-heteronormativen Lebensweisen (LGBTI – „Lesbian, Gay, Bisexual, Transgender und Intersexual“) in den Fokus rücken. Zur Verbesserung gendersensibler Arbeit schlug Thea Wende vor, die Kooperation von Schulen und außerschulischen Einrichtungen und Projekten (wie etwa dem Leipziger Aufklärungsprojekt „Liebe bekennt Farbe!“; siehe http://www.rosalinde-leipzig.de/index.php?id=14) zu institutionalisieren und Themen zu Sex und Gender fest im Lehrplan zu verankern. Dies könne die Nachhaltigkeit von Bildung in Genderfragen erhöhen und vor allem selbständiges Erarbeiten und Denken der Schüler und Schülerinnen fördern.

Thomas Brenner – Sächsisches Bildungsinstitut

Zu Beginn der Diskussion betonte Thomas Brenner, dass in der gendersensiblen Arbeit und Forschung eine alleinige Konzentration auf vermeintliche geschlechtliche Kompetenzunterschiede nicht zielführend sei. Unter Bezugnahme auf die Ergebnisse aus eigenen Studien zur Entwicklung der Lesemotivation von Jungen (Studie: „Erprobung von Gender-Mainstreaming-
Strategien an sächsischen Schulen“ darin: „Schwerpunkt Geschlechtersensible Leseförderung“; siehe http://www.bildung.sachsen.de/214.htm) verdeutlichte Thomas Brenner, dass geschlechtliche Kompetenzunterschiede kein Argument sein können, in der gendersensiblen Arbeit vornehmlich auf die Leistungsförderung der Jungen zu fokussieren. Die Ergebnisse zeigten, dass im Schnitt Lesemotivation bei Mädchen und Jungen in gleicher Weise ausgeprägt sei. Auf die anschließende Nachfrage, ob gendersensible Arbeit an Schulen in erster Linie auf die Leistungsoptimierung der Lernenden ziele, verdeutlichte Herr Brenner mit Rückgriff auf Erfahrungen aus Lehrenden-Coachings mit Dr. Christine Biermann von der Laborschule Bielefeld, dass gendersensible Förderung nicht den Leistungsaspekt in den Vordergrund stellen sollte, sondern vor allem der Persönlichkeitsentwicklung der Schülerinnen und Schüler ausreichend Raum zusprechen sollte.
Bezogen auf die Debatte der Perspektive und Verbesserung gendersensibler Arbeit hob Thomas Brenner hervor, dass Schulen und Lehrerinnen bzw. Lehrer auch selbst in der Verantwortung stehen, Fortbildungsangebote – beispielsweise des Sächsischen Bildungsinstitutes (siehe http://www.sbi.smk.sachsen.de/) – zu nutzen. Weiterhin nannte er die gemeinsamen Austausche in Lerntandems von Lehrenden, die bereits Erfahrungen in gendersensibler Arbeit und solchen, denen die Thematik noch wenig vertraut ist, als besonders erfolgsversprechende Perspektive in der Förderung geschlechtergerechten Arbeitens an der Schule. Abschließend fügte er hinzu, dass bezogen auf eine zukünftige gerechtere Gesellschaft, die Pädagogik und Forschung nicht halt beim Thema Geschlecht machen dürfe, sondern die Aufmerksamkeit gleichzeitig auf eine Vielzahl von weiteren Problemen (beispielsweise Rassismus) zu lenken habe.

Christoph Edgar Arnold – LEmann e.V.

Christoph Edgar Arnold betonte in seiner Antwort auf die Frage, was gendersensibles Arbeiten heute bedeutet, vor allem die fehlende Sensibilität gegenüber den Unterschieden von Jungen zu Mädchen. Seiner Meinung nach sollten sich verantwortliche Akteure an Schulen viel häufiger die Frage stellen, wie Jungs und Mädchen und ihre Lebenswirklichkeiten wahrgenommen werden, um ihnen spezifische Förderung und Aufmerksamkeit zukommen zu lassen. An diesen Gedankengang anknüpfend, warb Christoph Edgar Arnold auch für eine zeitweise Monoedukation. Vor allem im Werkunterricht spricht seiner Erfahrung nach viel für eine Trennung von Jungen und Mädchen, da im Werken als sehr handlungsorientierter Unterricht in geschlechtshomogenen Gruppen besonders gut auf die unterschiedlichen Entwicklungszyklen von Jungen und Mädchen eingegangen werden könne.
Bezogen auf die Frage, wie gendersensibles Arbeiten in Zukunft besser an sächsischen Schulen integriert und an die zuständigen Akteure herangetragen werden kann, hob Christoph Edgar Arnold hervor, dass es neben den Änderungen von politischen Vorgaben und Lehrplänen auch Fortbildungen, die an die Erfahrungen der Lehrenden anknüpfen und nicht zuletzt auch einer längeren Zeit des Umlernens bedarf. Außerdem, so betonte er, müsse genderspezifische Förderung schon in der frühen Kindheit der Jungen und Mädchen ansetzen. An dieser Stelle sei auf den Verein LEMANN e.V. verwiesen, der sich u.a. für die Förderungen von Jungenarbeit auch an Grundschulen einsetzt; siehe http://www.lemann-netzwerk.de/angebote-2010.html.

von Tobias Würfel

zur Vorstellung der Podiumsgäste