Begleitende Forschung

 

Dissertationsprojekt von Tillmann Grüneberg

"Begabungsvielfalt als Herausforderung der Studienwahl - Entwicklung eines systemisch-narrativen Studienberatungsmodells"

Der Übergang von der Schule ins Studium ist bislang ein wenig beachtetes Gebiet innerhalb der Begabungsforschung. Für eine nachhaltige Begabtenförderung scheint jedoch Begleitung und Beratung gerade innerhalb dieser entwicklungspsychologisch relevanten Phase besonders wichtig. Das erste Ziel dieses Forschungsprojekts ist die Prüfung der Hypothese, dass Begabungsvielfalt (Multipotentialität) zu stärkerer Entscheidungsschwierigkeit bei der Studienwahl führt. Darauf aufbauend wird die Hypothese in den Blick genommen, dass Begabungsvielfalt als Problem häufiger und schwerer bei hochleistenden bzw. hochbegabten Schüler*innen auftritt. Im Rahmen der Hypothesenprüfung soll dabei der Studienwahlprozess vor dem Hintergrund eines zu entwickelnden integrativen Modells systematisch untersucht werden. Die erhobenen besonderen Beratungsbedürfnisse und das Studienwahlprozessmodell bilden dann die Grundlage für einen zweiten Teil des Forschungsprojekts. In diesem soll ein systemisch-narratives Studienberatungsmodell theoretisch entwickelt werden. Anschließend sollen erste Schritte einer evaluatorischen Prüfung der Konzeptumsetzung unternommen werden. Der erste Teil des Projekts besteht aus verschiedenen Befragungsprojekten (Absolventenbefragung St.Afra; Stipendiaten- und Studierendenbefragung; Schüler_innenbefragung zu Beratungsbedürfnissen; Normierungsstudie Fragebogen zum Erkenntnisstreben; Studienberater_innenbefragung; Hochbegabtenberatungsstellenbefragung; Erstsemester Befragung im Lehramt), welche quantitativ bzw. mit Hilfe der quantifizierenden qualitativen Inhaltsanalyse ausgewertet werden. Die Konzeptumsetzung als zweiter Teil des Projekts wird mit Hilfe eines Prä-Post-Evaluationsdesigns und qualitativen Einzelfallstudien untersucht. Das Gesamtprojekt ist eingebunden in den Aufbau und die Weiterentwicklung der Beratungsstelle „Zentrum für Potentialanalyse und Begabtenförderung“ an der Universität Leipzig. Der Projektzeitraum ist von 2015 bis 2018 geplant und gliedert sich in vier wesentliche Phasen: Aufbau der Beratungsstelle und Entwicklung der Teilprojekte (Januar 2015 – Juni 2016), Durchführung und Auswertung der empirischen Projekte des ersten Teils (Juli 2016- März 2017), Theoretische Beratungskonzeptentwicklung und praktische Umsetzung und Prüfung (April 2017- Dezember 2017), Zusammenfassende Interpretation der Teilprojekte und Schreiben der Dissertation (Januar 2018- Oktober 2018).

Teil-Forschungsprojekte des Gesamtprojekts:

-          Studienberater_innenbefragung

Ziel des Projekts ist die Erfassung von bestehenden Konzepten in der Praxis der Studienberatung in Deutschland. Darauf basierend soll im Rahmen der Masterarbeit von Jana Müller ein darauf abgestimmtes praktisches Fortbildungsangebot entwickelt werden, welches Erkenntnisse der Begabungsforschung für die Studienberatung nutzbar macht. Neben der Erfassung von Methoden und Konzepten soll die Relevanz und der Umgang mit dem Thema Begabungsvielfalt von Studienberatenden erhoben werden. Zu diesem Zweck wurde basierend auf vorherigen Experteninterviews (n=3) und Dokumentenanalyse (Ausbildungs-und Fortbildungscurricula) eine Onlinebefragung konzipiert und über die Fachverbände (GIBeT und DVB) sowie über Maillinglisten versandt. Es sollen sowohl die Berater_innen der Bundesagentur für Arbeit, der zentralen Studienberatungen der Hochschulen und freie Berater_innen erreicht werden. Zielgröße für die Befragung ist n>200. Neben der Publikation der Masterarbeit sollen zusammenfassende Berichte für die Fachverbände und Bundesagentur für Arbeit erstellt werden und praktische Implikationen im Rahmen eines Artikel in einer praxisnahen Fachzeitschrift veröffentlicht werden (Zeitschrift für Beratung und Studium; dvb-Forum).

-          Absolvent_innenbefragung St.Afra

Im Auftrag der Schulleitung und in Kooperation mit dem Ehemaligenverein des Landesgymnasiums St. Afra zu Meißen, einer Schule zur Förderung von Hochbegabten, soll erstmals eine Befragung der Absolvent_innen der Schule durchgeführt werden. Ziel ist die Erfassung des weiteren Werdegangs der Schülerinnen und Schüler und der Wirkung der besonderen schulischen Förderung. Der Fragebogen soll über den Ehemaligenverein und bekannte Mailadressen verschickt werden. Zielgröße ist hier ein Rücklauf von mindestens 20%. Die Ergebnisse der Befragung sollen in Masterarbeiten von Dana Ende und Laura Herkner analysiert werden und im Rahmen einer Publikation der Schule veröffentlicht werden. Einen besonderen Schwerpunkt im Fragebogen soll, neben der Bewertung der schulischen Förderung und der Erfassung des Studienerfolgs, die Berufs- und Studienwahl selber darstellen.

-          Onlinebefragung von Stipendiat_innen und Studierenden zur Studienwahl

Der Prozess der Studienwahl (Einflussgrößen, Schritte, Beratungserfahrung) und die Entscheidungsgründe und -heuristiken von Studierenden sollen im Rahmen einer Onlinebefragung erfasst werden. Dabei werden in der Befragung zwei Gruppen kontrastierend betrachtet, zum einen die Stipendiat_innen der Begabtenförderungswerke und zum anderen die „normalen“ Studierenden, als Kontrollgruppe. Die Stipendiat_innen sollen vor allem über die Facebookgruppe „Stipendiatinnen und Ehemalige der Begabtenförderungswerke“ und das daraus entstandene „Stip-Netz“ erreicht werden, die Studierenden über allgemeine Verbreitung auf Facebook. So kann eine möglichst hohe Beteiligung erreicht werden (n>300). Die Befragung baut dabei auf den umfänglichen Studienwahlstudien des CHE und der Gifts-Up-Studie zur Wirkung der Begabtenförderung auf (Hany 2012). Die Ergebnisse sollen im Wesentlichen der Hypothesenprüfung im Rahmen des Dissertationsvorhabens dienen.

-          Studienwahl und Motive von Lehramtsstudierenden an der Universität Leipzig

In den vorangegangenen Studien zur Evaluation des Lehramtsstudiums an der Universität Leipzig wurden Perspektiven auf das aktuelle Studium („Positive und Negative Aspekte des Lehramtsstudiums“) und der vorzeitigen Beendigung dieses Studiums („Der Abbruch des Lehramtsstudiums – Zahlen, Gründe und Emotionen“) in den Fokus genommen. Es liegt nahe, dieses Bild um den Studienbeginn zu ergänzen. Dazu liegen bundesweit zahlreiche Erhebungen mit standardisierten Fragebögen vor. Jedoch besteht ein wesentliches Desiderat in der Erfassung von abstrakteren bewussten und unbewussten Motivstrukturen (Grundmotive: Anschluss, Leistung, Macht). Die Forschungsfrage zielt daher auch darauf, inwieweit die Gruppe der Lehramtsstudierenden in eben diesen eine spezifische Motivstruktur aufweist. Dazu wurde eine Teilstichprobe von Studierenden im ersten Semester mit Hilfe des MUT (Motiv-Umsetzungs-Test) und des OMT (Operanter Motiv-Test) von Prof. Kuhl untersucht. Auf der universitären Ebene kann die Studie wertvolle Erkenntnisse für die Verbesserung der zielgruppengerechten Ansprache und Beratung von Studieninteressierten liefern. Daher sollen die Testergebnisse durch Einzelauswertungsgespräche ergänzt werden, die zum Teil mit Hilfe der qualitativen Inhaltsanalyse (nach Mayring 2010) ausgewertet werden. Die Forschungsergebnisse erweitern und spezifizieren die allgemeinen Erstsemesterbefragungen des Zentrums für Lehrerbildung und Schulforschung und sichern durch ihren besonderen Fokus die Anschlussfähigkeit der spezifischen Leipziger Forschungsberichte an die aktuelle Forschung. Ziel des Projekts ist daher neben der Erstellung einer Masterarbeit (von Alexandra Süß) und eines Forschungsberichts auch die Veröffentlichung der Ergebnisse in einer peer-reviewten Zeitschrift.

-          Überarbeitung und Normierung des Fragebogens zum Erkenntnisstreben (FES)

Der Fragebogen zum Erkenntnisstreben stellt ein Instrument der Begabungs- und Motivationsdiagnostik dar, welches Prof. Lehwald in den späten 80er-Jahren noch zu Zeiten der DDR entwickelt hat (vgl. Lehwald 1985) und welches Eingang in die Münchner-Hochbegabungs-Testbatterie für die Sekundarstufe (MHBT-S) gefunden hat und dafür Anfang der 90er-Jahre letztmalig normiert wurde. Lehwald versteht Erkenntnisstreben als das "umfassende, tiefgründige Verlangen nach Wissenserwerb, verbunden mit hoher affektiver emotionaler Beteilung" (Lehwald 2009, S.11). Gerade auch verbunden mit der weiten Anerkennung des Flow-Erlebens (vgl. Csikszentmihalyi 2010), welches ein Teilkonzept von Erkenntnisstreben ist, erscheint es lohnenswert das Instrument zu überarbeiten und renormieren. Dies ist nötig geworden, da Items nicht mehr zeitgemäß erscheinen und die Normierungsdaten überholt sind. Im Zuge dieser Überarbeitung soll das Instrument nicht mehr nur in der Mittelstufe, sondern auch in der Oberstufe Anwendung finden. Für die Anwendung in der Sekundarstufe II wurde das Instrument im Hinblick auf die Richtung des Erkenntnisstrebens erweitert, um seine Anwendbarkeit in der Studienorientierung zu erhöhen. Im Rahmen ihrer Masterarbeit führen Melanie Kabisch und Eva Karpowski dazu eine umfangreiche (n>400) Normierungsstudie an sächsischen Gymnasien durch. Ein Begleitfragebogen soll eine Analyse im Hinblick auf Schwierigkeiten und Zusammenhänge von Erkenntnisstreben und Studienwahl prüfen helfen. Eine Publikation des Instruments zur freien Verwendung in Beratungskontexten ist angestrebt.

-          Hochbegabtenberatungsstellenbefragung

Ergänzend zur Studienberater_innenbefragung sollen die spezifischen Erfahrungen von Mitarbeitenden von auf Hochbegabung spezialisierten Beratungsstellen erhoben werden. Dazu wird ein kurzer Onlinefragebogen an die in den Datenbanken der Karg-Stiftung und von Bildung-und-Begabung verzeichneten Beratungsstellen versandt. Ergänzend dazu sollen Experteninterviews mit Beratungsstellenleiter_innen geführt werden, deren Beratungsstellen sich auch explizit dem Thema Studienorientierung verschrieben haben (namentlich: Prof. Schneider/Universität Würzburg). Ziel der Befragung ist die Erhebung der Relevanz und des Umgangs mit dem Thema Begabungsvielfalt in der Beratung. Die Befragung soll im Rahmen eines Forschungspraktikums von Masterstudierenden  durchgeführt und ausgewertet werden. Die Ergebnisse sollen im Rahmen des Dissertationsvorhabens Verwendung finden.

-          Beratungsbedürfnisse Hochbegabter

Den Fragen, ob Hochbegabte spezifische Beratungsbedürfnisse haben und welche dies sein können, widmet sich eine Befragungsstudie an sächsischen Gymnasien. Dazu werden Schülerinnen und Schüler von Spezialgymnasien (Landessschule St. Afra und andere §4-Schulen) vergleichend mit Schülerinnen und Schülern „normaler“ Gymnasien mittels Fragebögen und Gruppendiskussion befragt. Dabei sollen aufbauend auf der Masterarbeit von Lara Frei (Frei 2013) die Nutzung und der Bedarf an Beratung systematisch erfasst werden. Das Projekt wird durchgeführt und mündet in die Masterarbeit von Julia Röder. Eine Publikation im Feld der Studienberatungsforschung ist angestrebt.

-          Evaluationsstudien zum Beratungsmodell

Die Beratungen im Rahmen der Beratungsstelle „Zentrum für Potentialanalyse und Begabtenförderung“ werden begleitend evaluiert. Hierzu findet ein Prä-Post-Design Anwendung. Vor der Beratung erhalten die Ratsuchenden ein Erstkontaktformular, welches Fragen zum Anliegen, zur Person und zur Sicherheit in der Studienwahl enthält. Nach Abschluss des Beratungsprozesses werden die Ratsuchenden gebeten einen Evaluationsbogen zur Zufriedenheit und Wirkung der Beratung (insbesondere der einzelnen Methoden) auszufüllen. Es ist angestrebt eine Folgeerhebung nach erfolgter Studienwahl zu Beginn des Studiums durchzuführen, um längerfristige Effekte zu erfassen. Neben dieser Begleitevaluation findet eine strukturierte Falldokumentation statt, welche sowohl Anliegen, Fall- und Personenbeschreibung, angewandte Methoden, Ergebnisse aus Testdiagnostik (Intelligenzmessung; Persönlichkeits- und Interessentests) als auch Hypothesen umfasst. Darüber hinaus ist angestrebt, unter Zustimmung der Ratsuchenden, möglichst viele Beratungsgespräche auf Video aufzuzeichnen. Diese Videos dienen zum einen der Supervision und Qualitätssicherung, sind aber zum anderen auch selber Material für Einzelfallstudien im Rahmen des Dissertationsvorhabens.

 

Weitere Informationen und Veröffentlichungen finden Sie unter:

http://www.erzwiss.uni-leipzig.de/allgemeine-paedagogik/personen?view=properson&id=282