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Argumentation

Ein gelungener Argumentationsaufbau ist vielleicht schon die halbe Miete. Je nach Fachbereich und Typ des zu verfassenden Textes (Haus-, Bacheolor-, Master- oder Doktorarbeit) verschiebt sich der Anspruch und damit auch eine angemessene oder gelungene Argumentationsfolge. Während kurze Hausarbeiten mitunter beschreibend oder vergleichend bleiben können, bedarf es spätestens bei der Masterarbeit eines empirischen oder analytischen Blicks, der tatsächlich Neues zutage fördern soll. Wir ziehen uns darauf zurück, einige grundlegende Dinge zur Argumentation vorzustellen.

 

1. Grundbegriffe

These | HypothesePrämisseKonklusionArgument | Analyse

 

2. Lineare Argumentation

Eine Variante zur Darstellung von Argumenten ist, sie linear, gewissermaßen geradlinig aufzureihen. Einzelne Prämissen ergeben eine logische Konklusion, die wiederum als Prämisse für einen weiteren Argumentationsschritt Modell stehen kann. Das sicherlich klassischste aller Beispiele sieht so aus:

Jenseits aller wissenschaftstheoretischer Komplexität hat diese gewissermaßen simple Figur, deren Umsetzung praktisch schwer genug ist, meistens Bestand. Für den Anfang reicht es sicher aus, den eigenen Text nach Stringenz in dieser Richtung zu durchforsten.

Weiterführendes zur Wissenschaftstheorie z. B. bei:
Karl R. Popper: Logik der Forschung (1935),
Thomas S. Kuhn: Die Struktur wissenschaftlicher Revolutionen (1969),
Paul Feyerabend: Wider den Methodenzwang (1957),
Hans Poser: Wissenschaftstheorie: Eine philosophische Einführung (2012).

 

3. Beschreibend versus wertend

Eine relativ unstrittige Leitdifferenz in der Wissenschaft ist jene zwischen deskriptiven (also beschreibenden) und präskriptiven (also vorschreibenden oder wertenden) Aussagen. Das klassische – und damit jedenfalls in Teilen überholte – Wissenschaftsideal sieht vor, nur mit desktiptiven Aussagen zu operieren, die in ihrer Abfolge etwas analysieren und eine Bewertung des Sachverhalts logisch und gewissermaßen zwingend entwickeln. Bewertungen sind also streng genommen nur dann „zulässig“, wenn zuvor eine logisch aufgebaute Argumentation (induktiver, deduktiver, dialektischer oder empirischer Art) den entsprechenden (wertenden) Schluss gewissermaßen erzwingt.

Typische, mit Vorsicht zu genießende Begriffe, die wertende Aussagen anzeigen können, sind etwa:
schön, schlecht, gut, falsch, richtig, schädlich, wenig, übermäßig, unsinnig, fatal usw.
Verben, die gleichfalls auf wertende Formulierungen schließen lassen, sind: einschätzen, bewerten, begutachten, beurteilen, erwägen, müssen usw.
Auch andere Formen gehen schnell in diese Richtung: etwas ist zu tun, jemand hat etwas zu unterlassen etc. Solche eher bürokratischen und scheinbar unumstößlichen Aussagen sollten vermieden werden.

Ein Beispiel: Die Aussage „Wein enthält Alkohol.“ ist deskriptiv, sie beschreibt einen (nachweisbaren) Sachverhalt. Der Satz „Alkoholkonsum schädigt die Gesundheit.“ bleibt jedoch für sich genommen ohne logische Begründung und ist daher wertend bzw. präskriptiv (insofern sie den Schluss nahelegt, man solle keinen Alkohol konsumieren). Wenn die Aussage jedoch das Ende einer empirischen oder logischen Argumentation ist (etwa nach dem Muster: „Die Auswertung der Datensätze a bis c hat ergeben, dass Alkoholkonsum ab einer Menge y den negativen gesundheitlichen Effekt z hervorruft), verschiebt sich ihr Gehalt. Der Satz ist nun eine logische Ableitung vor dem Hintergrund klar abgesteckter Rahmenbedingungen (die Datensätze a bis c, die Menge y und der Effekt z).

Noch ein Beispiel: „Habermas’ Theorie des kommunikativen Handelns hat wenig Realitätsbezug.“ Ist diese Aussage im Text empirisch oder theoretisch gut begründet, dann ist sie durchaus wissenschaftsadäquat. Sonst gleicht sie einer Behauptung, einem Ausdruck individuellen Geschmacks, und ist, im Sinn wissenschaftlichen Schreibens, fragwürdig.

 

4. Textaufbau

Der Idealfall:

  1. Man stellt eine (Forschungs-)Frage,
  2. sucht sich die besten theoretischen oder methodischen Werkzeuge,
  3. untersucht
  4. und beantwortet die Frage.

Siehe dazu den Bereich Gliederung. Unterhalb dieser Ebene lässt sich ein wissenschaftlicher Text in Abschnitte und Absätze unterteilen, die jeweils Elemente des Argumentationsgangs sind. Abschnitte sind durch einen Blindtext getrennt, Absätze durch eine Absatzmarke, erkennbar an diesem Symbol (wenn im Schreibprogramm die nicht-druckbaren Zeichen sichtbar sind). Abschnitte und Absätze sollten ähnlich präzise gesetzt werden wie Gliederungspunkte; sie zeigen an, wie der Weg beispielsweise von einer Prämisse zur nächsten und zur Konklusion oder von einem Argument zu einem weiteren verläuft. Im besten Fall ergibt ein Absatz gewissermaßen logisch den nächsten. Mindestens jedoch sollte dem Leser deutlich werden, warum ein Absatz einem anderen folgt. Sie sind also jeweils Sinneinheiten oder Argumente, die idealerweise mindestens drei Sätze umfassen. Im englischen Sprachraum kommt der Bauweise von Absätzen eine höhere Bedeutung zu, die wir im Bereich Paragraphing vorstellen. Sie hat Vor- und Nachteile, kann aber besonders für Einsteiger sehr hilfreich sein, den eigenen Text zu organisieren. Mehrere Absätze, die wiederum einen Zusammenhang ergeben, können dann in Abschnitten zusammengebunden werden.

Aufgabenbeschreibung

Die nächste Textpassage ist fortlaufend, also ohne Absätze, dargestellt. Fügen Sie selbst Absätze in den Text ein. Hinter dem Lösungsvorschlag finden Sie die Umbrüche der Originalversion. (Aus Darstellungsgründen haben wir die Absätze durch Leerzeichen markiert, was eigentlich Abschnittswechsel wären.)

Absätze Übung 1

Ihre Lösung

Lösungsvorschlag

Was der Literaturwissenschaft fehlt, ist eine Historik des Schreibens. Ihre Arbeit – von der Interpretation bis zur Geschichtsschreibung – hat es durchgängig mit Effekten einer Praxis zu tun, die selber nicht mehr Thema wird. Was Dichter dachten oder auch Denker dichteten, ist durchforscht. Nur die sechsundzwanzig schwarzen Figuren auf weißem Grund – seit Jahrtausenden der Speicher aller Dichtung – haben ihr altes Rätsel gewahrt. Literaturwissenschaft aber siedelt nun einmal (den gängigen Parolen von Kommunikation zum Trotz) im Raum der Bibliotheken. Also kommt sie ihrer eigenen Sache gegenüber nie mehr rechtzeitig. Schrift ist schon da, bevor die Arbeit, die selber in Schreiben mündet, auch nur angefangen hat. Scripsi quod scripsi, sagte Pilatus, uneinholbar.

Aus dieser Lage gibt es allerdings Fluchtwege. Auch wenn die Literaturwissenschaft (im Unterschied zu Hohepriestern) Geschriebenem nicht mehr mit Änderungswünschen kommen, überspringen können sie es allemal. Zwei nachgerade klassische Wege, um Schrift zu neutralisieren, heißen ‚Werk‘ und ‚Autor‘. Entweder in einem Nachher oder einem Vorher verschwand das schlichte Vorliegen der Zeichen. Auf ein hergestelltes Gesamtwerk hin verstanden, wurden Schriftzeichen zum Vehikel eines Sinns, der sie alle übertraf und vereinheitlichte, schon weil er immer noch ausstand. Auf einen unterstellten Autor hin gelesen, verschwand Geschriebenes in der scheinbaren Vorgängigkeit einer Stimme oder eines Denkes. Was dastand, zählte nicht mehr; anstelle der Shrift in ihrer Macht trat ein Meinen in seiner Beliebigkeit. Die Hohepriester zu Pilatus: „Schreibe nicht ‚Der Juden König‘, sondern daß er gesagt habe ‚ich bin der Juden König‘.“

Daß die literaturwissenschaftliche Hermeneutik Geschriebenes ein Jahrundert lang auf die zwei Trugbilder reduzierte, die seit Saint-Beuve ‚Werk‘ und ‚Autor‘ heißen, hat Gegentheorien auf den Plan gerufen. Seit Barthes und seiner Nouvelle critique soll im Grundbegriff écriture die uneinholbare materielle Basis von Literatur zur Methode werden. Écriture bezeichnet eine Praxis ohne Grund im Autor und ohne Ziel im Werk, geregelt nur von Gesetzen, die die Sprache in ihrer Autonomie erläßt. Was den Literaturwissenschaftler, in einem schönen Kurzschluß, ebenso freisetzt wie den Schriftsteller.

Erläuterung

So sind die Absätze im Original gesetzt. Sie umreißen jeweils eine Sinneinheit. Zudem haben wir, weil es hier so schön passt, den jeweiligen "topic sentence" unterstrichen, der meist relativ knapp einen Absatz einleitet.

Aufgabenbeschreibung

Im Folgenden finden Sie einzelne Absätze eines Textes. Rechts können Sie im Eingabefeld funktionale Überschriften für diese Absätze formulieren. Anhand der Lösungsvorschläge wird deutlich, dass die Argumentationsfolge, also jeder Absatz, bewusst gewählt ist. Tipp: Eigene Text kann man ähnlich organiseren; entweder von Beginn an oder dann, wenn man ins Stocken kommt und nicht weiter weiß. Oft kann eine unsaubere Argumentationsfolge hinderlich sein. Dann helfen kurze, funktionale Überschriften über jedem Absatz, um den logischen Aufbau zu überprüfen.

Argumentationsstruktur Übung 1

Ulrich Bröckling: Das unternehmerische Selbst. Soziologie einer Subjektivierungsform. Frankfrut/Main 2008, Einleitung (bis Seite 11, ohne Fußnoten)


Dass Unternehmen eine Seele haben, sei „wirklich die größte Schreckensmeldung der Welt“, wetterte der französische Philosoph Gilles Deleuze Anfang der 90er Jahre. Übertroffen wird sie allenfalls durch die Forderung, jeder solle sich bis in die letzten Winkel seiner Seele zum Unternehmer in eigener Sache mausern, wie sie heute zahllose Motivationsgurus und Selbstmanagementtrainer, aber auch Wirtschaftswissenschaftler, Bildungsexperten, Trendforscher und Politiker (fast) aller Couleur verkünden. Von dieser Forderung, von dem gesellschaftlichen Sog, den sie auslöst, von dem Kraftfeld, das sich um sie herum aufbaut, handelt das vorliegende Buch. Das unternehmerische Selbst, das ihm den Titel gibt, steht für ein Bündel aus Deutungsschemata, mit denen heute Menschen sich selbst und ihre Existenzweisen verstehen, aus normativen Anforderungen und Rollenangeboten, an denen sie ihr Tun und Lassen orientieren, sowie aus institutionellen Arrangements, Sozial- und Selbsttechnologien, die und mit denen sie ihr Verhalten regulieren sollen. Anders ausgedrückt, und um selbst eine Modevokabel aus der Unternehmerwelt aufzugreifen: Das unternehmerische Selbst ist ein Leitbild.

Ihre Lösung

Lösungsvorschlag

Aufriss/These

Erläuterung

Der Einstieg in einen Text ist besonders heikel. Ein Zitat, eine Beschreibung oder etwas ähnliches können dienlich sein, um ins Thema zu finden. Noch im ersten Absatz kann (muss aber nicht) bereits eine erste These bzw. eine Fragestellung folgen.

In diesem Sinne führt es auch der Abschlussbericht der „Kommission für Zukunftsfragen Bayern – Sachsen“ aus dem Jahr 1997 an, ein Schlüsseldokument für die deutsche Diskussion, das diese Figur dezidiert in den Rang einer politischen Zielvorgabe erhebt und in seinem Grundtenor vieles von dem vorwegnimmt, was seither in Reformagenden gegossen wurde. „Das Leitbild der Zukunft ist das Individuum als Unternehmer seiner Arbeitskraft und Daseinsvorsorge“, heißt es da. „Diese Einsicht muß geweckt werden, Eigeninitiative und Selbstverantwortung, also das Unternehmerische in der Gesellschaft, müssen stärker entfaltet werden.“ In der „unternehmerischen Wissensgesellschaft“ des 21. Jahrhunderts seien nicht mehr „die perfekten Kopisten vorgegebener Blaupausen“ gefragt, wie sie die „arbeitnehmerzentrierte Industriegesellschaft“ des 20. Jahrhunderts benötigte und hervorgebracht habe. Wirtschaft und Gesellschaft seien vielmehr angewiesen auf „schöpferische, unternehmerisch handelnde Menschen, die in höherem Maße als bisher bereit und in der Lage sind, in allen Fragen für sich selbst und andere Verantwortung zu übernehmen“. Aufgabe des Staates sei es, bei diesem Übergang Hilfestellung zu leisten; die Politik müsse „wieder einen ordnenden Rahmen setzen und die Gesellschaft wertorientiert steuern“. Jene Maßnahmen, die ein „Mehr an unternehmerischer Betätigung und Verantwortung“ stimulieren sollen, führten dabei „geradewegs zu einem Weniger an Sozialstaat“, was indes „keineswegs nur Verlust, sondern gleichzeitig auch Gewinn für den Einzelnen und die Gesellschaft“ bedeute – eine Einsicht, der sich allerdings große Teile der Bevölkerung noch verschlössen. Neben der Politik müssten daher auch Wissenschaft und Medien den Willen der Bevölkerung stärken, mit dem Wandel Schritt zu halten. Der imperativische Ton, gekoppelt mit der Drohung, der in Deutschland „im internationalen Vergleich fast einzigartige materielle Wohlstand gepaart mit sozialem Frieden, einem hohen Maß an innerer wie äußerer Sicherheit, viel Freizeit u.a.m.“ könnten „wie ein Kartenhaus zusammenfallen“, wenn individuelle Sicht- und Verhaltensweisen sowie kollektive Leitbilder“ nicht auf unternehmerisches Handeln hin ausgerichtet werden, macht den Bericht selbst schon zu einem Bestandteil jenes Kraftfeldes, das er erzeugen will.

Ihre Lösung

Lösungsvorschlag

Schlüsselquelle/Ausgangspunkt

Erläuterung

Im hier gewählten Beispiel bietet sich der Verweis auf eine Schlüsselquelle an, die den Gegenstand der Untersuchung verdichtet und illustriert. Der zweite Absatz entspricht einer zweiten Hinführung auf das Thema.

Auf die Fuktionsweise dieses Kraftfeldes, auf die Energien, die darin gebunden oder freigesetzt werden, auf die Richtung beziehungsweise die widersprüchlichen Richtungen, in die es die Einzelnen zieht, und nicht zuletzt auf die Verfahren, mit denen sie ihre eigenen Bewegungen auf den Sog einstellen, richtet sich das Augenmerk der hier vorgelegten Studie. Wie der Kommissionsbericht begreift sie das unternehmerische Selbst als ein Regierungsprogramm. Während die in staatlichem Auftrag erstellte Expertise jedoch mit Nachdruck die Einlösung dieses Programms fordert, konzentriert sich die vorliegende Arbeit darauf, dessen strategische Elemente herauszupräparieren, aber auch die konstitutionelle Überforderung sowie die Logik der Exklusion und Schuldzuschreibung sichtbar zu machen, denen es die Einzelnen aussetzt. Zugleich erweitert sie, darin Michel Foucaults Vorlesungen zur Geschichte der Gouvernementalität und den an diese anschließenden Studies of Governmentality folgend, den Begriff des Regierens über die Sphäre staatlicher Interventionen hinaus und bezieht ihn auch auf andere Formen planvollen Einwirkens auf menschliches Handeln. Das Kraftfeld des unternehmerischen Selbst speist sich aus vielen Quellen, nicht nur aus den Entscheidungen der politischen Administration und den Empfehlungen ihrer wissenschaftlichen Berater.

Ihre Lösung

Lösungsvorschlag

Verknüpfung von Schlüsselquelle und These – Konkretisierung des Vorhabens

Erläuterung

Im dritten Absatz wird die anfänglich aufgerufene These mit der Schlüsselquelle verknüpft und angedeutet, was kommen wird.

Entsprechend heterogen sind die Materialien, die für die hier vorgelegte Arbeit herangezogen werden: Analysiert werden – unter anderem – nationalökonomische, psychologische und soziologische Theorien, außerdem Managementprogramme, Kreativitäts-, Kommunikations- und Kooperationstechniken sowie populäre Ratgeber, deren gemeinsamer Nenner darin besteht, dass sie die Ratio unternehmerischen Handelns ausbuchstabieren und/oder Verfahren bereitstellen, mit denen die Menschen ihr Verhalten dem Leitbild annähern können. Das Kraftfeld des unternehmerischen Selbst ist ein Diskursfeld, doch es ist zugleich mehr als das. Die Arbeit stützt sich auf Bücher, Zeitschriftenaufsätze und andere veröffentlichte Schriften, aber es handelt sich zu einem guten Teil um Texte mit unmittelbar praktischem Anspruch: Trainingsmanuale, Lehrbücher, Erfolgsratgeber und ähnliche Handreichungen versuchen weniger zu überzeugen als das Handeln anzuleiten (und glänzen denn auch nur selten durch intellektuelle Brillanz, sondern entweder einen ausgesprochen technischen oder einen charismatisch-beschwörenden Ton an). Sie definieren einen Raum des Sag- und Wissbaren, aber vor allem zielen sie auf das Machbare. Sie geben nicht nur Antworten auf die Frage „Was soll ich tun?“, sondern vermitteln detailliert Anweisungen, wie ich das, was ich tun soll, auch tun kann.

Ihre Lösung

Lösungsvorschlag

4. Material/Quellen/Zugriff

Erläuterung

Nachdem die Perspektive eröffnet wurde, erklärt der folgende Absatz, anhand welcher Materialien bzw. Quellen die anfangs aufgerufene These bzw. das Argument herausgearbeitet werden soll. Zugleich wird deutlich gemacht, wie das Material „behauen" werden soll.

Selbstverständlich erlaubt die Vermessung des unternehmerischen Kraftfeldes keine Aussagen darüber, wie die Menschen sich tatsächlich in ihm bewegen. Welchen Regeln und Regelmäßigkeiten (auch in Bezug auf das Abweichen von den Regeln) ihr Verhalten folgt, dafür interessiert sich die folgende Arbeit nur insofern, als die Strategien und Technologien des unternehmerischen Selbst darauf Einfluss nehmen – und zu diesem Zweck sich auch der Verfahren quantitativer wie qualitativer Sozialforschung bedienen. Untersucht wird also ein Regime der Subjektivierung, nicht was die diesem Regime unterworfenen und in dieser Unterwerfung sich selbst als Subjekte konstituierenden Menschen tatsächlich sagen oder tun. Die Frage lautet nicht, wie wirkmächtig das Postulat, unternehmerisch zu handeln, ist, sondern auf welche Weise es seine Wirkung entfaltet. Es geht um eine Grammatik des Regierens und Sich-selbst-Regierens, nicht um die Rekonstruktion subjektiver Sinnwelten und Handlungsorientierungen oder Verschiebungen in der Sozialstruktur. Bildlich ausgedrückt: Untersucht wird die Strömung, welche die Menschen in eine Richtung zieht, und nicht, wie weit sie sich davon treiben lassen, sie nutzen, um schneller voranzukommen, oder aber versuchen, ihr auszuweichen oder gegen sie anzuschwimmen.

Ihre Lösung

Lösungsvorschlag

5. Erste Einschränkung – was die Studie nicht leisten kann

Erläuterung

Aus dem vierten Absatz ergibt sich der fünfte gewissermaßen logisch. Jede zum Einsatz kommende Untersuchungsperspektive verstellt andere mögliche Blickrichtungen. Dieser Absatz ruft erste Einschränkungen auf, das heißt Dinge, die nicht betrachtet werden können.

Der Gefahr, in der Konzentration auf die Rationalitäten und Programme ebenjene Unausweichlichkeit zu reporduzieren, welche diese suggeriert, versucht die Arbeit zu entgehen, indem sie die diesen inhärenten Antinomien – etwa zwischen Selbst- und Fremdbestimmung, rationalem Kalkül und Handeln unter Ungewissheit, Kooperation und Konkurrenz – herauszupräparieren und damit die Kluft zwischen entgrenztem Anspruch und seiner stets nur begrenzten Einlösung offen zu halten. Es geht im Folgenden nicht nur um das, was die Einzelnen tun sollen und wie sie dazu in die Lage versetzt werden, sondern auch darum, dass ihre Anstrengungen niemals vollends genügen können.

Ihre Lösung

Lösungsvorschlag

5a. Zweite Einschränkung

Erläuterung

Ein weiterer Absatz schränkt das Thema der Untersuchung ein. Und das alles ohne die abgegriffene Phrase „im Rahmen dieser Arbeit" zu verwenden. Vielmehr ergeben sich die Einschränkungen folgerichtig, weil die Untersuchungsperspektive deutlich ist.

Ein solches Vorhaben liegt quer zu den gängigen Ressortaufteilungen soziologischer Forschung, genauer, es lässt sich mehreren Ressorts zuordnen: Die hier vorliegende Studie versteht sich zunächst als Beitrag zu einer politischen Soziologie, die politisches Handeln nicht auf „Haupt- und Staatsaktionen“ reduziert, sondern sich auch für die Mikropolitiken des Alltags, für Governancestrukturen und überhaupt für die Wege interessiert, auf denen Individuen, öffentliche und private Institutionen ihre gemeinsamen Angelegenheiten regeln.

Ihre Lösung

Lösungsvorschlag

6. Verortung im soziologischen Feld

Erläuterung

Nachdem nun recht deutlich geworden ist, was die Studie im Sinn hat und was nicht, folgt nun eine Einordnung im (fachspezifischen) Wissenschaftskontext. Der Autor platziert sich und sein Werk im Rahmen anderer Publikationen.

Unternehmerisches Handeln stellt zweifellos eine spezifische Form ökonomischen Handelns dar, und das, was hier Kraftfeld genannt wird, umschreibt eine Dynamik der Ökonomisierung. Die im Weiteren verfolgte Fragestellung ist insofern wirtschaftssoziologisch, als sie untersucht, wie dieser Handlungstyp plausibel gemacht wird und gesellschaftlich diffundiert. Ein älteres Bonment des amerikanischen Ökonomen James Duesenberry gesagt, die Ökonomie habe es mit Wahlhandlungen zu tun, während die Soziologie zeige, dass die Akteure nicht zu wählen hätten. Die vorliegende Studie arbeitet demgegenüber heraus – und das ist ihr wirtschaftssoziologischer Einsatz –, dass die gegenwärtige Ökonomisierung des Sozialen den Einzelnen keine andere Wahl lässt, als fortwährend zu wählen, zwischen Alternativen freilich, die sie sich nicht ausgesucht haben: Sie sind dazu gezwungen, frei zu sein.

Ihre Lösung

Lösungsvorschlag

6.a Zweite Verortung im soziologischen Feld

Erläuterung

Da die Disziplin, der das Buch zugerechnet werden kann, vielschichtig ist, braucht es einen weiteren Absatz, um den fachspezifischen Platz des folgenden Argumentationsdurchlaufs kenntlich zu machen.

Eine besondere Dynamik entfaltet das Leitbild des unternehmerischen Selbst natürlich in dem Bereich, dem es entstammt: der Welt der Unternehmen. In der Arbeits- und Industriesoziologie, aber auch der Organisationssoziologie wird seit längerem diskutiert, inwieweit veränderte Formen der Arbeits- und Betriebsorganisation den Arbeitnehmer der fordistischen Ära zurückdrängen, jenen Typus, den der Bericht der Zukunftskommission – wie zitiert – nicht ohne Zynismus als „perfekten Kopisten vorgegebener Blaupausen“ karikiert, und an seine Stelle ein neuer Typus, der Arbeitskraftunternehmer, tritt. Die vorliegende Arbeit schließt an diese Diskussion insofern an, als sie untersucht, wie zeitgenössische Managementkonzepte alle Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen auf unternehmerisches Handeln verpflichten und welche Strategien der Autonomisierung, Responsibilisierung und Flexibilisierung sie dazu einsetzen.

Ihre Lösung

Lösungsvorschlag

7. Fundament/Vorläufer in der Soziologie I

Erläuterung

Nachdem sich die Studie im zeitgenössischen wissenschaftlichen Feld platziert hat, wird das Thema selbst nun auf einer Zeitachse markiert. Da es freilich ähnliche Vorläufer gibt, deren Argumente weiterentwickelt und umgebaut werden, braucht es diesen Zugriff.

Das unternehmerische Selbst ist ein Abkömmling des Homo oeconomicus, jenes anthropologischen Konstrukts, auf dem die Wirtschaftswissenschaften ihre Modellierungen des menschlichen Verhaltens aufbauen. Insofern fällt die Beschreibung dieser Gestalt auch in das Gebiet einer sozialwissenschaftlichen Anthropologie, die implizite wie explizite Menschenbilder und ihre verhaltensmodifizierenden Effekte analysiert. Weil es um zumindest informell sanktionierte Verhaltenserwartungen geht – die Fabrikation des unternehmerischen Selbst operiert mit Erfolgsversprechen und Absturzdrohungen –, lässt die hier vorgelegte Schrift sich ebenso einer Soziologie der Normen zuordnen. Mit ihrem Interesse für die bei dieser Fabrikation eingesetzten Verfahren leistet sie ferner einen Beitrag zu einem in der Disziplin bislang wenig eingeführten, allenfalls im Rahmen der Studies of Governmentality systematisch bearbeiteten Forschungsgebiet, das man als Soziologie der Sozial- und Selbsttechnologien bezeichnen könnte. Spätestens hier hat die Soziologie ihre Fähigkeit zur Selbstreflexion unter Beweis zu stellen, sind es doch nicht zuletzt sozialwissenschaftliche Erkenntnisse und Methoden, die Technologien unternehmerischer Menschenführung aufbauen.

Ihre Lösung

Lösungsvorschlag

7.a Fundament/Vorläufer in der Soziologie II/Selbstreflexion der Soziologie

Erläuterung

Der Absatz folgt immer noch dem Blick auf die Vorläufer, spielt aber zugleich eine Selbstreflexion des Fachs ein und markiert unaufgeregt die Lücke, die – methodisch wie praktisch – geschlossen werden soll.

Anzuführen ist schließlich die Kultursoziologie. Der Blick richtet sich auf das, was im englischen enterprise culture heißt und im deutschen mit Unternehmenskultur nur höchst unzureichend übersetzt ist. Gemeint ist weder jenes durch Bilder, Rituale, Narrative oder Verhaltenscodes evozierte und fortwährend stimulierte Wir-Gefühl, das die Identifikation von Mitarbeitern mit „ihrer“ Firma fördern und dieser zugleich ein einheitliches Erscheinungsbild verleihen soll. Ebenso wenig bezieht sich der Begriff auf jene betrieblichen Innen- und Unterwelten, wie sie Ethnographien der Arbeitswelt zu Tage fördern. Unternehmenskultur bezeichnet hier vielmehr die symbolische Ordnung jenes Kraftfelds, das die Maxime „Handle unternehmerisch!“ zur übergreifenden Richtschnur der Selbst- und Fremdführung erhebt.

Ihre Lösung

Lösungsvorschlag

7.b Fundament/Vorläufer in der Soziologie III/Zuspitzung

Erläuterung

Was im vorletzten Absatz begonnen wurde, wird hier zugespitzt und dabei die Bedeutung bzw. die Rolle der vorgelegten Studie angesprochen. Der Absatz verdeutlicht so auch die Provokation, auf welche die Studie reagiert.
Als nächstes wird der Inhalt des Buches vorgestellt.

Aufgabenbeschreibung

Die nächste Textpassage ist fortlaufend, also ohne Absätze, dargestellt. Fügen Sie selbst Absätze in den Text ein. Hinter dem Lösungsvorschlag finden Sie die Umbrüche der Originalversion. (Aus Darstellungsgründen haben wir die Absätze durch Leerzeichen markiert, was eigentlich Abschnittswechsel wären.)

Absätze Übung 2

Ihre Lösung

Lösungsvorschlag

  • Jay D. Bolter: Das Internet in der Geschichte der Technologien des Schreibens

Der Computer ist eine Technologie der symbolischen Repräsentation der Kommunikation, kurz – eine Technologie des Schreibens. In den achtziger Jahren machte der Personal Computer (PC) diese Technologie einer großen Zahl von Autoren wie Lesern in Europa, Nordamerika und Japan verfügbar. Heute eröffnet das Internet neue Formen der Publikation: es befreit des elektronische Schreiben aus dem individuellen Computer und verbreitet es über ein die gesamte entwickelte Welt umspannendes Netzwerk aus Maschinen. Das World Wide Web im Internet ist ein methodisches Verfahren, welches das elektronische Schreiben schließlich in die Lage versetzt, sich von Schreibweisen für gedruckte Publikationen deutlich zu unterscheiden. Eine neue Ökonomie des Schreibens, ein neues Zusammenspiel von technischen Geräten und den Weisen, mit ihnen umzugehen, beginnt sich auszubreiten.

Betrachten wir den Computer und das Internet als eine neue Technologie des Schreibens, so können wir sie in einen historischen Kontext einordnen. In der älteren und neueren Geschichte Europas zählten zu diesen Technologien die Papyrusrolle der Antike, der Kodex der Spätantike und des Mittelalters und das gedruckte Buch von der Renaissance bis heute. In jedem Zeitalter waren um diese Grundtechnologien eine Anzahl untergeordneter oder unterstützender Technologien gruppiert, deren Beziehung zueinander sich im Rahmen der weiteren Ökonomie des Schreibens permanent veränderte. Zu diesen untergeordneten Technologien gehörten die Wachs- und die Steintafeln in der antiken Welt, unterschiedlichste Versionen des ebenso vergänglichen wie monumentalen Schreibens im europäischen Mittelalter und alles vom Manuskript über die ersten Holztafeldrucke zu Schreibmaschinen und Diktiergeräten während der Jahrhunderte des Buchdrucks. [ ] Dabei sind die verschiedenen Epochen – mehr als schlicht durch Material- und Verfahrensweisen – durch eine ganze Reihe von Lese- und Schreibpraktiken gekennzeichnet. Wenn wir die elektronische Kommunikation innerhalb dieses historischen Kontextes untersuchen, hören wir einen Widerhall, werden wir entdecken, inwiefern diese neue Art des Schreibens ältere Formen weiterführt. Solche Resonanzen können uns zu verstehen helfen, inwiefern das elektronische Schreiben radiakal mit der Vergangenheit bricht – und inwiefern es sie konsequent fortsetzt.

Historisch hat sich jede Ökonomie des Schreibens in Zusammenhang mit bestimmten Genres und Stilen definiert. Die Papyrusrolle war mit der antiken Rhetorik und Historiographie verbunden; der Kodex mit der mittelalterlichen Enzyklopädie, marginalen Anmerkungen, Glossarien und illustrierten religiösen Texten; die Drucktechnik schließlich mit der Novelle und der Zeitung. Diese Genres und Stile drücken unterschiedliche kulturelle Einstellungen bezüglich der Organisation von menschlichem Wissen und Erfahrungen aus. Technologien des Schreibens waren durchgängig bedeutsam für die abendländischen Ideen des Wissens und der Subjektivität.

Erläuterung

Dies sind die originalen Absätze, es wäre aber noch (mindestens) ein weiterer denkbar bzw. sinnvoll. Wir haben ihn mit [ ] markiert und den thematischen Satz unterstrichen. Ohne diesen haben wir einen Einstiegsabsatz, einen, der das Thema vertieft und ins Detail ausweitet und einen (ersten), der den Gegenstand historisch einfängt.