Schwanen-Geschichten eines Tierarztes aus Machern in Sachsen

Das Macherner Schwanenjahr 1997/98

Schwanenbrutzeit und Schwanentod

Leider kann 1997/98 nicht als das Große Schwanenjahr von Machern bezeichnet werden.Denn zu stark wird es überschattet vom tragischen Tod eines Elternschwans infolge von Feindtier- oder böswilliger Menscheneinwirkung, was nicht näher geklärt werden konnte.
Am 3. März 1997 fütterte der Autor dieses Berichtes zufällig das Schwanenpaar, das sich den Schwemmteich im Macherner Schloßpark als Revier für die bevorstehende Paarungs- und Brutzeit auserkoren und sich später durch hohe Fruchtbarkeit "berühmt" gemacht hat. Auch im Vorjahr war hier ein Schwanenpaar gewesen. Vielleicht sogar dasselbe. Junge Schwänchen wurden aber von ihm nicht aufgezogen.
Von der 97er Paarungs- und Brutzeit dieses Paares gibt es leider keine Bilder. Nach den etwa 35 Tagen Brutzeit schlüpften dann um den 13. Mai herum die Jungen.Während der Brutzeit war das Schwanenweibchen allein für das Bebrüten und die Pflege des Geleges auf dem Nest im Schilfgürtel am Rande der alten Uferweiden verantwortlich, während das Schwanenmännchen fleißig patrouillierte und das Brutrevier beschützte. Im dichten Schilf, ausreichend weit vom Ufer entfernt, war der Neststandort 1997 besser gewählt worden als im Vorjahr in der Nähe des Uferweges bei der Gothischen Brücke.
Als am 14. Mai die Schwanen-Großfamilie "stolz und glücklich" auf dem Schwemmteich hinaus glitt und sich der Öffentlichkeit zeigte, da schickte der Autor dieses Berichtes am späten Nachmittag einen Fax an die Redaktion der Muldentalzeitung in Wurzen mit der Bitte, über folgendes zu berichten. "Gleichzeitig mit der Rückkehr der Eltern des in Machern dauergepflegten Storchenlieblings "Max" auf ihr letztjähriges Nest ist auch das langersehnte 'Macherner Biowunder' eingetreten. Denn nun führt das Schwanenpaar auf dem Schwemmteich stolz seine gerade geschlüpften 6 Schwänchen aus. Wie herrlich und imposant werden die wachsenden kleinen künftig über das Wasser gleiten und kostenlos zu bewundern sein."
Nicht 6 Schwänchen waren es am nächsten Tag, sondern sogar 7, als sie der Pressefotograf Andreas Röse, in der Mittagssonne aufnahm. Allerdings fehlte da schon einer der beiden Altschwäne. Was die 6 bzw. 7 Schwänchen betrifft, so hatte sich vielleicht eines bei dem am 14. Mai beobachteten "Familienausflug" unter den Flügeldecken des Schwanenvaters versteckt gehalten. Schwache und ermüdete Schwanenkinder nutzen instinktiv diesen meistens dem Vater zustehenden Hilfstransportdienst während ihrer "frühen Kinderstube". Leider war in den ersten Lebenswochen eines der sieben Schwänchen in Verlust geraten. Ursachen und Gründe blieben unbekannt.

Schwanenaufzucht

Vom 15. Mai an begann für den übriggebliebenen Altschwan eine schwere und verantwortungsvolle Zeit als alleinerziehender kinderreicher Elternteil. Ob nun die Schwanenmutter oder der Schwanenvater übriggeblieben war, das kann nicht benannt werden. Denn männliche und weibliche Höckerschwäne sehen sich zum Verwechseln ähnlich. Sind beide eng zusammen, dann sieht man vielleicht, daß das Männchen meistens größer und stärker gebaut ist. Besonders in der Balz- bw. Paarungszeit ist der schwarze Höcker über seinem orangefarbenen Schnabel größer als der des Weibchen. Man könnte noch fragen, ob ein Schwanenvater biologisch überhaupt den anstrengenden Belastungen der alleinigen Aufzucht seiner Jungen gewachsen ist. Das muß bejaht werden. Denn aus Hamburg wurde 1931 bekannt, daß ein Schwanenvater nach dem Tode der Partnerin seine noch sehr jungen Schwänchen erfolgreich, bis sie flügge waren, allein aufgezogen hat.
Die Aufzuchtbesonderheit in der Macherner Schwanenkinderstube verlief in den folgenden Wochen und Monaten ohne erkennbare Probleme, wenn man von dem schon erwähnten frühen Verlust eines der Kleinen absieht. Die Schwänchen entwickelten sich prächtig und wuchsen zu kräftigen flugfähigen Jungschwänen heran. 5 Monate lang war es für die Parkbesucher stets eine Augenweide, die an Masse ständig größer werdende siebenköpfige Schwanenflottille imposant und majestätisch über den Macherner Schwemmteich gleiten zu sehen. Manch einer von ihnen dachte dabei an Tschaikowskis "Schwanensee-Ballett" , 1997 im Leipziger Opernhaus 14 mal aufgeführt, wo dort in der Kunst und hier in der Natur viel Anmut, Eleganz und Schönheit vereint sind. Oder man dachte auch beim Anblick der noch ganz jungen, grauen Schwänchen an das Märchen von Andersen "Das häßliche junge Entlein" oder an die starke Geschwisterliebe im Märchen der Gebrüder Grimm "Die sechs Schwäne" oder gar an die Wagner Oper mit Lohengrins Gesang "Mein lieber Schwan..."

Schwan Immutabilis

"Mein lieber Schwan!" kann man in Sinne der landläufigen Ausdrucksweise für Phänomenales auch zu der in Machern unter den Jungschwänen aufgetretenen Immutabilis-Mutation sagen. Vom ersten Lebenstag an trug eines der Dunenchwäne ein völlig weißes Federkleid im Gegensatz zu dem grauen seiner Geschwister. Sein Schnabel war gelb, seine Läufe fleischfarben, die der Geschwister bleigrau. Nennen wir ihn Schwan Immutabilis. Es handelt sich bei dieser Erscheinung um eine unter halbwilden und wilden Schwänen vorkommende Gen-Mutation, die nach Heyde und Erdmann (ACTITIS 30/1994) im ehemaligen Bezirk Leipzig bei 28% der fast 1000 beobachteten Schwäne gefunden wurde. Sie hängt mit einer Erbgutänderung zusammen, die im Fehlen des Eumelanin-Gens besteht. Eumelanin, ein Pigment, ist normalerweise bei Dunen- und Jungschwänen vorhanden und bewirkt die dunkle Färbung der Dunen und Federn. Mit fortschreitendem Alter verlieren Jungschwäne mehr und mehr ihre grauen Kleinfedern. Es wachsen neue, weiße nach, so daß die Tiere im 2. und 3. Lebensjahr nur noch am Kopf und Hals sowie an den Flügeldecken graubraun sind. Nach der zweiten Vollmauser sehen sie schneeweiß aus. Das Weiß der Befiederung rührt nicht von einem weißen Pigment her, sondern von Lufteinlagerungen in den Dunen und Federn, die durch Lichtbrechung das Weiß erzeugen.
Immutabilis bedeutet "unveränderlich", Mutation "Veränderung" und Immutabilis-Mutation demnach "unveränderliche Veränderung". Ein derartiger Schwan trägt vom ersten Lebenstag an bis ins Alter hinein das in der Farbe unveränderbare weiße Federkleid. Diese weiße Mutante ist meistens weiblichen Geschlechts, da sie auf ein rezessives Gen im X-Chromosom zurückzuführen ist. Ob sie auch besondere Verhalteneigenschaften besitzt, ist fraglich. Allerdings exponierte sich Macherns Schwan Immutabilis auf den hier beigefügten Bildern vom Schwemmteich mal als "energischer Flügeladjutant" im Alter von 1 1/2 Monaten neben der Geschwisterreihe, mal hinter ihr als "sichernde Nachhut" im Alter von 3 Monaten oder als "Abwartender bei Angriffen" im Alter von 4 Monaten. Im Alter ab 5 Monate trug er bei nur flüchtig auf die "Schwanenflottille schauenden Parkbesuchern mit zu dem Blendeindruck bei, als seien zwei Altschwäne mit ihren fünf Jungen auf dem Teich unterwegs.

Schwanenüberwinterung

Ab Oktober stagniert das Wachstum der Wasserpflanzen mehr und mehr. Bis zu dieser Zeit müssen sich daher junge Schwäne die für die Überwinterung sehr wichtigen körpereigenen Energiereserven angefuttert haben. Das klappte bei der Macherner Schwanenfamilie wohl ganz gut, und zwar ausnahmslos vom Wasser her, einschließlich der unmittelbar am Ufer stehenden Grünpflanzen und des Zubrots von tierliebenden Menschen. Die älterwerdenden Jungschwäne gründelten oft . Wenn ihr etwa 1 m langer Kopf-Hals-Teil mit den 22 bis 25 Halswirbeln (Gänse haben nur 17-18) nicht den Grund erreichte, dann stellten sie sich nach Entenart so, daß nur der Schwanzteil aus dem Wasser herausragte. Damit gewannen sie noch einmal 20 bis 30 cm an Gründeltiefe.
Die beiden großen Teiche von Machern, der Schwemmteich und der Mühlteich, sind wegen der in Ufernähe ungünstigen winterlichen Nahrungsquellen (keine Rapsfelder oder andere Wintersaaten) nur wenig als Überwinterungsplätze für Schwäne geeignet. Instinktiv erfaßte diese Situation wohl auch die Macherner Schwanenfamilie. Die Jungschwäne hatten im Oktober mit fünf Monaten ihre Flugfähigkeit erreicht. Wenige Tage vor ihrem Abflug konnte die Familie noch einmal im Bild festgehalten werden: Am Uferrand positionierten sie sich zum "Lebe-Wohl-Sagen", in der Mitte mit Immutabilis. Ihre "Ziehmutter", der Altschwan, defilierte immer achtsam hinter ihnen. Die Jungschwäne übten das Fliegen nicht sehr lange. Mitte Oktober schwangen sie sich zu einem gemeinsamen Teichrundflug in die Luft, landeten wieder bei ihrer "Ziehmutter", und ohne langes Besinnen ging es wieder in die Luft, nun aber mit der "Ziehmutter" gemeinsam auf Nimmerwiedersehen. Wohin sie geflogen sind und welches Überwinterungsgewässer sie wählten, wird wohl weiter verborgen bleiben.
Auf Teichen in der Nähe von Machern, wie auf dem Kohlenbergteich bei Brandis, auf den Bahnteichen bei Borsdorf oder auf dem Albrechtshainer See bei Beucha wurden sie als markante Großfamilien- bzw. Geschwistergruppe nicht entdeckt. Diese Gewässer werden als Überwinterungsplätze von Schwänen genutzt . So waren in diesem Winter auf dem Kohlenbergteich mehr als 20 Schwäne versammelt. Und im 98er frühjahrswarmen Januar wurde dort auch schon besonders heftig gebalzt. Aus Beringungsuntersuchungen geht hervor, daß 1980 ein Schwanenpaar auf den Macher Teichen bei Brandis lebte und dann von 1983 bis 1985 auf den Teichen von Trossin im damaligen Kreis Torgau beim Brüten gesichtet wurde.

Schwan HansHeinrich

Die Freiwillige Feuerwehr Machern hatte 1997 zweimal ihre Kräfte in Sachen Macherner Schwäne einzusetzen. Das erste Mal war es am 11. Juli, als der tote, schon in Verwesung übergegangene Altschwan aus dem Schilfgürtelbereiches des Schwemmteiches zu ziehen war, und das zweite Mal am 17. Dezember, als der Schwan HansHeinrich auf der dünnen Eisdecke des Macherner Mühlteiches Hilfe vor dem Festfrieren benötigte. Damals herrschten minus 14° C. Der Schwan HansHeinrich ist dort seit vier Jahren "Dauerbewohner". Infolge eines Schadens am rechten Flügel kann er nicht mehr fliegen, ein Schicksal, wie es früher bei den Schloß- und Parkschwänen bewußt erzeugt worden war. An den kalten Wintertagen sind solche Tiere voll auf die Hilfe des Menschen angewiesen, die ihnen Futter und eisfreien Aufenthalt gewähren. In diesem Winter ist HansHeinrich wie im Vorjahr wieder im Macherner Lanz-Bulldog-Hof bei Familie Sack untergekommen. Dort rufen sie ihn Hansi. Im Sommer aber auf dem Mühlteich ist er für die dortigen Anwohner der liebe Heinrich. Also wurde hier würdevoll ein Schwan HansHeinrich darausgemacht.

Neues Schwanenpaar

Bereits im November , also zwei bis drei Wochen nach dem Abflug der siebenköpfigen Schwanenfamilie mit Immutabilis, war ein neues Schwanenpaar auf dem Schwemmteich gesichtet worden. Einige vertraten die Ansicht, daß das Oberhaupt der fortgeflogenen Familie, der Altschwan, mit einem neuen Partner zurückgekehrt ist. Andere meinten, es handelt sich um ein völlig neues Paar aus der näheren Umgebung, das das freigewordene Revier inspizierte, immer mal wieder verschwand, dann aber im Januar 1998 bei dem ungewöhnlich warmen Wetter beständiger blieb. Der erneute starke Kälteeinbruch Ende Januar brachte den Macherner Kindern echte Winterfreuden und ließ auch den gleich neben dem Schloß liegenden Schwemmteich zufrieren. Dadurch war es möglich, im Schilfgürtelbereich das alte Schwanennest zu fotografieren. Allerdings war auch das neue Schwanenpaar wieder zu besseren Plätzen fortgeflogen. Am 14.Februar kehrte es zurück. Den Schwemmteich bedeckte zu dieser Zeit in der Mitte noch eine schwache Eisschicht. Doch das Paar fühlte sich wohl und umkreiste ihn im Wasser entlang der eisfreien Uferzone. Bald schon zeigte es auch Anzeichen eines Balzverhaltens, das besonders bei dem etwas größerem Männchen durch die stolze Federpreizung zum Ausdruck kam.
Leider währte die sich abzeichnende Hoffnung auf ein neues erfolgreiches Macherner Schwanenjahr 1998/99 nur bis zum 25. Februar. Da war das Schwanenpaar letztmalig auf der immer kleiner werdenden Wasserfläche des Schwemmteiches zu sehen. Der Schwemmteich wurde zum Abfischen und Umsetzen der zweijährigen Karpfensetzlinge vom Pachtbetrieb, von der Teichwirtschaft Machern/Sachsen, abgelassen. Dazu genügten für die 5,4 ha große Teichfläche eine Woche. Seine Anfüllung aber wird mehr als acht Wochen dauern, so daß an eine erfolgreiche Brut des vielleicht wieder zurückkehrenden neuen Schwanenpaares kaum zu glauben ist. So währte das beobachtete Macherner Schwanenjahr 1997/98 vom 8. März 1997 bis zum 25. Februar 1998.


Weiteres über Macherner Schwäne unter:
1. http://home.uni-leipzig.de/mielke/wildtier/wildtier.htm
2. http://home.uni-leipzig.de/mielke/4tiere2/schwaene.htm
3. http://home.uni-leipzig.de/mielke/swan2000/swan2000.htm
4. http://home.uni-leipzig.de/mielke/swan2003/swan2003.htm


Die Bilder mit Unterschriften von "Schwanenbrutzeit und Schwanentod", " Schwaneaufzucht", "Schwan Immutabilis" und "Schwanenüberwinterung"

Die Bilder mit Unterschriften von "Schwan HansHeinrich" und "Neues Schwanenpaar"



Links auf andere Schwanenseiten



Machern, 10. 03.1998/ Prof. Dr. Heinz Mielke
Last updatet: 05. 05. 2003