Die Schnetgers als bürgerliche Rittergutsbesitzer 
in Machern

140 Jahre in vier Generationen erfolgreich als Landwirte tätig

Es war 1806, als der aus Westfalen stammende und zuletzt in Leipzig als Kaufmann tätige Gottfried Schnetger nach Machern und Zeititz kam, um dort in die Großlandwirtschaft einzusteigen und später auf seinen Fluren in Zeititz sogar Kohle zu gewinnen. Er hatte Schloss Machern und die Rittergüter Machern und Zeititz von Freifrau von Wylich, geb. Stollberg-Wernigerode gekauft, die sie 1802 von Carl Graf von Lindenau erworben hatte. Danach betrieben die Schnetger hier in 4 Generationenn bis 1945 eine sehr erfolgreiche Landwirtschaft. Es waren dies die Ehepaare:

 1. Gottfried Wilhelm Schnetger (1770-1861) und Henriette Charlotte geb. Hansen (1771-1830),

 2. Wilhelm Eduard Schnetger (1799-1873) und Agnes geb. Hennig (1803-1888),

 3. Wilhelm Eduard Heinrich Schnetger (1825-1903) und Leopoldine geb. Kabitzsch (1832-1902),

 4. Paul Theodor Schnetger (1859-1952) und Hildegard geb. von Buxhövden (1872-1944).

 Über das Leben von Gottfried Schnetger gibt ein von ihm verfaßter Lebenslauf Auskunft. Es ist eine aus dem Gedächtnis heraus im Dezember 1847 aufgeschriebene Vita, an deren Anfang er seine Lebensphilosophie kund tut:

"Mein lieber Sohn! Die Lebensgeschichte eines Menschen hat immer etwas Interessantes auch wohl Belehrendes, selbst dann, wenn der selbe uns auch nicht nahe steht. Destomehr wird es dich hoffentlich erfreuen, wenn Du den ganzen Lebenslauf Deines Vaters erfährst, den ich Dir hiermit überreiche. Dabei muß ich bedauern, daß ich nie ein Tagebuch gehalten, - was ich Jedem empfehle - und alles aus dem Gedächtnis entnommen habe, was in meiner 77jährigen Laufbahn vorgefallen. ... Treu geleistete Dienste meinen Vorgesetzten, strenge Rechtlichkeit,Thätigkeit und Häuslichkeit sowie eifriges Bestreben nach Selbstbildung durch Umgang mit älteren, erfahrenen, gebildeten Männern und guten Büchern, haben dazu beigetragen. Unterricht in höhern Wissenschaften ist mir nicht zu Theil geworden. Die wenigen Kenntnisse, die ich besitze, habe ich mir durch Fleiß selbst erworben. Auch jetzt in meinem hohen Alter setze ich meinen Selbstunterricht fort und ergreife jede Gelegenheit, die sich mir darbietet, noch zu lernen. Vielleicht würde dies nicht der Fall sein, wenn ich wohlhabende Eltern und von diesen eine Erbschaft zu erwarten gehabt hätte. Möge doch dieses meinen Enkeln als Beispiel dienen und sie beherzigen, daß das, was man sich selbst erwirbt, sei es Kenntniß oder Vermögen, immer Segen und gute Früchte bringt und angenehme Erinnerungen, zeitlebens, erweckt."

Gottfried Schnetger hatte seine Schwiergertochter Agnes, die Frau von seinem Sohn Wilhelm, wahrscheinlich besonders ins Herz geschlossen. Bescherte sie ihm doch 1825 den Enkel Eduard. Wie anders wäre es  zuverstehen, dass der am Nordufer des Macherner Schwemmteiches von  Schnetger errichtete Pavillon  den Namen "Agnes Tempel" erhielt, den er noch heute trägt, und  er den auf den Zeititzer Ländereien 1840 ins Leben gerufenen Untertageabbau von Braunkohle mit "Grube Agnes" benannte. Letztere Namensgebung könnte aber auch mit der Geburt von Agnes Victoria am 15. 9. 1840 im Zusammenhang stehen,  dem 11. Kind seines Sohnes Wilhelm. Sie verstarb später als verheiratete Demiani in Seelingstädt bei Trebsen, worauf  an der dortigen Kirche eine Totengedenktafel aus Marmor hinweist. Die "Grube Agnes" existierte 68 Jahre. In dieser Zeit florierte auch Schnetgers berühmt gewordene Schafzucht, der Eisenbahnbau in Machern war abgeschlossen, man feierte mit vielen Zugereisten 100 Jahre Kartoffelanbau, und der Obstbau entwickelte sich rasant. Erst mit 88 Jahren übergab Gottfried Schnetger seinem Sohn Wilhelm die Leitungsverantwortung für seine beiden Rittergüter Machern und Zeititz.
Beyreuther erinnert 1938 in seinem Buch "Machern im Wandel der Zeit" an den Kirchenpatron Wilhelm Schnetger, der 1865 die gesprungene kleine Kirchenglocke auf seine Kosten umgießen und etwas vergrößern ließ. Diese Glocke erhielt von den dankbaren Einwohnern Macherns den Namen "Agnes-Glocke", den Namen der Gattin des Kirchenpatrons.

Als dieser 1873 starb, übernahm sein Sohn Eduard Schnetger den Besitz. Zuvor hatte dieser als Pächter das Mühlbacher Rittergut 17 Jahre verwaltet und bewirtschaftet, das sein Schwiegervater Friedrich Wilhelm Kabitzsch, ein Mühlenbesitzer aus Großzschocher, 1856 gekauft hatte. Eduard Schnetger und seine Frau Leopoldine  stifteten als damalige Patronatsherrschaft  der Macherner Kirche 1898 das große farbige Altarbildfenster. Es stellt Christus mit Kelch und Hostie dar.  1891verkaufte  Eduard Schnetger das Rittergut Zeititz an den Kammerherrn Wolf von Arnim.

Nach seinem Tod lenkte und leitete sein in Mühlbach  geborener Sohn Paul Schnetger, Urenkel von Gottfried Schnetger, das Rittergut Machern von 1903 bis ins hohe Alter von 86 Jahren, bis er 1945 durch die Geschehnisse nach dem 2. Weltkrieg enteignet wurde und das Rittergut unter die Bodenreform fiel und das Schloss Gemeindeeigentum wurde. Er verstarb 1952 im Alter von 93 Jahren im Altersheim Streitwald bei Frohburg.
1906 zum 100jährigen Jubiläum des Schnetger-Besitzes an Schloss und Rittergut Machern schenkte Paul Schnetger der Macherner Kirche  eine neue Wetterfahne, darauf diese Jahreszahl und ein Salpinx blasender Triton (oder ein Posaune blasender Engel mit Fischleib). Diese Wetterfahne wurde 1998 von Seiten der Kirche durch eine neue ersetzt, die nun die Zeitaufschrift 1753-1998 trägt und damit  an den Umbaujahr des Kirchturmes von 1753 in seine heutige barocke Gestalt durch Heinrich von Lindenau, dem damaligen Patronatsherrn und Rittergutsbesitzer, erinnert.


Die Wetterfahne des Macherner Kirchturmes von 1906 bis 1998:
ein Geschenk von Paul Schnetger

Paul Schnetger und seine Frau Hildegard hatten drei Kinder:
Tochter Agnes (1891-1944) war mit Rudolf von Schönberg verheiratet. Sie lebten auf Schloss Purschenstein in Neuhausen (Erzgebirge) und hatten zwei Töchter. Christa verstarb im Alter von 74 Jahren unverheiratet 1998 im Diakonissenhaus Borsdorf. Sybille ist verwitwet und trägt den Namen Kötz. Ihr Sohn ist verstorben.
Sohn Gottfried (1892-1967) heiratete Ella Bueb. Sie hatten drei Söhne: Horst, Dietrich und Jochen. Gottfried lebte als Landwirt bis Anfang der zwanziger Jahre mit seiner Familie im Kavalierhaus in Machern, dann auf einem Gut in Mecklenburg und nach 1945 auf einem Bauerhof in der Pfalz. Im 1. Weltkrieg war er ein hochdekorierter Flugzeugführer und im 2. Flugplatzkommandant in Bremerhaven. Ihr  Sohn Horst fiel 1944 im Alter von 23 Jahren. Der 1926 geborene Dietrich ist verheiratet und Landwirt, jetzt im Ruhestand. Er hat 2 Kinder und 5 Enkel. Der 1937 geborene Jochen ist verheiratet und hat keine Kinder. Er ist promovierter Chemiker,  jetzt pensionierter Hochschullehrer, der aber  noch weiter  Lehrtätigkeiten im Fach Kautschuktechnologie an der Fachhochshule Würzburg wahrnimmt. 1991 gab er das 846 Seiten umfassende Lexikon der Kautschuk-Technik heraus.
Der 1894 geborenen Sohn Alexander hatte frühzeitig ein Augenlicht verloren. Später nach 1930 war er für seinen Vater Paul Schnetger wegen gewisser Unredlichkeiten nicht mehr existent.   



Der Macherner Rittergutsbesitzer Paul Schnetger (3. v.r.) und seine Frau Hildegard (3. v.l.) zusammen mit ihren Kindern und Schwiegerkindern: Tochter Agnes mit Mann (2. u. 1. l.), Sohn Gottfried (u. r.) mit Frau (2. v. r.) und Sohn Alexander (u. l.) mit Frau (1. v. r.) in Festkleidung im weißen Saal des Schlosses 1929.


Bei Paul Schnetger in Diensten: Macherner Rittergutsarbeiter in Sonntagskleidung mit einem geschmückten Ochsenwagen vor einem Erntedank-Festumzug 1933.
(Der Junge im weißen Hemd  ist Kurt Hennemann, im August 2000 wurde er 80 Jahre.)


Das Wappen der Familie Schnetger

Als am 22. April 1906 die Familie Schnetger das 100jährige Jubiläum ihres Macherner Ritterguts- und Schloss-Besitzes feierte, da wurde von ihr im Englischen Dreieck des Schlossparkes feierlich ein Gedenkstein mit einer Gedenktafel in Würdigung dieses Ereignisses enthüllt.

Der Gedenkstein vor einer Eibe und die neue Gedenktafel.

Die  Gedenktafel verschwandt nach 1945 unbekannterweise. 1991 wurde sie von Professor Dr. Jochen Schnetger erneuert. Er ist ein Enkel des letzten Macherner Rittergutsbesitzers Paul Schnetger, der 1906 den Gedenkstein setzen ließ. Im oberen Teil der Gedenktafel befindet sich in Kleinformat das Familienwappen der Schnetgers mit Schiff, Pflug und Schwan.

In der Herrschaftskapelle der Macherner Kirche gibt es zwei Buntglasfenster: eins mit dem Konterfei von Gottfried Schnetger, dem ersten Schnetger in Machern, und eins mit
dem  Wappen der Schnetgers. Man kann sie von außen an der Südseite nur andeutungsweise erkennen. Einen schönen farbigen Anblick ergibt ihre Betrachtung von innen:

Diese beiden Buntglasfenster und zwei weitere große, heute nicht mehr aus Buntglas existente Fenster  hatte  Hildegard Schnetger 1806 ihrem Gatten zum 100jährigen Schnetger-Besitz in Machern  für die Kirche geschenkt. Kürzlich stellte Jochen Schnetger ein farbiges Wappenbild der Familie Schnetger zur Verfügung, das sich auf einem Zierteller befindet und dem Wappen in der Kirche entspricht. Zusammen mit einer gekürzten Form des Gedichtes, das "des Wappens tiefen inhaltsreichen Sinn klarlegt", wird es nachfolgend wiedergegeben .


Das Wappen der Familie Schnetger.
Die drei Kinder von Paul Schnetger und seiner Frau Hildegard, die Agnes (15), der Gottfried (14) und der Alexander (11), trugen anlässlich der Jubiläumsfeier 1906 ein in Versform verfasstes theatralisches Wappen-Gedicht ihres Cousins Herbert Koch vor, der später als Geschichtsprofessor an der Universität Jena lehrte:
 

Herbert Koch kam im Kostüm der Zeit des Jahres 1806:

"Ich stamm' aus Machern. Lindenaus Getreuer
hab ich den Untergang des Stamm's gesehn,
gesehen mit erneutem Jugendfeuer
den Bürgerstamm auf morschen Grund erstehn.
Doch edles Blut und kräft'ges, zähes Wollen
entrang mit Kraft das Gut den brachen Schollen.

 Ein neuer Stamm zog in die alten Mauern
ein neuer Geist auch mit dem neuen Stamm.
Gerechtigkeit und Güte ward den Bauern
zu teil. Durch kräft'ges Schaffen, arbeitsam
erblühten Äcker, Fluren, Felder, Wiesen,
erstand die Ordnung, fröhlich zu genießen.

 Ei, was ist das für ein Wappen?

 Ein Schiff? Ein Pflug? Ein Schwan?
Was soll das Schiff? Woher? Wozu? Wohin?"


Agnes kan als Matrose gekleidet mit einem Ruder und einem Schiffstau mit Anker:

"Ein Schiff im Wellenschlage
seiner Zeit ist jeder Mensch.

 In dem Wappen ist ein Schiff.
Selbst auch will es dran erinnern,
was wir unseren Schiffen danken,
Handel und Verkehr erschließen
sie uns mit den anderen Welten.

 Wollen, wie das Schiff im Meere,
wirken, schaffen ohne Ruh:
Fleiß und Arbeit bringt uns Ehre,
Redlichkeit schafft süße Ruh!"


Gottfried kam als Landmann gekleidet mit Hacke und Spaten:

,,Mit der Mähre, mit der Kuh
acker ich die harte Erde,
daß sie früchtespendend werde.
Bis die volle Frucht der Ähre
sich beschwert zu Boden neigte.
Wenn ich an des Pfluges Griffen
wandle durch das öde Feld,
denk ich stets, wie Alles ähnlich,
Alles gleich in dieser Welt.
Sorgen haben alle Menschen,
aber haben sie nicht Freuden.
Dies denk' ich, treib ich die Mähre
auf dem Acker, und die Kuh:
Fleiß bringt Fröhlichkeit und Ehre,
Redlichkeit schafft süße Ruh!"


Alexander kam als Fischer gekleidet mit Netz:

"Wie ein höheres Wesen ehrte
man den Schwan in alter Zeit,
und warum? Man gab ihm immer
einen Schimmer Heiligkeit.
Denn es strahlt in herem Weiße
unschuldsvoll und rein sein Kleid,
so nahm man den Schwan als Zeichen,
als Symbol der Frömmigkeit.
Frömmigkeit und edles Wollen,
Redlichkeit und grader Sinn,
Offenheit und reines Denken,
alles, was uns edel schien,
faßte man im Schwan zusammen.

 Laßt uns dann auch so im Wappen
unsren Schwan ein Zeichen sein,
daß die Träger ohne Scheelsucht,
daß von Neid und Falsch sie rein."

Herbert Koch noch einmal:

"Laßt mich noch die äußern Kleinigkeiten
und Verzierungen Euch eilig deuten.
Anker und Merkurstab brauchen keine
lange Deutung. Doch das Löwenpaar
will ich Euch erklären: Das Gemeine,
alles, was nicht Edel, was nicht wahr,
halten sie vom Wappen trotzig ferne,
glänzen soll es wie die Himmelssterne."


Die Grabstätten der vier Rittergutsbesitzer Schnetger auf dem Macherner Friedhof.


Die Grabstätten von: Paul und Frau,  Eduard und Frau,  Gottfried und Frau,  Wilhelm und Frau.
(v. l. n. r.). 2005 erhielt der Grabstein von Gottfried und Frau eine Schriftplatte.


Machern, 26. 12. 2000/ Prof. Dr. Heinz Mielke
Last updated:10. 01. 2004,  30. 10. 2006 und  19. 01. 2009