Wildtiergeschichten eines Tierarztes aus Machern in Sachsen

Wildtiere 1998 im Macherner Schloßpark

Von Heinz Mielke

Rehe in freier Wildbahn

Bei einem Spaziergang durch den Macherner Schloßpark, einem 35 ha großen, nicht eingezäunten Landschaftsgarten, kann man im Dickicht der Bäume vor allem südlich des Weges zwischen Wilhelms Ruh und dem östlichem Parkausgang sowie im nördlichen Parkgebiet an der Ritterburg, immer wieder einmal zwei bis drei Rehe entdecken. Meistens sieht man sie dabei auf der Flucht. Seltener ist ihr vorsichtiges Erscheinen auf dem alten Sportplatz hinter dem Keglerheim und auf der großen Schloßwiese. Hier wurde im Juni ein Reh in der Nähe der drei Schloßponys vor der alten Silberpappel gesichtet. Das regte den Autor zur freien Umdichtung der Ringelnatz-Verse über das Reh im Park an.

Im Park

Ein Reh stand im Park vor einem Baum
Still und verklärt wie im Traum.
Das war des Tags elf Uhr zwei,
Drei Ponys waren auch dabei.

Da schlich ich mich leise - ich atmete kaum
Gegen den Wind in Richtung Baum
und erfüllte der Kamara ihren Zweck:
Klick! da sprang das Reh weg.

Damwild mit Chef John im Schaugehege

Am 19. September 1998 wurde im Rahmen des Macherner Parkfestes der neu geschaffene, nach historischem Vorbild gestaltete Hirschgarten am nördlichen Rande des Schloßparks eingeweiht. Als Vertreter der Lindenauischen Familie, die hier bereits vor 200 Jahren einen Tiergarten größeren Ausmaßes ins Leben rief, war Frau von Reclam-Schlee aus Berlin anwesend. Im Mai konnten die ersten vier Damwildtiere in den Hirschgarten eingebracht werden. Sie verhielten sich damals und in den darauffolgenden Wochen in diesem Schaugatter äußerst scheu. Danach aber zeigten sie alle, der Damhirsch und seine drei Damtiere, mehr und mehr Zutrauen zu den vorbeischauenden und futterverteilenden Parkbesuchern. Die Tiere sind etwa 2 Jahre alt und kommen aus dem Wildgehege Leipzig-Connewitz.
Das Geweih des Damhirsches wurde in den vergangenen 2 Monaten prächtig geschoben und weist mit den Augen- und Mittelsprossen und den Gabeln an den Stangenenden mit Ansätzen zur Schaufelbildung auf den "Herr des Hauses" hin. Bald beginnt die Brunft. Es wäre schön, wenn im Juni 1999 nach einer Tragezeit von 7,5 bis 8 Monaten, hier die ersten Damwildkälber geboren würden.
Für Interessierte ist das vom "Förderverein Schloß und Landschaftsgarten zu Machern" herausgegebene Faltblatt "Hirschgarten" mit interessanten geschichtsbezogenen und konzeptionellen Darstellungen zu empfehlen.

Schwanenpaar Paul und Paula blieb kinderlos

Als die berühmte siebenköpfige Schwanenfamilie mit Immutabilis Mitte Oktober 1997 den Macherner Schwemmteich verließ, da dauerte es nur etwa drei Wochen, bis ein neues Schwanenpaar den 5,7 ha großen Teich für sich vereinnahmte. Die beiden Schwäne, nennen wir sie Paul und Paula, überwinterten auf ihm. Als dieser Anfang Februar 1998 vollständig zufror, zogen sie für kurze Zeit fort, kehrten aber bald zurück. Allerdings mußten sie noch im Februar das Klein- und Kleinerwerden des Teiches durch ein fischereibedingtes Wasserablassen erleben. Sie verließen ihn deshalb erneut und verbrachten mehr als drei Monate nebenan auf dem Mühlteich. Dort hält sich nach der Rückkehr aus dem Winterquatier im Macherner Lanzbulldog-Hof auch 1998 wieder der flugbehinderte Schwan Hans Heinrich auf. Ihm gehören eigentlich alle Revierrechte am Mühlteich. Doch durch seine Behinderung war er den Eindringlingen Paul und Paula nicht gewachsen, so daß diese ihm manchmal tüchtig zusetzten.
Im Juni kamen Paul und Paula auf den Schwemmteich zurück und verschafften den vielen Parkbesuchern wieder das schöne "Schwanensee-Flair des Landschaftsgarten". Auch wenn 1998 keine vielköpfige Schwanenfamilie so beeindruckend wie im Vorjahr auf sich aufmerksam macht, so wird das 98er Macherner Schwanenpaar vielleicht noch auf andere Weise berühmt. Denn Paula trägt am linken Fuß einen Ring, aus glänzendem Stahl 9 mm breit . Mit viel Schwierigkeiten konnte erst im August unter Zuhilfenahme von Lockbrot und Fernglas die Nummer darauf entziffert werden. Es ist die AA0003391.
Von der Beringungszentrale Hiddensee in Neuenkirchen war zu erfahren, daß die Beringung von Paula am 8.3.1996 am Kulkwitzer See bei Leipzig erfolgte, 26 km vom Wiederfundort in Machern entfernt. Paula lebte damals im 2. Kalenderjahr. Sie war also im Mai 1995 geschlüpft, und zwar als Immutabilis-Variante, die nicht das übliche graue, sondern von Anfang an ein weißes Federkleid besaß. Gegenwärtig deuten bei der dreieinhalb Jährigen nur noch die helleren Füße auf die Genmutation im Pigmentbereich hin.

Weiteres über Macherner Schwäne:
1. http://home.uni-leipzig.de/mielke/schwaene/schwaene.htm
2. http://home.uni-leipzig.de/mielke/4tiere2/schwaene.htm
3. http://home.uni-leipzig.de/mielke/swan2000/swan2000.htm

Biber Zorro unsichtbar im Schwemmteich

Ein Biber sorgte Ende 1997/Anfang 1998 für besondere Aufregung in Machern. Tierschützer und Pflanzenschützer und Parkbeschützer führten in der Presse einen öffentlichen Biber-Für-und-Wider-Schlagabtausch. Auch Behörden wurden bemüht. Letztlich siegte der Naturschutz, der auch nützliche Empfehlungen gab. So sollten die umgelegten Bäume am Schwemmteich des Macherner Schloßparkes nicht gleich, wie gehabt, ordnungsliebend aufgeräumt werden. Denn das veranlaßt den Biber zu erneuter "Futtermaht". Eine "Zufälligkeit" brachte dann wieder Ruhe ins aufgeregte "Macherner Biberleben".
Der Biber hatte rund um den Schwemmteich mehr als 30 Bäumchen und Bäume auf seine Art beschädigt oder umgelegt, also sichtbare Spuren seines Daseins hinterlassen. Er war der unsichtbare Mitbewohner des Schwemmteiches: Biber Zorro. An der Weißen Brücke versuchte er, eine Wassersperre und, ein Stück davon entfernt, eine Burg unter Wasser zu bauen. Im Februar kam dann die genannte "Zufälligkeit" ins Spiel: fischereibedingt wurde das Wasser des Schwemmteiches abgelassen. Die Wiederanfüllung dauerte fast drei Monate. Seitdem war "Biberruhe in Machern", bis im August ein neuer Baumrindenfraß, allerdings sehr biberunnatürlich aussehend, gesichtet und wenig später der daneben stehende Baum und dann auch der schon rindenbeknabberte Baum bibergemäß gekippt wurden. Als im Oktober das Wasser des Schwemmteichs erneut fischereibedingt abgelassen wurde, entstand aus diesen beiden am Uferrand liegenden Bäumen ein Art Zeitzeugnis,

"ein Denkmal des unsichtbaren Bibers Zorro".
Der Biber Zorro als nachtaktives Tier soll allerdings später von Abendspaziergängern gesehen worden sein. Möglicherweise hat er sich nun im Gewässer zwischen Schwemmteich und Lehmgrubenteich westlich der Weißen Brücke festgesetzt.

Machern, 14.02.1999/ Prof.Dr.Heinz Mielke
Last updated: 05. 05. 2003